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Linus Volkmanns Umsturzprosa

Musik-Fails 2018 – Die Top 10 der Peinlichkeiten des Jahres

Noch nie haben wir so gierig auf den Jahreswechsel geschielt wie dieses Mal. 2019 kann kaum schlimmer werden. Was nicht immer an den Künstlern selbst liegt, wie Linus Volkmann feststellt.

von Linus Volkmann
28 November 2018, 3:43pm

Foto 6ix9ine: imago | MediaPunch | Walik Goshorn || Kollegah & Farid Bang: imago | Sven Simon || Monchi: imago | Future Image | M. Kremer || Bauhaus: imago | Dirk Sattler || H&M Model: Screenshot von Instagram megaloh.official | Bearbeitung: Noisey

Pimmel-Open-Airs, rassitische Hoodies, Bauhaus-Blamage ... Puh! Und da ist man noch nicht mal bei Kollegah und seinem Arbeitsehemann Farid Bang angekommen. 2018 erzählt in den zehn erinnerungswürdigsten Fails des Jahres. Von Linus Volkmann.

1. H&M

"Einfach affenstark"

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Screenshot von Instagram megaloh.official

H&M musste 2018 einen dicken Frosch schlucken und kaute auch noch dämlich darauf herum – statt einfach eine Entschuldigung für ihr rassistisch lesbares Anzeigenmotiv um den schwarzen Jungen mit Affen-Shirt zu liefern.

The Weeknd kündigte im Zuge dessen seine Kooperation mit der Marke, viele vor allem afro-amerikanische Rapper zeigten sich mit ihm und dem Jungen solidarisch, in Deutschland wurde der Protest unter anderem durch Megaloh und Manuellsen öffentlich.

2. Campino vs. Kollegah (ECHO kaputt)

"Gefrusteter Vertrauenslehrer gegen die eiweißlastige Bossdeformation"

Diese Actionfiguren-Paarung hätte es bei Marvel nicht mal ins Rahmenprogramm des Mitarbeiterfaschings geschafft (R.i.P. Stan Lee, by the way). In Deutschland dagegen liefern sich die beiden im Frühjahr schon das prominenteste Battle des Jahres dar.

In der einen Ecke der charismabefreite Fitnesshorst mit Hipsterbart: Kollegah nach seiner eiweißlastigen Boss-Deformation. Als seinen Kontrahent haben wir den Vertrauenslehrer der Nation – ein Kumpeltyp, der aber auch mal streng sein muss: Campino.

Wobei jener Campino eigentlich gern Verständnis für diese "Rebellen" im Showbiz aufgebracht hätte (man darf nicht vergessen, dass Kollegah ja noch seinen Arbeitsehemann Farid stets dabei hat, no homo!). Ein bisschen frech sein, das kennt der Campi noch von seiner eigenen Jugend als wohldosierter Bürgerschreck.

Aber was pumpt da sein Kontrahent Kollegah, der realexistierende Lümmel von der letzten (Hantel)Bank? Auschwitz- und Holocaust-Punchlines just for fun.

Kein Wunder, dass es bei einem solchen Battle letztlich keinen Sieger gab. Immerhin fällt Comedy-Gold ab, als der geschmückte Pumper seinem Campi ein Bild malt.

Okay, und eine weitere Pointe kommt noch oben drauf: Wenn zwei sich streiten, dann ... wird der Dritte beerdigt. Das hat man so auch noch nicht erlebt. Dem ECHO, Austragungsort der ungelenken Kampfhandlungen, ist aber genau das 2018 passiert. Er wurde eingestellt. Immerhin hatte diese Nummer also doch ihr Gutes.


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3. VERO vs. Facebook

"Lange genug hatte Zuckerberg einen in seinem blauen Puff in virtueller Geiselhaft gehalten"

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Screenshot VERO-Profil Fler

Kurz war es geil: Auf Facebook poppten überall die Verlinkungen zu den neuen Profilen seiner User bei VERO auf. Die Zeichen standen auf Exodus. Schnell Koffer packen und weg – natürlich nicht ohne Zuckerberg vorher noch mal den nackten Arsch zu zeigen. Lange genug hatte er einen ja in seinem blauen Puff in virtueller Geiselhaft gehalten.

