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Schokolade

Kolumbus ging zwar über Leichen, aber er hat Schokolade nach Europa gebracht

Unser Autor findet, dass es an Columbus Day nichts zu feiern gibt, schließlich sind der Kolonialisierung ganze Kulturen zum Opfer gefallen. Aber Moment, wenigstens eine Sache hat Kolumbus richtig gemacht: Er hat Schokolade nach Europa gebracht.

von Luke Pyenson
15 Oktober 2014, 7:50am

Photo via Flickr user patrizia_ferri

Da Kolumbus—der im Namen der spanischen Krone auf Entdeckungsreise ging—aus der italienischen Küstenstadt Genua stammte, ist es wenig überraschend, dass in seiner Heimat an ihn erinnert wird, und zwar am sogenannten Giornata Nazionale di Cristoforo Colombo. Doch im Gegensatz zu den USA, wo sich der Columbus Day von Jahr zu Jahr etwas verschiebt, fällt der Feiertag in Italien jedes Jahr auf den 12. Oktober, also auf den Tag, an dem der alte Weltenbummler die Neue Welt entdeckt haben soll.

In der Stadt Modica im Südosten Siziliens wurde der diesjährige Ehrentag für Signor Colombo mit einem äußerst schokoladenlastigen Programm begangen. Das ist durchaus angebracht, denn Modica blickt auf eine spannende Schoko-Geschichte zurück. Im 16. Jahrhundert fiel die Stadt unter spanische Herrschaft, was auch viele Konquistadoren nach Modica spülte, die mit so einigen Gütern im Gepäck aus der Neuen Welt zurückkehrten, unter anderem mit—Trommelwirbel—Schokolade. Im Gegenzug haben die Europäer aber auch etwas dagelassen. Die Rede ist von Pocken, Typhus und der Grippe.

Seit jenen Tagen wird in Modica Schokolade nach altem Azteken-Rezept hergestellt. Das erklärt auch, warum cioccolato di Modica mit derselben Textur und denselben warmen Gewürzen lockt, wie du sie auch bei einer Kostprobe irgendwo auf einem Markt in Oaxaca antreffen würdest. Schokolade aus Modica schmeckt traditionell nach Zimt, Vanille und peperoncino. Daneben gibt es auch Kreationen mit ganz anderen Geschmacksrichtungen, z.B. mit Anis oder Johannisbrot. Aufgrund der verhältnismäßig „kalten" Herstellungsweise behalten die Zuckermoleküle bei dieser Schokoladenart ihre Kristallstruktur, was ihre spezielle Konsistenz erklärt.

In einem New York Times-Artikel aus dem Jahr 1999 über die Schokoladenkultur in Modica wurden ein paar besonders ausgefallene Rezepte vorgestellt, darunter 'mpanatigghi, eine Art Teigtasche, gefüllt mit Rinderhack, Schokolade und Gewürzen; liccumie, das 'mpanatigghi sehr nahe kommt, nur dass bei der Zubereitung anstelle von Fleisch auf Aubergine vertraut wird; sowie u lebbru 'nciucculattatu, ein mit Schokolade gekochtes Kaninchengericht. Eine ähnliche Spezialität findet sich noch heute in der Toskana: Bei lepre in dolce e forte wird Kaninchen auf einer süßsauren Sauce aus Schokolade, Essig, Gewürzen und Pinienkernen serviert.

Dass Kolumbus' Entdeckungsreisen indirekt Schokolade nach Sizilien, und damit auch nach Europa, gebracht haben, lässt mich den Columbus Day ein bisschen weniger hassen. Und wenn wir über den (schokoladenverschmierten) Tellerrand hinausschauen, stellen wir fest, dass nicht nur Sizilien von der Entdeckung der Neuen Welt profitiert hat: Fast im selben Atemzug sollten so wichtige Leckereien wie tiramisù (aus Venetien) und Nutella (aus dem Piemont) genannt werden.

Es ist schon eine Ironie der Geschichte: Ein Großteil der indigenen Kulturen in Mittelamerika—darunter auch viele Sprachen—ist der Kolonialisierung zum Opfer gefallen. Schokolade hingegen wird dort in vielen Ecken noch immer so hergestellt wie vor der Ankunft Kolumbus'. Irgendwie schön zu wissen, dass die brutalen Konquistadoren nicht alles bezwingen konnten.

Oberes Foto: patrizia_ferri | Flickr | CC BY 2.0

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