Rassismus

Schwarze Frauen werden noch immer wegen ihrer Haare diskriminiert

Forscher des Perception Institute haben untersucht, ob Menschen unterbewusste Vorurteile gegenüber naturkrausen Haaren haben. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung sind ebenso traurig wie entmutigend.

von Kimberly Lawson
02 Februar 2017, 10:10am

Photo by Lumina via Stocksy

Bevor sie die Erlaubnis bekam, von zu Hause aus zu arbeiten, fühlte sich die IT-Administratorin Gloria im Büro oft wie "ein Wissenschaftsprojekt". Sie war die einzige schwarze Mitarbeiterin in ihrer Abteilung und bekam mit ihrem naturkrausen Haar, das sie manchmal als Afro trug oder teilweise nach oben steckte, mehr Aufmerksamkeit, als ihr lieb war. "Ich habe mich immer wie auf dem Präsentierteller gefühlt", sagt sie. "Ich musste mir Sätze anhören wie: 'Wie hast du deine Haare so hinbekommen?', 'Kann ich mal anfassen?' oder 'Oh, da kommt Gloria – oh Mann, ich werde heute im Meeting wieder nichts sehen können.'"

Allerdings hatte sie es nicht nur regelmäßig mit dummen Kommentaren zu tun, Gloria wurde auch von ihren Vorgesetzten immer wieder gesagt, dass sie ihre Haare so nicht am Arbeitsplatz tragen könne. Beispielsweise wurde sie von ihrer Abteilungsleiterin (einer alten Kindheitsfreundin), von der sie auch eingestellt worden war, gefragt: "Lässt du deine Haare so?" Nach einem kurzen Gespräch, in dem Gloria betonte, dass sie ihre Haare "genau so tragen würde", wechselte ihre Abteilungsleiterin einfach das Thema.

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Für viele Menschen – und ganz besonders für schwarze Frauen – sind die eigenen Haare ein wichtiger Teil ihrer Identität. Cheryl Thompson, Professorin an der Universität von Toronto mit einem Hintergrund in visueller Kultur und Identitätspolitiken, schrieb 2009: "Haare sind für junge schwarze Mädchen nicht nur eine Spielerei, sie sind beladen mit Botschaften und haben einen Einfluss darauf, wie du von anderen behandelt wirst und wie du wiederum selbst über dich denkst."

Das ist auch mit ein Grund, warum Alexis McGill Johnson, leitende Direktorin und Mitbegründerin des Perception Institute, und eine Gruppe von Forschern den allersten impliziten Haar-Assoziationstest (IAT) entwickelt haben. Mit ihrer Arbeit möchten die Forscher und Vertreter des Perception Institutes Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung zur Anwendung bringen und Diskriminierung und Voreingenommenheit in Bezug auf die ethnische Herkunft, das Geschlecht und andere identitäre Unterschiede von Menschen reduzieren. Der IAT sollte zeigen, ob Männer und Frauen implizite Vorurteile gegenüber den naturkrausen Haaren schwarzer Frauen haben. Hierfür wurden mehr als 4.000 Menschen befragt, die zum einen stichprobenartig aus der amerikanischen Bevölkerung und zum anderen aus der Datenbank von Mitgliedern einer Online-Community über naturkrauses Haar ausgewählt wurden. Die Ergebnisse der Studie, die nun veröffentlicht wurden, bieten neue Messgrößen, die zeigen, wie Vorurteile funktionieren.

Die Untersuchung von McGill Johnson und ihrem Team basierte auf dem oftmals angewandten impliziten Assoziationstest (IAT), der von der Universität von Harvard entwickelt wurde. Im Rahmen der Studie wurden den Teilnehmern Bilder von Frauen gezeigt, die verschiedene Frisuren mit glatten und naturkrausen Haaren trugen (unter anderem Flechtfrisuren, Dreads und Afros). Anschließend wurden sie gebeten, jedem Bild positive oder negative Wörter zuzuordnen. Um die Haltung der Teilnehmer gegenüber den Frisuren besser zu verstehen, führten die Forscher auch eine explizite Untersuchung durch. Hierbei wurden die Teilnehmer gebeten, sich noch einmal Fotos von einem Modell mit verschiedenen Frisuren anzusehen und zu bewerten, wie hübsch, professionell und sexy sie ist. Sie wurden darüber hinaus auch gebeten, eine Einschätzung darüber abzugeben, wie sie ihrer Meinung nach von der Gesellschaft wahrgenommen wird.

Foto: imago | Science Photo Library

Hinsichtlich des IAT stellten die Forscher fest, dass die Mehrheit der Teilnehmer – unabhängig von der eigenen ethnischen Herkunft – unterbewusste Vorurteile gegenüber schwarzen Frauen mit naturkrausen Haaren hatte. "Das war fast zu erwarten", meint McGill Johnson. "Die Haare sind neben der Hautfarbe mit am bezeichnendsten für das ethnische Aussehen eines Menschen", sagt McGill Johnson, "und natürlich lassen sich die Vorstellungen, die wir von einer bestimmten ethnischen Gruppe haben, auch auf die Haare übertragen."

