Meinung

Das Problem mit der #MeToo-Kampagne

Gleichberechtigung scheitert nicht daran, dass sich nicht genug Frauen zu Wort melden – sondern dass sich nie genug Männer angesprochen fühlen.

Megan Nolan

Foto: Mandoga Media | DPA | PA Images

Seit Samstag trendet der Hashtag #MeToo, auf dem Frauen öffentlich machen, dass sie Opfer sexueller Übergriffe oder Belästigung geworden sind. Den Anstoß dafür gab die Schauspielerin Alyssa Milano. Im Zuge des immer größer werdenden Skandals um die mutmaßlichen Sexualverbrechen des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein twitterte Milano: "Eine Freundin hat diesen Vorschlag gemacht: Wenn alle Frauen, die schon mal sexuell belästigt wurden oder Opfer eines sexuellen Übergriffs waren, ihren Status auf 'Me too' setzen, verstehen die Menschen vielleicht, wie groß das Problem ist.'"

Viele kopierten Milanos Tweet, andere teilten die verstörenden Details ihrer eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Wieder andere, wie ich zum Beispiel, sind sich nicht so sicher, was sie von solchen Kampagnen halten sollen. Der Erfolg der Kampagne hängt davon ab, wie viele Frauen mitmachen, auf wie vielen Plattformen, und wie viele es dann lesen. Es geht darum, Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken, und über die Tragweite aufzuklären. Die Solidarität, die aus dieser Kampagne entsteht, ist für viele sehr tröstlich. Und trotzdem habe ich Einwände.


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Zuerst einmal erscheint es mir grotesk, dass uns Frauen diese Bürde der Repräsentation auferlegt wird – wie so oft müssen wir unseren Schmerz zur Schau tragen, damit jemand zuhört. Wenn wir über sexuellen Missbrauch sprechen, wird erwartet, dass wir unsere eigenen Erfahrungen als eine Art Trumpf ausspielen. Aber eben das ist frustrierend. Beschwere ich mich über einen Vergewaltigungswitz, bin ich ein verbitterter "Feminazi" – bis ich erkläre, dass ich selbst schon vergewaltigt wurde, woraufhin ich dann zu einer zerbrechlichen Blume werde, die Schutz und Bevormundung braucht. In diesem öffentlichen Diskurs gibt es keinen Platz für eine unpersönliche Kritik anstelle von Opferberichten.

Selbst gute Menschen sind entsetzt und haben Angst, wenn es darum geht, die Wahrheit über Missbrauch auszusprechen.

Damit will ich nicht sagen, dass Schweigen über unsere eigenen Erfahrungen uns voran bringt. Das tut es nicht. Und ich habe selbst auch schon öffentlich über die schmerzhaftesten Kapitel meines Lebens gesprochen, darunter die Tatsache, dass ich vergewaltigt wurde. Ich bereue das nicht, doch ich bin mir nicht sicher, ob meine Erzählung einen größeren Nutzen hatte. Mein Fazit meiner Erfahrung ist: Selbst gute Menschen sind entsetzt und haben Angst, wenn es darum geht, die ungeschönte Wahrheit über Missbrauch zu hören. Sie können kein richtiges Gespräch darüber führen. Erst ermutigen und drängen dich Menschen, deine Erfahrung auszusprechen, und dann können sie dir nicht in die Augen sehen, während du redest.

Und ich lernte das seltsame Gefühl kennen, das entsteht, wenn die breite Masse die Geschichte deines Missbrauchs eifrig konsumiert. Nachdem ich einen Artikel darüber geschrieben hatte, riefen zahllose Radiosender und Zeitungen bei mir an. Die Irish Daily Mail druckte mein Foto auf die Titelseite, mit der Schlagzeile "Mädchen, 18, am Trinity College vergewaltigt". Ich war zwar schon 24, als ich den Artikel schrieb, und hatte seither viele andere Dinge erlebt, aber in dieser Zeitung war ich "Mädchen, 18, vergewaltigt", und das werde ich immer bleiben.

