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„Rap wird aussterben“—aber was ist mit Glam-Rock?

Gene Simmons, Gallionsfigur einer ausgestorbenen Musikrichtung, gönnt sich ein „episches“ Interview.

von Georg Bakunin
24 März 2016, 2:03pm

Gene Simmons ist nicht nur der Mann mit der längsten Zunge der Rock-Welt, sondern offenbar auch mit der größten Klappe. Und das will was heißen, immerhin gibt es dort so schmerzbefreite und von sich selbst überzeugte Figuren wie Kid Rock oder die Jungs von Steel Panther. Bereits 2014 giftete der KISS-Sänger in Richtung Run DMC und Grandmaster Flash, da derartige Künstler seiner Meinung nach die Aufnahme in die Rock'n'Roll-Hall of Fame nicht verdient hätten. Nicht etwa weil sie keine klassichen Rocker sind (auch andere Musikrichtungen finden hier ihren Platz), sondern weil es sich um „Hinterzimmer-Politik“ handele, murmelte er verschwörerisch. Genutzt hat das ganze Gemecker natürlich überhaupt nichts. Dabei hätte man es dann auch belassen können, die Welt wusste nun um Simmons' Meinung, dass Rapper „nur samplen und reden“.

Dennoch sah er sich nun in einem aktuellen Interview mit dem Rolling Stone bemüßigt, noch mal eine Schippe drauf zu packen. Auf seine Gefühle gegenüber der HipHop-Kultur angesprochen, konnte er sich gerade noch dazu durchringen, Rap als „okay“ zu betiteln. Aber nur um sofort nachzulegen: „Rap wird sterben. Nächstes Jahr, in zehn Jahren, irgendwann, und dann wird etwas Anderes kommen. Und all das ist gut und natürlich.“ Der alte Mann hat natürlich recht. Rap wird sterben. Und zwar gleich nach so kurzlebigen Phänomenen wie Techno und diesen neuen Kutschen, bei denen man die Pferde nicht mehr sieht. Aber was soll man erwarten von einem Mann, der in Lady Gaga die Hoffnung für die Rock-Welt sieht.


Es dauerte natürlich nicht lange, bis sich auch der ein oder andere Rapper einmischte. Selbstverständlich via Twitter, eines dieser Portale aus dem Internet, welches sicherlich auch bald sterben wird. Klar, niemand lässt sich Tweef entgehen, auf der nächsten Aftershowparty säuft man dann einfach trotzdem zusammen. „Wäre es unfair wenn ich sage dass ich mich auf den Tod von Gene Simmons freue oder nicht?“ fragte etwa Talib Kweli. Gene Simmons verwies anschließend darauf dass Musik eben zyklisch wäre, so wie alles andere. Philosophisch betrachtet ist das natürlich richtig, vielleicht wird es in 50 Millionen Jahren kein HipHop mehr geben und die Welt ist wieder eine einzige Einöde, voller Dinosaurier, gigantischer Flutwellen, Eiszeiten und Lava spuckender Vulkane. Und Gene Simmons.


Talib Kweli ließ aber nicht locker und schlug immer wieder in die gleiche Kerbe. Von „Keiner disst hier Rock. KISS ist kein Rock. Es ist Marketing“ über „Chuck Berry scheißt auf KISS“ bis zu „Ich finde es großartig, dass Gene Simmons Rap disst, um wenige Tage später ‚on fleek‘ zu tweeten“, sein Twitter-Grind durfte sich durchaus sehen lassen. Simmons' konnte leider nur mit einem befreundeten Musik-Manager aufwarten, der in die Bresche sprang und weinerlich fragte „wie man denn jemandem den Tod wünschen kann? Und was ist überhaupt mit der Meinungsfreiheit passiert?“ Mit der Meinungsfreiheit ist es wie immer. Sag was du willst. Und dann lebe mit den Reaktionen.

LOL this fuck boy Gene Simmons blocked me

Posted by R.A. The Rugged Man Official Page on Monday, March 21, 2016


Auch R.A the Rugged Man zeigt sich etwas angesäuert. „HipHop geht nirgendwo hin. Geh dein Gesicht anmalen, beiß einem Hühnchen den Kopf ab und setz dich weinend in die Ecke“ schrieb er in Richtung des vollgepinselten Glam-Rockers. Die teilweise mimosenhaften Reflexe der Rap-Welt sind zu genüge bekannt. Dass Gene Simmons wiederum R.A. nach dessen Tweet blockte, fällt wohl in die gleiche Kategorie. Aber dennoch stellt sich die Frage, wie jemand der Glam-Rock macht, davon sprechen kann, dass eine andere Sparte ausstirbt. Ich weiß, dass der ein oder andere Fan gern behauptet, bei KISS handelt es sich um Hardrock, aber das ist halt einfach nicht wahr. Und wenn ihr das nicht wahrhaben wollt, stellt euch einfach folgende Fragen: Gibt es irgendetwas, für das sich zukünftige Musik-Generationen mehr schämen werden als Katzengesichter, Glitzer-Umhänge, Plateau-Schuhe und nervtötendes Gekreische zu Gitarrensoli? Gibt es eine Musikbewegung die man weniger wiederbeleben möchte als Stadion-Rock mit Feuerwerk-Sprühregen aus Gitarrenhälsen? Falls ja, sagt Gene Simmons Bescheid, der freut sich sicherlich über etwas Aufmerksamkeit. Denn Glam-Rock ist definitiv tot.

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