Männer sollten sich nicht dafür schämen, sich mit Sexspielzeug selbst zu befriedigen

Masturbationshilfen werden immer beliebter. Warum aber haben solche Produkte weiterhin so einen schlechten Ruf?

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Juni 25 2018, 5:32am

B.* weiß noch genau, wann er zum ersten Mal nach Masturbatoren suchte, nach Fleshlights und "Taschenmuschis". Damals war er in einer Beziehung und litt unter Angstzuständen. Das Medikament, dass er dagegen nahm, verursachte bei ihm Orgasmus-Schwierigkeiten. Die wollte B. nun mit einem Sexspielzeug aus dem Internet kurieren. Doch nach dem ersten Gebrauch habe er sich richtig schlecht gefühlt, so als würde er seine Freundin betrügen. "Es dauerte eine Weile bis ich mich daran gewöhnt hatte, aber dann war dieses 'gruselige' Gefühl wie verflogen", schreibt er mir.

B. ist nicht alleine: Hersteller von Sexspielzeug für Männer verzeichnen gerade rekordverdächtige Umsatzzuwächse. Deshalb habe ich eine Umfrage unter Männer durchgeführt, in der sie mir von ihren Erfahrungen mit Sexspielzeug erzählen sollten. Viele der über 100 Teilnehmer wollten nicht, dass ich ihren echten Namen verwende. Dieser Umstand verrät: Das Stigma, das solchen Produkten anhaftet, scheint trotz ihrer zunehmenden Verbreitung nicht wegzugehen.

Laut Adam Lewis vom Sexspielzeughersteller Hot Octopuss liegt dieses negative Image zum Teil daran, wie Sexspielzeug für Männer aussieht und funktioniert. "Die meisten Geräte für Männer sind so konzipiert, dass sie die Handlungen eines Manns mit einer Partnerin simulieren", sagte Lewis 2016 in einem Interview. Und das führe zu der Annahme, dass ein Mann, der Sexspielzeug benutzt, ein wenig pervers, verzweifelt oder einsam sein müsse.

Diese Analyse des Stigmas rund um Sexspielzeug für Männer leuchtet mir ein. Allein die Terminologie spricht da schon Bände: Der Begriff "Taschenmuschi" lässt einen Masturbatoren direkt mit menschlichen Löchern vergleichen – nur ohne den dazugehörigen Menschen. Und dann fehlt nicht mehr viel, um solche Geräte als "letzten Ausweg" für sexuell frustrierte Leute anzusehen.


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Über das Verhältnis von Frauen zu Sexspielzeug herrscht eine komplett andere Auffassung. In verschiedenen Fernsehserien wird ganz offen darüber gesprochen, Werbungen für Sexspielzeug-Onlineshops laufen zur besten Sendezeit und in verschiedenen Artikeln werden die Vorzüge solcher Geräte angepriesen. Bei Sexspielzeug für Männer sehen wir keinen solchen Dialog. Vielleicht haben deswegen so viel Leute bei meiner Umfrage geantwortet, dass Masturbationshilfen eklig seien oder dass echte Männer nur "mit echten Muschis" vögelten.

Dabei habe ich selbst schon Masturbatoren an die verschiedensten Männer verkauft – egal ob an machohafte Pumper, genderqueere Typen, Wall-Street-Banker, Trans-Männer oder manche Schnitte. In anderen Worten: Keiner meiner Kunden ist einer dieser creepy Einzelgänger, die man sich vorstellt, wenn man an Männer und Sexspielzeug denkt. Genau wegen dieser Vorstellung kann ich es aber voll verstehen, wenn man(n) lieber nichts von seinem Masturbator erzählt.

Leider sind die Optionen für neugierige Männer begrenzt. Oftmals bestehen diese Optionen dann auch noch aus Plastik voll ungesunder Chemikalien. Die können laut der Akademikerin Amanda Morgan zu Geburtsfehlern sowie Leber- und Nierenschäden führen. Gesundheitlich unbedenkliche Masturbatoren gibt es meistens nur in bestimmten Formen und einem einzigen Farbton.

Ein unglaublich bizarrer Trend unter Sexspielzeug-Herstellern geht dahin, einfach nur eine Art künstlichen "Fleischklumpen" mit penetrierbaren Löchern herzustellen und den als Masturbatoren zu verkaufen. So entstehen wabbelige Brüste in Verbindung mit einer Vaginalöffnung und einem Anus oder ein schmaler Körper mit riesigem Hintern. Was mich am meisten überrascht, ist aber die Tatsache, dass solche Produkte dann auch noch zahlreiche neutrale bis positive Online-Bewertungen bekommen.

