Von Kollegah-Interviews zu Jan-Delay-Bashing: Rap-Journalisten müssen endlich richtig kritisieren lernen

Kollegahs Haltung zum Judentum oder den "gleichgeschalteten Medien" ist keine provokative Promo-Masche. Das muss man in aller Deutlichkeit kritisieren.

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14 November 2018, 5:26pm

Screenshot von YouTube aus dem Video: "Kollegah im Realtalk-Interview: Sun Diego, Jigzaw, Laas, Herzstillstand, Antisemitismus & "Monument"" von Hiphop.de


Richtigstellung vom 16.11.2018, 12:00 Uhr: In der ersten Version dieses Artikels wurde Welt-Autor Dennis Sand falsch zitiert, als wir behaupteten, er habe Jan Delay als "behindert" und "Spast" bezeichnet. Wir entschuldigen uns hiermit bei Herrn Sand für diesen Fehler, der nicht hätte passieren dürfen. – Chefredaktion Noisey DACH


Das Wort "Kritik" hat ein schlechtes Image. Sogar ein noch schlechteres als Post-Echo-Gate-Kollegah in der so von ihm titulierten Mehrheitsgesellschaft. Missverstanden als grundloses Schlechtreden und Rummeckern an der eigenen Person, klappen die meisten Leute – darunter auffällig viele Rapper – direkt empört das Visier ihrer emotionalen Rüstung herunter und begeben sich in eine Gegenwehr-Haltung. Das Problem daran ist: Mit runtergeklapptem Visier hört man schlecht, was der Kritisierende einem eigentlich mitteilen möchte. Das ist nämlich nicht immer ausschließlich böse gemeint.

Kollegahs Rüstung aus feinsten Edelmetallen, bespickt mit Juwelen und zusammengehalten von stets eingeölten Scharnieren, ist über die Jahre hinweg so massiv geworden, dass jegliche Form von Kritik an ihr abprallt. Da hilft auch kein Auschwitz-Besuch, keine mal mehr, mal weniger fundierten Debatten um Punchlines und auch keine Tweets der Bildungsstätte Anne Frank, die sich über Kollegahs Holocaust-Verharmlosungen in seinem jüngsten Interview mit Toxik und Aria von HipHop.de aufregt.

In diesem Interview leistet sich Kollegah mal wieder so einige Kracher. So erklärt er, dass der Gaza-Konflikt quasi das Gleiche sei, wie das, was damals hier während des Holocausts passiert ist. Des Weiteren erklärt er, dass die Deutschen – zumindest die Landbevölkerung – vom Holocaust ja nichts mitbekommen hätten, im Gegensatz zu uns Zeitzeugen des heutigen Konflikts. Der dritte Aufreger: Er bezeichnet das Buch des ultrarechten Verschwörungstheoretikers Fritz Springmeier Bloodlines of the Illuminati als zwar wissenschaftlich nicht fundiert, dem Inhalt scheint er dennoch tendenziell zuzustimmen.

Während sich der Silberrücken von einer Hot-Take-Liane zu nächsten schwingt, lachen die Interviewer-Beta-Tiere über jeden inzwischen doch recht lahmen Wie-Vergleichs-Joke des Alphamännchens.

Dennoch muss man Toxik zugutehalten, dass er Kollegah nicht vollkommen unkommentiert über den Holocaust, rechte Verschwörungstheorien und die Ahnungslosigkeit seiner Oma schwadronieren lässt. Hier und da hakt er ein, glättet die Wogen und fragt mal mehr, mal weniger zaghaft nach.

Das ist schon mal viel mehr und besser, als ein bloßes "OK" oder "Ja, puh, das ist jetzt ein schwieriges Thema" zu erwidern und schnell zu angenehmeren Gesprächspunkten zu wechseln. Das war in der Vergangenheit in Rap-Interviews nämlich völlig normal und ist es leider sehr häufig auch jetzt noch – nicht nur bei selbsterklärten Nicht-Journalisten wie Rooz, sondern auch bei Musikjournalisten, die seit über zehn Jahren in dem Business sind und es langsam eigentlich besser wissen sollten.

Nehmt Kollegah endlich ernst!

Auch Niko von Backspin hätte in seinem Interview mit Kollegah noch deutlicher werden müssen. Dass er von Fans wegen seiner "kritischen" Haltung vielfach in den Kommentaren gelobt wird, kann nur an zwei Dingen liegen: Entweder lässt die völlige Kritiklosigkeit der meisten seiner Kollegen selbst zartes Nachfragen wie kritischen Journalismus aussehen. Oder die Kommentierenden haben noch nie ein Interview jenseits einer Rap-Plattform gesehen.

