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Interviews

Von kaputten Dächern und kaputten Ehen: Die leidenschaftlichsten Plattensammler Großbritanniens

Willkommen in einer Welt, in der die Leute für ihre Liebe zur Musik große Opfer bringen.
15.2.16

Wie bei vielen anderen Leuten lief auch in meiner Kindheit immer Musik im Haus. Jedoch mit einem kleinen Unterschied: Mein Vater war Plattensammler. Nicht auf die Ich-kaufe-zwei-oder-drei-Platten-in-der-Woche-Art, sondern eher auf die Ich-habe-dreizehn-verdammte-Plattenspieler-vor-der-Treppe-gestapelt-und-du-kommst-nicht-hoch-Art.

Vinyl war allgegenwärtig, ob wir nun an einem dreibeinigen Tisch aßen, der durch einen Stapel Country- und Westernalben gestützt wurde, ich als Kleinkind in Platten gehüllt zu schicken Verkleidungspartys erschien oder mich das Gefühl erschrockener Verwunderung überkam, wenn mein Vater mit einer 7“-Single im Haus herumtanzte, die er gefunden hatte und die bedeutete, dass er in diesem Monat die Rate für unser Haus bezahlen konnte.

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Da die Kisten voller Platten die Treppe säumten, akzeptierte jeder, der zu uns nach Hause kam, die Obsession meines Vaters und nahm zwangsläufig einen Teil davon mit. Was mich aber immer erstaunte, war, dass er sein Verhältnis zu Vinyl als vollkommen entspannt sah. Meine Mutter lachte dann und zeigte in die Ecke des Wohnzimmers, in der sich die Kisten wie an einem Tatort stapelten. Er tat es ab, schüttelte seinen Kopf und gab ein von PTSD gefärbtes: „Wenn du das gesehen hättest, was ich gesehen habe“ von sich. Wir nickten, aber niemand von uns nahm es ernst. Tatsächlich habe ich nie näher darüber nachgedacht, bis ich vor Kurzem von Brian hörte.

Ich traf Brian, der bei jedem Second-Hand-Laden-Besitzer von Black Country bis Warwickshire bekannt ist, auf die gleiche Weise wie alle anderen: In einem dieser Second-Hand-Läden, als er gerade die Alben durchblätterte. Wir kamen ins Gespräch und ich lernte schnell, dass dies die Art ist, wie er jeden Tag seines Lebens verbringt. Nach einigem Hin und Her, Nachrichten auf dem Anrufbeantworter und Absagen in letzter Minute, durfte ich ihn besuchen und mir seine Sammlung ansehen. Ein Mann, der in den letzten fünf Jahrzehnten mit diesem Format gearbeitet, es geatmet und—wortwörtlich—damit gelebt hat, öffnete meine Augen für eine Welt, von der ich nicht wirklich wusste, dass sie existiert.

Ich beschloss, mehr Leute wie Brian ausfindig zu machen und einige der passioniertesten Plattensammler Großbritanniens zu finden, um die Geheimnisse einer Kultur zu ergründen, die auf eine Zeit vor der digitalen Revolution zurückgeht, als Steve Jobs noch nicht einmal in der Pubertät war. Was ich fand, waren ein paar Persönlichkeiten, die du dir nicht ausdenken könntest—Brian, Deepinder und Paul. Komplexe, inspirierende und leidenschaftliche Leute mit einem Gedächtnis wie ein Lexikon, die von ihrer Liebe zu Musik wirklich betört, vereinnahmt und manchmal überwältigt wurden. Leute, die große Opfer gebracht haben—von gebrochenen Hüften bis zu gescheiterten Ehen—nur um weiter sammeln zu können. Ich habe einige der obsessivsten Plattensammler Großbritanniens getroffen.

