Die schlimmsten Musik-Storys bei Mitfahrgelegenheiten

"Vorne saßen zwei Mädels mit angegilbt-blondierter Dauerwelle und Asi-Palme. Die haben ungefähr eine Stunde Matthias Reim gehört und dazu mitgesungen."

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01 August 2017, 11:37am

Foto: Imago (Symbolbild)

Es gibt gute Gründe, zu einer völlig fremden Person ins Auto zu steigen, damit sie euch von A nach B fährt. Mitfahrgelegenheiten sind recht günstig, bringen euch meist schneller als Bus oder Bahn ans Ziel und sind häufig auch noch komfortabler. Allerdings solltet ihr euch jedes Mal mental darauf einstellen, welch quälende Stunden euch erwarten könnten. Stunden, in denen euch die Fahrer zum persönlichen Schwamm ihrer Alltagswehwehchen aka Lebensgeschichte auserwählen, die ihr dann stillschweigend aufsaugen müsst. Oder sie rasen so zornig, dass sich eure Fingernägel schmerzhaft ins Sitzpolster krallen. Oder aber – und dann heißt es wirklich "Willkommen in der Vierräder-Hölle" – sie quälen euch mit ihrer Musik. So laut, dass selbst hastig reingedrückte Kopfhörer nicht dagegen ankommen. Wir haben mal bei uns in der Redaktion rumgefragt und die ätzendsten und traumatischsten Musikerlebnisse bei Mitfahrgelegenheitsfahrten gesammelt. Bitteschön:

Michael, 33

Es war auf einer Fahrt von Leipzig nach Bielefeld. Ich war der einzige Mitfahrer in so einer kleinen Karre (Golf? Polo? Ich glaube, ein 3-Türer) mit Dynamo Dresden-Heckscheibenaufkleber. Vorne saßen zwei Mädels mit angegilbt-blondierter Dauerwelle und Asi-Palme. Die haben ungefähr eine Stunde Matthias Reim gehört und dazu mitgesungen. Ich habe versucht, so wenig wie möglich zu interagieren (Sie: „Stört dich die Musik?" Ich: „Ist schon OK") und mich für den Rest der Fahrt in meinen mentalen Safespace ausgeklinkt.

Naomi, 25

Ich traf meine Mitfahrgelegenheit von Regensburg nach Berlin auf einem Supermarkt-Parkplatz: ein Herr um die 50. Die beiden weiteren Mitfahrerinnen und ich verstauten unsere Sachen im Kofferraum des betagten Mercedes', dann wollte – nennen wir ihn Herr B. – wissen, wer von uns einen Führerschein habe. Er hätte sich den Fuß verknackst und könne nicht selbst fahren. Also landete ich, damals 21 Jahre alt, hinterm Steuer. Herr B. schien sich mit endlosem Gelaber revanchieren zu wollen: „Wissen Sie, was ein Brunch ist? Das ist die Kombination von Breakfast und Lunch." Außerdem froren regelmäßig die Ausgänge für die Scheibenwischerflüssigkeit zu, sodass ich immer wieder nichts sehen konnte. Da war Herr B. zumindest so gnädig, auszusteigen und sich darum zu kümmern.


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Während er draußen zugange war, ereiferte sich die ältere Dame auf dem Rücksitz darüber, dass in Hamburg ja nur Zuhälter einen solchen Wagen fahren würden. Das Auto, in dem wir saßen, hatte auf jeden Fall auch eine kaputte Dichtung am Fahrerfenster, was irgendwann zu einem lauten Pfeifton führte. Also bekam die junge Frau hinter mir ein Klebeband von Herrn B. ausgehändigt und sollte damit während der Fahrt mein Fenster abdichten – akrobatische Leistung ihrerseits. Als wäre das alles nicht schon schlimm genug gewesen, nutzte Herr B. irgendwann den günstigen Moment eines Staus, um seine CD-Kiste aus dem Kofferraum zu holen. Ab da sang er lauthals und ungeniert Disco-Hits von Gloria Gaynor oder Diana Ross mit. Zu diesem Zeitpunkt war ich nur leider nicht mehr zu Carpool-Karaoke aufgelegt.

Claus, 35

Vor fünf oder sechs Jahren bin ich per Mitfahrgelegenheit von Berlin nach Köln gefahren. Im Gegensatz zu normalen Mitfahrgelegenheiten, bei denen irgendjemand einfach sein Privatauto vollmachen will, handelte es sich bei dieser Fahrt um komische Mitfahrgelegenheits-Profis. Die sind den ganzen Tag diese eine Strecke mehr oder weniger hauptberuflich hin und hergefahren.

Das Auto war eine Art VW-Bus, der bis unters Dach mit Gepäck und Studenten im ersten und zweiten Semester aufgefüllt wurde. Eigentlich nette Leute, die aber immer nur über Uni und Asta, zu wenig Geld und Zukunft reden wollen. Da war ich ganz froh vorne zu sitzen, um mal eine Pause von all dem Gedröhne zu haben. Großer Fehler.

Der Fahrer muss zwischen 30 und 50 gewesen sein, seine fahle Haut und gräulicher 2000-Yard-Blick machten es schwer sein Alter zu schätzen. Es schien nicht viel Schönes in seinem Leben gegeben zu haben. Wie auch, wenn man den ganzen Tag die grausamsten Autobahnstrecken Deutschlands abreißen muss, um nölige Bildungsbürgergören von A nach B zu kutschieren. Es dauerte allerdings nicht lang bis uns allen klar wurde, was diesem traurigen Highway-Cowboy Trost im Trott spendete: die Musik von SCHILLER.

