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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Warum wir uns Streetball bei Olympia nicht vom IOC versauen lassen sollten

Olympischer 3x3-Basketball wird wahrscheinlich niemals so cool, wie er werden könnte – der IOC-Spaßbremse sei Dank. Doch lasst uns ein bisschen träumen, solange wir noch können.

von David Roth
15 Juni 2017, 10:27am

Foto: imago

Seit wenigen Tagen steht fest, dass Streetball (oder auch: 3x3-Basketball) ab Tokio 2020 olympisch wird. Das ist im Grunde eine tolle Idee – und eine, an der auch die Zuschauer jede Menge Spaß haben könnten. Leider wird über ihre Regeln eine der weltweit führenden Spaßbremsen, das IOC, entscheiden und genau deswegen ist 3x3-Basketball eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Mein Kollege Aaron Gordon weiß mehr über das IOC als ich, aber nicht er schreibt diesen Artikel, sondern ich. Und ich bin ein ewig naiver Träumer, der euch überzeugen möchte, dass ihr euch auf 3x3-Basketball als olympische Disziplin freuen könnt. Ich behaupte nicht, dass Aaron Unrecht hat, denn wahrscheinlich hat er Recht. Ich sage nur, man wird ja wohl noch träumen dürfen, wie cool es werden könnte. Zumindest so lange, bis wir dann erfahren, wie es wirklich sein wird.

Tatsache ist: Olympischer 3x3-Basketball könnte verdammt nochmal cool werden. Das Spiel in seiner jetzigen Form hat weniger mit lahmem Pick-up-Basketball zu tun; andernfalls würden die Regeln nämlich besagen, dass jedes Team einen Spieler haben muss, der nie passt und immer klatscht, während ein anderer Timberlands und Jeans zu tragen hätte. 3x3-Basketball, das ist eine Art coolere Variante von And 1-Streetball. Gespielt wird auf einem Outdoor-Halfcourt mit (Achtung, Spoiler) drei Spielern pro Team. In seiner jetzigen Form ist es ein bisschen wie der unbeliebte Stiefbruder des normalen Basketballs; in den USA gehören ein paar D-Leaguer und der coole Rotationsspieler der Wisconsin Badgers, Zak Showalter, zum Pool der 3x3-Spieler, ansonsten wird das Feld von opportunistischen Ex-Top-Ballern der US-Eliteunis sowie von unbekannteren NAIA-Spielern dominiert. Das alles ergibt aber Sinn, wenn man bedenkt, dass die jetzige Version des Spiels erst seit etwa einem Jahrzehnt Teil des Weltbasketballverbands (FIBA) ist und erst 2012 ihr Debüt auf dem internationalen Parkett gefeiert hat.

FIBA-Generalsekretär Patrick Baumann hat gegenüber der Associated Press gesagt, dass er hofft, das Spiel werde seine eigenen Stars hervorbringen, anstatt sich nur Profis aus der NBA zu "leihen". Er sprach von Spielern der Basketballszene im Rucker Park in Manhattan und sagte der AP, dass er hoffe, sie "bei den Olympischen Spielen in zwei Jahren zu sehen". Und obwohl das bestimmt eine Menge Spaß bedeuten würde, können wir ruhig etwas größer träumen. Klar wäre es für die Verantwortlichen einfacher, wenn der Spielerpool auf Amateure beschränkt wäre, die kann man schließlich leichter herumkommandieren und es gäbe auch keine vertraglichen Hürden mit den Vereinen. Aber wir sind nun mal keine Bürokraten und sollten deswegen auch nicht wie Bürokraten träumen. Vielmehr sollten wir von diesen wohlklingenden Schlagzeilen träumen: "Jamal Crawford holt olympisches Gold".

