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Sex

Warum hassen so viele Hetero-Männer Horoskope?

Weil sie ein Frauending sind, sagen viele. Vielleicht haben sie aber auch nur Angst vor der Wahrheit.

von Hannah Ewens
19 Januar 2019, 9:46am

Illustration: Charlotte Mei 

"Sternzeichen reduzieren Menschen auf ein paar Schubladen mit Charaktereigenschaften", sagt Joe, Mitte 20 und hetero.

"Bist du nicht Stier?", frage ich. Ich weiß genau, dass er Stier ist.

"Willst du mir jetzt etwa erzählen, dass das typisches Stierverhalten ist?", fragt Joe.

"Stiere gelten als die Sternzeichen, die am wenigsten an Astrologie glauben”, sage ich. Joe kann wirklich gar nichts mit Horoskopen anfangen.

"Ich gebe ungern den Logikklugscheißer, aber ich finde es einfach ätzend, die Memes dazu sind nervig und ich hasse dieses selbstverherrlichende 'It's [hier Sternzeichen einsetzen] Season, Bitches!'". Damit meint er Leute, die in sozialen Netzwerken jeden Monat bekannt geben, welches Sternzeichen gerade dran ist. Vom 20. Januar bis 18. Februar ist dieses Jahr zum Beispiel Wassermann-Zeit.

Sorry, ich meine natürlich: Aquarius-Season, Bitches!

Im Laufe der vergangenen drei Jahre hat sich die Astrologie von einem Nischenhobby zu einem beliebten Zeitvertreib entwickelt, vor allem für zahlreiche Frauen und queere Menschen und vorrangig in Großbritannien und den USA. Die Google-Suchanfragen für Geburtsdiagramme und Partnerschaftshoroskope nehmen dort stetig zu. Auch die Verkaufszahlen für Astrologie-Bücher waren 2017 in Großbritannien um 13 Prozent angestiegen. In Deutschland lässt sich ein solcher Trend noch nicht beobachten.

Aber dennoch: Auch auf unseren Timelines landen immer wieder Astrologie-Memes. Die Horoskope unseres Snapchat-Channels sind sehr beliebt. Und wenn du dich durch eine Dating-App swipst, stößt du immer wieder auf Menschen, die ihr Sternzeichen in Emoji-Form angeben. Sie wollen damit auf Persönlichkeitsmerkmale hinweisen, auf Vorlieben und Abneigungen – und darauf, ob die Sterne einen für ein gutes Match halten.


Aus dem VICE-Netzwerk: Wie man türkischen Mokka macht – und im Kaffeesatz liest


Aber nicht alle machen da mit. Joe ist nicht allein mit seiner Abneigung gegen Sternenleserei. Insbesondere Heteromänner scheinen der Astrologie gleichgültig bis feindlich gegenüberzustehen. In einer britischen Gallup-Umfrage von 2005 gaben fast doppelt so viele Frauen wie Männer an, an Astrologie zu glauben. Eine deutsche Umfrage von 2012 kam zu einem ähnlichen Ergebnis: 33 Prozent der befragten Frauen sagten, dass sie stark oder zumindest teilweise an Horoskope glauben – nur 17 Prozent der befragten Männer teilten diese Meinung.

Natürlich gibt es zahlreiche Frauen und LGBTQ-Menschen, die überhaupt nichts mit Astrologie anfangen können. Aber warum ist die Ablehnung unter heterosexuellen Männern so viel stärker? Liegt es daran, dass Astrologie generell den Ruf hat, ein "Frauending" zu sein?

Einige Männer glauben, es läge an ihren Vätern. Die hätten früher die Tageshoroskope in den Boulevardzeitungen gelesen und dabei erkannt, dass jede der vagen Zusammenfassungen auf sie zutreffen könnte. Das war der Augenblick, an dem sie der Astrologie den Rücken zu kehrten. So ging es auch Sam, 27, aus Lincoln: "Es war das erste Mal, dass ich etwas gesehen hatte, dass dermaßen in unsere Kultur eingebettet und totaler Schwachsinn war."

