Kommentar

DCVDNS und die Frage, wer nach seiner N****-Zeile beleidigt sein darf

"Wenn weiße Menschen einem schwarzen Menschen erklären, wann er sich vom N-Wort beleidigt zu fühlen hat und wann nicht, wird es absurd." – DCVDNS' neuer Song und eine wieder brandaktuelle Diskussion.

von Juri Sternburg
21 Juni 2017, 1:37pm

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "DCVDNS – DER ERSTE TIGHTE WEI$$E (OFFICIAL HD VIDEO)" von DCVDNS

Wenn weiße Menschen einem schwarzen Menschen erklären, wann er sich vom N-Wort beleidigt zu fühlen hat und wann nicht, wird es absurd. Wenn Weiße anderen Weißen erklären, wann sich Schwarze beleidigt fühlen sollten, ist die Absurdität meist nicht geringer. Seit Tagen diskutiert Deutschrap und sein Rattenschwanz (mal wieder) die Frage: Darf der das?


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Gemeint ist DCVDNS, einst der YouTube-Rapper mit der Brille und dem roten Pullunder, jetzt (laut neuem Albumtitel) Der erste tighte Wei$$e. Im gleichnamigen Titeltrack rappt der Junge aus dem Saarland (Böhmermann-Trigger) nämlich: "Der erste tighte Wei$$e seit dem letzten tighten N****r."

Zumindest versteht man das als Hörer so. Auf die erboste Nachfrage von dunkelhäutigen Kollegen wie Mortel redete sich der Rapper mit der wenig glaubwürdigen Erklärung heraus, er würde "Nicker" sagen. Na klar. Die Kopfnicker sind back, wir haben es alle geahnt.

Fans und Sympathisanten sprechen DCVDNS wiederum von jedem Verdacht des Rassismus frei, da es sich lediglich um eine Reminiszenz auf Taktlo$$ handeln würde, der sich bekanntlich "Der letzte tighte N***a" nennt. Die Reaktionen im Netz reichen von "Sind N.W.A. jetzt auch N-Word With Attitudes?" über "Und was ist mit Fotze und Schwuchtel? Nach all den Jahren der Frauenunterdrückung und Homosexuellenverfolgung genauso verwerflich" bis "Reicht jetzt auch mal. DCVDNS ist kein Nazi und ihr nicht die Black Panthers".

Letzteres ist korrekt. Denn natürlich handelt es sich bei der Line um eine Anlehnung an "Takti den Blonden". Ob und warum sich schwarze Menschen davon trotzdem beleidigt fühlen, liegt allein bei den Betroffenen, also den schwarzen Menschen selbst. Weder irgendwelche Journalisten noch Fans oder Hater haben die Meinungshoheit über Rassismus im Rap und anderswo. Und offenbar fühlen sich einige Kollegen von DCVDNS beleidigt.

Sylabil Spill etwa äußerte sich kürzlich auf Facebook wie folgt: "jemand der unmittelbar im zusammenhang mit dem wort persönliche grausamkeiten verbindet wird die eindeutigen $$ als hinweis der referenz takas weder verstehen noch wird es ihn interessieren. [sic!]" Er findet die Textstelle "deplaziert weil ich genau weiss das es schnell eine falsche botschaft von mir an andere senden kann." [sic!] Mortel fühlte sich da schon persönlicher und eindeutiger angegriffen, was aus seinen wütenden Tweets auch deutlich herauszulesen war.

DCVDNS reagierte auf die Kritik zunächst mit der oben erwähnten Leugnung oder einem pampigem "Dann hast du keine Ahnung von Rap und kennst Taktlo$$ nicht". Ja, was denn nun? Danach folgte er offenbar dem Rat von Fler, der ihm auf Twitter zuraunte: "Egal was du gesagt hast... bleib besser JETZT leise!" Das tat DCV dann auch, Promo läuft ja nun von selbst.

Schade. Denn der Track birgt noch viel mehr Diskussionsstoff. Schon die Zeile direkt nach der N-Wort-Zeile trieft so sehr vor Opfermythos, dass man sich innig wünscht, es handele sich um Ironie. "Deutsche Rapper mussten Ausländer sein, deswegen wollte niemand an mich glauben". Hartes Schicksal. Animus, der die zweite Zeile offenbar nicht überhört hat, äußerte sich dann auch sinngemäß folgendermaßen: In einer Szene voller Marterias, Caspers, Trailerparks, Flers, Max Herres, Sidos und Alligatoahs, musste sich der weiße Mittelstandsjunge aus St. Ingbert ganz nach oben kämpfen, obwohl ihm die Ausländer den Job wegnehmen.

Wo Animus recht hat, hat er recht. Alles in allem scheint DCVDNS das harte Leben eines weißen Deutschen in Deutschland gerade noch so gemeistert zu haben. Und das alles auch noch ohne eine leidige "YouTube-Rapper mit Quatsch-Kostüm"-Diskussion über sich ergehen lassen zu müssen. Da haben andere weniger Glück. Na ja. Schwamm drüber.

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