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Quelle: Sea-Watch

Mittelmeer: Fünf Menschen sind vor laufender Kamera ertrunken

Matern Boeselager

Und das, obwohl mehrere Schiffe nur wenige Meter entfernt waren. Denn jemand wollte die Rettung verhindern.

Quelle: Sea-Watch

Menschen schreien, springen von ihrem Schlauchboot ins Wasser und versuchen verzweifelt, sich an der Reling eines Schiffes hochzuziehen: Das Video, das die private Rettungsorganisation Sea-Watch veröffentlicht hat, zeigt dramatische Szenen, die sich Anfang November auf dem Mittelmeer abgespielt haben. Fünf Menschen, darunter ein Kleinkind, ertranken an dem Tag – obwohl sie von Rettungsbooten umgeben waren.

Direkt nach dem Vorfall hatten sich Sea-Watch und die libysche Küstenwache, die ebenfalls vor Ort war, gegenseitig beschuldigt, für die Tragödie verantwortlich zu sein. Die Hilfsorganisation warf der Küstenwache vor, durch riskante Manöver und ein brutales Vorgehen die Menschen in Seenot in "Angst und Panik" versetzt und die Rettung so unnötig erschwert zu haben. "Wahrscheinlich wäre heute niemand gestorben, wenn wir in aller Ruhe vernünftig hätten arbeiten können", erklärte Johannes Bayer, der Chef der Sea-Watch-Mission, in einem Statement. "Die Schuld für diese Tode trägt die libysche Küstenwache." Die wiederum gab den Rettern die Schuld. Sie erklärte, "das Sea-Watch-Schiff sei plötzlich aufgetaucht und habe Chaos verursacht", berichtet Spiegel Online.

Das von Sea-Watch veröffentlichte Video zeigt aber, dass es die Libyer waren, die das Chaos verursachten: Während die Crew der Sea-Watch permanent mit einem französischen Kriegsschiff und einem italienischen Marinehubschrauber in der Gegend kommunizierte, antwortete das libysche Schiff nur sporadisch auf Funksprüche, selbst wenn sie von Franzosen oder Italienern kamen. Die Funksprüche der Sea-Watch, die Rettung nicht weiter zu behindern, ignorierten sie fast vollständig.

Links die beiden Rettungsboote der Sea-Watch, rechts das libysche Schiff und das Boot der Migranten | Quelle: Sea-Watch

Stattdessen fuhr das schwere libysche Schiff so nah an das Schlauchboot mit den Migranten heran, dass das Boot teilweise unter den Bug des Schiffes geriet. Einige der Menschen sprangen daraufhin ins Wasser. Manche von ihnen versuchten, sich an der Seitenwand des libyschen Schiffes hochzuziehen, andere, zu den Rettungsbooten der Sea-Watch zu schwimmen.

Ein weiteres Video von Sea-Watch zeigt, wie Mitglieder der libyschen Besatzung Migranten, die sich an Bord des Schiffs retten können, mit Seilen peitschen. Einen Mann schlagen sie so heftig, dass er wieder ins Wasser springt. Während er versucht, sich an der Seite des Schiffes festzuklammern, nimmt es plötzlich Fahrt auf. In aufgezeichneten Funksprüchen hört man, wie der italienische Marine-Helikopter die Libyer verzweifelt anfleht anzuhalten: "Libysche Küstenwache, Sie haben eine Person an der rechten Seite, stoppen Sie den Motor! Bitte! Stoppen Sie den Motor!" Trotzdem halten die Libyer erst an, als sich der Helikopter direkt vor sie setzt.

Am Ende konnten viele in letzter Sekunde gerettet, aber fünf Menschen nur noch tot geborgen werden. Die BBC veröffentlichte das Foto eines Mannes, der zu erschöpft ist, seinen Kopf über Wasser zu halten. "Als ich dieses Bild gemacht habe, konnte ich hören, wie sein Atem unterbrochen wurde vom Wasser, das in seinen Mund floss", sagte der Fotograf Alessio Paduano, der auf einem der Sea-Watch-Rettungsboote war. "Das Geräusch dieses Atems habe ich immer noch im Kopf."

