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"Ich bin in Tränen ausgebrochen": Die Wahrheit über Sexismus in Hollywood

Die Oscars mögen in diesem Jahr deutlich diverser gewirkt haben. Vier Frauen aus der Branche erzählen, warum die Filmbranche trotzdem ein Haifischbecken ist, in dem nur eine Gruppe überlebt: weiße Männer.

von Leila Hawkins
27 Februar 2017, 12:40pm

Photo by Aleksandar Novoselski via Stocksy

Die Zeit der Filmpreise ist wieder angebrochen und mit ihr auch die Zeit der alljährlichen Schlagzeilen über Geschlechterungleichheit und mangelnde Repräsentation. Tatsache ist, dass Frauen bei den diesjährigen Oscars kaum ausgezeichnet wurden und 80 Prozent der Nominierungen außerhalb der Schauspielerkategorien an Männer gingen. Doch hinter der Statistik verbergen sich ganz persönliche Geschichten von Frauen, die den fehlenden Fortschritt in der Filmbranche mit zunehmender Frustration beobachten und sich mehr und mehr gezwungen fühlen, etwas zu unternehmen und sich Gehör zu verschaffen.

So unterschiedlich wie die Positionen und die Frauen selbst, sind auch die Erfahrungen, die sie machen. Die Geschichten von den Schauspielerinnen Yancy Butler (Kick-Ass)und Alysia Reiner (Orange is the New Black), Melanie Wise (Mitbegründerin des Artemis Women In Action Film Festivals) und Maria Giese, Direktorin der American Civil Liberties Union und Speerspitze der Ermittlungen gegen die Diskriminierung in Hollywood, haben aber doch etwas gemeinsam.

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Die Diskussion um die Geschlechterungleicheit in Hollywood konzentriert sich häufig auf das Lohngefälle. Grund dafür: Bei einem Hackerangriff auf Sony im Jahr 2014 kam ans Licht, dass Jennifer Lawrence in American Hustle deutlich schlechter bezahlt wurde als ihre Filmpartner Christian Bale und Bradley Cooper. Allerdings ist auch dieses Thema innerhalb der Filmbranche nach wie vor ein Tabu. "Die Leute sprechen nicht über ihr Gehalt, aber ich weiß nicht, warum das so ein unangenehmes Thema ist", sagt Yancy Butler.

Die Schauspielerin tritt vor allem in Actionfilmen auf und musste sich seit dem Beginn ihrer Karriere in den 90er-Jahren immer wieder beweisen. Sei es bei Kämpfen und Fallschirmsprüngen oder neben Schauspielkollegen wie Wesley Snipes und Jean Claude Van Damme. "Einmal habe ich zu einem Mann, mit dem ich zusammengearbeitet habe, ganz unverblümt gesagt: 'Mich würde interessieren, wie viel sie dir zahlen?' Es war doppelt so viel wie das, was ich bekam, obwohl er nur halb so viel gearbeitet hat. Es war entmutigend."

Butler hat sich auch daran gewöhnt, knappe Kostüme mit fragwürdigen Sicherheitseigenschaften zu tragen – ganz egal, welchen Stunt sie hinlegen muss. "Es ist ziemlich schwierig, sich auszupolstern, wenn einem gesagt wird, dass man die ganze Zeit über bauchfrei rumlaufen soll. Ich musste meine Stunts schon oft ziemlich knapp bekleidet hinlegen und habe mich dabei natürlich vollkommen schutzlos gefühlt", erzählt Butler. "Ich mache mir auch definitiv mehr Sorgen, wenn ich in High-Heels rumrennen oder jemanden in Stilettos verprügeln soll."

Maria Giese arbeitet mit an der rechtlichen Untersuchung von Diskriminierung in Hollywood. Foto: Danny Liao

Allerdings, sagt sie, kommt das noch nicht einmal ansatzweise an einige ihrer schlimmsten Erfahrungen mit Diskriminierung ran. "Ich kann mich noch an eine schreckliche Geschichte erinnern, als ich fälschlicherweise beschuldigt wurde, mich zusammen mit einem Mann über jemanden ausgelassen zu haben. Was sie mit dem Mann allerdings nicht gemacht haben, war, ihm auf dem Parkplatz aufzulauern und ihn mit dem Rücken zum Wohnwagen in die Enge zu treiben."

