Nicht-Weiße erzählen, wie sie beim Daten Rassismus erleben

"Mir wird oft gesagt, dass ich eine 'interessante Mischung' sei. Das klingt so, als wäre ich eine Hunderasse."

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02 Februar 2018, 2:20pm

Paola, 21 | Foto: Privat

Auf Dating-Apps verpassen sich die meisten Leute ein Image, das sie in ihren Augen besonders begehrenswert macht: "schütze ehrenamtlich Koalabären", "restauriere Literaturklassiker" oder "rette in meiner Freizeit die Welt". Dass jemand ein rassistisch geprägtes Weltbild hat oder einen Fetisch für Menschen aus anderen Kulturkreisen, würden wohl wenige als Pickup-Strategie benutzen. Trotzdem denken manche, dass "Komplimente" über die Ethnie ihres Dates der beste Weg zum sexuellen Erfolg seien. Obwohl sie wissen sollten, dass es nichts anderes als ein rassistisches Vorurteil ist, Leuten wegen ihrer Herkunft Intelligenz, musikalische Begabung oder einen besonders langen Penis zu unterstellen.

Wir haben Menschen gefragt, ob sie beim Daten aufgrund ihrer Herkunft anders behandelt werden.

Wala, 23

Foto: Marvin Xin Ku

VICE: Wirst du oft angeflirtet, weil dich Typen für "exotisch" halten?
Wala: Ja, meistens finden sie meinen Namen interessant. Wenn sie fragen, woher er kommt, sage ich nur "aus Syrien", und dass es eine komplizierte Geschichte ist. Dann sagen sie: "OK, ich hab Zeit!"

Viele Typen wundern sich auch, warum ich so gut Deutsch spreche. "Weil ich seit 18 Jahren hier lebe", sage ich dann. Ich bin in Syrien geboren, als wir ausgewandert sind, gab es noch keinen Bürgerkrieg. Meine Eltern wollten einfach, dass wir hier eine bessere Zukunft haben. Viele vermuten, dass alle Syrer nach Deutschland geflüchtet sind. Ich bin in einer Kleinstadt in Niedersachsen aufgewachsen, wir hatten nur Deutsche um uns herum.

Wie reagierst du, wenn ein Typ denkt, dass du auch geflüchtet bist?
Mich nervt es. Sobald die Typen wissen, dass ich aus Syrien komme, wollen sie alles wissen: ob ich dort noch Familie habe und ob denen etwas passiert ist. Viele fragen auch übervorsichtig, wie wir hergekommen sind. "Mit dem Flugzeug", sage ich dann.

Ich bin offen für das Thema Flüchtlingskrise. Es ist nur komisch, wenn der Typ anfängt, Fakten und Meinungen rauszuhauen, obwohl er nur Bruchstücke dessen kennt, was in den letzten Jahren passiert ist. Dann muss ich ihm im Club schreiend den Syrienkonflikt erklären. Das ist mir schon zwei, drei Mal beim Ausgehen passiert.

Findest du das rassistisch?
Irgendwie schon. Wenn du chinesisch aussiehst, wirst du auf deine Schlitzaugen reduziert, Syrer eben auf das Thema Krieg und Flüchtlinge. Dass ich offensichtlich nicht "deutsch" aussehe, reicht den meisten, um mich anzusprechen. Klar fühlt man sich als Frau wohl, wenn sich dein Date für dich interessiert. Aber wieso fragen Typen mich nach dem Bürgerkrieg und nicht, ob wir mal was trinken wollen?

Paola, 21

VICE: Wie oft wirst du bei Dates auf deine "Herkunft" angesprochen?
Paola: Ich werde meistens angesprochen, weil ich "anders" aussehe. Die erste Frage ist immer woher ich komme, dann wie ich heiße. Einmal erzählte ich einem Typen, dass ich Halbchinesin bin und er meinte: "Oh, so you're a bastard?" Mir wird auch oft gesagt, dass ich eine "interessante Mischung" sei. Das klingt so, als wäre ich eine Hunderasse.

Gibt es Männer, die dich nur deswegen ansprechen?
Ja, sehr viele. Auch, weil es so viele Klischees gibt zu asiatischen Frauen: Auf Pornoseiten gibt es die Kategorie "Asian", wo man nur niedliche Schulmädchen sieht. Viele denken, dass ich Klavier spiele, Klassenstreber war und extrem strenge Eltern hatte. Das trifft aber bei mir nur teilweise zu. Ich werde auch mit Koreanern, Japanern oder Vietnamesen in einen Topf geworfen. Vielen Männern ist es egal, dass die Kulturen sich unterscheiden.

