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Drogen

Ex-Knackis erzählen, wie sie aus dem Gefängnis ausgebrochen sind

"Ich habe erstmal die Tür zum Gefängnisladen geknackt, mir ein Eis genommen und mir draußen die Sonne ins Gesicht scheinen lassen."

von Nick Chester
18 März 2019, 4:03pm

Diese drei Männer saßen ein – bis ein Krieg über sie hereinbrach || Foto: bereitgestellt von Scott White

Im Winter 2018 entkamen innerhalb von fünf Tagen ganze neun Insassen aus einem Berliner Gefängnis. Eigentlich sollen ja hohe Mauern, dicke Gitterstäbe, Stacheldraht und wachsames Personal dafür sorgen, dass verurteilte Verbrecher und Verbrecherinnen nicht aus dem Gefängnis ausbrechen können. Es klappt offensichtlich dennoch – und zwar gar nicht so selten.

Aber wie genau planen und führen Häftlinge solche Ausbrüche durch? Um das herauszufinden, haben wir mit drei Menschen gesprochen, die schon mal aus einem Gefängnis geflohen sind: der geläuterte Heroin-Schmuggler David McMillan, der Glasgower Gangster John Steele und der ehemalige Marihuana-Dealer Scott White.

David McMillan: "Es ging nicht nur um meine Freiheit, sondern um mein Leben "

Der Ex-Häftling David McMillan
Foto: bereitgestellt von David McMillan

"Bei meiner Flucht aus dem Gefängnis ging es nicht nur um meine Freiheit, sondern tatsächlich um mein Leben. Ich saß in Bangkok hinter Gittern, meine zwei Jahre andauernde Gerichtsverhandlung näherte sich ihrem Ende. Mein Anwalt sagte mir, dass der Richter mich in zwei Wochen zum Tode verurteilen werde. Deswegen musste ich schnell handeln.

Kurz nach Mitternacht sägte ich mich durch die Gitterstäbe meines Fensters. Die dafür notwendigen Metallsägen hatte mir ein Freund in einer religiösen Buchrolle versteckt ins Gefängnis geschickt. Danach seilte ich mich am Stoffbezug meines Bettgestells in den Gefängnishof ab. Dort schlich ich mich direkt zu den Geräteschuppen und baute aus hölzernen Bilderrahmen, Bambuspfosten und Klebeband zwei Leitern zusammen.


Auch bei VICE: Eine falsche Anschuldigung, ein halbes Leben hinter Gittern


Schließlich kletterte ich mithilfe der Leitern über die sechs inneren Gefängnismauern bis zur äußeren Mauer. Dabei ging es durch einen offenen Abwasserkanal und zwischen zwei Wachtürmen hindurch. Die Sonne ging schon wieder auf, als ich mich über die elektrischen Drähte der Außenmauer hievte und auf der anderen Seite in den Wassergraben hinuntersprang. Ich machte mich sauber, zog mir Zivilkleidung an und fuhr im Taxi zu einem nahegelegenen Apartment, in dem ein Freund einen gefälschten Pass und Bankkarten hinterlegt hatte.

Am Flughafen funktionierte eine der Karten nicht und ich konnte deswegen nur so weit fliegen, wie mich 500 Dollar brachten. Gerade als sich die Türen meines Flugzeugs schlossen, kamen die nach mir fahndenden Behörden am Flughafen an. Zwei Stunden später war ich nicht nur in Singapur, sondern auch in Sicherheit. Ich tauschte meine Pässe wieder aus, checkte in ein Hotel ein und sprang direkt in den Pool auf der Dachterrasse. Noch nie hat sich Schwimmen so gut angefühlt."

John Steele: "Den Aufsehern würde es sofort verdächtig vorkommen, wenn wir zu dritt ins oberste Stockwerk gehen"

John spielt hinter Gittern Gitarre
John spielt hinter Gittern Gitarre | Foto: bereitgestellt von John Steele

"Ich saß im schottischen Barlinnie-Gefängnis und plante den Ausbruch zusammen mit meinem Bruder Jim und unserem Kumpel Archie. In der Decke eines Zimmers im obersten Stockwerk befand sich ein Metallgitter, durch das wir uns hindurchsägen und so auf das Dach gelangen wollten. Das Problem: Wir mussten erstmal in das Zimmer kommen. Denn wir wurden damals als Hochrisiko-Gefangene eingestuft und durften deswegen weder im Erdgeschoss noch im obersten Stock untergebracht werden. Außerdem hatten uns die Wachen von Anfang an besonderes im Auge, weil wir in einem anderen Gefängnis schon mal versucht hatten zu fliehen. Wir wussten, dass es den Aufsehern sofort verdächtig vorkommen würde, wenn wir zu dritt ins oberste Stockwerk gehen.