Obwohl es kein körperlicher Übergriff war, sagt sie, war die Erfahrung, von drei Männern umzingelt zu werden, extrem beängstigend. "Ich kriege noch immer Gänsehaut, wenn ich daran denke. Das war eine Situation wie auf dem Schulhof." Alle 18 Crewmitglieder waren laut der Schauspielern überarbeitet, sie selbst habe sich zu keiner Situation mehr beschwert als andere. Trotzdem wurde sie von ihren Kollegen umzingelt und in die Mangel genommen. "Sie haben zu mir gesagt: 'Wenn du dich beschweren willst, dann geben wir dir etwas, worüber du dich beschweren kannst.' Ich bin in Tränen ausgebrochen und meinte: 'Bitte hört auf, mich anzuschreien.'"

Butler ist sich sicher: Wäre sie ein Mann, wäre ihr das nicht passiert.

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Im vergangenen Jahr wurde die Schauspielerin beim Artemis Women In Action Film Festival für ihre zahlreichen Auftritte als Actionheldin ausgezeichnet. Melanie Wise hat die Veranstaltung im Jahr 2015 ins Leben gerufen, um zu zeigen, wie viele verschiedene Frauen in Actionfilmen mitspielen – von Stuntfrauen bis hin zu den wahren Geschichten weiblicher Airforce-Pilotinnen im Zweiten Weltkrieg.

Laut Wise gibt es erschreckend wenig Filme, in denen Frauen die Hauptrolle spielen. Besonders deutlich zeige sich das im Action-Segment. "Wenn ein Film mit einer weiblichen Hauptrolle gut ankommt, dann gilt das als ziemlicher Glücksfall. Wenn Filme mit Männern in der Hauptrolle nicht gut beim Publikum ankommen, ärgert man sich kurz und geht danach einfach los und dreht den Nächsten. Frauen bekommen nicht die Chance zu scheitern und wenn sie scheitern, so wie Charlize Theron in Aeon Flux, dann heißt es immer, Frauen in Actionfilmen seien Gift für die Kinokassen. Doch das sind sie nicht – der Film war nur leider nicht besonders gut."

Dass starke weibliche Hauptrollen beim Publikum gut ankommen, zeigen Franchises wie Hunger Games oder Star Wars. "Doch obwohl wir wissen, dass es ein Genre ist, dass sich gut verkaufen und vermarkten lässt und darüber hinaus auch noch sehr profitabel ist, finden sie immer wieder Ausreden", sagt Wise. "Da kann man nur noch den Kopf schütteln und sich fragen: Was zur Hölle?"

Andere Frauen – wie die Regisseurin Maria Giese – sind bereits vor Gericht gegangen, um gegen die weit verbreiteten Vorurteile in der Industrie vorzugehen. "Es ist egal, wie kompetent oder begabt du bist. Wenn du eine Frau bist und keine Studio Features drehen möchtest, dann hast du eigentlich keine Chance. Es sei denn, du bist schon ein großer Star oder bist mit einem Filmmogul verwandt", erklärt die unabhängige Filmemacherin.

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Der Grund ist genauso simpel wie niederschmetternd. Hollywood fühlt sich nicht verpflichtet, Frauen einzustellen, weil dahinter ein riesiges Unternehmen steckt und es keine staatlichen Regulierungen gibt. Ungerechte Einstellungspraktiken bleiben ohne Folgen, obwohl sie gegen Artikel VII des amerikanischen Bürgerrechtsgesetzes verstoßen. Nach diesem Gesetz ist es verboten, jemanden aufgrund seiner Herkunft, seines Alters oder seines Geschlechts in Beschäftigung und Beruf zu diskriminieren.

Im Oktober 2015 hat sich Giese an die Equal Employment Opportunity Commission gewandt. Die US-amerikanische Bundesbehörde hat den Auftrag, gegen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt vorzugehen. Die von ihr gesammelten Fakten wurden zur Grundlage einer bundesstaatlichen Ermittlung, die im Februar 2017 abgeschlossen wurde. Das Ergebnis war, dass alle größeren Studios angezeigt wurden, weil sie keine weiblichen Regisseurinnen beschäftigten. Wenn sie nicht anfangen, mehr Frauen einzustellen, könnte ihnen ein großer Rechtsstreit bevorstehen.

Giese glaubt, dass es sich für einen durchaus rächen kann, sich für mehr Gerechtigkeit in der Filmbranche einzusetzen. "Hollywood funktioniert fast nur mit persönlichen Beziehungen. Man muss es sich also nur mit einer einzigen Person verscherzen und schon kommt man auf die schwarze Liste."

