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Verhaltensforschung

Darum sind Betrunkene und Kleinkinder so brutal ehrlich

Kindermund tut Wahrheit kund und Alkohol lockert die Zunge. Experten erklären, warum das so ist.

von Brook Bolen
03 Juni 2017, 9:00am

Foto (links): Toms Baugis | Flickr | CC BY 2.0 ; Foto (rechts): Jordan Whitt | Unsplash | CC0 Public Domain

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Vor Kurzem machte in den sozialen Netzwerken mal wieder ein Trend die Runde: Eltern filmten ihre Kinder beim Beantworten einer Reihe von Fragen. Auch ich machte mit. Die Fragen waren zum Großteil harmlos ("Was ist Mamas Lieblingsfarbe?") und die Antworten meiner dreieinhalb Jahre alten Tochter total niedlich.

Selbst die schwierigste Frage ("Könntest du ohne mich leben?") bereitete mir keine Sorgen, denn meine Tochter hatte mir vorher schon bestätigt, dass ich sie nicht nerve und sie mich über alles liebt. Leider kam ihr "Ja" wie aus einer Pistole geschossen. Hatte sie die Frage nicht verstanden? "Auch ohne Papa?", wollte ich probehalber wissen. "Ja", antwortete sie erneut ganz unbekümmert. "Dann würdest du uns aber nie wieder sehen", sagte ich. "Gibt es überhaupt jemanden, ohne den du nicht leben könntest?" Mein Tochter dachte kurz nach und meinte dann, dass unsere Hunde unverzichtbar seien.

Es heißt ja, dass nur zwei Gruppen Mensch absolut ehrlich sind: Betrunkene und Kleinkinder. Zwar sind wir alle in der Lage, die Wahrheit zu sagen, aber die meisten von uns kommunizieren trotzdem oft lieber mit Bedacht und durch Filter. Im Grunde sind diese Filter die Basis unseres Taktgefühls, wir achten so auf die Gefühle unserer Gesprächspartner. Betrunkene und Kleinkinder besitzen bekanntermaßen kein oder kaum Taktgefühl – deshalb tragen sie ihr Herz auch immer auf der Zunge.


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Zu den Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn wurde schon viel geforscht. Warum Kleinkinder ohne Filter sprechen, weiß man hingegen nicht so genau. Woran aber kein Zweifel besteht: Kleinkinder sind brutal ehrlich. Es gibt sogar erfolgreiche Blogs, die auf dieser Tatsache basieren.

Kleinkinder sprechen alles ohne Filter aus, weil diese Filter in ihren Gehirnen noch nicht existieren. Das sagt Arthur Lavin, ein Kinderarzt und Mitglied des Komitees der American Academy of Pediatrics. "Kleinkinder wenden weder Filter noch Abwehrmechanismen an", erklärt er. Ihnen sei egal, ob die Welt weiß, wie sie sich fühlen. Die Filter kämen erst im Alter zwischen vier und sechs Jahren ins Spiel. "Bis zum Jugendalter befinden sich die Kinder dann in einer Phase, die sich mittlere Kindheit nennt. Emotionale Ausbrüche gibt es dann nicht mehr viele; die meiste Energie wird auf das Erlernen diverser Fähigkeiten verwendet – egal ob nun im Kindergarten, in der Schule oder zu Hause." Um zu lernen, müssen Abwehrmechanismen vorhanden sein. Es sei wichtig, ruhig zu bleiben, um das Zusammenleben angenehm und erfolgreich zu gestalten.

Lindsay Malloy, eine Psychologieprofessorin an der Florida International University, stimmt dem zu: Kleinkinder sind auch deswegen so ehrlich, weil sie aufgrund ihrer noch unterentwickelten kognitiven und sozialen Fähigkeiten nicht lügen können. "Es ist einfach, die Wahrheit zu sagen, weil man sich ihr voll bewusst ist", erklärt Malloy. "Beim Lügen muss man sich erst eine Unwahrheit einfallen lassen und vorher darüber nachdenken, was man selbst und was der Empfänger alles weiß." Dazu kommen noch verräterische Anzeichen wie etwa der Gesichtsausdruck. "Lügen ist kognitiv gesehen sehr anstrengend. Damit kommen die Gehirne von Kleinkindern noch nicht zurecht."

