Flucht

Der Lebensmittelhändler, der vor 40 Jahren Krieg flüchtete

Aus Angst vor den Taliban flüchtete er an die Ostsee. Sein altes Zuhause vermisst er dennoch.

von Lars Hinnerskov Eriksen
29 Juni 2017, 8:22am

Abdul Hamid Noorzae steht in seinem Lebensmittelgeschäft und greift nach einer Flasche Granatapfelsirup. Seine Lesebrille baumelt an einem Band auf seinen dunkelgrauen Pullover herunter. Er setzt sie sich auf, um sich die Flasche genauer anzugucken. Granatapfelsirup, das erinnert ihn an seine Heimat Afghanistan. An seine Kindheit und blühende Obstgärten.

"Meine Mutter hat früher die Granatapfelkerne ausgepresst und Sirup daraus gemacht", meint Noorzae. "Wenn man Bauchschmerzen hatte, ging es einem damit sofort besser. In Kandahar gab es früher eine große Entsaftungsanlage, aber als der Krieg kam, wurde alles zerstört", sagt er seufzend. "Vierzig Jahre Krieg."

Es ist mittlerweile fast 20 Jahre her, seitdem Noorzae Afghanistan das letzte Mal gesehen hat. Vor 20 Jahren hat er die Taliban bestochen, um aus dem Gefängnis zu kommen, ist nach Teheran geflüchtet, geriet ins Visier der iranischen Geheimpolizei und bezahlte dann Schlepper, die ihn durch Asien in das sichere Europa brachten. Von Teheran nach Kiew, weiter nach Budapest und Hamburg und schlussendlich nach Dänemark.

"Als ich hier ankam, war es einfacher", meint er. "Weil ich mit dem Auto und dem Zug kam und nicht mit dem Boot."

In seinem Lebensmittelgeschäft "Frugtkælderen" im Keller eines Hauses im Kopenhagener Hafenviertel Islands Brygge verkauft er eine bunte Mischung an Dingen des täglichen Bedarfs. Hier gibt es Kokoswasser, türkisches Lokum, Quittentee und eine Tüte mit dänischen Keksen auf der Theke.

Als Noorzae vor zehn Jahren nach Lyngby, einen Vorort von Kopenhagen zog, um dort mit seiner Frau und seinen fünf Kindern ein Haus zu beziehen, fragte ihn ein Sozialarbeiter, ob er nach einem Praktikum suchte. "Ich sagte Nein", erzählt Noorzae. "Ich wollte mein eigenes Geschäft. Als Selbstständiger bin ich glücklich. Dieser Laden macht mich zwar nicht reich, aber ich bin unabhängig."


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Noorzae ist in der afghanischen Region Farah aufgewachsen. Seine Frau lernte er in Kabul kennen; er studierte dort Landwirtschaft, sie Biologie. Als Mitglied der Demokratischen Volkspartei Afghanistans wurde er 1979, als der Krieg ausbrach, in die Armee eingezogen. Er wurde auf den Flughafen von Kabul verlegt, wo er als Offizier stationiert war; seine Familie wohnte in der Hauptstadt. 1997, kurz nachdem das fünfte Kind geboren war, übernahmen die Taliban Kabul und das Land stürzte in einen Bürgerkrieg. Soldaten und Mitglieder der Demokratischen Volkspartei – darunter auch Noorzae – wurden von den fundamentalistischen Aufständischen verfolgt und inhaftiert.

Da sein Vater einen guten Stand in seinem Heimatdorf hatte, konnte Abdul Hamid Noorzae genug Geld beschaffen, um die Taliban zu bestechen. "Ja, das war der einzige Ausweg", meint er nüchtern.

1999 flüchtete er nach Teheran, nur um dort wieder verhaftet zu werden, dieses Mal von der iranischen Geheimpolizei. Sie wollten ihn als Informanten einsetzen, er sollte zurück nach Afghanistan, erzählt er. Für ihn war das jedoch nie eine Option: "Einer meiner Schulfreunde hat Iran geholfen, aber sie sind ihm in den Rücken gefallen . Sie meinten, er wäre nicht hilfreich genug gewesen. Eines Tages versteckten sie eine Bombe in seinem Auto."

Die Familie seines Freundes war im Auto, als es explodierte.

Die folgenden sechs Monate war Abdul auf einer gefährlichen Reise von Iran nach Europa. Schlepper, denen er 10.000 Dollar zahlte, halfen ihm dabei. Zusammen mit anderen Flüchtlingen ging es in Autos und Bussen von Iran nach Turkmenistan, weiter nach Tadschikistan, Russland bis in die Ukraine.

"Es gibt nur zwei Probleme auf unserer Welt: Politiker und religiöse Fundamentalisten."

Als sie das erste Mal versuchten, mit dem Zug von Kiew nach Budapest zu fahren, wurden sie erwischt. Beim zweiten Mal versteckten sie sich hinter der Deckenverkleidung des Waggons, dicht zusammengekauert zwischen Elektrokabeln und Wasserrohren. Nachdem 17 Stunden in dem winzigen Zwischenraum gefangen waren, fuhren sie über die Grenze und wurden herausgelassen. Von Budapest aus reiste er in die Slowakei, dann nach Leipzig und Hamburg, wo er ein weiteres Zugticket erhielt. Nächster Halt: Kopenhagen Hauptbahnhof.

