Alle Fotos: Eva L. Hoppe

Mett-Kreuze und "Deutschland erwache"-Rufe: Ein Tag mit der AfD-Jugend

Wie die Junge Alternative bei ihrem Bundeskongress die "konservative Konterrevolution" plant.

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Feb. 20 2018, 11:37am

Alle Fotos: Eva L. Hoppe

Er sei der "festen Überzeugung", dass sich alle im Saal so präsentieren können, dass "selbst die Presse das nicht entstellen" könnte, sagt Krzysztof Walczak. Der 23-jährige stellvertretende Chef der Jungen Alternative redet vom Podium auf die Teilnehmer des Bundeskongresses der AfD-Jugend ein. Die entscheiden gerade darüber, ob Medienvertreter ausgeschlossen werden sollen. Die Journalisten dürfen bleiben. Im Laufe des Tages zeigt sich, was es heißt, wenn sich die Junge Alternative von ihrer besten Seite zeigt: unwidersprochene NS-Zitate, gegenseitige Beleidigungen und Bier am frühen Morgen.

Die Junge Alternative hat 1.600 Mitglieder, acht davon sitzen in der neuen AfD-Bundestagsfraktion. Einer von ihnen, Sebastian Münzenmaier, wurde im Oktober verurteilt, weil er einen Hooligan-Angriff angeleitet hat. Unter dem bisherigen JA-Chef Markus Frohnmaier ist die AfD-Jugend in den letzten drei Jahren immer weiter nach rechts gerückt, zahlreiche Verbindungen und Überschneidungen zu der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Identitären Bewegung wurden publik. Für manche Rechtsradikale war das allerdings noch nicht rechts genug. Ein JA-Landesvorsitzender kündigte vor dem Bundeskongress an: "Wir werden diesen ekelhaften Haufen von Opportunisten davonfegen." Gemeint war der bisherige Vorstand. Der AfD-Bundesvorstand und einflussreiche Strippenzieher, Andreas Kalbitz, meint: Die Junge Alternative sei "die junge Garde der konservativen Konterrevolution".

Die Konterrevolution verzögert sich

Die "junge Garde" trifft sich am vergangenen Wochenenden in der 20.000-Einwohner-Stadt Büdingen in Hessen. Knapp jeder zehnte Wähler stimmte hier bei den Kommunalwahlen vor zwei Jahren für die NPD. Die hält am Samstag ebenfalls eine Veranstaltung in der Kleinstadt ab – "ungestört", wie die NPD Hessen am Sonntag auf ihrer Facebook-Seite schreibt.

Auch der Bundeskongress der JA beginnt am Samstagmorgen ohne Gegendemonstranten, dafür aber mit Verspätungen: Um 10 Uhr ballt sich im Eingangsbereich der Willi-Zinnkann-Halle eine Menschentraube. Viele der über 300 angereisten JAler müssen noch Mitgliedsbeiträge nachzahlen oder sich einen Ersatzausweis ausstellen lassen, weil sie vom Bundesvorstand bislang noch kein Mitgliedsdokument erhalten haben. Ohne Karteinummer keine Konterrevolution.

Erst mehr als drei Stunden später steht fest: 362 Stimmberechtigte sind in den holzvertäfelten Saal gekommen. Einige haben die Wartezeit genutzt, um sich mit Bierkästen aus einem naheliegenden Supermarkt einzudecken. Schon vor 11 Uhr hat gut jeder Zehnte mindestens eine Flasche geöffnet, gegen Mittag ist ungefähr der halbe Saal nicht mehr nüchtern. Ein Minderjähriger fragt auf dem Gang: "Ey, bekomme ich noch ein Bier von euch?" Sein Landesverband lasse ihn nicht mehr als zwei Flaschen trinken – nicht vor 12 Uhr. Im hinteren Teil des Saales hat die JA Hessen einen ganzen Teller Mett auf einen Stehtisch gestellt. Das Fleisch ist in der Form des Eisernen Kreuzes geformt.


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Auch Markus Frohnmaier sitzt mit einer Flasche Bier auf dem Podium. In seiner Abschiedsrede drückt der scheidende Bundesvorsitzende nochmals alle Knöpfe: Als er von einer Zeit-Reportage über die Beziehung zwischen einem Geflüchteten und einer Flüchtlingshelferin spricht, donnert ihm aus dem Saal "Lügenpresse!" und "Abschieben, abschieben!" entgegen. Einige klopfen auf ihre Tische. Die Gruppe rund um Mett, Bier und Stehtisch grölt besonders laut.

