Was der Livestream zu einer "Merkel muss weg"-Demo über Rechte offenbart

Zweieinhalb Stunden Holocaust-Leugnen, alternative Fakten, Deutschlandfähnchen und Sextipps.

|
Feb. 28 2018, 1:02pm

Johannes Thiesen (links), Oliver Flesch (Mitte), Serge Menga (rechts), der für ein kurzes Interview eingeblendet wurde (er ist nicht bei der AfD, hat aber schon Reden für sie gehalten) || Alle Fotos: Screenshots YouTube 

"Marie, bist du eigentlich Single?" Die Frau mit den langen, dunklen Haaren zögert kurz, dann sagt sie: "Ehm, ja." Oliver Flesch, der Mann mit der schwarzen Mütze, grinst: "Wie kommt das, so eine schöne Frau?" Marie-Thérèse Kaiser guckt irritiert auf den Boden, als denke sie sich gerade eine Punchline für ihren zähen Tinder-Chat aus. Doch sie geht heute nicht mit Flesch in die 20-Uhr-Vorstellung von Shades of Grey, sondern für ihn auf die rechte Demo "Merkel muss weg" auf dem Hamburger Gänsemarkt. Während er zu Hause den Livestream für seinen rechten YouTube-Channel moderiert, berichtet sie live zugeschaltet vor Ort vom Protest. "Ich weiß auch nicht, warum ich Single bin", sagt Marie-Thérèse Kaiser und schaut in die Kamera, "vielleicht, weil ich so ein rechtsradikaler Nazi bin?"


Auch bei VICE: Bei einem Treffen europäischer Nationalisten


Seit Anfang Februar treffen sich jeden Montag Demonstranten in der Hamburger Innenstadt, um gegen die Bundeskanzlerin zu skandieren. Ebenso lange kommen auch die Antifa und andere Linke zum Gegenprotest, zuletzt waren fast 1.200 Polizeibeamte im Einsatz, um die Situation zu überwachen. An der Demo am vergangenen Montag nahmen laut Einschätzung der Polizei 250 Protestler – und 870 Gegendemonstranten teil. Um zu zeigen, wie politisch unaufgeregt die Merkel-Feinde sind, streamen Oliver Flesch und Johannes Thiesen zwischen Topfpflanzen und Büromöbeln aus ihren Wohnzimmern, während Marie-Thérèse Kaiser und ihr Kameramann unter den unzufriedenen Bürger nach Interviewpartnern suchen, die diese These belegen.

Darüber, wie es vor vier Wochen mit "Merkel muss weg" angefangen hat, gibt es unterschiedliche Geschichten: Auf rechten Blogs gibt sich die Aktivistin Uta Ogilvie als Initiatorin der Demo aus. Sie sagt, sie habe sich spontan mit einem pinken Schild ans Ufer der Alster gestellt und protestiert. Doch die Geschichte glauben nicht alle: Am Montag berichtete der NDR, der Bundesverfassungsschutz vermute Rechtsextremisten hinter den Demos. Die Personen, die die Aufmärsche angemeldet haben, seien nur eine Ablenkung, so der Verfassungsschutz: "Die eigentlichen Initiatoren haben nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes zum Teil einen Vorlauf in rechtsextremistischen Strukturen und entstammen auch dem Türsteher- und Althooligan-Milieu."

Marie-Thérèse Kaiser und Oliver Flesch haben andere Backgrounds: Sie modelt, war 2015 "Miss Norderney", er war früher Redakteur bei Bild und der Berliner Morgenpost. Mit ihrem politischen Einsatz wollen sie Deutschland retten und "die Wahrheit" verbreiten. Immer wieder benutzen die beiden den Begriff. Zur Demo kämen vor allem normale Bürger, erklärt Kaiser, während die Menge im Hintergrund mit Deutschlandfahnen schwenkt und "Merkel muss weg" in die Kälte schreit. Eigentlich sei es doch die Antifa, die vom Verfassungsschutz beobachten werden müsse, findet sie. Doch die nächsten Stunden ihres Livestreams offenbaren ein anderes Bild.

Holocaust-Leugner sind nur Irrlichter auf der Suche nach der Wahrheit

Marie-Thérèse Kaiser präsentiert den ersten Interviewpartner, einen etwa 50-jährigen Mann, der in seiner schwarzen Montur aussieht, als könne er auch im Block der Linksradikalen mitmarschieren.

