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Interviews

Warum so melancholisch, Dawill?

Der Berner S.O.S-Rapper zeigt sich in 'Moringa' von seiner persönlichsten Seite. Wir haben mit ihm über das Album geredet.

von Claire Braun
12 Oktober 2018, 10:11am

Foto: Screenshot YouTube aus dem Video "LOST" von S.O.S Worldwide Network

Wir staunten nicht schlecht, als S.O.S-Rapper Dawill uns Anfang Oktober mit einem unangekündigten neuen Album überraschte und uns damit den Tag versüsste... oder verbitterte?

Moringa gibt nämlich ganz schön zu denken. Dawill führt uns durch eine emotionale, ehrliche Beziehungsgeschichte, die in Herzschmerz, Frust-Sex und Einsamkeit endet. Wir sind ganz nah dran und durchleben mit ihm die Melancholie einer gescheiterten Love-Story. Gleichzeitig lassen uns seine durchaus nachvollziehbaren Coping-Strategien etwas verdattert zurück – denn Dawill nimmt kein Blatt vor den Mund.

Dawills Solo-Album ist eine Chronik aller Gefühle, die man nach einer Trennung durchlebt: Liebe, Trauer, Frust, Rebellion, Sehnsucht, Einsamkeit. Der Rapper schüttet uns in Moringa sein blutendes Herz aus. Wir wollten wissen, warum Dawills Herz so derb gebrochen wurde.

Noisey: Warum so melancholisch, Dawill?
Dawill: Ich habe gerade mit Herzschmerz zu kämpfen. Ich habe etwas verloren und erst im Nachhinein gemerkt, dass das wichtiger war als alles andere.

In welchen Songs kommt dies besonders stark zur Geltung?
Ganz klar in "Afra".

"Afra" ist super traurig. Wie formulierst du deine Gefühle so explizit?
Der Song ist schon zwei Jahre alt. Ich habe den geschrieben, als die Trennung gerade aktuell war, der Schmerz am stärksten war und der fatale Fehler begangen worden war. Ich war erst zwei Jahre später wirklich bereit, mit diesen Gefühlen rauszugehen. So wollte ich damit abschliessen. Ich merke erst jetzt wirklich, dass diese Zeit eigentlich wunderschön war und alles viel besser war mit ihr als ohne sie. Jetzt spür' ich die Einsamkeit. Und lenke mich mit anderen Dingen ab.

Moringa ist ein Solo-Album – textest du alleine anders als mit Nativ zusammen?
Ja auf jeden Fall. Wenn ich alleine arbeite, kann ich mich musikalisch anders ausdrücken, weil nur ich am Steuer sitze. Ich treffe die Entscheidungen über Beats, Mood, Stil und Text. Bei S.O.S sind wir halt zu Dritt und müssen da Kompromisse eingehen. In unseren gemeinsamen Texten sind wir viel sozialkritischer und politischer. Ich hab die Musik schon immer als Waffe gesehen. So ist es immer noch, aber ich bin solo nicht mehr so in der Teacher-Rolle, sondern schreibe von einer viel persönlicheren Seite.

Welche Tracks des Albums sind für dich am wichtigsten?
So spontan auf jeden Fall "Afra" – aus selbsterklärenden Gründen. "Tschäddere" zwar auch. Der Song hat vom Stil her was Neues, was es so im Schweizer Rap bisher noch nicht gegeben hat. Es ist auch mal cool, eine Frau im Berner Dialekt rappen zu hören. "Tschäddere" ist zudem sehr gewagt. Die Leute empfinden den Track schnell als sexistisch – aber immerhin regt er die Hörer zum Reden an. Der Song befreit die Leute, insbesondere die Frauen, nehme ich an. Er gibt den Frauen die Freiheit, pervers zu sein, ohne dass es billig ist.

Ein ziemlich starker Kontrast zur Herzschmerz-Ballade "Afra".
Das ganze Album ist eigentlich in zwei Teile gegliedert: Es beginnt mit "Ticke", ein etwas oberflächlicher Song. Da geht's um's Hustlen oder was auch immer. Dann kommt "Lost". Der zeigt, mit was ich mich eigentlich beschäftige: Herzschmerz und Verlorenheit.