Die meisten von Männer, mit denen ich für diesen Artikel gesprochen habe, geben allerdings zu, sich nie mit Astrologie angefreundet zu haben, weil es für sie so geschlechterspezifisch war. "Als ich Kind war, sind die Frauen immer für Tee und Kekse zu meiner Oma, wo die ganzen Klatschblätter rumflogen. Dann haben sie sich mit einer Heimlichtuerei und viel Gekicher gegenseitig die Horoskope vorgelesen", erinnert sich der 36-jährige Bob aus Kent. "Horoskope befinden sich in den Zeitungen immer noch neben den Frauenseiten oder direkt in Wochenblättern, die auf Frauen zugeschnitten sind. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Männermagazine wie Esquire irgendetwas in der Art gehabt hätten, als ich sie noch gelesen habe."

Seine Meinung zu Astrologie? "Zeitverschwendung. Energieverschwendung. Papierverschwendung."

Sam hat auch den Eindruck, dass Astrologie vor allem als Frauending gilt. Für ihn ergibt die typisch männliche Reaktion, es einfach zu ignorieren, Sinn: "Wenn zum Beispiel ein Mädchen in der Schule ein bestimmtes Buch mag, dann können die Jungs es nicht mehr mögen, weil sie Angst haben, Schwul genannt zu werden. Das Buch wird dann zu einem Mädchenbuch", sagt er. "Das gleiche gilt für Horoskope." Und an der Erziehung liege es auch: "Ich glaube, dass sich Frauen aus Neugier und Spiritualität zu Horoskopen hingezogen fühlen. Die wird Jungs ja schon in jungen Jahren ausgetrieben."

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Illustration: Charlotte Mei

Wie zu erwarten, kommt es vor allem in Beziehungen zu Konflikten. Je mehr Frauen für Astrologie interessieren, desto mehr Männer müssen sich auch damit auseinandersetzen. Fast alle meine Gesprächspartner haben eine Anekdote darüber, wie Astrologie-Gespräche Dates ruiniert haben, oder berichten von "besessenen" Ex-Freundinnen.

"Nach dem ersten Kennenlernen wurde klar, dass sie ziemlich spirituell veranlagt ist: Abgesehen von einem Nasenpiercing und einem Selbstfindungsjahr in Indien war sie überzeugte Horoskop-Leserin mit leichtem Tarot-Einschlag und dezenter Karma-Panik", sagt Laurie, 29, aus London. "Zuerst fand ich es ganz spaßig. Als jemand, der spirituell so bankrott ist wie ich, war es nett, eine gewisse Richtung in meinem Leben zu haben, die über die tiefsitzenden Schuldgefühle des Mittelschichten-Daseins hinausging, die man in der Schule in mich hineingeprügelt hatte. Dann lernte sie meine Eltern kennen. Eigentlich lief alles gut, bis mein Vater sie ausgelacht hat, als sie ihn fragte, welches Sternzeichen er sei. Sie meinte dann, dass Krebse dafür bekannt seien, kein großes Interesse an Musik zu haben."

Die Stimmung auf der Heimfahrt in der U-Bahn sei "eisig" gewesen, die Ex aufgebracht, dass Lauries Vater ihren Ansichten so wenig Respekt geschenkt hatte. Daraufhin entfachte sich zwischen dem Paar ein heftiger Streit über Astrologie, der darin endete, dass sie "irgendwelche Diagramme für mich anschaute, um zu sehen, ob meine Einstellung oder Argumentation negativ von Merkur beeinflusst worden sei oder so eine Scheiße". Laurie beendete die Beziehung schließlich per SMS.

Kevin aus Irland sagt, seine Ex habe ihr Geburtsdiagramm benutzt, um schlechtes Verhalten oder schlechte Laune zu rechtfertigen. Paul aus Essex erzählt von einer Frau, mit der er Sex hatte, die schnell auf ihre vermeintliche Kompatibilität angesprungen sei: "Sie ignorierte alles, was ich sagte. Ich gab ihr zu verstehen, dass ich kompliziert bin – bin ich wirklich – und dass wir nicht dazu bestimmt sind, zusammen zu sein – waren wir wirklich nicht."

Adam, 26, aus Oxford war mit einer Frau zusammen, deren anfängliches Interesse für Astrologie sich als Einstiegsdroge für allen möglichen New-Age-Krempel entpuppte, wie Tarot und Handlesen. "Ich habe mich dafür nicht interessiert, aber es wurde zu einem prägenden Faktor unserer Beziehung", sagt er. "Irgendwann wurde es bei ihr zum Persönlichkeitsmerkmal: 'Ich bin ein Astro-Mädchen.'"

Würde Adam wieder ein Astro-Girl daten? "Wenn es nur eine Nebensache ist, wäre mir das egal. Wenn das für sie ein großes Ding ist? Nein."

