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Menschen

Frauen erzählen, was sie an ihrem Körper früher gehasst haben und heute lieben

Der weibliche Idealkörper, den wir aus den Medien kennen, ist eine Lüge, die psychisch fertigmacht. Wir haben mit Frauen gesprochen, die gelernt haben, sich selbst zu feiern, wie sie sind.

von Jessica Evans
02 September 2019, 10:04am

Fotos bereitgestellt 

Spitzes Kinn, fleischige Nase, kleine Augen – solche Gesichtszüge gelten in unserer Kultur nicht unbedingt als Schönheitsideal. Ich weiß das, weil diese drei Sachen alle auf mein Gesicht zutreffen. Jahrelang habe ich mich darauf konzentriert, wie gefragt doch ein zartes Kinn, eine schmale Nase und Bambi-Augen sind. Eben all das, von dem man uns beibringt, es sei "schön". Aber heute, mit 27, habe ich endlich gelernt, meinen ganzen Körper zu lieben – immerhin ist es die Summe all meiner Eigenschaften, die mich zu mir macht!

Wir sehen kaum noch Bilder, die nicht bis zur Unkenntlichkeit gefiltert, getunet und geshoppt sind. Kosmetische OPs sind bei Stars, die unsere Vorbilder sein sollen (#BodyGoals!), die Norm. Kein Wunder, dass viele Frauen (und natürlich auch viele Männer) verunsichert sind. Diese Unsicherheit muss aber nicht für immer sein: Wir haben mit elf Frauen gesprochen, die heute etwas an ihrem Körper lieben, für das sie sich früher geschämt haben.

Amy – Meine starken Oberschenkel

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Als ich jünger war, wollte ich mich nie richtig hinsetzen, weil davon meine Oberschenkel in die Breite gedrückt wurden und dicker aussahen. Ich schämte mich so sehr, weil meine Freundinnen und die Mädchen in den Zeitschriften alle dünne Beine und Arme hatten.

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Heute liebe ich meine Oberschenkel. Meine Beine gehören zu den Dingen, die ich an mir am meisten mag und die ich am liebsten herzeige. Sie bringen mich den ganzen Tag von A nach B. Sie sind verdammt stark! Damit habe ich schon 70-Kilo-Squats hingekriegt.

Mel – Mein kleiner Po

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Als Teenager lebte ich in einer Welt, in der ständig die Frage "Sieht mein Arsch darin fett aus?" fiel. Ich verstand erst mal gar nichts, als die globale Popkultur plötzlich große Hintern zum Ideal erklärte. Ich finde das ja toll, aber ich bin in dem Bereich einfach nicht besonders gesegnet. Egal wie viele Gewichte ich stemme, mein kleiner Po will einfach nicht dicker werden. Er kann mit den üppigen Super-Pos nicht mithalten. In meiner Jugend hätte ich nie gedacht, dass mich das mal verunsichern könnte.

Heute, mit 28 Jahren, denke ich beim Einkaufen: Wird mein Hintern darin besser aussehen? Größer? Sollte ich mich für meine Thigh Gap schämen? Fühlen sich Po-Implantate komisch an, wenn man sich draufsetzt? Wie funktionieren diese komischen Shaping-Unterhosen? Wie weit kann ich meinen Hintern auf einem Foto rausstrecken, bevor es aussieht, als sollte ich dringend mal zur Orthopädin?

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Aber hey, nicht alles im Leben muss Jumbogröße haben, um gut zu sein. Kleine Popos sind auch was Feines, also bin ich zufrieden mit meinem, selbst wenn er nicht der neuen Industrienorm entspricht.

Delphine - Mein Leberfleck

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Ich habe ein paar körperliche Eigenschaften, die man vielleicht als "ungewöhnlich" bezeichnen könnte. In meiner Jugend hasste ich diese Dinge, aber inzwischen liebe ich sie. Ich habe einen dunkelroten Leberfleck an der Seite meines Gesichts, den andere ständig für eine Verletzung halten. Aber inzwischen trage ich ihn mit Stolz. Als Teenagerin vermied ich, meine Haare zurückzubinden. Inzwischen mache ich mir einen Zopf, wenn ich Lust habe.

