GAMES

Leute erzählen uns, wie Videospiele ihr Leben gerettet haben

Games gelten oft als Zeitfresser oder Flucht vor der Realität. Dabei können sie uns durch wirklich schwere Zeiten helfen – und sogar bei echten physischen und psychischen Krankheiten.

von Josef Zorn
27 August 2018, 11:18am

Illustrationen vom Autor

Vor vielen Jahren hatte ich einen lebensbedrohlichen chirurgischen Eingriff, der mich für mehrere Wochen ans Bett fesselte. Es war nicht gerade die einfachste Zeit, weil Genesung eben nicht nur Entspannung und Auszeit bedeutet, sondern auch Isolation und stupide Gleichförmigkeit. Aber es gab eine Sache, die mir dabei geholfen hat, mich aus dem geistigen Abgrund zu fischen: World of Warcraft. Als ich später mit Leuten in meinem Umfeld über das "Gaming als Therapie" sprach, kam immer wieder die positive Wirkung von Videospielen bei depressiven Tendenzen auf. Seither beschäftigt mich das Thema immer wieder.

Die therapeutischen Möglichkeiten stecken aktuell noch in den Kinderschuhen, aber bereits heute wird Virtual Reality bei der professionellen Behandlung von Nachkriegstraumata, Konzentrationsschwächen (ADHS) und verschiedensten Phobien eingesetzt. Spiele können natürlich genauso gut der Auslöser für psychische Probleme und ein kaputtes Sozialleben sein und sollen hier nicht als Therapieersatz glorifiziert werden. Aber eben nicht nur. Und diese Geschichten beweisen es.


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Andreas (33)

Es gab da eine Zeit, in der es mir psychisch echt beschissen ging. Ich hatte keine Lust, die Wohnung oder auch nur mein Zimmer jemals wieder zu verlassen. Da kam mir ein umfangreiches Rollenspiel wie Persona 4 gerade recht. Als Austauschschüler kommt der Protagonist in eine japanische Kleinstadt, findet dort Freunde, erlebt irre Dinge mit ihnen, lernt viel über Menschen und sich selbst – und fährt am Schluss gereift wieder nach Hause.

10 Tage lang habe ich durchgehend in diesem Spiel gelebt. Es fühlte sich wie eine Art soziale Rehabilitation an und hat mich aufgefangen, obwohl ich mich eigentlich nur verkriechen wollte und mit Anflügen von Depression kämpfte. Die Story hat mir Mut gemacht und das Durchspielen war wie ein Arschtritt zurück ins Leben. Nach dem Abspann habe ich die Konsole abgeschaltet und war wieder bereit für die reale Welt und die Leute da draußen.

Jinmo (33)

Ich habe schwere Panikattacken und Angststörungen, weswegen ich auch oft zu hyperventilieren beginne. Meinen Nintendo DS brauche ich deswegen hauptsächlich zur Beruhigung. Spiele wie Rhythm Tengoku und die Professor Layton-Teile haben mir geholfen, der Anspannung und den Anfällen entgegenzuwirken. Ich weiß, dass ich keine Panikattacken oder Beklemmungen bekomme, wenn ich spiele. Somit kann ich endlich frei atmen. Meine Freunde nennen meinen blinkenden Nintendo DS "Jinmos Herz" und sagen Dinge wie: "Schau, wie sein Herz pocht. Ihm geht es gut!" Das war meine Therapie. Das und Destiny's Child.

Noah (29)

Vor Jahren habe ich echt viel gekifft. Plötzlich merkte ich, dass ich meine Gedanken nicht mehr kontrollieren konnte. Ich fühlte mich, als würde ich außerhalb meines Körpers leben. Ich war nur noch Passagier in meinem eigenen Kopf und hätte am liebsten den Schleudersitz aktiviert. Aus Angst, eine Psychose zu bekommen, habe ich sofort aufgehört zu kiffen. Aber die wirren Gedanken und Panikattacken blieben. Ich dachte wirklich: "Jetzt ist es soweit, du wirst verrückt."

Das Einzige, das mir damals geholfen hat, war mentale Ablenkung. Für mich war Twitch die Rettung. Eine ganze Video-Plattform voller Videospiele zockender Menschen! Ich hab über zwei Monate hinweg jeden Tag mindestens drei bis vier Stunden dabei zugeschaut, wie gechillte Streamer entspannte Spiele wie Hearthstone spielen. Nach zwei Monaten ging es mir viel besser. Meine Liebe zu Twitch besteht weiterhin. Auf den Kanälen vieler Streamerinnen und Streamer sieht man Kommentare, in denen sich Leute bedanken, dass ihnen das Zuschauen dabei hilft, schwere Zeiten durchzustehen. Es geht anscheinend mehreren Leuten wie mir.

