In Berliner Gefängnissen ist jeder vierte Häftling drogensüchtig

Familie und Freunde schmuggeln deshalb Cannabis, Kokain und Heroin hinter Gitter – oft auf kreative Art und Weise.

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02 Oktober 2017, 1:27pm

In der JVA Moabit wurden im vergangene Jahr 1,8 Kilo Cannabis beschlagnahmt | Foto: imago | Jürgen Ritter

Die Geschichte von der Feile im Kuchen kennt jeder. Freunde, Familienmitglieder oder Berufsgenossen von Häftlingen versteckten sie im Teig und schickten sie als als Care-Paket ins Gefängnis. Die Kuchen von heute aber sind zahnfreundlicher: Statt Feilen gibt es Cannabis – und die Süßigkeit kommt gerne auch mal per Drohne. Denn trotz dicker Mauern, vergitterter Fenster und jeder Menge Wärter gibt es in Berliner Haftanstalten ein Drogenproblem – das offenbart die Antwort des Berliner Senats auf die Kleine Anfrage eines CDU-Abgeordneten.

Berliner Gefängnisse erinnern eher an Suchtkliniken: Von 3.798 männlichen Gefangenen und Verwahrten soll im vergangenen Jahr bei 1.523 eine "Suchtproblematik" festgestellt worden sein, das entspricht vier von zehn Inhaftierten. Der Senat unterscheidet dabei zwischen "Substanzabhängigkeit" und "Substanzmissbrauch". 1.025 Häftlinge (27 Prozent) sollen abhängig gewesen sein, 498 (13 Prozent) weitere wollen die Justizbeamten zumindest des Substanzmissbrauchs überführt haben. Bei den weiblichen Gefangenen ist der Anteil an Süchtigen sogar noch ein bisschen höher: Von 175 Frauen hinter Gittern sollen 50 regelmäßig zu Drogen greifen – fast jede Dritte. Zum Vergleich: In ganz Deutschland liegt der Anteil der Drogenabhängigen bei unter einem Prozent.

Die suchtkranken Häftlinge können sich dabei einem Drogenbuffet bedienen, das so reichhaltig wie das Angebot in Parks und auf Clubtoiletten ist. In den Justizvollzugsanstalten Tegel, Moabit, Plötzensee und Heidering sowie in der Jugendstrafanstalt in Charlottenburg wurde im vergangenen Jahr von Cannabis bis Kokain so ziemlich alles gefunden. Insgesamt über fünf Kilogramm Cannabis, über 60 Gramm Kokain und fast 40 Gramm Heroin wurden 2016 beschlagnahmt. So viel wie noch nie. Allein bei den Jugendstraftätern fanden die Wärter 415 Gramm Cannabis, bei den Erwachsenen in der JVA Moabit rund 1,8 Kilo. Die Dunkelziffer ist wohl noch viel größer.


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Dabei tun die Gefängnisse offenbar schon viel dagegen. 72 Haftraumkontrollen pro Tag sind alleine in der JVA Heidering vorgegeben, von montags bis freitags – das sind im 18.000 im Jahr. In der JVA Moabit sollen im Jahr 2016 insgesamt 11.359 Räume kontrolliert worden sein, heißt es im Bericht des Berliner Senats. Zusätzlich beschnüffeln Drogenspürhunde die Geschenkpakete an Geburtstagen, zu Weihnachten oder Ramadan.

Wie die Drogen in die Haftanstalten kommen, kann nur über die Fälle rekonstruiert werden, bei denen die Beamten die Schmuggler erwischten. Beliebt sind besonders kleine Mengen von Kokain oder Heroin in Briefen und Paketen. Immer wieder versuchen Verwandte und Freunde bei ihren Besuchen, kleine Päckchen per Handschlag oder Kuss an die Häftlinge weiterzugeben. Neugefangene schlucken vor Haftantritt mit Drogen gefüllte Kondome oder führen sich Überraschungsei-Döschen rektal ein. In der Berliner Jugendstrafanstalt wurde im vergangenen Jahr allein 21 mal Anzeige erstattet, weil Drogenpäckchen über die Anstaltsmauer geworfen wurden. Statt auf Geschenkpapier greifen die Schmuggler hier allerdings auf Tennisbälle zurück.

Geholfen wird den Suchtkranken übrigens auch: Alle Berliner Justizvollzugsanstalten böten "eine Vielzahl unterschiedlicher und auf die jeweilige Gefangenengruppe ausgerichteter Behandlungsmaßnahmen", heißt es vom Berliner Senat. Suchtkranke können sich nicht nur entgiften, sondern auch beraten und therapieren lassen.

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