Ich habe auch einen nach außen gekehrten Bauchnabel, den mal jemand so kommentiert hat: "Der Arzt bei deiner Geburt kann ja nicht besonders gut gewesen sein." Als ob das eine Art OP-Pfusch wäre oder so. Inzwischen bin ich die Erste im bauchfreien Top, wenn die Temperaturen im Frühling steigen.

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Außerdem habe ich ein paar Narben, was man natürlich bei den makellosen Bikini-Bodys von Victoria's-Secret-Models und Instagram-Influencerinnen nicht sieht.

Langsam beginne ich aber, meine Eigenheiten zu lieben. Ich finde sie schön, sie machen mich einzigartig. Es ist trotzdem hart, gegen das Ideal der angeblichen Makellosigkeit anzukommen, das uns die Medien reindrücken. Ich habe mal ein Zitat von Theodore Roosevelt gelesen: "Der Vergleich ist der Dieb der Freude." Er hatte absolut recht. Wir brauchen mehr Selbstliebe.

Kay – Mein rotes Haar

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Wenn ich meine Geschichten darüber auspacken würde, wie ich schon für meine Haare angeschrien und beleidigt wurde, könnte ich wirklich lange erzählen. Jeden einzelnen Tag meines Lebens, bis ich etwa 16 war.

"Du dreckige rothaarige Schlampe" oder "Verdammte rothaarige Bitch", schrien sie mir nach. Ich reagierte schon gar nicht, weil das für mich Alltag war.

Wenn ich jetzt eine Person mit rotem Haar sehe, denke ich: "Wow, die Farbe ist wunderschön und sticht richtig hervor." Dann fällt mir wieder ein: Solche Haare hab ich ja auch.

Louise – Meine Nase

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In meinen späten Teenagerjahren googelte ich wie besessen Bilder von den operierten Nasen der Stars. Vorher, als die Leute noch nicht ständig online waren, hatte ich die Fotos in Zeitschriften angestarrt. Ich fragte mich immer: "Wie sieht die ideale Nase aus?" Laut den Medien definitiv nicht wie meine.

Ich habe einen auffälligen, etwas unregelmäßigen Nasenrücken, der an den der spanischen Schauspielerin Rossy de Palma erinnert. Das ist einerseits genetisch, aber hinzu kommt noch, dass ich mir als Kind häufiger die Nase gebrochen habe. Inzwischen finde ich sie ziemlich charmant und auf gute Art außergewöhnlich. Damit hebe ich mich etwas von all den anderen jungen Weißen Frauen mit braunem Haar ab.

Wenn heute mal das Gespräch auf meine Nase kommt, kann ich darüber Witze reißen und Geschichten aus meiner Kindheit erzählen. Ich habe mich zwar nie stundenlang vor dem Spiegel hin- und hergedreht, um meine Nase irgendwie in die angebliche Idealform zu drücken, aber damals wollte ich meinen angeblichen Makel nicht mal mit Freundinnen besprechen.

Nikki – Meine Lippen

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Meine Lippen sind ein großer Teil meiner Identität. Früher haben die Medien Schwarzen Frauen wie mir noch eingeredet, dass unsere Lippen zu groß und unattraktiv seien. Ich mochte meine Lippen auch erst nicht, weil sie im Vergleich zu denen meiner Freundinnen riesig waren.

Heutzutage lassen sich alle möglichen Leute die Lippen aufspritzen. Ich bin inzwischen stolz auf meine großen Lippen. Schwarze Frauen mit großen Lippen sind im Grunde sowas wie Trendsetterinnen.

Jess – Mein Bauch

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Früher fand ich mich immer zu dick. Ich wünschte mir, wie meine dünneren Freundinnen auszusehen. Ich wollte einen so flachen Bauch wie Rachel in Friends. Von überall her wurde mir eingeredet, dass "fett" schlecht sei. Nur dünn könne ich glücklich sein.

Das führte dazu, dass ich sieben Jahre lang mit Bulimie zu kämpfen hatte. Egal wie viel ich abnahm oder wie viele Komplimente ich für meine schlanke Figur bekam – es hat nie gereicht. Ich war immer noch nicht "perfekt".