Brian

Ich stehe vor einem halb freistehenden Haus mitten im vorstädtischen Großbritannien. Ich klopfe zwei Mal und schon öffnet mir Brian—wenn auch zögerlich—die Tür. Ich verstehe, warum: Ich bin nur eine von fünf Personen, die er in den letzten zwanzig Jahren zu sich nach Hause eingeladen hat. Die Platten sind geordnet, aber überall; in Stapeln, die größer sind als ich. Die Decke biegt sich und hängt in der Mitte durch, „weil der Raum über uns vollständig vom Boden bis zur Decke gefüllt ist“. Das stört jedoch nicht sonderlich. Bis auf den riskanten Weg zur Toilette im Erdgeschoss ist dies der einzige Raum in seinem Haus, der benutzbar ist. Ich verwende dieses Wort vorsichtig, da die Fenster verdeckt sind und du deinen Atem sehen kannst, da Sonnenlicht schlecht für Platten ist und Heizungsluft noch zehn Mal schlimmer. Vom Zweisitzer-Sofa fällt der Blick auf einen lautlos gestellten Fernseher. Einer der beiden Sitze ist voll mit Platten. Brian bietet mir den freien an, aber ich bestehe darauf, dass es seiner ist und lasse mich auf dem Teppich nieder.

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Noisey: Wie fing alles an?
Brian: Ich habe eine ältere Schwester und als ich sechs Jahre alt war, fuhren wir zusammen nach Shirley (Solihull), um meine erste Platte von Taschengeld zu kaufen, das ich gespart hatte. Das war 1963 und es war eine Platte von Joe Brown. Von da an war ich süchtig. Entweder packt es dich oder nicht. Ich war sechs Jahre lang verheiratet und meine Ex-Frau mochte Musik überhaupt nicht. Es bedeutete ihr gar nichts. Ich fand, dass wir in jeder anderen Hinsicht toll zusammen passten, aber ich habe nie verstanden, warum es in ihrem Leben keine Musik gab. Merkwürdig.

Kannst du deine Gefühle beschreiben, wenn du etwas siehst, das du willst?
Das bedeutet mir alles. Ich arbeite seit sieben Jahren nicht mehr, ich habe kein Einkommen, aber ich gebe mein Erspartes aus. Es schwindet allerdings. Ich bin ein alleinstehender Kerl, ich habe keine Kinder, ich habe ein paar gute Freunde aus der Welt des Plattensammelns, aber keinen erweiterten Familienkreis. Ich habe eine Schwester, das war es. Niemand, an den ich meine Platten weitergeben könnte. Aber ich gehe jeden Tag raus, setze mich für eine nette Fahrt mit guter Musik in mein Auto, treffe ein paar nette Leute und hin und wieder schaue ich für ein paar Platten rein. Und das macht es für mich lohnenswert, morgens aufzustehen. Ich habe heute einen Anruf von einem Second-Hand-Laden im Black Country bekommen, die gesagt haben, dass sie ein paar Platten reinbekommen hätten, einige von ihnen Elvis HMVs, ob ich vorbeikommen wolle. Jetzt sitze ich hier und obwohl ich dir meine Aufmerksamkeit schenke, ist alles, woran ich denken kann, dass ich es kaum erwarten kann, morgen früh aufzustehen und dort hinzufahren.

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Eine von drei Jukeboxen in Reichweite meines Platzes auf dem Teppich

Was werden deiner Meinung nach die Konsequenzen deines Sammelns sein?
Ich weiß es nicht. Ich bin 60, also denke ich, ich könnte eine großen Teil davon verkaufen, wenn es hart auf hart kommt. Ich habe keine Computerkenntnisse, das ist also etwas, das mich zurückhält, also vielleicht ein Laden. Hast du High Fidelity gesehen?

Ja.
Also, ich mag die Vorstellung von dem Spaß, den du in einem Plattenladen haben kannst. Die Leute, die reinkommen, zu veralbern, sich gegenseitig über den Geschmack lustig zu machen; das ist ein Traum. Ich war schon immer ein Verkäufer, also weiß ich, dass ich verkaufen kann und es mir Spaß macht. Ich habe in den 80ern im Handel und für ein Plattenlabel und eine Vertriebsfirma gearbeitet, bevor die Industrie Schluss mit Vinyl gemacht hat.

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Wie hat das Sammeln dein persönliches Leben beeinflusst?
Es ist mein Lebensstil geworden. Das war es nicht immer. Ob es der Grund ist, dass ich mich von meiner Frau getrennt habe oder von Freundinnen, weiß ich nicht mehr. Aber mittlerweile ist es das, wofür ich aufstehe. Es ist alles für mich. Es wäre sehr schwer, damit aufzuhören. Stell dir vor, ich würde jetzt eine nette Frau treffen—ich könnte sie nicht zu mir nach Hause einladen. Naja, ich könnte, aber sie müsste genauso verrückt sein wie ich, um damit zufrieden zu sein, dass die Heizung nicht an ist, weil es so viele Platten gibt, die Vorrang haben.