Auch Niko lacht versonnen über jeden Kolle-Joke und beschränkt sich darauf, zu spekulieren, ob da gerade Felix Blume oder Kollegah spricht (als ob das einen Unterschied machen würde!), wenn der mal wieder mit einer kruden Aussage daherkommt. Wie beispielsweise der, dass es der natürliche Instinkt der Frau sei, sich als schwächeres Geschlecht eine stärkere Führungsperson an die Seite zu holen, um Sicherheit im Leben zu gewährleisten.

Kollegahs Haltung zum Judentum, zu Frauen oder den "gleichgeschalteten Medien" ist keine provokative Promo-Masche, wie er sogar selbst in dem Interview mit Niko immer wieder betont. Der will ihm das dennoch partout nicht glauben. Es fehlt eine eindeutige Haltung des Interviewers, und es fehlen Argumente gegen Biologie-Experte Blume (oder Kollegah), dessen Erachtens nach ja auch die Evolution nie stattgefunden hat.

Als Kollegah sich darüber beschwert, von den Medien gemobbt worden zu sein, und erklärt, "es gibt Leute [...] die sind kaputt gegangen durch öffentliche Demütigung" – nur um wenige Minuten später einen MOK-Joke zu reißen, als er einen schlafenden Obdachlosen auf der Straße sieht, fordert Niko ihn zwar lachend auf, doch endlich mal MOK in Ruhe zu lassen. Ein Hinweis auf das zutiefst selbstgerechte und widersprüchliche Verhalten Kollegahs bleibt jedoch aus. Dabei wäre das durchaus eine Chance, das Gespräch in eine interessante Richtung zu lenken.


Vice-Video – "Diese Menschen glauben, dass die Regierung ihren Verstand kontrolliert"


Toxik und Niko haben nicht gänzlich versagt in ihren Promo-Videos für Kollegah. Aber es braucht viel, viel mehr, als ihre Versuche, die bizarren Thesen eines Rappers in einen nachvollziehbaren Kontext zu setzen. Nicht, um ihn eines Besseren zu belehren. Wir hatten schon eingangs erwähnt, dass das bei Kollegah eh unmöglich ist. Sondern, um den Zuschauenden eine Einordnung zu geben. Ja, Zuschauer, Hörerinnen und Fans sind nicht dumm – aber wenn sie immer und immer wieder den gleichen Quatsch von ihren Idolen unwidersprochen vorgekaut bekommen, verwundert es nicht, wenn sie das selbst irgendwann glauben. Und das betrifft lange nicht nur die ganz Jungen.

Den meisten Moderatoren fällt es schwer, ihren Interviewpartnern eine kritische Distanz entgegenzubringen. Vor allem großen, hohe Klickzahlen versprechenden Rappern, begegnen die meisten mit an Unterwürfigkeit grenzendem Respekt. Über jeden noch so langweiligen "Überboss"-Vergleich wird mit glänzenden Augen gelacht. "Der war gut" attestiert man, Tränen aus den Augen wischend. Das hat Gründe.

Warum tut sich Deutschrap-Journalismus so schwer mit kritischer Distanz?

Viele Rapfans – und das sind Rap-Journalisten eben auch – leiden an einer Überidentifikation mit den Rappern. Man ist oder war zumindest mal Fan. Auf Kollegahs latenten Vorwurf, Toxik sei ja einer seiner größten Hater oder sei das zumindest am Anfang gewesen, wirft Toxik hastig ein, dass das nicht stimme. "Erst Fan, dann Hater, jetzt von mir aus wieder Fan", stellt er klar und schwärmt anschließend davon, wie er Kollegahs Genius schon früh erkannt habe.

Diese Überidentifikation mit dem Interviewpartner führt zum zweiten Grund, warum oft sämtliche journalistische Standards bei Rap-Interviews gemeinsam mit der Lederjacke am Eingang zum Shisha-Café abgegeben werden: die Angst, gegenüber der Community als Nestbeschmutzer dazustehen.

Eine "Wir gegen die"-Haltung ist im Rap Standard und teilweise auch nachvollziehbar, musste man sich doch immer gegen die "da oben" wehren. Seien das die Polizei, Markus Lanz oder jazzhörende Eltern, die herablassend über diese Un-Musik lächeln. Loyalität ist im HipHop das größte Gut, der Zusammenhalt so fest, wie es sich Klassenlehrer nur erträumen können. Wer es wagt, diese Harmonie zu stören, indem er etwas kritisiert, wird dämonisiert und unglaubwürdig gemacht. Manchmal zu Recht, häufig aber auch zu Unrecht.

Rapper wie Kollegah wissen das, weswegen er nach der Echo-Farce auch die Community anbettelte, "HipHop müsse zusammenstehen" und sich plötzlich ein übergreifendes, peaciges "Wir sind doch alle Eins"-Narrativ aneignete. Und das, nachdem er sich jahrelang über alles und jeden lustig gemacht und "auf Deutschrap geschissen hatte", wie man so schön sagt.

