Blut, Schweiß und 3 Prozent Körperfett: Fotos von echten Bodybuilderinnen
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Feminisme

Blut, Schweiß und 3 Prozent Körperfett: Fotos von echten Bodybuilderinnen

"Willst du Brüste oder willst du weiter trainieren?" – eine Frage, die sich echte Fitnessfreaks gar nicht mehr stellen. Wir haben britische Pumperinnen in ihren Studios besucht.
19.7.16

Unsere Körper sind ein wahres Wunder. Sie operieren in perfekter Harmonie vom Herzschlag bis zum Puls und von der Zellteilung bis zur Hormonausschüttung, ohne dass wir uns dessen überhaupt aktiv bewusst wären. Wir alle sind Wunder des Lebens, egal welche Form oder Gestalt wir haben. Für manche Frauen reicht es aber einfach nicht aus, bloß unter einer weichen, dicken Fleischschicht zu leben.

In den britischen West Midlands entwickeln Frauen eine neue Körperästhetik jenseits von Spray Tan, Zahnstocherbeinen und körperbetonten Kleidchen. Sie ackern sich stundenlang mit Gewichten ab und benchen, deadliften und squatten genau so viel (wenn nicht sogar mehr) wie ihre männlichen Pumperkollegen. Einige haben synthetisch mit Stereoiden nachgeholfen, wohingegen andere ihre Körper mit wissenschaftlicher Genauigkeit formen. Broadly hat mit fünf Frauen gesprochen, die durch Blut, Schweiß, Tränen und reine Muskelmasse das Unmögliche erreicht haben.

Alle Fotos: Hazel Gaskin

Dawn Shillingford, 38

Wann hast du mit dem Bodybuilding angefangen?
Letztes Jahr im September. Ich habe davor noch nie trainiert. Ich bin davor noch nie in einem Fitnessstudio gewesen.

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Wie hältst du dein Leistungslevel?
Zum Glück hat es mich noch nicht wirklich erwischt. Ich bin jetzt runter auf 3 Prozent Körperfett [der normale Körperfettanteil liegt laut dem Hamburger Institut für Sport- und Bewegungsmedizin e.V. bei Frauen zwischen 20-39 Jahren bei 21-33 Prozent] und fühle mich immer noch OK.

Wie hältst du die Waage zwischen Selbstbestrafung und Erfüllung deiner Ziele?
Es ist unglaublich schwer für mich. Ich bin sehr körperbewusst—nicht unbedingt dahingehend, was andere Menschen von mir denken, sondern mehr wegen mir selbst. Ich weiß, dass die Wettkampfrichter sagen werden: „Sie sind asymmetrisch", wenn ich auf die Bühne steige. Früher bin ich einfach so in einen Raum gekommen und habe nicht über meinen Körper nachgedacht, jetzt sehe ich jeden noch so kleinen Makel an mir.

Du bist eine gestandene Vielseitigkeitsreiterin, stammst also aus einem von Frauen dominierten Sport. Mit Bodybuilding hast du dich jetzt in ein testosterongeladenes Umfeld begeben. Gab es dafür einen bestimmten Grund?
Ich bin mit Brüdern aufgewachsen und habe viele männliche Freunde, ich betrete hier also keine völlig fremde Kultur. Komischerweise sind es mehr Frauen, die mich zu meinem Muskelaufbau beglückwünschen. Frauen sind immer diejenigen, die mir sagen, dass ich toll aussehe. Sie scheinen die harte Arbeit, die ich in mein Training stecke, viel mehr wertzuschätzen.

Wie sieht ein typischer Trainingstag für dich aus?
Wenn ich mich auf einen Wettbewerb vorbereite, mache ich morgens Cardiotraining. Dann komme ich am Abend zurück ins Studio und trainiere Gewichte und verschiedene Körperteile—je nach Wochentag. Am Ende gibt es dann noch mehr Cardio. Die Gewichte machen mir am meisten Spaß.