Sie selbst hat das allerdings nicht abgeschreckt. Für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Branche zu sorgen, ist ihr mittlerweile wichtiger als die eigene Karriere. "Ich hoffe, dass andere junge Frauen und Mädchen wie meine neunjährige Tochter in der Lage sein werden, als Regisseurinnen Karriere zu machen, ohne das Gefühl zu haben, dass sie benachteiligt werden. Wenn ich mein Ziel erreicht habe und Frauen eine faire Chance in dieser Branche bekommen, dann werde ich vielleicht einfach wieder meinem eigentlichen Beruf nachgehen und herausfinden, an welcher Stelle ich auf der schwarzen Liste stehe."

Alysia Reiner in "Orange is the New Black". Foto: Netflix

Alysia Reiner spielt die taffe Gefängnisdirektorin Natalie "Fig" Figueroa in Orange is the New Black und kann ebenfalls ein Lied von ungerechtigen Praktiken singen. Für sie ist das Beunruhigendste an der ganzen Sache, dass die sexistischen Strukturen Hollywoods nur selten bloßgelegt werden. "Ich bin sicher, dass ich schon einmal diskriminiert wurde und es noch nicht einmal mitbekommen habe", sagt sie. "Das ist das Schlimmste, weil es nicht transparent ist. Ich habe auch keine Ahnung, wie viel meine männlichen Kollegen verdienen."

Der Grund für die Ungleichbehandlung sieht sie auch in unterschwelligen Vorurteilen und dem Wunsch, so wenig Risiko wie möglich einzugehen. "Die Wahrheit ist, dass die meisten Menschen Leute engagieren, die sie bereits kennen oder die sie gewohnt sind", erklärt die Schauspielerin. "Niemand sagt bewusst, dass er keine Frau einstellen will. Wenn man die Männer in der Branche fragen würde, würden sie alle sagen: 'Das ist lächerlich, ich würde mit Frauen zusammenarbeiten.' Sie tun es aber meistens einfach nicht, weil sie sich an ihren Kumpels orientieren, die genauso aussehen und reden wie sie. Meistens sind das eben irgendwelche anderen weißen Männer."

Dass in diesem Jahr bei den Oscars in der Kategorie beste Regie und bester Film keine einzige Frau nominiert war, enttäuscht sie. Überrascht ist sie davon allerdings nicht: "Es spiegelt die Chancen von Frauen in der Filmbranche wieder."

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Genau aus diesem Grund machen immer mehr Schauspielerinnen ihre eigenen Filme und gründen ihre eigenen Produktionsfirmen. Reiner hat den Film Equity, den ersten Film über Frauen an der Wall Street, mit produziert, am Drehbuch mitgearbeitet und ist auch als Schauspielerin aufgetreten. Der Film wurde von Sony Pictures Classics gekauft, erhielt viele gute Kritiken und ist mittlerweile auf DVD und Video erhältlich – alles andere als ein Flop also. Dennoch sagt Reiner über die Regisseurin Meera Menon: "Wenn sie ein Mann gewesen wäre, hätte man ihr mittlerweile bestimmt einen Dreiteiler angeboten."

Reiner ist Mitglied von We Do It Together (WDIT), einer gemeinnützigen Filmproduktionsfirma, zu der auch Jessica Chastain, Juliette Binoche, Zhang Ziyi und Freida Pinto gehören. Gemeinsam möchten sie Filme und TV-Formate produzieren, die die Rolle von Frauen stärken.

"Wenn ich eine Journalistin wäre, würde ich momentan weniger versuchen, negative Geschichten zu erzählen", sagt sie. "Ich würde versuchen, davon zu erzählen, wie wir eine Veränderung herbeiführen können. Wir brauchen mehr positive Projekte. Das ist jetzt gefragt."

Die einzige Möglichkeit, eine Veränderung in Hollywood herbeizuführen? Sich Gehör verschaffen, seine eigenen Rollen kreieren und damit letztendlich für Gerechtigkeit zu sorgen. So sehen es zumindest die Branchenvertreterinnen, mit denen wir gesprochen haben.

"Wenn wir die mächtigsten Führungspersonen in Politik und Recht dazu bewegen können, das Problem anzugehen", sagt Giese, "dann werden auch all die anderen Themen wie reproduktive Rechte, Lohngerechtigkeit usw. mehr Unterstützung finden."


Foto: skeeze | Pixabay | CC0

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