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Die „Nazi-Band“ Satanic Warmaster will in Glasgow spielen und löst damit eine heftige Kontroverse aus

Die mutmaßliche NSBM-Band würde zum ersten Mal in Großbritannien spielen. Ist die ganze Aufregung eigentlich gerechtfertigt?
28.4.15

Wir schreiben das Jahr 2015 und mittlerweile spricht so viel dafür, kein Rassist zu sein, dass selbst die meisten ausgemachten Rassisten darauf bestehen, keine Rassisten zu sein. Eine Szene, die dieser Logik allerdings nicht folgt, ist der braune Sumpf des National Socialist Black Metal (NSBM). Wie der Name schon suggeriert, ist es nicht nur im NSBM akzeptiert, in Artwork und Bandlogo möglichst viele Hakenkreuze unterzubringen, seine Verehrung für die SS in Songs zu krächzen und ein schlechtgelaunter Nazi zu sein, nein, es ist gewissermaßen Grundvoraussetzung, um überhaupt zu der Szene dazu zu gehören. Es ist also kein Wunder, dass sich über und um NSBM-Bands oder solche, die ihnen nahe stehen, heftige Kontroverse entfachen—nicht zuletzt auch in der Black Metal -und Metal-Gemeinschaft.

Ein solcher Streit hat sich jetzt in den letzten Wochen in Glasgow abgespielt, nachdem ein lokaler Veranstalter bekannt gegeben hatte, dass in der Stadt der erste UK-Gig der kontroversen finnischen Black Metal-Band Satanic Warmaster stattfinden soll. Seit der Veröffentlichung des ersten Albums 2001 hat sich die Band in der Szene einen Kultstatus erspielt, aber mit ihren Verbindungen zu NSBM-Bands und fragwürdigen Songtexten, haben Satanic Warmaster auch nicht gerade wenig Zeit damit verbracht, jegliche Tendenz in Richtung, ja, du hast richtig geraten, Nazi-Ideologie abzustreiten.

Der Flyer für die Show

Letzte Woche waren die Organisatoren der restlos ausverkauften Glasgow-Show dann plötzlich wieder auf der Suche nach einem neuen Spielort, da das Audio, der Laden, in dem das Konzert ursprünglich stattfinden sollte, mit einem Verweis auf die „Ansichten der Band“ einen Rückzieher gemacht hatte. Dieser Schritt wurde im Internet mit Kommentaren wie „Gut gemacht, Audio!“ und „Die hassen also Juden und lieben das Dritte Reich .. schön …“ von vielen Menschen begrüßt. Den Promotern zufolge entschied sich das Audio aber erst zu diesem Schritt, nachdem der Veranstaltungsort und die Veranstalter „massiv unter Druck gesetzt“ und „extrem von anderen Gruppierungen angefeindet worden waren.“ Ein Fan erzählte mir, dass sie, nachdem sie bei der Facebook-Veranstaltung zugesagt hatte, von Antifaschisten, „mit beleidigenden Kommentaren, übers ganze Internet verteilt […] bedroht“ worden sei.

Wie schlimm sind Satanic Warmaster denn jetzt wirklich und ist die ganze Aufregung gerechtfertigt? Nun ja, Veröffentlichungen wie ihre Split-LPs mit eindeutigen NSBM-Bands wie Aryan Blood oder ihr Beitrag zu der Compilation Declaration Of Anti-Semitic Terror, die mit Nazibands vollgepackt ist, macht sie jetzt nicht wirklich zu Engeln. Darüberhinaus gab es durchaus auch Fälle, in denen die Bands selbst ihre ideologische Nähe zu rechtem Gedankengut bekundet und Texte wie, „torching the Jewish creation“, „the purest essence of the cult of our blood“ und „one state, one folk, one leader“ verfasst hat. Die letzten beiden Zitate stammen aus einem Song namens „My Dreams of 8“. Der Titel klingt vielleicht erst mal harmlos, was aber schnell hinfällig ist, wenn man bedenkt, dass die Zahl acht ein weit verbreiteter, rechter Code für Hitler ist—H ist der achte Buchstabe des Alphabets.