Erst als ich mir Hilfe suchte und wieder gesund werden wollte, musste ich mich meiner größten Furcht stellen: Gewicht zunehmen. Das war meine größte Herausforderung. Ich musste lernen, den Einfluss unserer körperobsessiven Kultur auszublenden. Ich musste den Social-Media-Accounts entfolgen, die mich runterzogen. Ich musste es schaffen, meinen Bauch zu akzeptieren und zu lieben. Heute esse ich wieder gerne und fühle mich so wohl in meiner Haut wie nie zuvor. Ich will alles genießen, was mir das Leben bietet – auch Pizza!

Inzwischen leite ich außerdem einen Kurs, wo ich anderen Menschen mit Essstörungen dabei helfen will, sich selbst zu akzeptieren.

Jenny – Mein lockiges Haar

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Die meisten Frisöre wollen meine Naturlocken immer glätten. Ich wurde in der Schule wegen meiner Haare gehänselt – teilweise mit richtig krassen Schimpfwörtern. Als der ganze Glätteisen-Trend hochkam, machte ich sofort mit. Ich kaufte mir verschiedene Geräte und probierte alle möglichen Shampoos, Conditioner, Serums und Haarsprays aus, die meine Locken glätten sollten.

Ich konnte es mir nicht leisten, meine Haare mit Chemikalien dauerhaft glätten zu lassen. Also stand ich jeden Morgen eine Stunde lang vorm Spiegel. Irgendwann, als alle Sprays, Conditioner, Cremes und Wachse zum Haarezähmen aufgebraucht waren, entschied ich mich dazu, meine Locken einfach zu akzeptieren. Seitdem habe ich kein Glätteisen mehr angerührt. Ich kann inzwischen aufrichtig sagen, dass ich auf meine rote Lockenmähne wahnsinnig stolz bin.

Rachel – Meine Größe

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Ich bin 1,80 Meter groß – in High Heels sogar 1,90 Meter. Als Teenagerin verspürte ich deswegen immer immensen Druck. Ich dachte, so große Frauen wie ich würden nur als Models von der Gesellschaft akzeptiert werden. Ich war aber nicht eine von diesen schlanken, großen Frauen, sondern normal gebaut.

Bei Dates habe ich die Erfahrung gemacht, dass Männer große Frauen ziemlich problematisch finden – so wie Frauen auch kleine Männer. Als große Frau gelte ich als dominant; dabei sollen alle Frauen doch am besten ganz feinfühlig und zierlich sein.

Früher habe ich nie Schuhe mit hohen Absätzen getragen. Heute liebe ich es, immer mindestens einen Kopf größer zu sein als meine Freundinnen. Außerdem bekomme ich in der U-Bahn nie Platzangst!

Becky – Meine Nase

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Ich mag meine Nase! Ich betrachte sie nicht als Problem – obwohl ich weiß, dass ich einen ganz anderen Look hätte, wenn sie an den Seiten nicht so breit wäre.

Sie ist breit, sie trägt meine Brille ohne Probleme, sie riecht alles und sie gehört mir. Ich muss nicht irgendeinem Standard entsprechen. Der Standard sollte mich beinhalten.

Lucy – Meine Narbe

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Ich kam mit einem Loch im Herz auf die Welt und musste deswegen direkt operiert werden. Als Erwachsene mussten die Ärzte weitere Operationen durchführen. Ich wollte meine Narbe nie zeigen, auch weil ich meinen Körper nicht schön fand. Mit den Jahren habe ich aber gelernt, sie zu akzeptieren und mich selbst zu lieben.

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Es ist nicht einfach, Frauen stehen unter so viel Druck, so und so auszusehen. Ich weiß jetzt allerdings, dass ich mich nicht mit anderen Frauen vergleichen sollte. Die Narben von meinen OPs zeigen, was ich alles durchgemacht habe. Wenn ich sie im Spiegel sehe, sage ich mir, dass ich schön bin, und weiß, wie stark mich das alles gemacht hat.

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