Reimond Hoffmann aus Baden-Württemberg hat viele Fans unter den JAlern an den Stehtischen

Um den Posten des neuen Vorsitzenden bewerben sich Reimond Hoffmann aus Baden-Württemberg und der rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Damian Lohr. Hoffmann will die AfD-Jugend so ausbilden, "dass sie jeden Linken in Grund und Boden diskutiert". Lohr möchte aus ihr den "Albtraum der Altparteien" und linker Gegendemonstranten formen. Einzelne aus der Mett-Bier-Stehtischgruppe goutieren das immer wieder mit dem Ruf "Deutschland erwache!". Die Parole stammt aus dem Sturmlied der nationalsozialistischen SA. Dessen Text ist in Deutschland verboten. Im Saal reagiert niemand darauf.

"Höcke, Höcke!"

Nazi-Verherrlicher stören die Jung-AfDler offenbar nicht, linke Demonstranten schon. Gegen 14 Uhr protestieren vor der Halle etwa 150 Menschen, zum Teil aus linken Parteien, Gewerkschaften und Vereinen. Der Bundeskongress hat zuvor ordnungsgemäß für eine zehnminütige Pause votiert, knapp die Hälfte der JA-Mitglieder läuft raus. Sie schwenken Deutschland-Fahnen, ballen die Fäuste wie in der Ultra-Fankurve und brüllen der Demo entgegen: "Widerstand, Widerstand!", "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!" und "Höcke, Höcke!". Ganz vorne mit dabei: Damian Lohr, später wählen ihn die Mitglieder zum Bundesvorsitzenden.

Ein Reporter filmt, wie zwei Versammlungsteilnehmer mit Brötchen und Cola vom Supermarkt zurückkommen, einer der beiden hebt den rechten Arm wie zum Hitlergruß der Kamera entgegen.

Höcke-Beutel im Saal, Höcke-Rufe draußen

Kurz darauf rufen die Jungen Alternativen "Wir sind das Volk!". Statistisch belegen lässt sich das allerdings nicht. Im Saal in Büdingen ist nicht mal jedes zehnte JA-Mitglied eine Frau. Eine von ihnen ist Ann-Katrin Magnitz aus Hessen. In einem YouTube-Video ist sie in einem dunklen Zimmer zu sehen, wie sie in die Kamera blickt und sagt: "Wir sind die Erinnerung an die Opfer." Es ist das Auftaktvideo für die Kampagne #120db, ein Möchtegern-#Aufschrei von rechts, in dem auch zahlreiche weibliche Mitglieder der Identitären auftauchen. Magnitz sagt gegenüber VICE, sie habe bei #120db nur einmalig mitgemacht und die Sache danach nicht weiter verfolgt. Zu Mitgliedern der Identitären Bewegung habe sie angeblich keinen Kontakt.

Der neue Vorstand und seine rechtsextremen Verbindungen

Die Identitären sind ein Reizthema der Jungen Alternative. Laut eines Beschlusses des AfD-Bundesvorstands dürfen Mitglieder der Partei nicht gleichzeitig bei den Identitären aktiv sein. Die "Konterrevolution" stören sie dennoch kaum: Im Saal sitzen mindestens elf Personen, die bereits bei der Bewegung in Erscheinung traten, darunter Felix Koschkar. Zwischen 2014 und 2016 nahm er an IB-Demonstrationen und -Aktionen in Halle, Leipzig und Wien teil. Außerdem soll er unter Identitären für den Eintritt in die AfD geworben haben – und im Gegenzug bei der JA für die IB. Seine Sympathie für die IB bestreitet er nicht. Die Anwesenden wählen Koschkar als stellvertretenden Schatzmeister in ihren Bundesvorstand. Nach seinen Aktivitäten fragt ihn niemand.

Am Sonntag wird Tim Ballschuh Koschkar in den Vorstand folgen. Ballschuh hat für die AfD in Sachsen-Anhalt für den Bundestag kandidiert. Er hat eingeräumt, früher Kontakt zur NPD gehabt zu haben, bestreitet aber bislang, Mitglied bei der NPD-Jugendorganisation Junge Nationale gewesen zu sein – obwohl Ballschuhs Name und weitere persönliche Daten in einer alten Mitgliederliste der JN auftauchen und obwohl ein Foto existiert, das den damals Minderjährigen inmitten einer JN-Veranstaltung zeigt. Über all das kann man mit Ballschuh in Büdingen reden, zitiert werden möchte er jedoch nicht. Dafür spricht seine Brust. An ihr hat er sich eine blaue Kornblume aus Seide geheftet: ein Symbol aus Kaiserzeiten und bekannt als das Erkennungszeichen der deutschnationalen und antisemitischen Schönerer-Bewegung.