Die Gehirne von Kleinkindern werden mit der Zeit immer leistungsfähiger. Forschungen haben gezeigt, dass Neugeborene zwar ein Bewusstsein besitzen, aber nur in beschränkter Form: Ihnen fehlt Reflexionsvermögen, ihr Bewusstsein ist noch sehr rudimentär und komplett auf die Gegenwart fokussiert.

"Im betrunkenen Zustand schaltet sich der präfrontale Cortex ab und hemmt das Verhalten nicht mehr. Diese Wirkung wird als sozialer Katalysator sehr geschätzt."

Zu viel Alkohol kann das erwachsene Gehirn genauso einschränken. George Koob, der Leiter des National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAAA) sagt: "Der präfrontale Cortex des Gehirns macht dich quasi zu dem, was du bist. Er steuert deine exekutive Funktionsweise und damit unter anderem auch deine Entscheidungen." Diese Funktion ist laut Koob allerdings erst mit ungefähr 25 Jahren fertig entwickelt. Deshalb sind Teenager auch viel impulsiver als Erwachsene. Außerdem ist der präfrontale Cortex dafür zuständig, das Temperament, die Stressreaktion und die angeborenen Instinkte im sogenannten "protoreptilischen Gehirn" zu kontrollieren.

Wenn man als Erwachsener Alkohol trinkt, dann kann das die Funktionsfähigkeit des präfrontalen Cortex und die Nervenbahnen zum protoreptilischen Gehirn beeinträchtigen. "Im betrunkenen Zustand schaltet sich der präfrontale Cortex ab und hemmt das Verhalten nicht mehr. Diese Wirkung wird als sozialer Katalysator hoch geschätzt: Nach ein paar Drinks fällt es einem leichter, neue Leute kennenzulernen", fügt Koob hinzu. Viele Leute finden die zunehmende Hemmungslosigkeit förderlich. Wenn man es mit dem Alkohol übertreibt, kann genau das jedoch schnell unangenehm werden.

Bei stark betrunkenen Menschen betäubt der Alkohol Malloy zufolge den Frontallappen und die exekutive Funktionsweise. Deswegen sagen wir in diesem Zustand auch Dinge, die wir sonst niemals aussprechen würden. In Bezug auf die Ehrlichkeit von Kleinkindern schlägt die Psychologieprofessorin in eine ähnliche Kerbe wie Lavin: "In der Psychologie bezeichnen wir das als 'Theory of Mind'. Das ist die Fähigkeit, die mentale Welt um einen herum zu verstehen. Man erkennt, dass andere Menschen Dinge wissen und fühlen, die man selbst nicht weiß und fühlt. Und man lernt, diese Erkenntnis zu nutzen." Kleinkinder beginnen also zu verstehen, dass sie sich ausdrücken und damit eine Situation nach ihren Vorstellungen verändern können.

Sowohl Kleinkinder als auch Betrunkene machen wilde Stimmungsschwankungen durch. "Große Alkoholmengen verursachen Affektlabilität, eine emotionale Achterbahnfahrt. Das protoreptilische Gehirn übernimmt die Führung, sie verlieren jegliche Hemmung und Kontrolle", erklärt Koob. "Deswegen können Betrunkene im einen Moment noch total glücklich und dann plötzlich todtraurig sein."

Die verbalen und kommunikativen Filter, die wir im Alltag anwenden, sind technisch gesehen ausgeklügelte Abwehrmechanismen. Dank ihnen sind wir in der Lage, friedvoll und erfolgreich mit anderen Menschen zu interagieren. Und alles in allem können wir froh sein, dass Kleinkinder noch zu jung zum Trinken sind.

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