Anzeige
Tech

Blizzard hat keine Lust, über Belästigungen in 'World of Warcraft' zu reden

Ungenaues Feedback, ein veraltetes Reporting-System und Dritthersteller-Add-Ons machen es den Spielern schwer, sich sicher durch die WoW-Welten zu bewegen. Und Blizzard? Schweigt.

von Dennis Kogel
10 Oktober 2017, 2:20pm

Bild: Screenshot, Blizzard

Blizzard tut nicht genug gegen belästigendes und beleidigendes Verhalten in seinen Spielwelten. Das ist das Fazit nach unseren Gesprächen mit insgesamt über 40 Gamern im Online-Rollenspiel World of WarCraft.

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Die Gamer berichteten uns zuvor von der "Rape-Taverne", einer Kneipe im WoW-Anfängergebiet Goldhain. Dort werden Spieler massenweise mit kruden Sexchats belästigt und beleidigt, wenn sie nicht darauf eingehen. Wir erfahren von unerwünschten Vergewaltigungs-Rollenspielen, die andere Spieler verstören; von Erpressern, die drohen, private Sex-Chats öffentlich zu machen; und von Spielern, die für das Melden von solchem Fehlverhalten bedroht werden.

Auf den meisten Servern wird World of WarCraft als ganz gewöhnliches Online-Game gezockt, in dem es um Waffen, Gold und Levelaufstiege geht. Aber vor allem auf Rollenspiel-Servern, also Server-Instanzen, auf denen Gamer wie in einem klassischen Pen and Paper-Rollenspiel ihre Krieger- und Zauberer-Helden ausleben können, gilt die "Rape Taverne" als Problem. Dort war der Ort zunächst als Zentrum für Cybersex und erotisches Rollenspiel bekannt, wurde in den vergangenen Jahren allerdings von Trollen und Belästigern übernommen.

"Obwohl wir seit mehreren Monaten patrouillieren und melden, ist die Taverne so vollgepackt wie immer"

"Vor einigen Jahren haben wir uns noch alle respektiert", schreibt uns ein Spieler, der anonym bleiben möchte, "aber irgendwann – durch YouTube-Videos und Foren-Threads – ist Goldhain 'Mainstream' geworden. Dann kamen die Leute, die keine Rollenspieler sind, die nur die Community verletzen und mobben möchten."

Wie steht Blizzard zur Rape Taverne?

Es ist also eindeutig, dass der Ort zu einer Art hässlicher No-Go-Area und damit zu einem echten Problem geworden ist. Trotzdem will sich der Spieleentwickler Blizzard nicht zu der Problematik rund um die "Rape Taverne" äußern. Seit der Veröffentlichung unseres ersten Artikels kommt trotz mehrfacher Anfragen von Motherboard Deutschland kein Gespräch zustande. Am 29. September meldet sich ein Vertreter mit einem Gesprächsangebot, ist danach aber nicht mehr zu erreichen. Wir versuchen bis zur Veröffentlichung dieses Textes täglich mit Anrufen und Mails eine Reaktion zu bekommen, bleiben aber erfolglos. Gerne hätten wir gewusst, was Blizzard gegen das Problem der Belästigung unternimmt und wie gut oder schlecht die vorgesehenen Meldeprozedere des Entwicklers gegen Probleme, wie sie in der "Rape-Taverne" Goldhain existieren, funktionieren.

"Hassrede, Diskriminierungen, Obszönitäten und störende Sprache ist unangemessen", heißt es dagegen im öffentlichen m Verhaltenskodex des Entwicklers. "Bedrohungen und Belästigungen sind inakzeptabel, egal welche Sprache benutzt wird.", schreibt Blizzard weiter. "Verstöße resultieren in Einschränkungen des Spieler-Accounts. Wiederholte Verstöße ziehen größere Einschränkungen nach sich."

Die Nutzungsbedingungen machen eigentlich sehr klar, welches Verhalten toleriert wird – und welches nicht | Bild: Screenshot, Blizzard

Noch präziser wird Blizzard in den Nutzungsbedingungen von World of WarCraft: Im Spiel würde Verhalten geahndet, dass "illegal, bedrohlich, beleidigend, diffamierend, vulgär, obszön, hasserfüllt, sexuell anstößig, rassistisch oder irgendwie unzulässig" wäre. Die Entscheidung darüber, was darunter fällt, würde dabei immer bei Blizzard liegen. Kurz: Blizzard formuliert hier ein umfassendes Hausrecht, um Trolle und Nutzer, die andere belästigen, problemlos aus dem Spiel werfen zu können.