Doch zu früh gefreut. Der Hype um VERO hatte nicht die Substanz, um Facebook auch nur zu kitzeln. Stattdessen schafft sich Facebook einfach selbst ab. Der große Algorithmus-Change dieses Jahr schüttelte viele ab, für Jüngere ist die Plattform ohnehin alt und uninteressant – und der Rest darf sich aktuell von der megatristen deutschlandweiten Plakat-Kampagne des Konzerns runterziehen lassen: In freudlosen Motiven wird einem hier vorgeheuchelt, die Datensicherheit des Users sei oberstes Anliegen des Facebook-Konzerns. Gegen diese offenkundige Lüge wirkte selbst die GEZ einst noch sympathisch.

Nun erwartet uns ein langer, quälender Abschied vom blauen Riesen, der vermutlich Jahre dauern wird. Seinen Anfang aber nahm er 2018.

4. Apokalypse Alltag (Kontra K und GZUZ)

"Eigentlich will niemand mit deiner komischen Mutter ins Bett. Eigentlich!"

Ja, ja! Im Rap ist das alles nicht so gemeint! Niemand will dich wirklich abknallen oder gar deine komische Mutter f***en. Alles bloß Kunst, alles bloß Lyrisches Ich. Wissen wir! Aber dennoch ... unser pubertäres Herz eines 15-jährigen Pickelidioten wünscht sich klammheimlich, dass alles doch so heiß gekocht wird, wie es gerappt wird. Also dass alle wirklich Gangster, Dealer, Drogenhändler und Psychopathen sind, die da am Mic stehen.

Befeuert wurde jener unvernünftige Wunsch dieses Jahr durch Kontra K (von zehn Polizisten niedergerungen) und natürlich von GZUZ (tobend und völlig hysterisch im Schwimmbad).

Die Anlässe allerdings zwingen bei beiden zum Punktabzug: Es handelte sich hier nicht um "Sopranos"-mäßige Schwerstkriminalität sondern um die StVo (Kontra K) und Glaspfand (GZUZ).

5. Würstchen-Open-Airs

"Verzeihung, aber eure Mailout-Rülpser riechen nach Schwanz"

Viel wurde dieses und die letzten Jahre diskutiert: Warum sind Festivals eigentlich derartige Pimmelparaden – und kann man nicht was dagegen tun, dass so wenig Frauen auf die Bühnen gebucht werden?

Ganz langsam etablierte sich ein Bewusstsein, Booker verständigten sich zum Beispiel auf die Initiative Keychange, die künftig auf freiwilliger Basis eine Angleichung zu erreichen sucht. In diese positive Tendenz rülpste dann allerdings unter anderem ein Mailout des Hurricane-Festivals rein. 25 Acts inklusive vier Headliner fürs nächste Jahr. Keine einzige Künstlerin dabei.

Was der Veranstaltung allerdings auch einiges an schlechter Presse einbrachte. Auf ein Statement verzichtete der Betreiber FKP Scorpio, in einem Kommentar tauchte lediglich der genervte Hinweis auf, das sei ja alles noch gar nicht das finale Line-Up.

Ja, sorry, dass ihr von dem Thema bei eurer ewigen Würstchen-Reproduktion genervt seid, aber macht‘s dann halt einfach mal besser. Das dieses Jahr ausgebliebene Schulterklopfen wäre euch dann gewiss.

6. Ocean Cleanup

"Selfie unter dem After der globalen Wegwerfgesellschaft"

Ein langjähriger Verlierer sind die Ozeane. Der After der globalen Wegwerfgesellschaft scheißt einfach nonstop Tonnen von Plastikmüll dorthinein. 2018 erhält dieser Missstand zumindest größere Aufmerksamkeit.

Die Folge: Viele Influencer-Sternchen mit Instagram-Hintergrund posten Fotos von sich bei Ocean Cleanups an Stränden in Bali oder sonstwo. Nicht wenige von ihnen haben dabei für einen Vormittag voller hashtag-beladener Empowerment-Selfies extra eine Flugreise auf sich genommen. Jedes Bild ein Tritt in den Hintern, der dabei einen immensen CO2-Fußabdruck hinterlässt. #howto2018

7. Tokio Hotel

"... an Geld kommen – und zwar schnell"

Die stets angenehm bizarre Post-Magdeburger Boyband um die Kaulitz-Zwillinge hat einen langen Weg hinter sich. Vom Teenie-Schwarm zum Feuilleton-Thema. Die Richtung zeigt dabei nur scheinbar nach oben. Denn der wirkliche Höhen-Unterschied sind die Zuschauerzahlen: Teenie-Stars füllen Hallen, Feuilleton-Protagonisten höchstens Clubs.

