Warum ich aushalte, dass mein Freund mit meiner besten Freundin schlafen will

Fast jeder zweite Deutsche hatte schon mal eine Affäre. Mein Freund und ich wissen von allem. Das ist hart. Und gut.

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Feb. 4 2017, 5:00am

Foto: imago | Westend61

"Viel Spaß, Baby", rufe ich meinem Freund hinterher, als er sich mit einem Kuss zu seinem Date verabschiedet. Er wird mit einer sehr heißen Frau etwas trinken gehen und dann mit ihr ins Bett. Das klingt nach Spaß, oder?

Vor drei Jahren wäre diese Szene für mich unmöglich gewesen. Bis dahin wusste ich noch sehr genau, wie sein Glück daherzukommen hatte: ausschließlich in meiner Gestalt. Wie man sich das eben so vorstellt, wenn man eine Beziehung eingeht: Ich, und nur ich, werde dich ab jetzt glücklich machen! Es hat etwas von einem gegenseitigen Eigentumsverhältnis.

Unseres war ein sehr angenehmes. Eine Vorzeige-Beziehung, sagten unsere Freunde, weil wir so liebevoll miteinander umgingen. Selbst wenn wir darüber stritten, wer abwäscht, waren wir so rücksichtsvoll, dass wir uns eher die Zungen abgehackt hätten, als den anderen zu verletzen. Bei den großen Fragen des Beziehungslebens (grünes Sofa oder graues, Meer oder Berge, von vorn oder von hinten?) redeten wir uns so lange nach dem Mund, bis keiner von uns mehr wusste, was er ursprünglich gewollt hatte.

Wir beschränkten uns permanent selbst, um alles für das Glück des anderen zu tun. Macht man das nicht so, wenn man jemanden liebt?


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Mein Freund hörte irgendwann damit auf, sich zu beschränken, und startete eine heimliche Affäre.

Er steht damit nicht allein: Laut einer Studie der Universität Göttingen geht jeder zweite Deutsche im Laufe seines Lebens mindestens einmal fremd. Affären sind dabei deutlich häufiger als One-Night-Stands – obwohl man für sie noch öfter lügen muss.

Die Affäre meines Freundes flog auf und mit ihr all das, was sich in ihm aufgestaut hatte. Plötzlich erfuhr ich, dass er schon immer die Schokolade gehasst hatte, die ich zu seiner Lieblingssorte erklärt hatte. Dass er mehr reisen wollte und viel mehr Sex. Wir hatten uns über Kleines wie Großes nie richtig ausgetauscht. Und das stellte das Leben, das wir zusammen führten, grundlegend in Frage.

Ich war wütend auf ihn. Weniger wegen der Affäre als wegen der Tatsache, dass er sie und all das andere Zeug verschwiegen hatte. Bis mir klar wurde, dass ich nicht viel besser war als er.

Ich gab zu, dass ich die sauteure goldene Kette, die er mir zum Geburtstag geschenkt hatte, hässlich fand, und dass sein Hintern in den meisten seiner Hosen fett aussah. Dass ich am liebsten in eine andere Stadt ziehen würde. Und irgendwann: dass auch ich Lust auf andere hatte.

Einen Arsch darf man noch fett finden. Aber jenseits der Beziehung vögeln zu wollen, das bringt einen gleich an den moralischen Rand der Gesellschaft. Wir sprachen es trotzdem aus.

Innerhalb von drei Wochen erfuhren wir mehr übereinander als in den drei Jahren unserer Beziehung davor. Möglicherweise ist es kein Problem für dich, deiner Partnerin zu erzählen, dass du auf Rihanna stehst. Aber wie sieht es damit aus, wenn du dein Ding nur zu gern mal in ihrer besten Freundin versenken würdest? Genau das erzählte mir mein Freund. "So bist du also, du kleines Arschloch!", dachte ich in dieser Zeit immer wieder. Es war nicht schmeichelhaft. Weder für den, der die Dinge aussprach, noch für den, der es hörte.

Aber es war mindestens genauso schlimm, dass wir uns all die Jahre etwas vorgemacht hatten. Angefangen bei dem Satz: "Du bist die einzige Person auf der Welt, mit der ich bis ans Ende meiner Tage schlafen will." Er stimmte einfach nicht.

Die Autorin | Foto: Marcus Möller

Jetzt, wo wir alles wussten, konnten wir entscheiden, ob wir gehen oder bleiben wollten. Und zu bleiben erschien uns eindeutig als die bessere Variante.

Wir beschlossen, uns gegenseitig ein aufregendes Leben zu ermöglichen. Wenn das bedeutet, dass wir monatelang alle 50 Schattierungen von Blümchensex durchexerzieren, dann ist das völlig OK. Genauso OK ist es aber auch, wenn wir uns durch die Clubs unserer Stadt vögeln. Oder einen Job weit weg annehmen.

Warum sollte man sich einschränken, wenn man jemanden liebt?

Unsere Gesellschaft hängt einem Beziehungsbild hinterher, das in der Realität kaum noch bestehen kann: der monogamen Beziehung auf Lebenszeit. Früher war das finanziell und gesellschaftlich nötig, heute hängen wir einem romantischen Beziehungsbild nach. Da gibt es den einen Richtigen, mit dem wir in die Verschmelzungshölle reiten. Wer soll das bitte noch wollen in einer Generation, die den größten Teil ihrer Lebenszeit damit verbringt, sich auf sich selbst einen runterzuholen?

Eine Freundin, die seit Jahren überzeugter Single ist, sagte letztens zu uns: "Ihr seid das lebende Beispiel dafür, dass mein Leben nicht vorbei sein muss, wenn ich mich eines Tages mal binden sollte."

Und sie hat Recht. Wir leben in einer Langzeitbeziehung, nehmen uns aber alle Freiheiten, die wir sonst im Leben eines Singles erwarten: Tinder-Dates, Gelegenheitssex. Ohne die Gefahr, dass die eigenen Sachen aus der vierten Etage auf die Straße geflogen kommen oder wir vor lauter Schuldgefühlen nicht mehr schlafen können. Ich weiß genau, wie sehr mein Freund den Sex mit der Blondine genießen wird, die er gleich trifft. Ich freue mich für ihn.

Dass wir alles sagen können, was wir denken und tun, macht unsere Beziehung nur tiefer. Wir haben mehr Sex. Wir sind bessere Freunde geworden. Wir streiten häufiger. Aber kennen uns auch besser. Wir sind weniger abhängig. Und gleichzeitig viel näher.

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