Ein weiterer Grund ist, wie bei den meisten Problemen der Welt, Geld. HipHop-Medien sind abhängig von Rappern und ihren Interviews mit ihnen. Man braucht ihre Reichweite und ihre Inhalte, um überhaupt überleben zu können. Wenn man dann im Interview zu kritisch nachfragt oder dem Künstler gar aufzeigt, wo er falsch liegt, hat man ein Problem.

Denn Rapper sind die empfindlichsten aller Musiker und in einem Interview als fehlbar oder widersprüchlich enttarnt zu werden, gefällt ihnen überhaupt nicht. So passiert es, dass zu kritische Interviews schlicht nicht freigegeben werden. So viel übrigens zum Thema "gleichgeschaltete Medien, denen von 'oben' gesagt wird, worüber sie berichten dürfen." Just sayin'. Oder man kriegt zur Strafe in Zukunft einfach keine Interviews mit entsprechendem Künstler oder dessen Umgebung mehr. Rapper haben schließlich keine Auskunftspflicht.

Ich bin beispielsweise vor nicht allzu langer Zeit mit einer Interview-Anfrage bei der KMN Gang abgeblitzt. Weil ein Kollege von mir zuvor gewagt hatte, zu erwähnen, dass Bausa ein großartiger Künstler mit viel Talent sei, jedoch im Moment eine Pause nötig hätte, um selbiges nicht zu verschwenden. In meinem Interview wäre nebenbei bemerkt rechte Gewalt in Sachsen das Thema gewesen und wie die KMN Gang diese als Migranten erlebt haben und immer noch erleben. Ein durchaus wichtiges Thema, das aufgrund von lächerlichen, persönlichen Befindlichkeiten leider ohne die KMN Gang stattfinden musste.

All das behindert kritischen Rap-Journalismus. Was schade ist, denn so entsteht als Gegengewicht leider auch sowas wie Dennis Sand.

Fehlende Kritik hat Folgen – auch bei der Berichterstattung HipHop-ferner Medien

Der Welt-Autor und Verfechter der These, Spongebozz sei der beste Rapper Deutschlands, erregte am Wochenende mit einem "Kritik-Feuerwerk" über Jan Delay breite Aufmerksamkeit. Sowohl außerhalb, als auch innerhalb der HipHop-Community. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von Bambule titelt er "Jan Delay ist das größte Missverständnis der deutschen Popkultur". Es folgt ein mehrere Seiten langer, unlustiger Schmähartikel, der mit bissiger Kritik oder überspitztem Humor nichts zu tun hat.

Vielmehr reihen sich stumpfe Beleidigungen, behindertenfeindliche Witze und teilweise blankes Unwissen aneinander mit der einzigen Absicht, einen richtigen Aufreger zu produzieren. Das hat geklappt. Auch, weil er eben im krassen Gegensatz zu dem steht, was man im klassischen Rap-Journalismus gewohnt ist.

"Endlich sagts mal einer", frohlockt es in den Kommentarspalten. Von den Rapfans, die Jan Delay nicht mögen, denn klar kann man manchen Argumenten Sands einen wahren Kern nicht absprechen. Aber es gibt auch Lob von Menschen, die die Community zu Recht hasst: diejenigen, die sich über die primitive Minderwertigkeit der HipHopper und ihrer Lieblingsmusik (hier dargestellt von Jan Delay) lustig machen. Und schon kickt der automatische HipHop-Beschützerinstinkt doch wieder rein. Dabei mag ich Jan Delay und Die Beginner nicht einmal!

Was will Deutschrap-Journalismus sein?

Wir sehen: Wenn Deutschrap-Journalismus weiterhin so unterwürfig bleibt, gewinnt keiner. Außer vielleicht Dennis Sand. Und das kann doch keiner, der HipHop liebt, wollen!

Ob Kollegah nun also ein Sexist, Antisemit, neoliberaler Verschwörungstheoretiker oder marktradikaler Kapitalist ist oder nicht: Wer auf seinen privaten Profilen Wert darauf legt, sich klar gegen AfD, Fremdenhasser und rechtes Gedankengut abzugrenzen, muss das logischerweise auch tun, wenn ähnliche Parolen aus den Mündern von Rappern kommen und eine Kamera läuft. So unangenehm es auch sein mag. Oder man lässt Interviews mit solchen Leuten halt einfach komplett sein.

Wie Marc Dietrich und Martin Seeliger bereits im August feststellten, müssen sich Deutschrap und jene, die über ihn berichten, eine ganz klare Frage stellen: "Was will Rap-Journalismus eigentlich sein: Ein kritischer Kulturjournalismus? Ein fairer Berichterstatter? Oder ein Sidekick-Ensemble des Kulturindustriespektakels?"

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