Abdul Hamid Noorzae steht hinter der Theke seines Ladens, die Frühlingssonne scheint durch die Fenster. Er greift nach einer Abdeckung für die Kisten mit Äpfeln, Zitronen und Fenchel, die draußen stehen. Vor ein paar Tagen feierte er seinen 58. Geburtstag. Seine Kinder schenkten ihm einen Laptop, damit er die Nachrichten in Afghanistan verfolgen und amerikanisches Internetradio hören kann. Ich frage ihn, was ihm durch den Kopf geht, wenn er von den Flüchtlingsgeschichten heute hört. "Als ich hier ankam, war es einfacher", meint er. "Weil ich mit dem Auto und dem Zug kam und nicht mit dem Boot."

In Dänemark ging es für ihn als erstes zu einem Rote-Kreuz-Lager für Asylsuchende in Sandholm – etwas Würde inmitten des Chaos. "Es gab ein Bett und eine Matratze, es gab Frühstück, Mittag und Abendbrot. Obst und Kaffee. Man konnte Sport machen."

Nachdem er die permanente Aufenthaltsgenehmigung erhielt, schickte man ihn nach Støvring, einer Gemeinde im Norden Jütlands. Dort zog er in ein kleines Haus und erhielt Geld für ein Bett, einen Fernseher und das Nötigste. "Das waren nette Menschen", sagt er. "Damals gab es noch nicht viele Fremde in Støvring. Nur ich und ein anderer afghanischer Mann."

Abduls Vater half der Familie, nach Iran zu fliehen und die dänische Einwanderungsbehörde stellte das Geld zur Verfügung, die iranische Polizei für ihre Freilassung zu bezahlen. "So viel Geld hatte ich nicht", erinnert sich Abdul, "aber der Leiter des Asylzentrums meinte, dass sei schon OK: 'Wir leihen Ihnen Geld und Sie können es später zurückzahlen.'" Die dänische Botschaft in Teheran stellte seiner Familie vorübergehend dänische Pässe aus. Als er sie am Flughafen in Aalborg abholte, nahm er eine Videokamera mit, um den Moment festzuhalten.

Abdul besuchte eine Sprachschule, arbeitete in einer Werkstatt und versuchte, seine Berufserfahrung aus Afghanistan voll zu nutzen. Doch das politische Klima änderte sich: "Ich sprach mit meinem Sozialarbeiter über die Möglichkeit, am Flughafen in Aalborg zu arbeiten, doch dann kam der 11. September. Danach war es wirklich schwer für einen Ausländer, Arbeit auf einem Flughafen zu finden. Die Stimmung wurde anders."

Als die Familie in die Kleinstadt Østers Assels am Limfjord zog, übernahm Abdul den Pizzaladen im Erdgeschoss ihres neuen Hauses: Dinos Pizzeria. Nebenan war eine Nissanwerkstatt, die 12 Mechaniker machten die Pizzeria zu ihrer Kantine. "Sie mochten gegrilltes Hähnchen mit Pommes. Ich habe nicht viel verdient, aber ich habe die besten Zutaten gekauft. Es gab bestimmt so 80 Sorten Pizza."

Wegen der Kinder ist die Familie dann von Jütland nach Lyngby gezogen. Abdul strahlt, sobald er von seinen drei Töchtern erzählt – die beiden älteren sind Ingenieurinnen, die jüngste arbeitet in der Medizin –; die beiden Söhne sind auf dem Weg zum Abitur. Doch sie haben etwas in Støvring zurückgelassen. "Das Familienleben war dort oben einfacher", meint Abdul. Er besuchte gern die Kontaktfamilie – Karen, die Schullehrerin seiner Tochter, und ihren Mann, Poul-Erik – und kochte und aß mit ihnen. Wenn er von seinem Lieblingsgericht in Dänemark erzählt, muss Abdul lächeln. Das kochte Poul-Erik immer für ihn: gekochte Villemoes-Kartoffeln mit Hähnchenkebab.

Wenn er in den afghanischen Läden in Kopenhagen einkaufen geht, sucht er immer nach quorooti. Dieses afghanische Gericht liebt er: getrockneter Joghurt mit Brot, Zwiebeln und Knoblauch. Was er am meisten an Afghanistan vermisst? "Alles. Das ganze Land. Denn ich lebte in einem anderen Afghanistan. Wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir wieder dort hinfahren. Meine Kinder wollen Afghanistan sehen. Sie wollen den Armen dort helfen."

Und an diesem Tag werden vielleicht auch die Granatapfelbäume wieder blühen. Das Land versucht, ohne ausländische Hilfen zurechtzukommen – Granatäpfel könnten helfen, die Wirtschaft durch Exporte anzukurbeln.

Abdul Hamid Noorzae bleibt optimistisch, was Afghanistans Zukunft betrifft. "Es gibt nur zwei Probleme auf unserer Welt: Politiker und religiöse Fundamentalisten", meint er. "Die Welt ist heute viel mehr wie eine große Familie. Es wächst eine neue Generation in einer neuen Welt heran. Hoffentlich werden die Grenzen eines Tages verschwinden."