Kaum jemand sagt, dass er mich wegen meiner Wurzeln treffen will. Einige geben aber auch zu, dass sie mich nur deswegen angesprochen haben. Am Anfang dreht sich ja vieles ums Äußerliche.


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Sind das spezielle Typen, die dich wegen deines Aussehens ansprechen?
Es gab mal einen Jungen, der mit meinen zwei jüngeren Schwestern auf einer Schule war. Er stand auf meine mittlere Schwester, sie hatte aber kein Interesse. Als sie nach dem Abi nicht mehr auf der Schule war, hat er es bei meiner jüngsten Schwester versucht. Die ließ ihn auch abblitzen. Irgendwann schrieb er mich über Facebook an. "Du siehst interessant aus und ich würde dich gern kennenlernen." Er wusste nicht, dass ich die älteste Schwester war. Meine Schwestern haben ihn daraufhin konfrontiert, wieso er nur asiatische Frauen anschreibt. Er stritt das ab.

Ein Typ hat mich sogar mal auf einem Geburtstag als "die Asiatin" vorgestellt. Da war ich richtig sauer, weil er mich nur auf mein Äußeres reduzierte. Ich fühle mich auch nicht richtig "asiatisch" oder "chinesisch". Ich bin in Berlin geboren, wir sprechen zu Hause kein Chinesisch und ich habe kaum Kontakt zu meinen Verwandten in China.

Gabriel*, 32

Foto: Privat

VICE: Wirst du bei Dating-Apps anders angeflirtet, weil du nicht weiß bist?
Gabriel: Als ich noch Dating-Apps benutzt habe, habe ich solche Erfahrungen gemacht. Grindr habe ich eher selten genutzt, weil das zu stark auf Sex fokussiert ist, aber bei Gayromeo haben viele Männer bereits in den ersten Nachrichten geschrieben, dass sie "meine exotische Herkunft" reize. Mich hat total abgeturnt, dass das offensichtlich das Hauptkriterium für die Kontaktaufnahme war. Man will sich ja als Gesamtpaket kennenlernen und nicht nur auf seine Herkunft reduziert werden.

Woran hast du gemerkt, dass die Männer dich exotisiert haben?
In den ersten Nachrichten hieß es oft "Woher kommst du?" oder "Du bist genau mein Fall" – ohne mich überhaupt zu kennen. Ich habe das dann immer abgebrochen, mir war das zu oberflächlich.

Ist es beim analogen Dating anders?
In Clubs oder generell beim Weggehen habe ich solche Erfahrungen nicht gemacht, aber ich hatte mal eine Beziehung, in der der Typ ein diskriminierendes Verhalten an den Tag gelegt hat. Das war ein schleichender Prozess, bis ich es realisiert habe. Ich hatte einen Job, der mir nicht gefallen hat, und er hat mich in seine Firma reingebracht. Vom ersten Tag an hat er allen erzählt, dass ich sein Freund sei. Ihm war es immer total wichtig, dass wir zusammen gesehen werden: Es war, als würde er mich wie eine Trophäe rumzeigen. Irgendwann hat er mir auch Kleidung oder Accessoires gekauft, die ich anziehen sollte, obwohl sie überhaupt nicht meinem Stil oder meiner Preisklasse entsprachen. Nach anderthalb Jahren bin ich zu ihm gezogen und eines Morgens bin ich aufgewacht und habe gemerkt, dass ich total assimiliert war.

Inwiefern?
Ich war so etwas wie sein Püppchen: Ich habe bei ihm gewohnt, seine Klamotten angezogen, in seiner Firma gearbeitet und war einfach nicht mehr ich. Die Tatsache, dass ich schwarz bin, hat er immer besonders betont. Die Leute sollten wissen, dass wir ein ethnisch gemischtes Paar sind. Er war ein total lieber Typ, aber er hat so eine Art Hilfsprojekt aus mir gemacht – vielleicht auch ein bisschen mit dem Hintergrund: "Seht her, ich bin der weiße Retter und habe dem armen schwarzen Jungen einen Job und eine Wohnung gegeben."