Der Mann erklärt, dass er eigentlich gar nicht wegen Merkel da sei. Die Bundeskanzlerin sei "nur eine Schachfigur" von "Bilderberg und anderen Organisationen". Der Mann sagt, er verfolge ein größeres Ziel: Er wolle die Wahrheit über die deutsche Geschichte aufdecken, denn sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg haben die alliierten Mächte Lügen verbreitet. Obwohl sich die Richtung des Interviews spätestens hier andeutet und die beiden Moderatoren vorher minutenlang beteuert hatten, dass der Verfassungsschutz keine Grundlage für die Beobachtung habe, forscht Kaiser weiter nach.

In der Facebook-Veranstaltung zur Demo wird zur Mäßigung aufgerufen

"Wir müssen endlich darüber reden, was damals wirklich passiert ist", sagt der Mann. Wenn man über Geschichte offen debattieren könne, dann werde man auch herausfinden können, "dass alles erstunken und erlogen ist". Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem alleine hat die Namen von vier Millionen jüdischen Opfern des Holocausts dokumentiert, Schätzungen gehen von insgesamt über sechs Millionen Opfern aus, weitere sieben Millionen Menschen wurden Opfer deutscher Kriegsverbrechen, wie Euthanasieprogrammen, Zwangsarbeit oder sie starben in Kriegsgefangenschaft. Trotzdem stellen Rechte wie der Demonstrant, aber auch der AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon, diese Tatsachen immer wieder infrage oder versuchen, sie zu relativieren.

Oliver Flesch, der auf seinem Channel neben Ausländerhetze auch seinen Weltrekordversuch im BH-Öffnen postet, greift in das Interview ein – auch weil er und Johannes Thiesen den Stream "legal halten" wollen. "Das können wir so nicht stehen lassen", sagt Flesch. "Mir ist klar, dass da viel gelogen wurde, nichtsdestotrotz haben da grausame Verbrechen stattgefunden – von Deutschen befohlen." Sein Einwand wirkt weniger wie eine Distanzierung von nationalsozialistischem Gedankengut als wie eine rechtliche Notwendigkeit. Denn schnell ist er wieder beim Lieblingsthema der Rechten: "Kriegsverbrechen dürfen nicht geleugnet werden", sagt er, "aber auch nicht die, die an Deutschland verübt wurden – Dresden, Berlin." Der Deutsche als Opfer, denn "das wird man ja wohl noch sagen dürfen", ist die einfachste, wenn auch geschichtsvergessenste Methode, Menschheitsverbrechen zu relativieren.

Linke im Freundeskreis sind noch immer besser als die SPD in der Regierung

An der Jacke von Marie-Thérèse Kaisers zweitem Interviewpartner prangt eine handgroße schwarz-rot-goldene Fahne. "Das ist meine erste Demo", erklärt er ihr aufgeregt, er sei extra aus Hessen angereist, um im "Antifa-verseuchten Hamburg" zu protestieren. Dann erzählt er, warum er heute mit den Rechten protestiert.

Früher habe er selber SPD gewählt, aber er fühle sich nicht mehr richtig vertreten, sagt er, sogar mit seinen linken Freunden könne er besser diskutieren. Wenn Teilnehmer einer rechten Demo so etwas sagen, muss es schon sehr schlimm sein.

Er habe sich zwar nicht so mit der Großen Koalition beschäftigt, sagt er, aber es werde eine geben und die Parteien bringen sie durch – egal wie: "Ob jetzt alle mit Nein stimmen und am Ende doch Ja gesagt wird, die GroKo kommt." Er wirkt wie einer der vielen Menschen, die von den etablierten Parteien enttäuscht sind – und dann mit Hilfe der Untiefen des Internets auf der dunklen Seite gelandet sind.

Mit seinen Zweifeln an der Demokratie offenbart auch er eine bemerkenswerte Affinität für alternative Fakten. Der SPD-Mitgliederentscheid ist eine Form der direkten Demokratie – auch wenn Hunde (sorry Bild) nicht abstimmen dürfen. Kaisers Gesprächspartner hält aber auch diese Wahl für eine Inszenierung. In seiner Wahrheit ist die gelebte Demokratie so weit von den Bürgern entfernt, dass sie sich nur noch mit wütenden Parolen wehren können.

