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Deshalb ist 'Die Sims' eines der erfolgreichsten Jazz-Alben der Musikgeschichte

Noch heute ruft der Soundtrack der 'Sims' bei Millionen Menschen Erinnerungen an unbeschwerte Zeiten hervor. Wir haben mit den Komponisten der Musik gesprochen, die uns noch heute bis spät in die Nacht zum Häuserbauen anregt.

von Alex Robert Ross
15 März 2018, 12:41pm

Screenshot: The Sims 

Vor fast zwanzig Jahren saß Jerry Martin in seinem Garagen-Studio in der Nähe von San Francisco vor einer großen Aufgabe: Er sollte einen Soundtrack komponieren, der so unauffällig und doch so entspannt und schön wie möglich war. Als Audio Director beim Spieleentwickler Maxis hatte er bereits den Soundtrack für SimCity 3000 und SimCopter erstellt. Doch bei Die Sims sollte alles anders werden. Hier sollte die Musik keine bestimmte Handlung oder Spannung untermalen, sondern den Spieler begleiten, während er Wände zieht, Tapeten aussucht, Möbel einrichtet. Das Spiel hatte kein bestimmtes Ziel und das sollte auch die Musik wiederspiegeln.

"Die Musik sollte entspannen und sehr nachdenklich sein", erklärt Martin in einem Telefongespräch mit VICE. "Du sitzt einfach da und baust vor dich hin – das kann stundenlang so gehen."

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Damals ahnten weder Martin noch der Spieleentwickler Maxis, dass Die Sims-Serie ein riesiger Erfolg werden sollte. Die vier Teile des Spiels wurden in 22 Sprachen übersetzt und haben sich weltweit 200 Millionen Mal verkauft. Mit dem wachsenden Erfolg des Games wurde auch sein Soundtrack extravaganter. My Chemical Romance, Flo Rida und Kelly Rowland nahmen ihre eigenen Songs für Die Sims 3 noch einmal in der Sims-eigenen Sprache "Simlish" auf. Der Soundtrack für Die Sims 4, das im Jahr 2014 erschien, wurde vom renommierten Filmkomponisten Ilan Eshkeri geschrieben.

Die vielleicht meistgehörten Musikstücke der Welt

Doch vor allem der Soundtrack für den Baumodus der Originalversion Die Sims strahlt bis heute eine ganz besondere Magie aus. Sobald ein Spieler die Zeit anhielt, um sich einem ambitionierten Bauprojekt zu widmen, strömte ein angenehmer Mix aus Instrumental, New Age und Piano-Musik durch die Lautsprecher. Die Musik komponierte Martin gemeinsam mit Marc Russo, dem Saxofonisten der Doobie Brothers, und dem Jazz-Pianisten John R. Burr. Um die Jahrtausendwende lauschten Millionen Jugendliche einer impressionistischen, halb-improvisierten Jazz-Session – wohl ohne zu merken, was für eine besondere Musik ihnen da gerade begegnet.

Es ist denkbar, dass die sechs Jazz-Songs zu den meistengehörten Musikstücken gehören, die in diesem Jahrhundert erschienen sind. Business Wire berichtete im Jahr 2005, dass Die Sims weltweit 16 Millionen Mal verkauft wurde. Im Jahr 2000, als Die Sims erschien, wurde diese Verkaufszahl beispielsweise nur von vier Alben übertroffen: Hybrid Theory von Linkin Park, Oops!... I Did It Again von Britney Spears, The Marshall Mathers LP von Eminem und Black & Blue von den Backstreet Boys. Natürlich ist es sehr schwer, die wahre Reichweite von Musikstücken zu messen – schließlich wurden die Alben auch im Radio gespielt.

Damals glaubten nicht viele Menschen, dass Die Sims an den großen Erfolg von SimCity anknüpfen könnten. Der Mitbegründer von Maxis sagte 2006 in einem Interview, dass ihr Vorstand zunächst die Spielidee als "interaktives Puppenhaus" und als völlig verrückt abtaten. Auch der Videospielehersteller EA, zu dem Maxis gehört, konnte mit dem Konzept eines Simulationsspiels nicht viel anfangen.