Astrologinnen und Astrologen können von ähnlichen Erfahrungen mit Männern berichten. Jessica Lanyadoo, die den Ghost Of A Podcast moderiert, sagt: "Ich kenne einen Haufen heterosexueller Cis-Männer, die Astrologen sind, Astro-ans in dieser Kategorie aber kaum." Astrologin Randon Rosenbohm stimmt dem zu. "Das ist für Mädchen und Schwule", sagt sie. Frauen seien mehr im Einklang mit der Natur, so Randon weiter. "Männer hingegen sind Baumeister, sie arbeiten mit der materiellen Welt. Solange du einem Heterotypen keine Beweise liefern kannst, dass Astrologie echt ist, wird er wahrscheinlich kein Interesse daran entwickeln."

In anderen Worten: Randon glaubt, dass Männer Dinge eher direkt ablehnen, während Frauen sie vielleicht erst mal ausprobieren. Eine groß angelegte, aktuelle Studie gibt ihr Recht. Die belegt, dass Frauen eher empathisch und Männer eher analytisch sind. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass die Gehirne von Frauen negativen Gefühlen länger nachhängen, während die von Männern schneller nach einer Problemlösung suchen. Solche biologischen Annahmen über Geschlechter sind allerdings hochumstritten. Nicht jeder Mann ist ein Baumeister und genau so wenig ist ein Mensch eher im Einklang mit der Natur, nur weil er Eierstöcke hat.

Mit oder ohne diese vermeintliche "natürliche Intuition" sind Frauen wohl eher der Motor des großen Selbsthilfe- und Therapie-Apparats. Und die Grenzen zwischen Selbsthilfe und Astrologie sind schwammig. Oft suchen Menschen Antworten auf psychologische Fragen in den Sternen. Jede Folge Ghost Of A Podcast teilt sich auf in einen Selbsthilfe-Kummerkasten und eine astrologische Vorschau für die kommende Woche.

"Astrologie schreckt nicht vor Symbolen zurück, die unsere Schwächen und 'schwachen Gefühle' erkundet, wie Trauer, Trauma, Schmerz, Verleugnung, Fehlwahrnehmung, Projektion und Selbstsabotage", sagt der Astrologe Danny Larkin. "Das passt nicht zu Heteromännern, die ständig ermutigt werden, sich zusammenzureißen, anstatt sich zu öffnen. Frauen und queere Menschen hingegen wird häufig eine Opferrolle zugeschrieben. Für sie ist es leichter, sich mit den unangenehmeren Themen zu identifizieren, mit denen sich Astrologie beschäftigt."

Deine Persönlichkeit und die der Menschen um dich herum verstehen zu wollen, die Zukunft vorauszusagen: Im Grunde handelt es sich bei alledem um einen Versuch der Kontrolle, wenn wir keine haben. Manche Frauen und queere Menschen fühlen sich genau deshalb zur Astrologie hingezogen. Sie bietet Schutz und Gemeinschaft – eine Stütze in Zeiten, in denen Religion immer mehr in den Hintergrund rückt. In einem heterosexuellen Patriarchat gibt es für Cis-Männer einfach weniger Situationen, in denen sie Zuflucht suchen.

Menschen wenden sich vor allem in Zeiten signifikanter Unsicherheit der Astrologie zu. 1982 fand der Psychologe Graham Tyson heraus, dass Menschen den Rat von Astrologen vor allem dann suchen, wenn sie starken Belastungen ausgesetzt sind: "Bei Stress setzt der Mensch Astrologie als Bewältigungsmethode ein, selbst wenn er sonst nicht daran glaubt."

Ich bin schon seit meiner Kindheit an Astrologie interessiert gewesen, zumindest ein bisschen. Dann habe ich mein Geburtshoroskop erstellt und musste feststellen, dass es auf unheimliche Weise akkurat war. Je mehr Stress ich habe, desto häufiger checke ich meine Astro-App.

Ich frage Joe, ob ich sein Geburtshoroskop erstellen darf. Er willigt ein. Ich gehe auf Cafe Astrology und stelle ihm eins zusammen. Als ich ihm einige seiner Charaktereigenschaften aufzähle – stur; stoisch; mag Genuss und Kunst; ist schnell gekränkt, wenn man ihn nicht "hört" – muss er zugeben, dass es relativ gut passt. Die große Begeisterung über die Genauigkeit der Sterne bleibt er mir allerdings schuldig. Typisch Stier halt.

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