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Rubber Souls; ich drehe meinen Kopf und zähle 32 Kopien vom White Album der Beatles—„und das sind noch nicht einmal alle“

War es ein Opfer, das sich gelohnt hat?
Ich sehe es nicht als Opfer, weil das Sammeln alles für mich ist. Für den Mann auf der Straße habe ich vielleicht geopfert. Ich habe die Tatsache geopfert, dass ich ein Loch im Dach habe, durch das Wasser direkt hinter dir tropft—jemand hätte sich das vor drei Jahren ansehen sollen, sie kommen aber nicht rein, weil hier so viel Zeug drin ist. Ich habe die Tatsache geopfert, dass ich nicht nach Griechenland kann. Ich liebe Griechenland, ich würde sofort gehen, wenn ich könnte, aber ich stecke das Geld ins Sammeln und ich hätte Sorgen, dass mir Platten durch die Lappen gehen.

Könnte dich jemals irgendwas überzeugen, damit aufzuhören?
Wahrscheinlich die Gesundheit. Ich weiß, dass ich eine Hüfte brauche—ich habe es aufgeschoben, weil du niemanden hier reinbekommst, der die Nachbetreuung übernimmt. Es könnte leicht etwas passieren, was bedeutet, dass ich nicht jeden Tag raus kann oder ich Pflege oder ein sanitäres Badesystem bräuchte. Ich meine, ich habe Platten in der Badewanne, verdammt. Ich habe lange Zeit gedacht: „Das ist lächerlich, Brian.“ Aber die Wahrheit ist, ich bin so lange allein und es wird mir niemand sagen, dass ich damit aufhören soll.

Deepinder

Birminghams Zufluchtsort für Sammler ist die Diskery, ein Laden, der seit Anfang der 50er eine angesehene Einstiegsdroge für neugierige, enthusiastische Musiker und Hörer ist. „Früher haben junge Leute einen Bogen um den Laden gemacht, aber in den letzten acht Monaten sind eine Menge gekommen“, erzählt mir der Besitzer. „Wir haben keine moderne Musik, aber sie kommen trotzdem. Es ist wegen der House- und Dance-12“s, die haben wir seit Jahren und erst jetzt kaufen Leute sie. Wenn es ein Revival gibt, dann kann sich Vinyl bei dieser Szene bedanken. Sie waren die einzigen Labels, die in den späten 80ern und 90ern Platten gepresst haben.“

Es ist keine Überraschung, dass der örtliche Sammler Deepinder unser Treffen hier arrangiert. Nachdem er eine ramponierte Reader’s-Digest-Box geöffnet hat, fängt er an, ihren Inhalt zu durchblättern. Darin finden sich eine Led Zeppelin I, „3.500 bis 5.000 Pfund wert, eine 3.000 Pfund“ Kopie von Norman Haines’ Den of Inquity sowie zehn andere Schätze—für die Sammler, die sich darum versammeln und für mich eine wirkliche Schönheit. Noch besser, es ist eine von nur „siebzig oder so von ähnlichem Wert“ und die Krönung der besten Progressive-Rock-Sammlung des Landes.

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Deepinder ist in Aston aufgewachsen, einer Gegend, die für ihre hohe Kriminalitätsrate und Industrie bekannt ist. Seine Liebe zu Vinyl wurde entfacht, als er 1978 für 10 Pence ein Album von Arzachel kaufte. Seine Obsession uferte aus, was zu regelmäßigen Trips zum Container vor dem Büro von EMI in London führte, aus Gründen, die er selbst erzählen soll. Oder zur Battersea Power Station, wo er einbrach, um einen öffentlichen Aushang für seine Kopie von Pink Floyds Animals zu stehlen. Diese besonderen Gegenstände einer Platte beizulegen kann ihren Wert ausmachen oder zerstören. Mit den Jahren sind gefragte Stücke schwieriger zu bekommen. Es ist ist nicht ungewöhnlich, dass Deepinder Testamentsvollstrecker von leitenden Angestellten der Labels aufspürt, um verschollene Alben zu finden.