Heather Cowley, 51

Wann hast du mit dem Krafttraining angefangen?
Ich habe immer schon gerne Sport gemacht. Das lag vor allem daran, dass ich in der Schule gehänselt wurde. Ich liebte Wettkämpfe, weil ich dadurch aus dem Kassenzimmer kam.

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Auf was für Männer stehst du?
Er muss Muskeln haben. Ich bin lange Single gewesen. Mit meinem vorherigen Partner war ich 12 Monate zusammen. Als ich merkte, dass es zwischen uns nicht passt und deswegen weg wollte, ist er sauer geworden und hat alles auseinandergenommen. Das ging so weit, dass ich Angst vor ihm hatte. Ich musste die ganze Sache auch vor meinem Sohn fernhalten, der damals noch klein war. Ich habe das alles für mich behalten.

Wie bist du am Ende aus der Sache rausgekommen?
Er hat mir ein Messer gereicht und gesagt, dass ich mich umbringen soll. Ich sei wertlos. Dann hat er mich geschlagen. Weil ich eine erfahrene Kampfsportlerin bin, habe ich ihm einen derartigen Tritt verpasst, dass er einmal durchs Zimmer geflogen ist. Dann habe ich ihm gesagt, dass er aus meinem Haus verschwinden soll, und er ist einfach gegangen. Ich habe danach wieder richtig mit dem Fitnesstraining angefangen. So habe ich die Geschichte auch verarbeitet.

Welche Frauen haben dich in deinem Leben am meisten inspiriert? An allererster Stelle ist da meine Mutter. Dann wären da noch [die Fitness-Models und Bodybuilderinnen] Oksana Grishina, Dana Linn Bailey, Nicole Wilkins und Larissa Reis.

Donna Gittings, 30

Erinnerst du dich noch an dein Gefühl, als du das erste Mal in den Raum mit den Gewichten gekommen bist?
Ich bin überhaupt nicht an die Gewichte, bis ich meinen Freund Tony kennengelernt habe. Durch ihn hat sich für mich alles geändert. Ich war besessen von Cardio und Bauchmuskeln. Ich war zu dünn. Ich hatte mein Essen extrem eingeschränkt, weil ich durch meine Babys so viel Gewicht zugenommen hatte. Ich sah krank aus.

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Ich finde es schön, eine Frau zu sehen, die ihren Körper so formt, dass sie selbst auf ihn stolz ist. Ohne sich nach klischeehaften Idealen zu richten.
Fitnessfrauen werden heutzutage immer mehr. Männern gefällt vielleicht nicht immer, wie du aussiehst, aber sie merken eindeutig, dass du über die Willenskraft verfügst, solche Muskeln aufzubauen. Sie wissen deine Hingabe mehr zu schätzen als vielleicht dein Aussehen. Negatives gibt es immer zu hören. Internettrolle sind die Schlimmsten.

Sind Kuren [Steroide] bei euch im Fitnessstudio üblich?
In unserem Studio hat niemand ein Problem mit Steroiden. 85 Prozent der Leute hier finden es OK.

Wie stehst du selbst dazu?
Ich habe bereits welche genommen und bin generell auch sehr offen dafür. Ich habe mit Steroiden angefangen, weil ich bei Wettkämpfen mitmachen wollte. Viele Frauen geben nicht zu, dass sie Steroide nehmen. Sie können es noch so hartnäckig abstreiten, man wird das einfach merken. Ihre Stimme verändert sich und sie werden viel vaskulärer.

Injizierst du oder nimmst du Tabletten?
Beides.

Wie schläfst du vor einem Wettkampf?
Nicht besonders gut. Man ist ziemlich hungrig und extrem durstig. Ich höre mit Flüssigkeiten um etwa 18 Uhr [am Vorabend] auf und der Wettkampf ist nicht vor 14:00 Uhr. In der Vorbereitungsphase erhöhst du deine Wassereinnahme aber erst einmal. Tony kann zehn bis zwölf Liter am Tag trinken. Dadurch verlierst du mehr überschüssige Wasser, wenn du dehydrierst. Ich nehme außerdem Diuretika.