Diese Sensationsgier habe ich in den vergangenen Wochen selbst gespürt, als ich die Enthüllungen über Weinstein mit einer Art Spannung konsumierte. Ich las die Details, hörte entsetzt und fasziniert zugleich die geheimen Aufnahmen an, die eines seiner mutmaßlichen Opfer mitgeschnitten hatte. Dieser Drang nach Wissen ist natürlich. Vor allem als Missbrauchsopfer wird es zu unserer Gewohnheit, die Details aufzusammeln und mit unserer eigenen Erfahrung zu vergleichen. Aber mir wird dennoch schlecht davon, wie eifrig wir das Grauen in uns aufnehmen. Und das ohne, dass wir dann wirklich ernsthaft darüber sprechen.

Das Problem ist nicht, dass Frauen ein Problem damit haben, sich selbst als Opfer sexueller Gewalt zu sehen, sondern dass Männer ein Problem damit haben, sich als Täter zu begreifen.

Die Wurzel des Problems mit dieser Medien-Dynamik ist, wie brutal präsent das Opfer in der Erzählung sein muss, während der Täter passiv und vage im Hintergrund schwebt. Das Problem ist nicht, dass Frauen ein Problem damit haben, sich selbst als Opfer sexueller Gewalt zu sehen, sondern dass Männer ein Problem damit haben, sich als Täter zu begreifen. Es dürfte uns allen schwerfallen, ehrlich darüber nachzudenken, wie viele der Männer aus unserem Bekanntenkreis wohl schon einmal sexuelle Gewalt ausgeübt haben. Deswegen werfen Menschen in Situationen wie dieser auch so gern mit Wörtern wie "Hysterie", "Hetzkampagne" oder "Männerhass" um sich – weil es wirklich verrückt wirkt, wenn man erst einmal anfängt, sich die Zahl der Täter zu vergegenwärtigen. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft, wie viele Männer mitschuldig sind.

Weil die Menschen sexuelle Gewalt dem "Bösen" zuschreiben, erkennen sie sie nicht bei sich selbst oder ihren Freunden. Und auch, weil diese Taten spezifisch und kontextabhängig sind – es läuft eben nicht immer plakativ und filmreif ab. Und immer gibt es "Gründe" dafür, kleine Rechtfertigungen und Ausreden, die wir uns erzählen können, die Opfer wie die Täter.

Diese Gewalt ist der Stoff, aus dem unsere Welt gemacht ist.

Einfach nur Aufmerksamkeit darauf lenken, wie viele von diesen Problemen betroffen sind, wird die Probleme nicht lösen. Aber ich selbst weiß auch nicht, wie wir sie lösen können. Zu fest sind sie in unserer Gesellschaft verankert, als dass es die eine Lösung geben könnte. Der Zustand des Frauseins ist ein Zustand sexueller Unterdrückung. Ich verbringe nicht meinen Alltag damit, über meine Traumata aus sexueller Gewalt nachzudenken, und gehe nicht in ständiger Angst durchs Leben. Aber dennoch hat das allgegenwärtige Klima sexueller Unterdrückung die Bausteine geformt, aus denen sich Teile meiner Person und meine Erfahrungen zusammensetzen. Es gibt keinen Menschen, der von der patriarchalen Gesellschaftsform unbeeinflusst bleibt, weil unsere Kultur selbst darauf basiert.

Im Alltag ist es natürlich wichtig, dass wir konkrete Schritte unternehmen: damit Übergriffe verhindert werden, damit Opfer sich trauen, Gewalt anzuzeigen, damit Täter sowohl gesetzlich als auch gesellschaftlich die gerechte Strafe bekommen. Diese Dinge haben einen greifbaren, positiven Einfluss auf das Leben vieler Frauen.

Aber das Grundproblem bleibt bestehen. Diese Gewalt ist der Stoff, aus dem unsere Welt gemacht ist. Wir müssen das System gründlich auseinandernehmen, wenn wir tiefgreifende Veränderungen wollen. Nötig wären sie. Wir warten bereits zu lange drauf.

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