Verena (24)

Für mich waren Videospiele eine Möglichkeit, mich bewusst sozial auszuklinken und auf mich selbst zu konzentrieren. Natürlich treffe ich gerne Freunde und habe ein cooles soziales Umfeld, aber ich lade mir viel zu oft zu viel auf. Ich bin gerne für andere da, aber ich kann nie Nein sagen. Der eine hat Geburtstag, die andere möchte was unternehmen, man bekommt Einladungen, jemand möchte mit dir über seine Probleme reden ... Das ist richtiger Freizeitstress. Videospiele "zwingen" mich, zur Ruhe zu kommen, gemütlich zu Hause auf der Couch zu sitzen und einmal nur für mich zu sein. Spiele haben mir dabei geholfen, allein sein zu können. Ich freu mich schon so auf Red Dead Redemption 2!

Margit (35)

Mein Papa wurde damals in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt. Wir konnten nur abwarten, ob er es schaffen wird. In dieser Zeit lag ich viel mit meinem Smartphone auf der Couch und habe Candy Crush gespielt. Wochenlang, unzählige Stunden, habe ich Candys zerstört und mich von der schrägen Musik und den Sounds einlullen lassen. Selbst wenn ich das Handy weggelegt hatte, habe ich im Geist weitergecrusht. Mein Gehirn war bis obenhin voll mit explodierenden Sweets und obwohl das ziemlich verrückt klingt, hat mir das Spiel dadurch unglaublich dabei geholfen, nicht verrückt zu werden.

Rashad (17)

Ich spiele Football und mein Team hatte ein extrem hartes Jahr hinter sich. Mir ging es überhaupt nicht gut und ich habe etwas gebraucht, das mich motiviert, weiterzumachen. Mit dem Sport und überhaupt. I needed a win! Zum Glück erschien Monster Hunter World. Dieses Spiel probiert einfach so viele neue Dinge aus, die ich extrem inspirierend fand. Es ist zwar etwas komplett anderes als Football und auf den ersten Blick ergibt es wahrscheinlich keinen Sinn, dass es mir dabei geholfen hat – aber ohne Monster Hunter würde ich heute ziemlich sicher nicht mehr Football spielen.

Josef (34)

Es war im Sommer vor meiner Matura und ich hatte schlechte Mushrooms erwischt. Es fühlte sich an wie eine Vergiftung. Meine Nieren schmerzten. Ich bekam extreme Panik, was die psychedelische Wirkung der Pilze natürlich nicht besser machte – aber ins Krankenhaus habe ich mich einfach nicht getraut. So verbrachte ich also zwei fiebrige und zittrige Tage vor dem Fernseher und habe auf meiner PS2 Blood Omen II gespielt.

Mit jedem ausgesaugtem Dorfbewohner ging es mir und dem Vampir-Protagonisten Kane ein Stückchen besser. Während dieser 48 Stunden Blutbad, das sich physisch wirklich säubernd anfühlte, konnte ich in Ruhe Tee trinken und von meinem Trip runterkommen. Das war richtiges "Detox-Gaming". Ein Hoch auf Blood Omen II und meine unverwüstlichen Filterorgane.

Grete (29)

Es gibt ein paar Spiele, die mir geholfen haben, den Alkoholismus meiner Mutter besser zu verstehen und Erlebnisse meiner Kindheit nachträglich aufzuarbeiten. Papo & Yo handelt von einem brasilianischen Jungen, der zusammen mit einem Monster vor dem gewalttätigen Alkoholiker-Vater in eine Fabelwelt entflieht. Das Spiel war für mich sehr anstrengend, aber auch reinigend.

Papo & Yo und ein Spiel namens Among the Sleep haben mir nach Jahren das Gefühl gegeben, dass ich mit dieser Last nicht allein bin. Ihre Botschaft war in beiden Fällen: Vergiss nicht, auf dich aufzupasse nund auch wenn andere anscheinend große Probleme haben – denk an deinen Selbstschutz! Das hat mich auch in meiner Entscheidung bestätigt, mich ab einem gewissen Punkt von meiner Mutter zu distanzieren. Man kann einer Person eben nicht helfen, die nicht will, dass ihr geholfen wird. Das schlechte Gewissen kann man zwar nicht ganz abschalten, aber man kann lernen, dass es dazugehört.

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