Früher hat Christian viel gezockt. Die World-of-Warcraft-Figur links auf dem Regal hat er nach 10 Jahren Abonnement bekommen
"Ich will zeigen, dass Behinderung und BDSM kein Widerspruch ist", sagt Christian
Christians Zimmer wirkt wie das vieler Junggesellen. In der Ecke summt ein Gaming-Rechner, an den Wandregalen stapeln sich Blu-Rays und DVDs, ordentlich aufgereiht wie in einer Videothek, etwa 800 Filme sollen es sein. Nur kleine Hinweise zeigen, dass Christian nicht wie die meisten anderen aufgewachsen ist: Die Beatmungsmaschine, ohne die er nachts nicht schlafen kann. Oder der 40-Liter-Sauerstofftank für Notfälle oder zum Wachwerden. "Besser als Kaffee", sagt Christian.Als Christian geboren wurde, wog er 3330 Gramm, war 49 Zentimeter groß – und gesund. "Ein sonniges Kind", sagt seine Mutter Connie heute. Eines Tages nimmt sie ihn aus dem Bett, will ihn hinsetzen, doch Christian fällt zur Seite um. Er bleibt liegen und bewegt seinen Kopf nicht mehr. "Bis dahin rannte Christian mit einer Laufhilfe durchs Haus", sagt Connie. "Dann ist er nicht mehr vom Fleck gekommen." Ein Arzt nimmt Christian Blut ab. Wenige Tage später das Ergebnis: SMA Typ 2. Die Ärzte sagen, er werde nie wieder laufen können, seine Muskeln schwinden mit der Zeit, seine Lunge werde schwächer. Eine unheilbare Krankheit, ausgebrochen wegen eines Gendefekts, den Christian schon immer in sich trägt. Sie geben ihm höchstens 21 Jahre."Bis dahin rannte Christian mit einer Laufhilfe durchs Haus", sagt seine Mutter. "Dann ist er nicht mehr vom Fleck gekommen."
Den PS4-Controller hat Christians Vater präpariert: "Playstation ist nicht wirklich barrierefrei"
Auf dem Foto ist Christian zwei Jahre alt. Damals konnte er noch selbst essen und trinken. Seine Lieblingskombination: Pizza und Kaba
Vor einem Jahr hatte Christian seinen ersten "richtigen Kuss". Bis dahin kennt er nur Schmatzer auf die Wange
Die BDSM-Ente mit eingebautem Vibrator hat Christian von seinen Freunden Mike und Lina geschenkt bekommen
Christian ist 20, als er sein erstes BDSM-Date hat. "Die hilflose Position gefiel mir", sagt er.
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Mit Mitte 20 findet Christian im Internet seine ersten Dates. Seine Pfleger, die gleichzeitig auch zu seinen Freunden werden, fahren ihn. In dieser Zeit lernt er einen Typen im Internet kennen. "Er fragte, ob ich mich auf eine BDSM-Session mit ihm einlassen wollte", sagt Christian. "Er war dominant und ich sollte der Sub sein." Bisher kannte er BDSM nur aus Pornofilmen. Christian war nervös, sagte aber zu. "Schauen wir mal", dachte er. Ob das mit seinem Körper geht, darüber habe er nicht nachgedacht. Sie trafen sich in einem Stundenhotel im Norden Münchens, wie bei allen Dates, nur diesmal wird Christian ans Bett gefesselt. "Die hilflose Position gefiel mir.""Fühlst du dich sonst hilflos?", frage ich."Eigentlich nicht. Es ist eher die Umgebung, die dich einschränkt", antwortet Christian. "Wenn ich nicht in einen Raum komme, ist es nicht die Behinderung, die das verhindert, sondern weil es keine Rampe gibt."
Christian geht nur zu BDSM-Sessions, wenn er fit ist: "Wenn ich Anzeichen von Schwäche fühle, sage ich ab"
Das Stundenhotel "Bel Amie". Mike parkt jetzt den grauen Bus, klappt die Laderampe aus, er stemmt sich gegen den Rollstuhl, während Christian langsam herunterrollt. Es ist dasselbe Stundenhotel, in das er immer fährt, mittlerweile sei er schon Stammkunde. Innen sieht es aus wie man sich einen Fetischclub vorstellt: samtrotes Himmelbett, prunkvolles Mobiliar, schalldichte Polstertüren. Irgendwo stöhnt eine Frau. Christian fährt vorbei an einem Zimmer mit Gynäkologenstuhl, "unterhaltsames Spielzeug", und einem Bett, das aussieht wie eine Folterbank: "Das hab ich auch schon gemacht!" Er sagt es so beiläufig als erzähle er von seinem letzten Nordseeurlaub. "Folter liegt doch im Auge des Betrachters."Im Hotelzimmer liegt nun der süßlich-verbrannte Geruch von Bienenwachs in der Luft. Lina, Christians Begleiterin, hat eine Kerze angezündet, ihr Freund Mike legt ein rotes Handtuch unter Christian. Lina setzt sich auf ihn, sie hält die Kerze nah an seinen Arm, lässt ihn die Flamme spüren, dann neigt sie die Kerze leicht. Heiße Wachsperlen tropfen auf Christians Brust. Er zieht scharf die Luft ein. "Ich könnte alles mit ihm machen", sagt Mike. "Er kann sich ja nicht wehren.""Ich könnte alles mit ihm machen", sagt Christians Freund Mike. "Er kann sich ja nicht wehren."
Christian ist ein Switch, das heißt er kann dominant und devot sein. Als "Dom" gibt er meistens verbale Befehle
"Es gibt zwei Möglichkeiten, wie das Ganze endet", sagt Christian. "Entweder ersticke ich oder mein Herz hört irgendwann auf zu schlagen."
"BDSM hat nichts mit Stress zu tun, sondern mit Zeit und Vertrauen"