Wie uns Spieler allerdings berichten, setzt Blizzard dieses Hausrecht aber nur sehr unzureichend durch.

Bevor es zu einer Entscheidung kommt, müssen die Spieler selbst aktiv werden. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Am schnellsten kann ein störender Gamer per Rechtsklick auf ein Spielerprofil gemeldet werden. World of Warcraft schlägt dann mehrere Kategorien für den gemeldeten Vorfall vor: ein unerlaubter Name, unangemessene Sprache, Spam, Cheating. Der gemeldete Spieler wird daraufhin für den Melder in der aktuellen Spiele-Session auf stumm geschaltet, weitere Nachrichten sieht der meldende Spieler dann nicht mehr. Blizzards Support-Team verspricht, sich jeden Report anzuschauen.

Etwas detaillierter funktioniert das Ticket-System. Eigentlich für Bugs und größere Support-Anfragen gedacht, lässt sich hier im Spiel eine E-Mail direkt im Spiel an Blizzard schicken, auf die Mitarbeiter antworten.

Warum das für Spieler nicht genug ist

Das klingt ausgefeilt genug. Doch das Melde- und Ticket-System schätzen die Spieler, mit denen wir gesprochen haben, als unzureichend ein.

"Ob jetzt jemand meine Meldung liest oder die im Nirgendwo landet, das weiß ich nicht"

"Blizzard ist einfach null transparent", erklärt uns Perroy. Der britische Gamer war so frustriert von Blizzards fehlendem Eingreifen, dass er eine Art digitale Bürgerwehr gegründet hat, die gemeinsam gegen Belästigungen und öffentliche Sex-Chats vorgeht. Gemeinsam ziehen sie durch die Welt, bitten Spieler um mehr Diskretion und melden Verstöße. "Obwohl wir seit mehreren Monaten patrouillieren und melden, ist die Taverne so vollgepackt wie immer. Ich weiß nicht, ob Blizzard jemals Spieler suspendiert, die Suspendierungen einfach ständig auslaufen, oder die Strafen zu milde sind", beschwert er sich.

In Erfahrung bringen kann nicht, woran es genau mangelt. Im Gegensatz zu sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram, die für jede Meldung Feedback geben, ob etwas unternommen wurde, bleibt Blizzard still. "Ob jetzt jemand meine Meldung liest oder die im Nirgendwo landet, das weiß ich nicht", schreibt uns ein anderer gefrusteter Rollenspieler.

Unzureichende Meldesysteme: Kein Spieler kann Blizzard erklären, was passiert ist

Ein Problem ist auch der fehlende Kontext einer Meldung. Ein Report bietet Spielern nämlich keinen Raum, zu erklären, was eigentlich passiert ist. Support-Mitarbeiter müssen das also selbst herausfinden. Und dass diese Nachverfolgung ziemlich aufwändig ist, das gab vor Kurzem ein Community Manager selbst zu.

Einige Spieler vermuten hinter den Belästigern auch sogenannte Starter-Accounts. Wer World of WarCraft ohne Monats-Abo ausprobieren möchte, kann einen kostenlosen Account anlegen. Zwar können Spieler mit diesen Accounts nicht in öffentliche Chats schreiben, aber sie können Anfängergebiete wie Goldhain bereisen und dort andere Spieler per Privatnachricht belästigen.

Außerdem ist da noch die Tatsache, dass Spieler in immer neue Charaktere schlüpfen können – hier wird dieses WoW-Feature zum Bug. "Mit deinem Report schaltest du ja nur diesen einen Charakter stumm, nicht aber den Account", schreibt ein weiterer anonymer Rollenspieler. "Manche Spieler benutzen also absichtlich diese Wegwerf-Charaktere. Dahinter steckt dann oft derselbe Spieler, aber technisch ist es ein neuer Charakter, den man melden muss."

Heißt also: Klar kann man Fehlverhalten melden – aber mindestens eine belästigende Nachricht kommt immer durch.

Fluch und Segen zugleich: Rollenspiel-Add-Ons sorgen dafür, dass auch das Ticketsystem versagt

Wo die schnellen Reports versagen, sollten die komplexeren Support-Tickets für mehr Hilfe sorgen. Sie zeigen aber ein ganz anderes Problem auf, das Blizzard mit der Bekämpfung von Trollen und Belästigern hat.

