Betrug

Ich habe gegen Berlins Hütchenspieler-König gezockt

Er wurde mehrfach verhaftet, saß im Gefängnis und hat Platzverbot an zahlreichen Orten der Stadt. Doch das stört ihn nicht.

von Nik Afanasjew
26 Februar 2018, 4:45am

Viel Equipment braucht der Hütchenspieler nicht || Fotos: Grey Hutton

Der Mensch ist schon ein seltsames Tier. Immer wieder handelt er wider besseres Wissen, weil wohl jeder sich einbildet, schlauer zu sein als alle anderen. Nur bei den anderen wird der geworfene Ring auf der Kirmes niemals über den Hauptgewinn passen, nur bei den anderen wird's übel schiefgehen, wenn sie ohne Gummi vögeln oder ohne Gurt Auto fahren. Und nur die anderen checken nicht, unter welcher der drei Streichholzschachteln die Kugel liegt. Es ist so einfach. Ich sehe es doch mit meinen eigenen Augen.

"Eins, zwei, eins, zwei", sagt der Typ mit den schlohweißen Haaren und den wachen Augen. Er steht am Berliner Touri-Magnet Checkpoint Charlie, Passanten laufen vorbei, manche bleiben stehen. "Eins, zwei, eins, zwei." Dabei schiebt er drei mit rotem Tesafilm beklebte Streichholzschachteln auf einer kleinen Matte hin und her, unter einer von denen ist eine Kugel versteckt. Er wedelt mit einem 50-Euro-Schein. Ein Typ, der neben ihm steht, zeigt auf die linke Schachtel. Der Weißhaarige deckt auf. Tatsächlich! Der Typ gewinnt, er bekommt die 50 Euro. So einfach geht das.

Ich trete an den Tisch. "Eins, zwei, eins, zwei", sagt der Weißhaarige. Er deckt kurz auf, ich sehe klar, wo die Kugel liegt, dann schiebt er die Schachteln wild hin und her. Er will wieder um 50 Euro spielen. Ich hole aber einen Zwanziger heraus. "OK", sagt er nur. "Eins, zwei, eins, zwei." Seine Hände flitzen über den Tisch. Er verharrt, schaut mich fragend an. Ich bin mir sicher: Es ist die mittlere Schachtel. Ich zeige darauf. Er hebt sie hoch. Darunter ist nichts. Von der Seite greift mir jemand den Zwanziger aus den Händen. Ein Helfer des Weißhaarigen. Verloren ist verloren. Verdammt. Ich versuche es direkt nochmal. Es endet genauso. Eins, zwei, eins, zwei.

Der "Hütchenspieler-Pate" mit dem Auftrittsverbot

Der Mann ist nicht irgendwer. Boulevard-Zeitungen nennen ihn "Hütchenspieler-Pate", "König der Hütchenspieler" oder "König der Unverfrorenheit". Ramadan N. soll 67 Jahre alt sein und aus Mazedonien stammen. Tatsächlich wirkt der weißhaarige Pate aber nicht wie 67, er bewegt sich hektisch, sein Gang ist federnd, er trägt neu aussehende Sneaker und eine dunkle Regenjacke. Seine Stimme ist laut, seine Hände sind zu flink für das ungeübte Auge.

Der Typ, der vor mir angeblich den Fünfziger gewonnen hat, ist einer seiner versteckten Helfer. Mindestens drei Typen unterstützen ihn, sie ziehen an diesem kalten Tag ihre Mützen tief ins Gesicht, tragen dicke Daunenjacken, sind von Touristen kaum zu unterscheiden. Zwei von ihnen mimen Spieler, einer steht neben Ramadan N., kassiert und passt auf, dass niemand Fotos macht oder die Polizei anrückt. Das alles erkennt aber nur, wer länger stehenbleibt.


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Einige Minuten stehen nur Ramadan N. und seine Helfer um den improvisierten Plastiktisch, eins, zwei, eins, zwei, das Spiel hört nie auf. Genauso wenig ebbt der Touristenstrom am Checkpoint Charlie ab, diesem ehemaligen Kontrollposten zwischen Ost- und Westberlin. Falsche Soldaten posieren mit Touristen für Kalter-Krieg-Fotos, von einem Billboard betrachten Sergeant Harper und ein sowjetischer, namenloser Soldat die Szenerie. Ramadan N. macht weiter. Dabei wurde er erst vor zehn Tagen von Zivilfahndern genau hier festgenommen, er bekam ein Aufenthaltsverbot für den Checkpoint Charlie, das Brandenburger Tor und die East Side Gallery.