Noisey: Wie viele Platten besitzt du ungefähr?
Deepinder: Na ja, 1985 habe ich 2.000 gezählt. Ich habe nicht viele verkauft, ich habe immer welche dazu gekauft. Wer weiß, es könnten 6.000 oder 7.000 sein. Dann noch 3.000 Singles oder mehr.

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Was hältst du von den neuen Vinyl-Käufern? Männer Mitte 20 mit einem mittleren Einkommen, die das „Revival“ hervorgebracht hat?
Ich bin sicher, dass ein wenig Wahrheit darin steckt, aber eine Sache, die mir aufgefallen ist, ist, dass viel mehr junge Frauen in Läden gehen und Platten kaufen. Das Sammeln war immer eine extrem männlich dominierte Angelegenheit, aber es wäre toll, wenn mehr Frauen daran teilhaben würden. Es würde die Dynamik ändern. Sieh dich um.

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„Ich habe mir im September einen Plattenspieler von Argos gekauft. Ich gehe jeden Tag auf meinem Weg zur Universität an der Diskery vorbei und das ist gefährlich. Ich habe so viel Geld ausgegeben und habe mittlerweile ungefähr 50 Platten, alle Second-Hand.“

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„Na ja, sie sammelt wirklich (links), aber ich kaufe dieses Album von Otis Redding, obwohl ich nichts habe, um es abzuspielen. Gott, ich hoffe das klingt nicht zu sehr nach Hipster, aber ich will einfach nicht so modern sein wie alle anderen.“

Du hast mir erzählt, dass du aus einer Arbeiterfamilie von Immigranten der ersten Generation stammst—hattest du jemals das Gefühl, dass dein Interesse an Platten von dem abwich, was deine Familie von dir erwartete?
Ja, besonders von meiner Mutter, da sie das Gefühl hatte, dass es mich unnötig vom Lernen abhielt. Sie hörte mal, wie ich „Madcap Laughs“ von Syd Barrett spielte, fand aber, dass es piepsig und schlimm klang.

Hast du wegen ihr jemals daran gedacht, aufzuhören?
Nein, ich war nie an dieser Art von Gabelung, die Sammler mit einer Familie oder so haben, die darüber nachdenken müssen, sich von Zeug zu trennen. Ich habe einfach so weitergemacht wie immer, außer, dass ich es wirklich ernst genommen habe. Einige der größten Käufe, die ich gemacht habe… Ich habe 2.000 Pfund für eine LP gezahlt.

Welche war das?
Apple auf Page One [An Apple a Day von der britischen Psychedelic-Band Apple, 1969 auf Page One Records veröffentlicht]. Ich habe sie vor fünf Jahren von der Witwe eines leitenden Angestellten eines Labels bekommen. Ich habe sie jedoch verkauft, für 4.000 Pfund—mittlerweile bereue ich das. Es ist eine dieser LPs, die du nie wieder in diesem Zustand findest.

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Wie hat das Sammeln dein Leben beeinflusst?
Na ja, es ergreift Besitz von deinem Leben, denn etwas zu kaufen ist das beste Gefühl der Welt. Es ist schwierig, andere Bereiche deines Lebens mit Vinyl in Relation zu setzen, weil es dich vollkommen einnimmt. Ich will nirgends hingehen, weil ich Angst habe, Dinge zu verpassen.

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Deepinders Originalpressung von Led Zeppelin I, zwischen 3.500 und 5.000 Pfund wert

Was denkst du, könntest du verpassen?
Eine Sammlung. Diese Möglichkeiten werden seltener, also musst du in der Lage sein, in Sekundenschnelle zuzuschlagen—das Sammeln hat mich dazu gebracht, den Moment zu leben. Ich erinnere mich daran, wie mir meine Schwester als ich jünger war, vor zwanzig Jahren, einen Zeitungsausschnitt aus dem Guardian zeigte, in dem es darum ging, dass der litauische Frank-Zappa-Fanclub ein Denkmal für ihn errichtet hatte. Also dachte ich: „Verdammt!“ Ich lieh mir ein wenig Geld von einem Freund, sagte meiner Mutter, dass ich ein paar Tage nach Leicester fahren würde und besorgte mir ein Flugticket nach Litauen, um sie zu sehen. Ich erinnere mich immer noch sehr intensiv daran.