Zum Glück gab es einen anderen Raum, der durch einen gut 30 Zentimeter breiten Schacht mit dem Zielraum im obersten Stockwerk verbunden war. Jim und Archie zogen mich hoch und wir gelangten durch das von anderen Häftlingen vorgefertigte Loch im Gitter in eine Zwischenetage zwischen dem oberstem Stockwerk und dem Dach. Ich brach noch eine letzte Tür auf – und wir waren draußen.

Vor der ganzen Aktion hatten wir Freunde angewiesen, ein Fluchtauto vor der Haftanstalt bereitzustellen und uns zum vereinbarten Zeitpunkt ein Kletterseil für die Gefängnismauer zuzuwerfen. Die Jungs gingen ganz unverfroren in einen von den Wachen genutzten Garten, der an das Gefängnis angrenzt. Dort befestigten sie das eine Ende des Seils an einem Pfosten, an dem normalerweise die Wäscheleine aufgehängt wird. Dann warf ich ihnen eine Rolle Textilstoff zu: Ein Ende hielt ich in der Hand, am anderen Ende befestigten unsere Komplizen das Kletterseil. Ich zog es hoch zu uns aufs Dach, machte es fest und wir seilten uns in den Garten ab. Unten angekommen, sprangen wir in das Fluchtauto und brausten davon.

Die zuständigen Behörden gingen fälschlicherweise fest davon aus, dass wir die Gefängnisaufseher geschmiert hatten. Deswegen sagten sie bei ihren Pressekonferenzen auch, dass wir einen Deal bekämen, wenn wir verraten, mit wem wir zusammengearbeitet hatten. Diese Annahme zeigt mir, wie gut wir unseren Ausbruch geplant und durchgeführt hatten."

Scott White: "Die Stimmung in der Haftanstalt wurde immer angespannter, bis sich alles entlud"

Scott White und seine Freunde im Kuwaiter Gefängnis
Scott White (Mitte) und seine Freunde im Kuwaiter Gefängnis | Foto: bereitgestellt von Scott White

"1988 wurde ich zu vier Jahren Haft in einem Kuwaiter Gefängnis verurteilt. Gutes Timing, denn zwei Jahre später fiel die irakische Armee in Kuwait ein, im Knast kam es kam zu einem Aufstand und wir konnten alle fliehen. Am Tag der Invasion wachte ich auf und alles war ungewöhnlich still. Ich fragte meinen Zellenkumpanen Ali, was los sei. 'Die Iraker sind da', antwortete er. Ich schaltete das Radio an, ein Nachrichtenreporter beschrieb gerade, wie 100.000 irakische Soldaten die Grenze überquert hatten.

Zwischen der Hauptroute der Invasion und dem Gefängnis lag nicht mal ein Kilometer. Das bereitete mir Sorgen. Die Stimmung in der Haftanstalt wurde immer angespannter, bis sich alles entlud und ein Mithäftling die Tür von unserem Block eintrat. Einige Häftlinge drangen bis zu dem Abschnitt des Gefängnisses vor, in dem die politischen Gefangenen untergebracht waren, und befreiten sie – darunter auch die Terroristen, die für die Bombenanschläge auf die US-amerikanische Botschaft in Kuwait verantwortlich gewesen sein sollen. Die befreiten Häftlinge koordinierten die Angriffe auf die Wachen. Da ich eher von entspannterer Natur bin, habe ich aber erstmal die Tür zum Gefängnisladen geknackt, mir ein Eis genommen und mir draußen die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Die hatte ich zu diesem Zeitpunkt nämlich seit über einem Jahr nicht mehr gesehen.

Die anderen Insassen zerstörten alle Unterlagen, damit niemand mehr nachvollziehen konnte, wer hier im Gefängnis saß. Währenddessen zischten Kugeln durch die Luft, weil die Aufseher noch versuchten, den Aufstand niederzuschlagen. Dabei kamen zwei Häftlinge ums Leben. Irgendwann flohen die Wachen aber selbst. Wir brachen ein Loch in die Gefängnismauer und rannten in unsere Freiheit. Ali kannte ein paar Leute, die in der Nähe wohnten, und ich begleitete ihn zu ihrem Haus. Später fuhr ich per Anhalter weiter zu einem Kumpel. Schon verrückt, eigentlich war ich mit jahrelanger Langeweile konfrontiert, und plötzlich war ich Teil eines Gefängnisausbruchs in einem Kriegsgebiet."

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