"Mit einem Masturbator kann ich mich auf eine ganz neue Art zum Höhepunkt bringen!"

Manche Sexspielzeuge für Männer versprechen Dinge wie länger anhaltende Erektionen. Theoretisch können Masturbatoren wirklich dabei helfen, den eigenen Orgasmus besser zu kontrollieren. B. betont aber, dass ein Masturbator absolut nicht mit normalem Geschlechtsverkehr zu vergleichen sei: "Die Geschwindigkeit ist ganz anders und es sind andere Stellungen möglich."

Dem Markt für Masturbatoren fehlt es an inkludierender Sprache, dafür ist Rassismus häufig zu sehen. Die meisten Mainstream-Sexshops bedienen sich einer offen heteronormativen Sprache. Dabei gibt es auch ein großes Angebot für Männer, die mit Männern schlafen. Und einer meiner Umfrageteilnehmer gab sogar an, als heterosexueller Cis-Mann lieber in solchen Homo-Sexshops einzukaufen, weil es dort eine ganz andere, fortschrittlichere Auswahl gebe.

Es ist aber nicht alles schlecht. Das japanische Unternehmen Tenga will den Penissen dieser Welt eine bessere Zukunft ermöglichen. Die Firma versucht gar nicht erst, ihre Produkte wie Frauenkörper aussehen zu lassen. Schädliche Chemikalien suche man vergebens, sagt das Unternehmen über sich selbst. Der Ansatz lohnt: "Bis zum Juni 2017 haben wir über 55 Millionen unserer Produkte in die ganze Welt verschickt", verkündete Tenga letztes Jahr. Und auch bei meiner Umfrage kam heraus, dass viele Männer wegen der laut ihren Angaben besseren Qualität ausschließlich auf Sexspielzeug Made in Japan setzen.

"Es war total erotisch und intim, ihm beim Höhepunkt zuzusehen. Ich hatte fast das Gefühl, die Situation zu kontrollieren."

Vibration ist eine weitere Option, an die viele Männer gar nicht erst denken. Dabei scheinen vor allem Masturbator-ähnliche Aufsätze für Vibratoren ein Volltreffer zu sein: "Das erste Mal war total intensiv und neuartig, so wie damals, als ich die Selbstbefriedigung für mich entdeckt habe", schreibt einer meiner Umfrageteilnehmer. Und auch der bereits erwähnte heterosexuelle Cis-Mann war fast schon beängstigt davon, wie sehr der Faktor Vibration seine Auffassung von Stimulierung verändert hat: "Nachdem ich das vibrierende Fleshlight zum ersten Mal benutzt hatte, machte ich mir fast Sorgen, dass sich das Spielzeug besser anfühlt als richtiger Sex", sagt er. "Aber damals war ich 18 und noch richtig naiv. Inzwischen weiß ich, dass Geschlechtsverkehr durch nichts ersetzt werden kann. Ein Mensch bringt eben noch so viel mehr mit ins Bett als nur die Stimulierung meines Penis."

Ich habe für diesen Artikel auch mit einigen Partnern von Masturbator-Enthusiasten gesprochen. Und siehe da, das Klischee vom Sexspielzeug für einsame Männer entspricht nicht der Realität. Lenore Black, eine Sexual-Trainerin, hat ihrem Freund zum Beispiel einen Masturbator geschenkt. Sie habe es richtig anturnend gefunden, als er damit zu einem besonders intensiven Orgasmus gekommen ist, sagt sie. "Es war total erotisch und intim, ihm beim Höhepunkt zuzusehen. Ich hatte fast das Gefühl, die Situation zu kontrollieren." Es gab jedoch selbst für sie als Sexualcoach einen Moment der Unsicherheit: "Kurz befürchtete ich, dass sich das Ganze besser anfühlt als ich. Dann beschrieb mein Freund das Spielzeug aber als Alien-Muschi und ich war beruhigt. Ich meine, ich habe ja auch Alien-artige Dildos zu Hause. Ich weiß genau, was er meint."

Wenn man versteht, dass Sexspielzeug nicht ausschließlich für Solo-Sex bestimmt ist, dann geht man den ersten Schritt in die richtige Richtung und tut etwas gegen das Stigma, das solche Produkte immer noch umgibt. Masturbatoren kann man alleine und auch zusammen mit dem Partner oder der Partnerin benutzen. Und zum Glück wird die Qualität der Produkte immer besser. Jeder Mensch steht auf andere Dinge und wir alle haben es verdient, so befriedigt zu werden, wie wir das wollen. Liebe Männer, merkt euch deswegen: Da draußen gibt es dank Masturbatoren noch eine ganz neue Welt der Orgasmen für euch.

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