Was war die merkwürdigste Sache, die du für Vinyl getan hast?
Ich betreibe viel Recherche und versuche zu spekulieren, bei welchen Auktionshäusern oder Versteigerungen Sachen, die ich möchte, auftauchen könnten, um einen Vorteil zu haben, aber ich bin nicht wirklich sicher. Ich bin früher nach London, um im Container von EMI zu schauen. Ich habe noch eine Menge Pink-Floyd-Dateien und eine Kopie von Kate Bushs Geburtsurkunde, die ihre Eltern an EMI gesandt haben.

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„Das ist meine Lieblingsband, The Mighty Baby. Das ist ein unterschriebenes Exemplar, aber schau dir nur an, was er gemacht hat (zeigt auf das blaue Klebeband)! Das ist eine Tragödie. Eine LP für 600, 700 Pfund und sieh dir das an.“

Was müsste passieren, damit du dich von deiner Sammlung trennst?
Das würde ich nie tun. Ich hatte schon immer Angst davor. Ich bin aber mittlerweile in meinen 50ern und du musst anfangen, über andere Dinge nachzudenken. Ich will nicht in die Position kommen, dass ich sterbe und jemand die ganze Sammlung zusammen kauft. Ich will sicher gehen, dass etwas mit der Sammlung passiert, wenn ich mich vorher nicht davon trennen kann.

Wodurch bist du noch so engagiert?
Es hilft mir, besser mit meiner Zwangsstörung zurechtzukommen.

Paul

Nachdem ich mich durch einen Dschungel aus sechs Gewächshäusern voller Platten und zwei Schuppen gearbeitet habe, finde ich Paul. Ein Mann, der sein ganzes Leben lang für seinen Lebensunterhalt Vinyl gesammelt, gekauft und verkauft hat. Er studiert Cover, packt Platten und arbeitet während meines Aufenthalts, wobei im Hintergrund eine Kopie von Supertramps Crime of the Century läuft. Er ist sehr direkt und bringt seine Worte nicht durcheinander, also nutze ich ihn, um mehr über einige Fragen bezüglich des derzeitigen Zustands von Vinyl zu erfahren.

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Du dürftest eine einzigartige Perspektive auf das „Vinyl-Revival“ haben—sind in den letzten fünf Jahren irgendwelche Craft-Beer trinkenden, bärtigen Mittzwanziger aus der Mittelschicht in deiner Welt aufgetaucht?
Ich war in letzter Zeit in Situationen, in denen in ich Typen wie diese in Läden gehen sehen habe und sie werden von den Besitzern so manipuliert, dass sie totalen Müll kaufen. Indem sie ihre Egos massieren und ihnen das Gefühl geben, dass sie etwas wissen, haben sie sie dazu gebracht, jeden überteuerten Mist zu kaufen.

Unterschreibst du die Sache mit dem „Revival“? Glaubst du es?
Ein bisschen. Ich sehe eine Menge Läden, die aufmachen und von Typen betrieben werden, die sich dem Rentenalter nähern. Ich weiß nicht, wie lange das andauern wird—ich sehe keine jungen, frischen Gesichter auf Plattenbörsen. Ich sehe nur grau. Ich sehe in dieser Hinsicht nicht wirklich ein Wiederaufleben von Second-Hand-Vinyl. Ich habe erwartet, dass es boomen wird, aber sie finden nicht so einfach sammelbares Vinyl in gutem Zustand und müssen diesen Reissue-Kram mitmachen.

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Was denkst du darüber, dass erstmals mehr Reissues verkauft wurden als neue Veröffentlichungen?
Tja, wie bekommen neue Bands ihre Sachen auf den Markt? Es ist viel einfacher für einen Laden, alte James-Brown-Platten anzubieten, als das Risiko einzugehen, Geld für eine Band auszugeben, die von einer Person gemocht wird. Sie müssen sich an der Mutter und dem Vater orientieren, die gelegentlich reinkommen und nach einer Hendrix-LP suchen, und nicht an jemanden, der die neue LP der Shitting Toadstools haben will, die er mag.