Oder Damian Lillard, Zach LaVine, Kenneth Faried oder wer einem sonst noch so einfällt. Es gibt Spieler in der NBA, die ihre Genialität regelmäßig unter Beweis stellen, die aber noch deutlich mehr brillieren könnten, wenn man sie in einem anderen Setting spielen lassen würde. Einem Setting, das sie improvisieren und herrlich durchgeknallt sein lässt. James Harden wäre ein unbeschreiblich großartiger 3x3-Spieler, aber er ist nun mal bereits als Mitglied des Team USA unbeschreiblich großartig. Aber würde man Jamal Crawfords Crossover-Ergüssen oder Damian Lillards Dreier-Shows eine Plattform geben, dann würde man Spielern, die schon jetzt ausgezeichnet sind und denen man gerne beim Spielen zuschaut, ermöglichen, noch besser zu werden und sich selbst auf dem Spielfeld zu verwirklichen.

Als abgewandelte Form des klassischen Basketballs befindet sich das 3x3-Spiel noch in der Selbstfindungsphase. Wenn man den besten Basketballspielern der Welt erlauben würde, mitzuspielen oder zumindest beim Regelwerk ein Wörtchen mitzureden, wäre das nicht nur für diese aufkeimende Sportart gut, sondern für unser gesamtes unentspanntes und freudloses Universum. Und wenn es schon Amateure sein sollen, dann lasst es wenigstens die kommenden Versionen von Lonzo Ball, Malik Monk oder Jonathan Isaac sein. Spieler, die das 5x5-System draufhaben, aber in Matches ohne Trainer und Schiedsrichter noch besser wären. Wahrscheinlich wird die neue olympische Disziplin nicht von atemberaubenden Iverson-Gedenk-Crossovern geprägt sein, aber das heißt noch lange nicht, dass wir uns das nicht vorstellen können.

Doch leider ist es auch nicht sonderlich schwer, sich eine Welt vorzustellen, in der das IOC und die Leute, die bei Olympischen Spielen etwas zu sagen haben, all diese Träume zunichte machen. Mein Kollege Aaron hat mir anhand der Bier-Warteschlange(n) beim Beach-Volleyball erklärt, warum es sinnlos ist, sich auf olympische 3x3-Basketballspiele zu freuen. Beach-Volleyball ist bei den Olympischen Sommerspielen normalerweise immer eine der beliebtesten Disziplinen, und in der Vergangenheit hat das Publikum bei jeder Gelegenheit angeheitert und mit viel nackter Haut die Spieler lautstark angefeuert. Da die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio stattgefunden haben, der Hochburg gut gelaunter, oberkörperfreier Strandbesucher, hätte man wohl erwartet, dass diese Veranstaltung besonders großartig ausfällt.

Stattdessen kam nur selten großartige Stimmung auf, wie Aaron mir erzählte. Aus den Lautsprechern dröhnte stattdessen bei jeder kleinen Spielunterbrechung laute Technomusik und ständig wurden Sprechchöre angestimmt. Ein Animationsteam wollte die Zuschauer selbst nach minimal spektakulären Blocks dazu bringen, "Monster-Block" zu brüllen, was vor allem für peinliche Facepalm-Momente sorgte. Die Warteschlange fürs Bier – eigentlich waren es zwei Schlangen: eine, um ein Ticket zu bekommen, und eine, um das Ticket gegen Bier einzutauschen – war der Haupt-Stimmungskiller bei dem Ganzen. Wenn man endlos und unnötig lange für ein Bier anstehen muss, kann kaum Feierlaune aufkommen. Es lag nicht mal an der Veranstaltung an sich, erklärte mir Aaron. Es lag daran, dass die Organisatoren der letztjährigen Sommerspiele keine Gelegenheit ausgelassen haben, um alles, was irgendwie Spaß bringen könnte, konsequent im Keim zu ersticken.

Und klar, 3x3-Spiele, die von Amateuren ausgetragen werden, können nicht nur fantastisch, sondern auch todlangweilig sein – wie wir wohl alle schon mal selbst erfahren durften. Ein Spiel, dem es an Talent fehlt und das gleichzeitig von Musik und Werbung übertönt wird, wäre wohl ziemlich qualvoll. Aber noch gibt es Hoffnung auf atemberaubenden Streetball bei Olympia. Und solange das so ist, sollten wir uns die Spiele so erträumen, wie wir sie gerne hätten.