Ausschnitt ausLoputon Gehennan Liekki', einer Dokumentation über die finnische Black Metal-Szene. Der Satanic Warmaster Sänger kommt ab 04:03 zu Wort.

Sollten wir uns also Sorgen machen, dass eine Band mit Verbindungen zu eindeutigen Nazibands und mehr als grenzwertigen Texten zum ersten Mal nach Großbritannien kommt oder wird hier doch nur unser Recht auf freie Meinungsäußerung auf die Probe gestellt? Die Texte von Satanic Warmaster sind definitiv abstoßend, aber Black Metal ist jetzt keine Szene, die versucht, ein strahlend weißes Image zu bewahren. Seine Vertreter und Anhänger bedienen in der Regel so ziemlich jedes Klischee nihilistischer Metalheads, die Satan verehren, sich mit Corpse-Paint das Gesicht anmalen und deiner Oma einen Schrecken einjagen möchten. Die übertriebene Theatralik des Genres grenzt nicht selten an Selbstparodie, was viele Fans, die in der Regel über geballtes Fachwissen über eine ganze Reihe obskurer skandinavischer Künstler verfügen, aber nicht davon abhält, ihre Bands todernst zu nehmen.

Infolgedessen sind viele der Metaller viel angepisster über den Gegenwind, den das Booking von Satanic Warmaster heraufbeschworen hat, als diejenigen, die verhindern wollen, dass die Band überhaupt in Großbritannien spielt. In den sozialen Netzwerken tobt ein Krieg zwischen Gegnern und Hardcorefans, die behaupten, dass die Leute einfach nur die feinen Nuancen des Genres nicht verstehen würden und den Rückzieher des Clubs nun als Angriff auf das Recht der Meinungsfreiheit werten. „Audio Glasgow, ihr Faschisten-Schweine, akzeptiert andere wegen ihrer Ansichten nicht, betreibt selber keine Nachforschungen und habt bestimmt nicht die Band selber kontaktiert, um ein eindeutiges Statement zu bekommen“, heißt es in einem wütenden Kommentar auf Facebook.

„Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass die ganze Aufregung nur durch mangelnde Kenntnis entstanden ist“, sagte mir ein Fan. Anlässlich der momentanen Diskussion wollte sie anonym bleiben. Sie hatte sich ihr Ticket direkt an dem Morgen gekauft, als die Karten in den Vorverkauf gingen. Nach eigener Aussage freut sie sich schon sehr auf das Konzert: „Es ist schon aufregend, dass ihre erste Show in Großbritannien in Glasgow stattfinden soll. Es ist eine große Sache für die Black Metal-Szene und die Menschen kommen dafür aus allen Ecken nach Glasgow.“

Was jetzt genau mit der Show geschehen wird, steht in den Sternen. Die Promoter jedenfalls, Gigs in Glasgow, gaben sich ziemlich vage, als ich sie auf die Details zu ihrem weiteren Vorgehen ansprach. Ein Sprecher bestätigte jedoch, dass die Show weiterhin stattfinden wird. Es wird sich zeigen, welcher glückliche Club in Glasgow mutig genug sein wird, sich mit den entsprechenden Folgen rumzuschlagen. Die Promoter, die die Reaktionen auf die Show als „Wahnsinn“ bezeichneten, rechtfertigten das Booking von Satanic Warmaster damit, dass es „eine obskure Underground Black Metal-Band [sei], die in der Szene kultisch verehrt wird“ und bestanden außerdem darauf, dass es an der Band nichts Anrüchiges gäbe.