Damian Lohr (rechts) gibt den JA-Mitgliedern als frisch gewählter Bundesvorsitzender ein freundliches Gesicht

Ein großgewachsener Mann im grünen Parka mit Glatze, Vollbart und Bierflasche in der Hand setzt sich auf einen freien Stuhl neben uns, starrt aggressiv und in unseren Notizblock. Er wolle nur gucken, dass "ihr eure Arbeit richtig macht", sagt er. Seinen Namen will der selbsternannte konterrevolutionäre Pressekontrolleur nicht nennen, später finden wir ihn auf einem Foto im Internet: Er sitzt im Vorstand der Jungen Alternative Franken. Ein anderer JAler hat uns zuvor aus drei Reihen Entfernung fotografiert, sich dann sofort umgedreht und hingesetzt. Bleiben dürfen wir dennoch, anders als ein anderer Journalist.

Der Mitarbeiter der regionalen Online-Zeitung Landbote, Klaus Nissen, muss am Nachmittag den Saal verlassen und Teile seiner Fotos löschen. Er hat die teilweise mit Deutschland-Fahnen behangenen Tischreihen samt der daran sitzenden JAler fotografiert. Das wurde zuvor von der Versammlungsleitung untersagt. Nissen sagt zu VICE, er habe weder einen Ordnungsruf noch eine Vorwarnung erhalten. Schon am Morgen hatte ein anderer Fotograf vor der Willi-Zinkann-Halle Schutz bei der Polizei gesucht, nachdem AfDler ihn bedrängt und die Löschung von Einzelaufnahmen verlangt hatten.

"Ruhe im Puff!"

Als der Bierpegel wieder gesunken ist und das Mett fast alle, sprechen uns mehrere JAler plötzlich freundlich an. Darunter zwei ungleich wirkende junge Männer. Der eine stammt aus NRW, hat lange dunkle Haare und kombiniert Lederjacke mit einem nordischen Mjölnir-Anhänger und einem Shirt auf dem draufsteht "Socialism kills". Der andere gehört zur hessischen Fraktion der Hemd- und Seitenscheitelträger. Beide heißen Alexander.

Seit dem Vormittag versorgt sich der AfD-Nachwuchs vorzugsweise mit Flüssignahrung

Sie stünden, wie sie im Gespräch feststellen, für die unterschiedlichen Strömungen der JA: Alexander-mit-dem-langen-Haar für den konservativen Ludwig-Erhardt-Kreis, Scheitel-Alexander hingegen sei "rechts". Er sagt, es verletzte ihn, wenn man die JA "rechtsextrem" nenne. Er sagt aber auch, er habe vorhin "Deutschland erwache!" gerufen. Das findet Langhaar-Alexander zwar "unreif", er sei sich jedoch sicher, sein Kollege habe damit nicht "an die Braunhemden erinnern" wollen.

Am Montag schreibt Scheitel-Alexander eine Mail an VICE. Das Interview sei gegen seinen Willen geführt worden. Dass er nach dem minutenlangen Gespräch bereitwillig für ein gemeinsames VICE-Foto mit Langhaar-Alexander posiert hatte, erwähnt er nicht.

Vorne wird derweil wieder ein neues Vorstandsmitglied gewählt. "Scheiß auf den!", sagt einer mit dunkelblauer Sweatjacke und angebissenem Mettbrötchen in der Hand. Der raue Umgangston hinter vorgehaltener Hand prägt die selbsternannte Konterrevolution. Da gleichen sich die Parteitage der AfD und jene ihrer Jugendorganisation. An diesem Tag sagen JAler über andere JAler: "Es sind diese scheiß Liberalen, die alles langweilig machen!", "Was für ein Arschloch!" und "Klugscheißer!". Einmal brüllt der Versammlungsleiter "Ruhe im Puff!" ins Mikro. Ein späterer Bundesvorstand nennt Teile seiner Mitstreiter gegenüber VICE "Bodensatz".

Manuel (rechts), Bursche mit Schmiss in der JA, sagt gegenüber VICE, die Spaltung verlaufe vor allem "zwischen Ost und West"

Ob dazu auch der junge Mann mit dem Mettbrötchen gehört, lässt sich nicht klären. Er will weder über seinen Namen sprechen noch darüber, welches JA-Lager er unterstützt. Die JA sei aber "unglaublich gespalten". Kann der ganze Laden hier nicht irgendwann auseinanderfliegen? "Nein", sagt er, "dafür ist Deutschland allen hier zu wichtig."

Um 19 Uhr räumt ein letzter Rest der "jungen Garde" leere Pizzakartons und Bierflaschen zusammen. Die Versammlungsleitung hatte sich vorher beschwert, es sei der JA unwürdig, den Saal derart vermüllt zu hinterlassen. Das Mittel der "konservativen Konterrevolution" bleibt vorerst der Kehrbesen.

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