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Nach G20

Was Einzelhändler im Schanzenviertel über die Ausschreitung bei G20 denken

"Wir hatten mehr Angst vor den Spezialeinheiten, die mit Maschinengewehren auf unsere Nachbarn zielten als vor den alkoholisierten Halbstarken."

Niclas Seydack

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Nach G20 reden jetzt Politiker über die Linken, die Linken über die Polizisten. Was aber ist mit denen, die zu Schaden gekommen sind? Den Einzelhändlern, denen Vermummte die Scheiben eingeschlagen haben? Die melden sich nun selbst zu Wort.

"Es waren junge Männer, die besoffen in einem Akt sportlicher Selbstüberschätzung mit nacktem Oberkörper Flaschen auf Wasserwerfer warfen." Das schreiben neun Inhaber kleinerer Geschäfte und Restaurants aus der Schanze auf Facebook. "Erlebnishungrige Jugendliche, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fußballspiel oder Bushido-Konzert über den Weg laufen würden als auf einer linksradikalen Demo." Sie sprechen für Einzelhändler im Viertel.

André Sorgenfrei hat den Facebook-Post mitunterzeichnet. Er betreibt den Plattenladen Zardoz – und hatte Glück. "Wir haben nicht mal einen Kratzer in der Fensterscheibe", sagt er gegenüber VICE. Die Zerstörung anderer Geschäfte rechnet er hauptsächlich "Party-Krawallmachern" zu: Jugendliche, Hooligans, Angereiste aus dem Ausland. "Der Schwarze Block ist keine homogene Masse", sagt er. Deshalb störe es ihn, dass ein paar wenige Randalierer den Ruf der ganzen linken Szene in Hamburg beschädigen. Gerade, wenn es um die Rote Flora geht. "Die Flora ist ein Kulturzentrum", sagt er. "Und kein Hort der Gewalt."

Einer von Sorgenfreis Mitarbeitern hat die Krawalle aus dem Plattenladen beobachtet. Er erzählt, dass Vermummte "aus dem Umfeld der Roten Flora" die Randalierer sogar daran gehindert hätten, noch mehr Schaden anzurichten. In der Nacht zu Samstag wurden die Scheiben von Läden und Lokalen eingeschlagen, ein Budnikowsky, ein REWE und ein Apple-Store wurde sogar geplündert.

André Sorgenfrei in seinem Plattenladen Zardoz auf der Schanze. Foto: Bernd Jonkmanns

Die Einzelhändler berichten auch auf Facebook von Angehörigen des Schwarzen Blocks, die vielmehr beruhigten statt eskalierten: Einige Vermummte hätten den Randalierern Eisenstangen aus der Hand genommen, mit denen sie noch mehr zerstören wollten. Sogar ein Feuer sollen die Autonomen gelöscht haben, das im Erdgeschoss eines Wohnhauses gelegt wurde. Der Schwarze Block, so die Deutung der Einzelhändler, habe Schlimmeres verhindert.

Das erzählt auch Eva Kurt. Sie betreibt seit 30 Jahren ein Spielzeuggeschäft. "Wir leben schon ewig in Frieden mit der Flora", sagt sie zu VICE. "Schanzenfest, 1.-Mai-Demo – nie wurden hier Geschäfte geplündert." Doch dieses Mal habe die Polizei schon vor Wochen Großübungen im Viertel abgehalten. "Meine Kunden sind geflüchtet", sagt sie. In den Tagen vor dem Gipfel hatte die Polizei bereits probeweise Straßensperren errichtet. Die Lieferanten konnten ihr Geschäft nicht mehr anfahren. Deshalb klebte Eva Kurt Plakate gegen G20 ins Schaufenster, schloss ihren Laden zu und verließ die Stadt.

Nur wenige Geschäfte in der Schanze hatten am Wochenende geöffnet, einige verbarrikadierten die Schaufenster. Bloß – es wollte niemand einkaufen. "Dabei ist das Wochenendgeschäft lebenswichtig", sagt Plattenhändler Sorgenfrei. An den Umsatzeinbußen werden sie noch sehr lange zu knapsen haben, schreiben die Einzelhändler in ihrem Post. Brigitte Nolte, die Chefin des Handelsverband Nord, bezifferte den Verlust im Hamburger Abendblatt auf "einen zweistelligen Millionenbetrag".

Doch den Inhabern der Geschäfte geht es nicht nur um Geld. Sie sind nicht nur Verkäufer, sondern auch Anwohner. Sie schreiben in ihrem Post, dass sie mehr Angst vor den Spezialkräften gehabt hätten als vor alkoholisierten Halbstarken: "Die sind dumm und schlagen Scheiben ein, erschießen dich aber im Zweifelsfall nicht."

Als die Spielzeugverkäuferin Eva Kurt am Montag ihren Laden betrat, war sie glücklich. Darüber, dass in ihrem Geschäft nichts kaputt gegangen war. Aber vor allem, weil der Gipfel vorbei war.

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