Fühlst du dich jetzt schöner?
Nein, das würde ich nicht sagen. Ich würde noch nicht mal sagen, dass ich jetzt selbstbewusster bin. Es ist einfach anders. Früher bin ich ausgegangen und habe Alkohol getrunken. Das tue ich jetzt nicht mehr. Ich esse viel mehr und unser Leben dreht sich größtenteils ums Fitnessstudio. Wir werden viel wegen unserem Steroid-Gebrauch angefeindet. Die Leute sagen: „Warum tut ihr das eurem Körper an?" Aber wir rauchen nicht, wir trinken nicht und wir essen keinen Scheiß.

**Victoria Brown, 29 *Fitness muss für deine Identität als Wettkämpferin in der Bikini-Klasse und Personal Trainerin ziemlich wichtig sein. Gibt es bestimmte Körperziele, die du erreicht hast, die deinem Selbstbewusstsein einen Schub verpasst haben?***
Definitiv. Mein Freund hat mir dabei geholfen. Er trainiert hart. Er meinte zu mir, dass er nie wirklich mit Mädchen geflirtet hat, bis er mich getroffen und auf ein Date ausgeführt hat. Die Wettkämpfe helfen, aber man muss vorsichtig sein. Wenn die Richter fragen, ob man Feedback möchte, kann man auch ablehnen. Ich weiß, dass ihnen vielleicht Makel auffallen würden, also lehne ich ab.

Was hältst du von extrem dünnen Frauen—Topmodels und so—, die ja quasi das andere Ende des weiblichen Körperspektrums sind?
Die haben ihre eigenen Ziele. Ihr Look ist total anders als der einer Bodybuilderin. Ich weiß, dass man bei der Mentalität, die im Bodybuilding herrscht, leicht eine Essstörung bekommen kann. Der Versuch, sich für den Laufsteg dünn zu halten, ist genau so gefährlich, wie sich für die Bikini-Wettbewerbe dünn zu halten. Es ist das gleiche Spiel. Wir sehen nur anders aus.

Wie viel spürst du von dem Druck, deine Muskeln auf einem gewissen Stand zu halten?
Es wäre wundervoll, das ganze Jahr mit einem Waschbrettbauch rumzurennen. Ich gehe gerne mit Freunden was essen und trinken. Man braucht diesen Ausgleich einfach. Wenn du nicht wieder mit vernünftigem Essen anfängst, kannst du deinem Stoffwechsel schaden. Dein Kortisonlevel und deine Hormone müssen sich in einem sicheren Bereich bewegen.

Tabitha Luke Mcclean, 45

Du arbeitest als Personaltrainerin und trainierst selbst das ganze Jahr über, um in Topkondition zu bleiben. Was machst du gegen Müdigkeit?
Jetzt, da ich älter bin, verstehe ich meinen Körper besser als früher. Damals habe ich mich auf Kaffee verlassen. Der Nachteil davon ist, dass es deinem Körper dadurch nicht besser geht. Ohne die richtige Ernährung kannst du nämlich nicht trainieren.

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Sind Schönheitsoperationen unter Bodybuilderinnen weit verbreitet?
Ja. Brustvergrößerungen sind beliebt. Die Sache ist allerdings, dass sie viele Menschen aus ihrem Plan hauen, weil sie nach der Operation erst mal zwei Monate nicht trainieren können. Du musst eine Entscheidung treffen: Willst du Brüste oder willst du weiter trainieren? Wenn du dir Zeit für die Genesung nimmst, verringerst du deine Kraft.

Macht dir der Irrglaube, dass Frauen nicht so stark wie Männer sind (oder das muskulöse Frauen nicht attraktiv sind) zu schaffen?
Ich bin eine Frau, aber stark und starrsinnig. Ich will nicht wie ein Mann aussehen. Deswegen nehme ich auch keine Steroide. Ich will nicht diesen Quadratkiefer, den Frauen wegen der Hormonumstellung bekommen. Ich will eine starke Frau sein, kein Typ. Wir sind auf unterschiedliche Arten stark. Es geht einfach nur darum, gesund fit und stark zu werden und sich gegenseitig dabei zu motivieren.

Besonderen Dank auch an David Lloyd Worcester.