Ein englischsprechendes Pärchen bleibt vor dem Tisch stehen. Ramadan N. ist anpassungsfähig. "One, two, one, two", sagt er. Die Frau will weiter, aber ihr Typ sagt: "Wait." Er holt einen Fünfer heraus. Ramadan N. schüttelt energisch seinen Kopf, wedelt mit einem Fünfziger. Er zeigt, wo die Kugel liegt, der Typ überlegt kurz, holt dann 50 Euro aus seinem Portemonnaie. Er richtet den Zeigefinger auf eine Schachtel, sie ist leer. "But I was…", setzt er an und wird sofort von einem Helfer von Ramadan N. weitergeschoben. Und plötzlich packt ein weiterer Mann mit tiefsitzender Mütze und buschigen Augenbrauen den Tisch, versteckt ihn hinter einem Werbeaufsteller, Ramadan N. geht zügig davon, seine Helfer auch, alle in verschiedene Richtungen. Als wären sie nie dagewesen.

Das Pärchen zieht weiter. "I told you", sagt sie zu ihm und lacht. Der Typ lacht nicht, erklärt nur, dass er ja wisse, dass das alles Betrug sei, aber er habe es halt mal probieren wollen. Er wirkt angefressen.

Sein Spiel kennt nur einen Gewinner

Niemand kann beim Hütchenspielen gewinnen. Die Spieler sind so geschickt, dass sie die Kugel verschwinden lassen, während sie die Schachteln rotieren, meistens halten sie sie einfach mit einem Finger fest. Etwa 50 solche Banden soll es in Berlin geben. Die Polizei verhaftet die Männer, sie kommen frei, machen weiter, auch das scheint bisweilen ein endloses Spiel. Die Bild schreibt, dass Ramadan N. schon mehrfach verhaftet und verurteilt wurde, beispielsweise 2013 wegen Betrugs zu zwei Jahren und neun Monaten Haft und 10.000 Geldstrafe. Kaum auszumachen, was er verdienen muss, wenn es sich offenbar trotzdem lohnt weiterzumachen.

Zehn Minuten später stehen Ramadan N. und seine Leute wieder an der Kreuzung, vor der Checkpoint Charlie Black Box, einer Infostelle zur Geschichte der geteilten deutschen Hauptstadt.

Mit den Männern zu reden, ist nicht leicht. Sie erzeugen eine geschäftige Hektik, in der Worte wenig Platz haben. Ramadan N. will erst spielen, bevor er etwas sagt. Pflichtschuldig spiele ich und verliere. 20 Euro sind in zehn Sekunden weg. "Ärgerst du dich, dass die Polizei immer kommt?", frage ich. Ramadan N. blickt von den Streichholzschachteln hoch, schlägt sich einmal auf die Brust. "Ist mir egal, Polizei!" Er erzählt, dass er seinem Geschäft in Deutschland seit 20 Jahren nachgehe. "Werde ich immer weiterspielen!", sagt er.

In einem seiner Gerichtsprozesse erklärte er einmal einem Richter, dass er leider seit zehn Jahren nicht normal arbeiten könne, "aus gesundheitlichen Gründen". Das schreibt der Tagesspiegel. Außerdem schwor Ramadan N. damals vor Gericht, "nie wieder" seinem Geschäft nachzugehen. Nun ja.

Ob er auch mal woanders als in Deutschland tätig war? "Rumänien, Slowakei", antwortet Ramadan N. am Checkpoint Charlie. Er fügt hinzu, als wäre das eine Erklärung, dass er und seine Leute "alle 'Zigeuner'" seien. "Wer will, spielt, wer nicht will, nicht." Dann bleiben Passanten stehen, Ramadan N. dreht sich zu ihnen. "Eins, zwei, eins, zwei." Einer seiner Helfer drängt mich zur Seite. "Keine Fotos!", sagt er noch, weil ich mein Handy in den Händen halte.

Die Polizei verweist auf Nachfrage darauf, dass sie eben nur verhaften, aber nicht verurteilen kann. Sie kläre Einheimische und Touristen im Internet und persönlich über Betrüger auf, dennoch "lassen sich immer noch arglose Bürgerinnen und Bürger auf die Betrügereien ein und verlieren ihr Geld", schreibt die Pressesprecherin. Das Phänomen sei "seit Jahrzehnten" bekannt, das Problem bestehe "international". Die B.Z. zitiert bezüglich Ramadan N. einen Polizisten anonym mit den Worten: "Es ist deprimierend. Die Justiz lässt uns hängen."

Ich stehe weiter an der Straßenecke herum, bis mich ein dunkelhaariger Mann mit strengem Blick und der dicken Daunenjacke eines Basaraufsehers zu sich heranwinkt. "Bist du blöd, mit denen zu reden?" Ich frage ihn, ob er dazugehöre. "Bin ich von andere Organisation." Ich tue gar nicht so, als würde ich verstehen, was für eine "Organisation" er meint. "Ich passe auf, dass meine Leute arbeiten." Ob er Souvenirverkäufer oder Bettler oder Dealer kontrolliert, würde ich gerne wissen. Antworten will er mir nicht. "Geh weg von denen", sagt er nochmal. Wenn schon dieser Typ vor den Hütchenspielern warnt, dann sollte ich wirklich abhauen.

Ich habe mir übrigens vorgenommen, zur nächsten Kirmes zu gehen. Der kleine Wurf-Ring passt über den großen Hauptgewinn. Ganz bestimmt.

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