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Fleischeslust

Kannibalismus ist weiter verbreitet, als du denkst

Das erzählt uns zumindest jemand, der es wissen muss.

von Lauren Oyler
06 Februar 2017, 12:24pm

Wenn wir über Kannibalismus nachdenken, dann assoziieren wir damit immer Verzweiflung und ausweglose Situationen. Du wirst im Zweiten Weltkrieg von Nazis eingekesselt und bei eisigen Temperaturen gehen die Essens- und Kraftstoffvorräte zur Neige. Oder du bist ohne Lebensmittel und Wasser in einer abgeschiedenen Gegend gestrandet und dein einziger Weggefährte ist schon tot. In Cannibalism: A Perfectly Natural History, dem neuen Buch des Zoologen Bill Schutt, heißt es jedoch, dass Kannibalismus überraschend geläufig ist und viel mehr dahintersteckt als "nur" Hunger oder Verbrechen.

Laut Schutt liegt unser Verständnis von Kannibalismus irgendwo zwischen "sensationalistischem Scheiß" und akademischen Studien. Um unseren Horizont zu erweitern, hat sich der Zoologe mit der Tierwelt beschäftigt und die Forschungsergebnisse auf menschliche Kannibalismusfälle sowie westliche Tabus übertragen. Egal ob nun chinesische Kinder, die "älteren Menschen ihre eigenen Körperteile zum Verzehr anboten", oder Mütter, die ihre Plazenta zu einem erfrischenden Smoothie verarbeiten, Schutts vielfältige Beispiele schaffen es, Kannibalismus ein bisschen greifbarer zu machen. Wir haben uns mit dem Zoologen über seine Forschung und die Zukunft des Menschenessens unterhalten.

Foto: Jerry Ruotolo, bereitgestellt von Algonquin Books

VICE: Was hat dich während deiner Nachforschungen am meisten überrascht?
Bill Schutt: Ich war richtig baff, als ich herausfand, wie weit verbreitet Kannibalismus im Tierreich ist. Bei manchen Tiergruppen wie Fischen, Insekten oder Spinnen kann man Kannibalismus fast schon als Norm bezeichnen. Bei menschlichem Kannibalismus war ich erstaunt, wie lange die Praxis in Europa als total normal galt – bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts.

Hast du dich auch mit aktuellen Kannibalismus-Praxen auseinandergesetzt?
Ja, mit der Plazentophagie. Ich ging eigentlich davon aus, dass man vor allem in Gegenden ohne westlichen Einfluss den Mutterkuchen verzehrt, aber in Wahrheit war das vor allem in diversen Hippie-Gruppierungen der 70er Jahre angesagt. Heutzutage gilt diese Praxis als Form der alternativen Medizin. Einige Leute denken, daraus einen medizinischen Nutzen ziehen zu können.


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Damit liegen sie aber falsch, oder?
Ein Placebo-Effekt lässt sich nicht abstreiten. Es heißt, dass man durch den Verzehr des Mutterkuchens die Hormonvorräte wieder auffüllt, die nach der Geburt leer sind. Das soll postnatalen Depressionen entgegenwirken. Beim Abkochen gehen diese Hormone jedoch verloren. Deswegen bereiten sich viele Mütter einen Plazenta-Smoothie zu.

"Kannibalismus ist in gewisser Weise eine normale Reaktion auf extreme äußere Umstände."

Du schreibst, dass westliche Siedler Kannibalismus dazu nutzten, um ihre Gräueltaten gegen die vermeintlich "verrohten" Ureinwohner der neuen Länder zu rechtfertigen. Wie hat sich dieses Stigma des Kannibalismus entwickelt?
Das Tabu begann schon mit Homers Odyssee, in der er und seine Gefährten von Polyphemus, einem menschenfressenden Zyklopen, ausgeraubt werden. Das Epos startete einen Schneeballeffekt, demzufolge das Verspeisen einer anderen Person das Schlimmste ist, was man machen kann. Daniel Dafoes Robinson Crusoe und die Brüder Grimm haben diesen Gedanken dann immer weiter gesponnen und im kollektiven Gedächtnis verankert.

Als sich diese westliche Vorstellung durchsetzte, wurde der Kannibalismus immer stärker verdrängt. Und weil Kannibalen quasi als unmenschlich galten, konnte man mit ihnen anstellen, was man wollte. Da ist der Rückgang dieser Praxis ja eine ganz natürliche Entwicklung.

Bin ich demnach eine Kolonialistin, wenn mich Kannibalismus anekelt?
Nein, du bist nur von der westlichen Kultur beeinflusst. Wir machen uns von vornherein gar keine Gedanken darüber, warum Tote in manchen anderen Kulturen verspeist und nicht vergraben werden. Es gab auch indigene Gruppen, die genauso geschockt davon waren, dass die Menschen bei uns nach dem Tod unter die Erde kommen.

Was genau ist "gelernter Kannibalismus"?
Das Gegenteil zur Reaktion in einer extrem stressigen Situation ohne Essen oder Ausweg. Beim gelernten Kannibalismus wird dir beigebracht, dass der Konsum einer verstorbenen Person es dieser Person ermöglicht, die Erde zu verlassen oder ihre Güte auf dich zu übertragen. Zusätzlich gibt es noch den kulinarischen Kannibalismus. Der betrifft vor allem die Herrscher, denen Menschenfleisch schmeckte.

Chinas Geschichte ist von Dynastien geprägt, die alles haargenau und unzensiert aufgezeichnet haben. Bei meinen Forschungen stieß ich auf viele Passagen, in denen davon geredet wird, die Geliebten zu verspeisen. Und während der Renaissance standen in Europa die Epileptiker bei Exekutionen Schlange, um das Blut der Leichen zu trinken. Sie glaubten nämlich, so ihre Epilepsie heilen zu können. Je brutaler ein Mensch ums Leben kam, desto höheren medizinischen Wert besaßen seine Körperteile.

"Weil Kannibalen quasi als unmenschlich galten, konnte man mit ihnen anstellen, was man wollte."

Blutwurst enthält ja viel Eisen. Das wäre auch bei menschlicher Blutwurst nicht anders. Hat Kannibalismus in irgendeiner Form Zukunftspotenzial?
Im Tierreich basiert Kannibalismus neben elterlicher Fürsorge und Paarungsverhalten auch auf Überbevölkerung und fehlenden Ernährungsalternativen. Wenn sich Menschen in extremen Situationen wiederfinden, kann es schnell ähnlich ablaufen. Berühmte Beispiele dafür wären die Donner Party, der Flugzeugabsturz in den Anden oder die eingekesselte Bevölkerung Leningrads während des Zweiten Weltkriegs. Das alles ist keine Science-Fiction. Kannibalismus ist in gewisser Weise eine normale Reaktion auf extreme äußere Umstände.

Das Verhungern hat einen bestimmten Ablauf und am Ende zieht man sicherlich auch Kannibalismus in Betracht. Kann es wieder dazu kommen? Absolut. Wäre das eine unschöne Angelegenheit? Ja, denn neben dem Verspeisen von Leichen gibt es auch noch Krankheiten, die mit Kannibalismus zusammenhängen – Rinderwahnsinn oder Kuru.

Ich wollte mein Buch nicht zu reißerisch gestalten. Als ich fast fertig war, fand ich kein wirkliches Happy End. Deswegen dachte ich über verschiedene Zukunftsszenarien nach, in denen es zu Kannibalismus kommen könnte. Wir müssen eine solche Entwicklung immer im Hinterkopf behalten.

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