Vor dieser Fahrt kannte ich Schiller nur vom Namen her. Nach den nächsten sehr (seeehr) langen Stunden kannte ich das Werk des Christopher von Deylen dafür umso besser. Ab Kilometer eins schien die Zeit stehen zu bleiben, als der Raum in unserem geschundenen Fahrzeug mit Schillers trancig-esoterischen Schwurbelklängen bespielt wurde. Ich weiß nicht mehr, welches Album es war, aber 70 Minuten am Stück gab uns ein Hobby-Gandalf mit getrageneder Sprechstimme Vorlesungen der schlimmsten Kalenderspruch-Sorte. Endloses Geseier über Leben, Loslassen, Lieben, Tanzen, Atmen ... Unheilig ist Beethoven dagegen.

Es dauerte nicht lange und die Studenten auf den hinteren Plätzen verstummten, um hastig in ihren Taschen nach dem eigenen Mp3-Player zu kramen. Ich hatte nichts dergleichen dabei. Größter Fehler. Dass ich diese Fahrt nicht unbeschadet überstehen würde, wusste ich mit endgültiger Sicherheit, als der kippengelbe Finger unseres Fahrers nach den ersten 70 Minuten mit größter Gelassenheit Richtung "Repeat"-Taste wanderte. NEIN! Bitte nicht noch mal! Es sind noch 10.0000 Kilometer bis Köln!

Und vielleicht täusche ich mich, aber bei jedem "Repeat"-Move schien ein kleines, teuflisches Lächeln über die Lippen des Piloten dieser musikalischen Höllenkutsche zu huschen.

PS: Bis heute wird mir schlecht, wenn ich Schiller höre. Körperlich. Sorry, Christopher.

Hagen, 27

Ich wollte vor vielen Jahren von Oldenburg aus zu einem Konzert nach Leipzig. Als ich zum MFG-Auto ging, fiel mir der Onkelz-Aufkleber auf der Heckscheibe des alten Opels auf. Vor mir lag eine Fahrt von viereinhalb Stunden und ich selbst trug ein Antifa- oder Audiolith-Shirt, weiß ich nicht mehr genau. Da bin ich dann einfach nicht eingestiegen und habe seitdem nie wieder eine Mitfahrgelegenheit gebucht.

Christina, 56

1980 gab es für mich nichts Erstrebenswerteres als Berlin – weil mein Freund dort hingezogen war und ich noch nicht. Weil es dort Konzerte in besetzten Häusern gab und auf der Privatschule, auf der ich war, das Poppertum fröhliche Urstände feierte. Zwischen mir und dem Place To Be lagen 750km. Es gab natürlich kein Internet, aber die Mundpropaganda auf den Dörfern funktionierte noch. Also sagte mir eine Bekannte, dass ein junger Mann am Wochenende mit seinem Auto nach Berlin fährt. Er wolle Benzingeld und Unterhaltung. Wir verabredeten uns an der Autobahntankstelle, da er nicht bereit war, von seiner geplanten Route auch nur einen Meter abzuweichen. Ich solle ja pünktlich sein, sonst würde er ohne mich fahren. Ich war pünktlich. Los ging es allerdings erst nach genauen Instruktionen (Fenster bleiben oben, Füße unten!). Anschnallen, dreimal umblicken, losrollen. Berlin lag vor mir und dieser 20-jährige Schwamm im weißen Hemd saß neben mir.

Nach fünf Minuten fiel mir nichts mehr zu reden ein. Ich meinte: "Wie wäre es denn mit etwas Musik?" - „In Ordnung, aber nur meine Kassette und das Gerät bediene ich – sobald der Verkehr ruhiger ist." Mein Toleranz war am Ende, ich schob das Mixtape einfach rein. Hoppla! Wir schwiegen und Chris de Burg schmachtete vor sich hin. Dann folgten Sarah Brigton, ABBA sowie Sailor und dümpelten alle in einem gekippten Tümpel klebriger Gefühlsoße. Mein Nachbar hatte mir meine Übergriff verziehen und tippelte im Takt mit den Fingern ans Lenkrad.

Nach einer Stunde wurde pausiert und die Tupperwarebox ausgepackt, randvoll mit Schnittchen. Ich hatte nichts dabei. Dann Freiübungen am Strassenrand. Anschnallen, dreimal umblicken, langsam losrollen. "Wie wäre es denn mit etwas Radio, wegen Verkehrsfunk und so?" Ich wunderte mich über meine Stimme, die so seltsam gepresst klang. "Geht in Ordnung, aber verstelle Nichts." Aha, ich hatte das hochtechnische Gerät erobert. Nach fünf Minuten hieß es allerdings: "Mach das weg, das lenkt mich ab." Also wieder Chris de Burg und seine Kumpanen aus der romantischen Zone. Musik kann dich hassen lassen. Die Brücke vom Ich zum Du wird zur hochgefahrenen Zugbrücke. Irgendwann war ich in Berlin und bin zurückgetrampt. Noch heute wird mir übel, wenn Chris de Burg erklingt.

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