Ein Spieler leitet uns eine Ticket-Unterhaltung weiter. Er beschwert sich über einen Spieler, der reihenweise Rollenspieler belästigt, beleidigt und versucht, sie zu erpressen – er droht, private Sexchats und Nacktbilder öffentlich zu machen, die sie ihm zuvor einvernehmlich geschickt haben. Für seine Drohung benutzt dieser Spieler ein Rollenspiel-Add-On.


Bei Motherboard: Dreamcasts Fisch-Simulator


Diese kostenlosen Zusatzprogramme von Drittanbietern werden von Blizzard geduldet. Sie erlauben es Rollenspielern, eine Art erweitertes Profil in einem einfachen Text-Fenster anzulegen, das anderen Add-On-Nutzern angezeigt wird, sobald sie mit dem Mauszeiger über die Spielfigur fahren. "Im Grunde kommt Rollenspiel gar nicht ohne diese Programme aus", schätzt ein anderer Spieler. Aber der Belästiger nutzt das Add-On nicht für blumige Charakterbeschreibungen, sondern für Links auf imgur-Galerien mit privaten Nacktbildern, die ihm vor allem Frauen geschickt haben. Außerdem mobbt und beleidigt er den Absender des Support-Tickets.

Ein Spieler macht private Sex-Chats auf seinem Rollenspiel-Add-On-Profil öffentlich | Bild: Screenshot, Blizzard

Blizzard ahndet dieses Verhalten allerdings nicht und zieht sich mit einem Verweis auf die Zuständigkeit aus der Affäre: "Danke fürs Melden! Ich hoffe, dir geht es gut. Ich verstehe, dass du eine sehr unglückliche Situation erlebt hast und es tut mir leid zu sehen, dass ein anderer Spieler private Infos in das RP-Addon gepackt hat", schreibt ein Blizzard-Mitarbeiter. "Das Problem ist aber, dass dieser Spieler ein Drittherstellerprogramm nutzt und nichts, was von Blizzard kommt. Daher können wir nicht verifizieren, was der Spieler da macht. Der Nutzer müsste schon unsere Nutzungs- oder Belästigungsbestimmungen verletzen. Vielleicht könntest du es ja beim Hersteller des Add-Ons versuchen?"

"Auf keinen Fall möchte ich, dass ein Ort wie Goldhain entfernt wird, auch wenn ich hier Opfer eines homophoben Mobbers wurde"

Nachweisen müsste Blizzard eigentlich nichts, die Firma müsste nur ihr Hausrecht durchsetzen wollen. Davor ziert sie sich aber scheinbar, wenn es sich um Inhalte aus Dritthersteller-Software handelt, obwohl diese Inhalte in ihrem Spiel dargestellt werden. Gemeldet werden können nur Nachrichten im spieleigenen Chat. Dabei passieren viel gröbere Verstöße gegen Blizzards Nutzungsbestimmungen aber in den Textfenstern der Rollenspiel-Add-Ons, das zeigen uns zahlreiche Screenshots von Spielern. Für Belästiger bieten die Add-Ons also aktuell ein sicheres Schlupfloch.

Was wollen die Spieler

Das Thema macht die Rollenspieler von World of WarCraft nervös. Sie wollen keine weitreichenden Verbote, weder für die wichtigen Add-Ons, noch für Cybersex an Orten wie Goldhain: "Das sind die sichersten Orte dafür, um mehr über deine Sexualität herauszufinden, Freunde zu finden und Neues zu lernen. Auf keinen Fall möchte ich, dass ein Ort wie Goldhain entfernt wird", schreibt uns der Autor des Tickets, "auch wenn ich hier Opfer eines homophoben Mobbers wurde."

Laut dem Spieler ist das größte Problem, dass solche Belästiger sich "viel zu sicher fühlen in World of WarCraft und tun und lassen können, was sie wollen, ohne Angst vor den Konsequenzen. Ich möchte deutlich vor solchen Leuten warnen und darum bitten, dass Spieler keine echten Infos über sich selbst preisgeben."

Ein guter Ratschlag, zweifelsohne, aber die Verantwortung, seine Spieler zu schützen liegt natürlich zuerst bei Blizzard – und hier ist noch viel Luft nach oben. Auch in Blizzards Shooter Overwatch wird die lasche Reaktion auf Belästigung gerade viel diskutiert. Natürlich sind Rollenspieler nur ein winziger Teil der millionengroßen Spielerbasis von World of WarCraft, doch der Umgang mit ihren Problemen und Sorgen zeigt, dass Blizzard, die Entwickler des Online-Rollenspiels, noch viel verbessern müssen, um ihre Spieler vor Belästigung zu schützen.