Die Suche nach der idealen Hintergrundmusik

Für Martin war das ein Glück, denn er hatte bei der Hintergrundmusik freie Hand. Der Sims-Entwickler Will Wright machte zwar manchmal Vorschläge, welche Musik aus dem Sims-Radio dudeln sollte – beim Baumodus war Martins Fantasie jedoch keine Grenzen gesetzt.

Martin entschied sich für gefühlvollen New-Age-Jazz. Gemeinsam mit Russo, der praktischerweise ein Nachbar von Martin war, machte er sich daran, die ersten Stücke zu erarbeiten. Für Russo lag die größte Herausforderung in dem Konzept selbst. Nachdem er mit den Doobie Brothers und in der erfolgreichen Jazz-Kombo The Yellowjackets getourt hatte, fiel es ihm anfangs schwer, absichtlich unauffällige Musik zu produzieren. "Wir versuchten, das Stück zwar interessant zu machen, aber nicht so interessant, dass es vom Spiel ablenkte", sagte er.

Ein weiteres Problem für Russo war, dass er das Game noch nie gespielt hatte und sich ganz auf Martins Ideen verlassen musste. Gemeinsam versuchten sie einen Soundtrack zu schaffen, der "fröhlich, unschuldig und hoffnungsvoll" sein sollte.

Mit ihren Stücken wollten sie vor allem Emotionen vertonen: "Ich erinnere mich noch, an ein bestimmtes Stück, das Hoffnung und eine bessere Zukunft ausdrücken sollte", erinnert sich Russo. "Wir überlegten uns dazu ein paar Stichworte: Hoffnung, Träume, und eine Spur Wehmut, weil du erwachsen wirst und etwas zurücklässt, dass dir Spaß macht." Um diese Wehmut besser ausdrücken zu können, holten sie Burr an Bord. Der erfahrene Jazz-Pianist brachte ein wichtiges Element für den Soundtrack mit: Improvisationstalent. Obwohl Burr nicht als Songwriter für The Sims Soundtrack aufgeführt wird, ist sein Pianospiel in fast jedem der Stücke des Baumodus zu hören.

Sie wussten nicht, dass sie Musikgeschichte schreiben

Die drei Musiker begriffen nur langsam, welche Größenordnung das Spiel hatte, für das sie gerade ein paar jazzige Stücke improvisiert hatten. Burr erinnert sich noch, dass er kurz nach der Veröffentlichung der Sims seinen Neffen besuchte und erwähnte, dass er an der Musik mitgewirkt hatte. Er war sehr überrascht, als sein Neffe ihm verkündete, dass die Sims "das größte Spiel der Welt sei".

Bis heute ist Martin der einzige der drei Musiker, der jemals selbst Die Sims gespielt hat. Er und Burr überlegen, ob sie einen Nachfolgealbum für den Baumodus aufnehmen sollen – unabhängig von Die Sims, Maxis und EA. Den originalen Soundtrack hat Martin auf seiner Website zum kostenlosen Download zur Verfügung gestellt.

Für die Millionen Menschen, die ohne viel darüber nachzudenken mit den Jazz-Stücken der Sims aufgewachsen sind, lösen sie auch heute noch unweigerlich Nostalgie aus. Das geht aus den zahlreichen Kommentaren hervor, die sich unter den Musikstücken auf YouTube sammeln. Vielleicht sind die Sims wirklich besser zum Meditieren geeignet als klassische Meditation, wie Lauren Larson von GQ kürzlich schrieb – eine harmlose Welt, in der Bedürfnisse augenblicklich befriedigt werden und die Platz zum Träumen bietet: von der Zukunft als Feuerwehrmann oder Rockstar bis zu dreistöckigen Anwesen mit Pool und riesigen Flachbildfernsehern.

Im Spiel gibt es für jedes Problem eine simple Lösung: Traurigkeit entsteht durch Hunger. Gegen Hunger hilft Essen und das findest du immer im gut gefüllten Kühlschrank in der Küche. So einfach ist das. Und obwohl die Musiker das Spiel selbst nicht gespielt hatten, ist es ihnen gelungen, etwas von dieser naiven Glückseligkeit für immer festzuhalten.

Dieser Artikel ist in voller Länge bei Noisey US erschienen.