Dann sagt er etwas, das tatsächlich stimmt: "Wichtig ist, dass man miteinander redet, das gibt es gerade nicht mehr. Deswegen sind hier viele Menschen, die aus der normalen Mitte kommen." Genau das bereitet dem Verfassungsschutz Sorgen: Weil in der Facebook-Veranstaltung zu Mäßigung aufgerufen werde, nähere sich die Veranstaltung dem bürgerlichen Lager an. Ein Teil der Versammlungsteilnehmer käme aber eben nicht aus dem bürgerlichen, sondern dem rechtsextremistischen Milieu, so der Verfassungsschutz. Deshalb wurden die Ermittlungen aufgenommen.

Marie-Thérèse Kaiser war früher Miss Norderney, heute will sie Deutschland retten

Eine klare Diskriminierung, finden die Rechten. Kurz nach dem Interview berichtet Kaiser, ein Mann "vom Staatsschutz" habe den Gesprächspartner aus den Reihen der Protestierenden gezogen und seine Personalien aufgenommen. "Das gibt es doch nicht!", schreit Oliver Flesch entzürnt. "Ein schlechtes Zeichen für die Demokratie", sagt Marie-Thérèse Kaiser. "Frag den Staatsschutz, was denen einfällt, Bürger zu belästigen. Traust du dich das?", will er wissen. Als sie sich auf den Weg macht, sagt er: "Super, das ist meine Marie." Und gibt Anweisungen: Wenn sie ihn finden könne, solle der Kameramann "draufhalten". Den Mann vom Staatsschutz findet sie allerdings nicht mehr.

In einer perfekten Welt wären rechte Frauen mehr wie homosexuelle Männer

Wenn Politiker mit vereinfachten Lösungen für komplexe Probleme werben, nennt man das populistisch. Wenn Rechte sich aus simplen Theorien eine neue Welt zusammenbauen, nennen sie es "die Wahrheit". Und weil er diese ausspreche, so Oliver Flesch, beobachten ihn der Verfassungsschutz "und andere Organisationen", welche genau, will er nicht sagen. Flesch hetzt nämlich nicht nur gegen Asylbewerber und öffnet einen BH mit verbundenen Augen, sondern schreibt auch Beiträge darüber, "wie man Frauen süchtig fickt".

Nun fühlt der selbsterklärte Sexperte sich wegen eines solchen Artikels unter Beobachtung: "Mein Artikel 'Warum Frauen wie Schwule sein sollten' kam bei denen nicht so gut an", sagt er, nachdem der zweite Interviewpartner vom Staatsschutz befragt worden sein will. Oliver Fleschs Meinung nach werde er wegen eines Artikels beobachtet, den er im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. In einem Gastbeitrag für ein Männermagazin fordert er Frauen auf, sich mehr wie homosexuelle Männer zu benehmen, damit Hetero-Männer "mehr zu vögeln" bekommen. "Schwule knattern ja wie verrückt", so lautet jedenfalls Fleschs verallgemeinernde Annahme. Einer Schweizer Umfrage zufolge hatten die homosexuellen Befragten mit 14,7 tatsächlich mehr als doppelt so viele Sexpartner wie heterosexuelle Männer und Frauen. Wenn Oliver daraus herleitet, dass Hetero-Frauen einfach mehr wie Homo-Männer sein sollten, ist das ein ungefähr so zielführender Vorschlag wie jener, dass er einfach selber Sex mit homosexuellen Männern haben könne.

Kurz bevor die Polizei die Demo beendet, skandiert die Menge im Hintergrund plötzlich "Nazis raus!"."Das sind unsere Leute, die das der Antifa zurufen", ruft Marie-Thérèse Kaiser. Sie wirkt begeistert und findet es "sehr cool", dass die Demonstranten sich so deutlich positionieren.

Hört man Oliver Flesch, Johannes Thiesen und Marie-Thérèse Kaiser bei ihrem gut zweieinhalbstündigen Livestream zu, klingt es, als stecke hinter allem eine Verschwörung, was nicht ihrer Meinung entspricht. In ihrer Welt sind die Gegendemonstranten die Bösen, der Holocaust-Leugner ein Mann, der sich für eine gute Sache einsetzt, und der Staat ein intransparentes Lügengebilde. Aber auch dafür haben die drei eine einfache Lösung: Der Verfassungsschutz könne ja einfach einen eigenen YouTube-Channel starten und transparent berichten. Wenn der Verfassungsschutz den Vorschlag annimmt, können wir vielleicht schon bald verdeckte Ermittler dabei beobachten, wie sie blind einen BH öffnen.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Mehr VICE
VICE-Kanäle