Einer der Männer ist vom libyschen Schiff gesprungen, um auf ein Boot der Sea-Watch zu kommen | Quelle: Sea-Watch

Das Ziel der Libyer war offenbar, so viele Menschen wie möglich auf ihr Schiff zu bringen, um sie wieder schnellstmöglich nach Libyen zurückzubringen. Obwohl solche "Pushbacks" gegen das Völkerrecht verstoßen, verfolgt die libysche Küstenwache diese Strategie schon länger. Im August rief die westlibysche Regierung sogar eine 74 Seemeilen breite "Such- und Rettungsregion" aus, in der sie sich für alleine zuständig für Rettungsaktionen erklärte. Immer wieder bedrängen libysche Schiffe seitdem Schiffe ziviler Rettungsorganisationen wie die Sea-Watch und versuchen, deren Rettungsaktionen zu behindern. Das kann selbst für die Retter oft lebensgefährlich werden: Im Mai hätte ein libysches Schiff die Sea-Watch fast mit hoher Geschwindigkeit gerammt, außerdem schießen die Libyer immer wieder Maschinengewehr-Salven in Luft und Wasser, um die Retter und Migranten einzuschüchtern. Mittlerweile gibt es sieben dokumentierte Fälle, in denen die libysche Küstenwache Rettungsaktionen illegal behindert hat. Im Dezember letzten Jahres ertranken Dutzende Menschen, als die Küstenwache eine Rettungsaktion der Sea-Watch 2 behinderte. Der Vorfall am 6. November ist also nur der letzte in einer ganzen Reihe von lebensgefährlichen Aktionen – diesmal mit fünf Toten.

Bis jetzt hat die Europäische Union nichts unternommen, um das Verhalten der Libyer einzuschränken. Stattdessen steckt sie Millionen Euro in die Ausbildung und Ausrüstung der Küstenwache: Am Montag wurde bekannt, dass die EU die Ausbildung von Polizisten mit weiteren 46 Millionen Euro finanzieren will. "Die Ausbildung der Küstenwache im Transitland Libyen ist wesentlich, um Menschenschmugglern das Handwerk zu legen und damit die illegale, für viele tödliche Überfahrt nach Europa möglichst zu verhindern", sagte Monika Hohlmeier (CSU), die innenpolitische Sprecherin der Europäischen Volkspartei (EVP), der Welt.

Humanitäre Organisationen kritisieren, dass die EU mit ihrer Unterstützung der Libyer aber ein ganz anderes Ziel verfolgt. "Das Training der libyschen Küstenwache wird humanitär verpackt, indem man sagt, wir bekämpfen so Menschenschlepper", sagte Lotte Leicht von Humans Right Watch der ARD. "Aber in Wirklichkeit ist die Strategie dahinter zu verhindern, dass Menschen nach Europa kommen."

Die europäischen Schiffe von Frontex und der Operation Sofia zögen sich immer weiter zurück, sagen die Rettungsorganisationen, während die libyschen Schiffe immer weiter ins Mittelmeer vordrängen, um Migranten und Flüchtlinge abzufangen und zurückzubringen. Denn sobald europäische Schiffe Migranten eingesammelt haben, dürfen sie diese nicht zurück nach Libyen bringen, da ihnen dort Folter, Missbrauch, Zwangsarbeit und Mord drohen. "Die Europäer bezahlen die libysche Küstenwache jetzt dafür, etwas zu tun, was sie nicht tun dürfen", sagt Lotte Leicht. "Die libysche Küstenwache macht die Drecksarbeit für Europa."

Johannes Bayer von Sea-Watch sieht das ähnlich. "Diese Tode gehen auf das Konto der libyschen Küstenwache, die eine sichere Rettung durch ihr brutales Vorgehen unmöglich gemacht hat", sagt er. "Die Verantwortung trägt aber die Europäische Union, die diese Milizen trainiert und finanziert. Sie handeln nach dem Willen der EU."

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