Denkst du, dass der Vinyl-Boom anhalten wird?
Ich glaube nicht, dass es noch stärker wird als jetzt. Ich denke, es wird eine Generation lang stagnieren, weil es nicht genug unterschiedliche Sachen gibt, die produziert werden. Plattenlabels haben einfach nicht das Geld, in das Zeug zu investieren. Also nein, ich sehe nicht, wie es noch zunehmen könnte.

Was hältst du vom Record Store Day?
Ich denke, es wird etwas von der Tatsache getrübt, dass ich weiß, dass kleine Plattenläden kein Geld verdienen. Es ist interessant und macht ein wenig Spaß, aber ich denke nicht, dass es ein erfolgreiches Geschäftsmodell ist.

Und was ist mit der Nachricht, dass Tesco Vinyl anbieten wird?
Weißt du was, immer wenn Leute zu mir sagen: „Vinyl feiert ein Comeback, Paul“, will ich ihnen in den Kaffe pissen und sage: „Ich glaube das, wenn ich es bei Tesco sehe.“ Und dann, siehe da, ist es passiert—Tesco verkauft Iron Maidens neue LP. Ich habe aber gesehen, wie sie ihr Zeug verkaufen; sie haben die Sicherheitsetikette durch das Cover gestochen! Ein riesiges Loch im Cover? Niemand wird das haben wollen.

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Ein Blick in einen von Pauls zahlreichen Schuppen

Wie nah hat dich deine Beziehung zu Vinyl bis jetzt an den Abgrund gebracht?
Na ja, ich war schon immer ein Workaholic. Wenn ich also mehr Geld brauchte, musste ich losziehen und mir einen Job besorgen, was absolut scheußlich war.

Was hast du gemacht?
Ich war Buchhalter bei Virgin. Also ich habe woanders als niederer Büroangestellter angefangen, habe mich aber hochgearbeitet und qualifiziert und wurde dann dazu. Ich habe trotzdem noch die Platten gemacht, aber gerade zu dieser Zeit brauchte ich das zusätzliche Geld. Ich war der Einzige mit Einkommen in einem Haushalt mit sechs Kindern, was ich mir einfach nicht leisten konnte. Ich bin um sechs Uhr morgens aus dem Haus, um nach London zu fahren, und habe dann von neun bis 18 Uhr gearbeitet. Dann bin ich nach Hause und habe mich Anrufen [im Zusammenhang mit Vinyl-Bestellungen] gewidmet, die habe ich also zwischen 20.30 Uhr und 22 Uhr getätigt. Ich kam nach Hause, habe etwas gegessen, geschlafen und bin um halb sechs wieder aufgestanden, um wieder nach London zu fahren und das Gleiche nochmal zu machen. An den Wochenenden war ich dann bei Plattenbörsen. Einmal bin ich auf dem Weg zurück auf der Autobahn eingeschlafen. Ich wurde davon wach, dass ich über die Markierung des Seitenstreifens fuhr. Einfach nur albern. Aber ich habe Vinyl nie als Last in meinem Leben angesehen, ich war einfach froh, dass ich es machen konnte. Es stiehlt mir nicht die Zeit, weil es genau so ein Teil von mir ist wie meine Hände.

Wie hat das dein Leben beeinflusst?
Es hat vielleicht die Leute um mich herum beeinflusst. Es ist eigensinnig, was ich mache, aber ich mache es aus selbstlosen Gründen. Ich bin anders als die fünf größten Sammler, die ich kenne, weil sie immer noch Single sind und keine Familien haben, was bei mir anders ist.

Welche Kompromisse bist du eingegangen, die diese Sammler nicht eingehen mussten?
Na ja, ich habe es zunächst nie geschafft, meine wertvollsten Sachen zu behalten. Ich hatte Original-Demos der Beatles, Acetat-Platten der Sex Pistols und andere Dinge, die tausende Pfund wert waren, aber weil ich mich immer auf schnellen Gewinn konzentrieren musste, musste ich sie verkaufen. Ich hatte sechs Kinder, also hatte ich seit ungefähr 1981 keine Wahl mehr, aber das hat mich davon abgehalten, in dieselbe Falle von Einsamkeit und Abhängigkeit zu geraten und meine Sammlung als einen Maßstab für meinen sozialen Stand auf dem Planeten Erde zu sehen, so wie andere Sammler.

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