Makiil, 30

Foto: Marvin Xin Ku

VICE: Wie oft wirst du bei Dates auf deine Herkunft angesprochen?
Makiil: Es kommt schon oft vor beim Smalltalk. Da ist die Herkunft ein Gesprächseinstieg. Ich finde das OK. Manche stellen deswegen aber direkte Vermutungen zu meinem Charakter an. Ich hatte mal ein Date mit einer Mexikanerin. Wir haben uns bei einem Späti auf ein Bier getroffen und sie fragte direkt: "Ich dachte, Türken trinken kein Bier." Da habe ich erstmal geschmunzelt. Ich komme aus dem Libanon. Schwarze Haare, dunkler Teint – da ist man in Berlin automatisch Türke. Ich dachte sie würde da sensibler unterscheiden, weil sie auch einen Migrationshintergrund hatte.

Hat sie dich aufgrund dieser Stereotype gedatet?
Nein, das hatte ich nur ein Mal. Das Date war Amerikanerin und wollte auf einen Tee vorbeikommen. Ich war frisch nach Berlin gezogen, es war mein erstes Date hier. Wir saßen in der Küche und haben uns unterhalten. Ich erzählte gerade irgendwas, da unterbrach sie mich und sagte: "Makiil, let's go to your bedroom so you can teach me some Arabic."

Wie hast du darauf reagiert?
Ich war da ziemlich angepisst. Nicht weil sie diese Vorliebe hat, sondern weil ich sie erst kennenlernen wollte und sie so machohaft reagiert hat. Klar habe ich mich gefragt, nach welchen Kriterien sie mich ausgesucht hat, aber anfangs habe ich nicht weiter drüber nachgedacht. Wenn es in Richtung Beziehung ginge, hätte ich aber ein Problem damit, wenn sie mich nur wegen ihres Faibles für Araber datet.

Wieso?
Klar stehen manche Frauen auf südländische Typen. Mich schreiben auch manchmal verheiratete arabische Frauen an, nur weil ich Araber bin. Viele von ihnen fühlen sich unschuldiger, wenn sie einen Moslem anflirten, statt einen weißen Mann. Das gibt keine offen zu, aber ich merke es durch Andeutungen, beispielsweise wenn sie möchte, dass wir nur Arabisch sprechen. Ich finde, dass diese Bevorzugung auch eine Form von Rassismus ist. Bei Verheirateten geht es aber nicht über einen Flirt hinaus.

Nana, 27

Foto: Anelia Janeva

VICE: Erfährst du beim Daten Vorurteile, weil du nicht weiß bist?
Nana: Manche Männer fragen mich, ob ich "typisch libanesisch" sei. Sie denken, dass meine Eltern streng sind und ich Brüder und Cousins habe, vor denen sie Angst haben sollten. Das machen Typen aller möglichen Herkünfte, Deutsche wie Araber. Viele sind der Meinung, dass arabische Frauen keine Rechte haben. Das ist natürlich Quatsch: Es gibt immer solche und solche Fälle. Bei den Europäern legt sich die Fragerei nach einer Zeit, bei arabischen Männern wird es öfter thematisiert. Es ist schon anstrengend, deshalb habe ich privat auch nicht soviel mit Arabern zu tun.

Reduzierst du die Männer dann nicht auch auf ihre Herkunft?
Ja, das mag schon sein. Da habe ich mich jetzt selbst dabei ertappt.

Wie oft flirten dich Leute nur aufgrund deiner Herkunft an?
Oft. Die Männer fragen dann sowas wie: "Oh, du siehst interessant aus, woher kommst du?" Im Internet ist es besonders krass, vor allem, weil meine Fotos etwas freizügiger sind. Ich werde ständig angeschrieben: "Hey, kann man dich kennenlernen? Bist du Libanesin?" Oft sind es orientalische Männer, die über die Herkunft connecten wollen.

Nervt dich das?
Es nervt, wenn ich jemanden kennenlernen will und immer erst dieselben Fragen beantworten muss: Ist deine Familie streng? Warum darfst du Tattoos haben? Darfst du überhaupt mit einem Mann zusammenwohnen? Ich werde oft so dargestellt, als wäre ich kurz davor, von meinen Eltern verstoßen zu werden, weil ich Araberin bin und einen westlichen Lebensstil führe, dabei sind mein Vater und meine Mutter selbst null konservativ – eher die, die die Fragen stellen.

*Name geändert

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