"Roger Federer" ist dann wieder ein bisschen lockerer und draufgängerisch. "Ich bin krass, ich hab Frauen." Und dann kommt die Wende mit "Wieso". "Wieso tust du so? Wieso zeigst du keine Liebe? Wieso bist du so kalt?"

Als nächstes kommt "Afra". Der Song ist die Erklärung für alles zuvor. In "Afra" spürt man, dass ich eigentlich voll verletzt bin. Ich vermisse meine Ex und ich lenke mich mit all den oberflächlichen Dingen einfach ab.

In "Santa Marta" geht’s um die Suche nach der schnellen Liebe in den Clubs, die man eben sucht, wenn man Herzschmerz hat. Deshalb geht's in "Tschäddere" und "Sitz uf mis Gsicht" vor allem um den schnellen Sex, den man in den Clubs findet und die Ablenkung mit diesen Frauen. Und schliesslich folgt "Bis am Donsti". Der Track handelt von einer oberflächlichen Beziehung, aus der ich einfach rausgeholt habe, was ich selbst wollte. Mit "Bis am Donsti" hört's auf. Da bin ich wieder am Anfang und alleine.

Der Clip zu "Santa Marta" ist schon länger online. Das Video ist extrem symbolisch. Beispielsweise tippst du da 666 in einen Selecta-Automaten und es kommen Blumen raus. Was steckt dahinter?
Ja, die ganze Stimmung in "Santa Marta" dreht sich um Himmel und Hölle. Und ich bin dazwischen gefangen. Mit der Symbolik von 666 und dem Kopfschuss wollte ich diesen Kampf aufzeigen. Die Kirche sollte den Himmel darstellen und ich muss erst durch die Hölle, bevor ich im Himmel sein kann bei dieser Frau.

Also ist das Leben ein Kampf zwischen Himmel und Hölle?
Ja, nicht nur das Leben. Vor allem die Liebe.

Und das Cover? Hat das auch damit zu tun?
Ich wusste von Anfang an, dass ich zwei sich liebende Körper darauf haben wollte. Das Cover entstand erst ganz am Schluss. Ursprünglich wollte ich noch Messer auf dem Cover, die nicht nur die gemeinsame Liebe sondern auch den gemeinsamen Schmerz aufzeigen sollten. Schliesslich blieben wir jedoch beim Kontext der Liebe. Ich wollte das Cover so weiblich wie möglich gestalten. Die Farben sollten für eine Frau attraktiv sein.

Bild: Facebook | S.O.S

Wieso?
Ehrlich gesagt, hab ich das Album mehr für Frauen als für Jungs gemacht. Ich spreche ja direkt eine Frau an. Ich wollte meine Musik allgemein so gestalten, dass sie für Frauen attraktiv ist. Sie sollte aber nicht zu kitschig werden, denn dies fänden wiederum die Männer nicht mehr cool.

Gibt es denn wirklich solch grosse Unterschiede?
Ja, ich denke schon. Es fängt schon bei den Instrumentals an. Ich habe versucht, alles ein bisschen feiner und sanfter zu gestalten. Ich denke auch, dass die Themen für Frauen zugänglicher sind. Aber ich weiss nicht, ob's wirklich so ist. Es hat sich einfach so entwickelt.

Wieso der Titel Moringa ?
Moringa ist eine Pflanze, die extrem viele Krankheiten heilen kann. Wenn man die Samen der Pflanze vermahlt und mit Wasser mischt, wird das Wasser gesäubert. So sollte das Album symbolisch deinen Kopf von den Dingen säubern, die du mit dir rum trägst. Von Herzschmerz oder was auch immer. Gleichzeitig wollte ich die Aufmerksamkeit auf diese Pflanze lenken. Es sterben jährlich sehr viele Leute direkt unter diesem Baum, weil die nicht wissen, was er alles heilen kann.

Wieso liegt dir so viel an dieser Pflanze?
Ich habe lange nicht gewusst, wie ich das Album nennen soll. Ein Freund meinte, ich solle das Album nach einer Pflanze benennen. Da ist mir direkt die Moringa-Pflanze in den Sinn gekommen. Mein Vater ist mal an Krebs erkrankt und hat diese Moringa-Pflanze verwendet. Ich weiss nicht, ob's nur daran gelegen hat, aber er wurde vom Krebs geheilt.


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