Was interessant war, sagt sie weiter, war die Feststellung, dass schwarze Frauen, die Mitglied in einer Online-Community über naturkrauses Haar waren, eher natürliche oder naturkrause Haare bevorzugten, wohingegen schwarze Frauen aus der nationalen Stichprobe noch immer unterbewusste Vorurteile gegenüber naturkrausem Haar hatten.

"Jeder von uns hat Vorurteile – auch gegenüber der Gruppe, der wir selbst angehören", sagt Rachel Godsi, Forschungsleiterin am Perception Institute und Koautorin der Studie. Sich selbst als "Naturalistin" zu bezeichnen, reichte nicht aus, damit die schwarzen Frauen aus der nationalen Stichprobe ihre kulturellen Vorurteile überwinden konnten. Das einzige, worin sich die beiden Gruppen unterschieden, war die Mitgliedschaft in einer Online-Community. Womöglich könnte das einen Weg darstellen, wie sich unterbewusste Vorteile reduzieren lassen, sagt sie. Es zeigt aber auch, welchen Einfluss die Zugehörigkeit zu einer starken, positiven Gemeinschaft hat "und dass Menschen gegen die Flut an negativen Reizen aus der breiteren Gesellschaft bestehen können, wenn sie einer Gruppe wie dieser angehören."

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Im Rahmen der Untersuchung über die expliziten Ansichten der Probanden, sagt McGill Johnson, dass die Ergebnisse ganz den Erwartungen der Forscher entsprachen. "Weiße Frauen hatten in der Regel explizite Vorurteile gegenüber dem naturkrausen Haar schwarzer Frauen. Sie bewerteten es als weniger schön, weniger sexy und weniger professionell als glattes Haar", sagt sie. "Schwarze Frauen hatten dagegen eine deutlich positivere Meinungen von naturkrausem Haar – insbesondere Frauen, die Mitglied in der Community über naturkrauses Haar waren. Sie bewerteten die Bilder ingesamt sehr positiv. Als wir sie allerdings fragten, wie die Gesellschaft die unterschiedlichen Frauen bewerten würde, gingen sie davon aus, dass naturkrauses Haar von einem gewissen sozialen Stigma begleitet würde."

Der Bericht merkt auch an, dass schwarze Frauen im Vergleich zu weißen Frauen doppelt so häufig den Druck verspüren, ihre Haare vor der Arbeit zu glätten. Obwohl natürliche Haare immer beliebter werden, sagt McGill Johnson, "existiert nach wie vor diese fest verankerte Vorstellung, dass naturkrauses Haar nicht besonders professionell wirkt." Seit Jahrzehnten wurde die Selbstwahrnehmung schwarzer Frauen von dem vorherrschenden Normen glatter Haare beherrscht, sagt sie. "Seit Madam C. J. Walker in die Haarpflege-Industrie eingestiegen ist, neigen schwarze Frauen dazu, ihre Haare zu glätten, um sich in die breitere, weiße, vorherrschende Gesellschaft einzufügen."

Die Tragweite dieser Studie ist immens – vor allem für berufstätige Frauen. In den USA verdienen schwarze Frauen nach wie vor im Schnitt 11,7 Prozent weniger als ihre weißen Kolleginnen. Hinzu kommt, dass Gerichte in Teilen der USA entschieden haben, dass die Durchsetzung von Normen in Bezug auf die Haare keine Diskriminierung ethnischer Gruppen darstellt. In anderen Worten: Ein Arbeitgeber kann sich weigern, eine schwarze Frau einzustellen, wenn sie sich weigert ihre Dreads abzuschneiden. Studien zur Arbeitslage von schwarzen Frauen in Deutschland, gibt es nicht.

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Wie eine Frau ihre Haare tragen möchte, ist eine persönliche Entscheidung, die ihren persönlichen Stil widerspiegelt, sagt McGill Johnson. Die Tatsache, dass diese Entscheidung "zu Vorurteilen führen kann, hat weitreichende Folgen."

"Es wird viel Aufklärungsarbeit in weiten Teilen der arbeitenden Gesellschaft erforderlich sein", sagt sie weiter "Am Arbeitsplatz wollen wir schwarze Frauen das in unseren Augen beste Bild von uns abgeben. Wir wollen aber auch sicher sein können, dass wir weder aufgrund unseres Geschlecht, noch aufgrund unserer Hautfarbe oder unserer Haare negativen Vorurteile begegnen, die unserem beruflichen Ansehen oder dem Ansehen unserer Arbeit schaden könnten."