Alternative Verdienstmöglichkeiten müssen also her, Tokio Hotel haben es mit ihrem Fan-Event nahe Dessau diesen Sommer dann aber doch überrissen. Ticketpreise von 800 bis fast 3600 Euro? Echt ungut.

Tipp: Lieber mal ein paar Jahre ganz pausieren und dann mit einer Reunion richtig Kasse machen, als jedes Jahr bei immer absurderen Events die Hand aufzuhalten.

8. Bauhaus

"Dass so selten über den nackten Monchi berichtet wird ... Das haben uns doch die Rechten eingebrockt!"

Man wolle keine Bühne bieten für "politisch extreme Positionen – ob von rechts, links oder andere[n]". Mit einem PR-Super-GAU bringt sich die Leitung des Bauhauses in Dessau souverän auf die Landkarte der größten Loser 2018. Einzelheiten seien hier erspart, man hat den hampeligen Trottel-Move und seine Folgen ja noch gut in Erinnerung. Vielmehr sei das Bauhaus an dieser Stelle verwünscht, weil Akteure wie sie verhindern, dass endlich auch mal anders über Feine Sahne Fischfilet berichtet werden kann, als nur über deren Antifa-Aspekt.

Nein, ich meine damit nicht, wann kann man endlich mehr über die Musik der Trompeten-Rostocker gesagt werden. Sondern wann kann endlich mal darüber berichtet werden, dass Sänger Monchi überall immer nackt in Seen und Flüsse springt? Rrrrrr! In einem Deutschland, in dem DAS das Thema ist, nicht Nazi-Scheiß, da wäre schon mal viel gewonnen.

9. 6ix9ine

"2050 läuft dann immer noch Schrei-Trap? Autotune bewahre!"

Noch vor dem Debüt-Album bereits via Musik, Netz-Fame und Grills (lies: Toys 'R' Us-Zahnspange) mehrfacher Millionär. Nun aber wurde der auf Bewährung befindliche Rapper verhaftet und mit einer Anklage konfrontiert, die ihm bis zu 32 Jahren Knast einbringen kann. Ob 2050 Schrei-Trap wirklich noch angesagt sein wird? Ich hoffe es mal nicht für uns Hörer …

10. Red Bull Culture Clash

“Also bitte! Das ist doch nicht das Image, das sich der Sponsor wünscht!”

Crew-Rivalitäten über Skills austragen – das ist HipHop. Wer kann besser rappen, geiler tanzen, wer malt die stärkeren Bilder auf fahrende Züge? Die ersten beiden Aspekte wollte der Red Bull Culture Clash einfangen und für Zuschauer und die eigene Marke ausschlachten.

Doof nur, wenn die beteiligten Macker das Grundprinzip nicht respektieren und sich dann in echt auf der Bühne eine rein hauen. Also bitte! Das ist doch nicht das Image, das sich der Sponsor wünscht! Allerdings hatte der, also Red Bull, 2018 ohnehin zu kämpfen mit seinem öffentlichen Bild.

Die markigen Aussagen über beziehungsweise gegen die "zu weiche" europäische Flüchtlingspolitik durch Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz brachte auch die in Szenekreisen sehr geschätzte Red Bull Music Academy in Argumentationsnot. Also schwieg sie lieber zu den Ausfällen ihres Gönners – ohne Erfolg. Die Absage des Künstlerkollektivs Live From Earth um Yung Hurn brach das Schweigen. Zumindest redeten nun wenigstens andere über das Thema und diskutierten über Kultursponsoring und Abhängigkeiten.

ZUGABE

"Das ist Alpha!"

Doppelt in der Loser-Liste des Jahres aufzutauchen, muss man auch erstmal schaffen. Aber mit seinem Buch "Das ist Alpha!" hat sich Kollegah seinen zweiten Eintrag einfach ehrlich verdient. Mit diesem grotesk redundanten Haufen an Kalenderweisheiten und homoerotischen Pin-Up-Bildern von sich selbst die Gymnasiastenhorden seiner Fans ins Sachbuch-Game zu locken, das ist schon eine stabile Leistung.

Dass er kurzzeitig mit dem schlimmsten Jugendbuch des Jahres aber auch noch vor Sarrazin auf Platz 1 der Verkaufscharts stand ... Da fällt einem wirklich nichts mehr ein. Außer vielleicht dem tröstenden Gedanken: 2019 kann es ja nun wirklich nicht mehr schlimmer werden.

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