„Es wird dort keine Naziflaggen oder Hitlergrüße geben, genauso wenig wird es Skinheads geben, die Leute verprügeln wollen. Es wird nur Black Metal-Fans geben, die sich einen gutes Konzert versprechen und von denen auch einige fünf bis zehn Jahre lang darauf gewartet haben, die Band live sehen zu können“, sagten sie. Die Veranstalter beschwerten sich auch darüber, dass der Club nun einen Rückzieher gemacht hatte, zumal dort im letzten Jahr schon Veranstaltungen mit anderen umstrittenen Bands wie Gorgoroth und Marduk stattgefunden hätten. Offensichtlich in einem Versuch, Satanic Warmasters Verfehlungen zu entschuldigen, haben die Promoter auf Facebook nun angefangen, andere Black Metal-Bands und die ihnen vorgeworfenen Verbrechen aufzulisten. Darunter auch Burzum—der Gründer und das alleinige Bandmitglied, Varg Vikernes, saß wegen Kirchenbrandstiftung und Mord 16 Jahre im Gefängnis und wurde letztes Jahr erst wieder wegen Aufwiegelung zum Rassenhass in Frankreich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Ich persönlich bin jedenfalls nicht wirklich davon überzeugt, dass dieses „Seht doch her, alle machen das!“-Argument wirklich irgendetwas beweist, geschweige denn in diesem Fall helfen wird.

Satanic Warmaster reagierten in der Vergangenheit ziemlich angepisst, wenn mal wieder einer ihrer Auftritte abgesagt wurde. Auch in diesem Fall haben sie sich im Internet in die Diskussion mit eingemischt. Nach der Absage eines Konzerts in Holland letztes Jahr, veröffentlichte die Band ein verärgertes Statement, in dem sie die „korrupten und feigen“ Antifas für eine Schmierenkampagne verantwortlich machten. Außerdem hieß es dort, dass sie sich „nicht dafür entschuldigen werden, eine Black Metal-Band zu sein“—nicht, dass sie irgendwann mal von irgendjemandem darum gebeten worden wären.

Um ihre Argumente weiter zu untermauern wurde auch noch von der Band ein Balkendiagramm auf ihrer Webseite veröffentlicht, auf dem die lyrischen Themen der letzten 15 Jahre Bandgeschichte aufgelistet sind. Aus unerfindlichen Gründen schafften es die Kategorien „Drittes Reich“ oder „Antisemitismus“ nicht auf die Grafik—trotz der Songtexte, die ich weiter oben zitiert habe, und einiger Interviewaussagen. Vielleicht beachtet das Diagramm nur wortwörtliche Erwähnungen, vielleicht ist es aber auch schlicht und einfach nicht wahr. Wie auch immer, es hat nicht gerade viel dazu beigetragen, die NSBM-Anschuldigen um die Band verstummen zu lassen. Ich muss zwar sagen, dass ich niemals ein Balkendiagramm veröffentlichen musste, um zu beweisen, dass ich kein Nazi bin, aber andererseits, habe ich auch noch nie irgendwelche Songs über Hitler geschrieben.

Bild via Facebook

Gigs in Glasgow haben zwar zugegeben, dass im kreativen Output von Satanic Warmaster auch einige weniger rühmliche Kapitel vorhanden sind: „Ich finde die meisten Anschuldigungen total verrückt und bizarr, auch wenn ich selber nie bestritten habe, dass es dort auch ein paar fragwürdige Sachen gibt. Allerdings ist Black Metal an sich schon eine fragwürdige Angelegenheit—schließlich basiert das ganze Genre auf Kontroversen.“

Das ist dann auch die Crux an der ganzen Sache: Black Metal suhlt sich in seinem Außenseiter-Image, komplett mit anstößigen Lyrics und einer Besessenheit davon, jegliche Grenzen des guten Geschmacks und gegenseitigen Respekts zu überschreiten. Da, wo dann doch mal eine Grenze gezogen wird, was noch und was nicht mehr akzeptabel ist, wird es kompliziert. Diese Grauzone des Black Metal gehört dann auch zu den am heftigsten umkämpften Gebieten der ganzen Metalszene.

Die meisten Fans der Band werden wahrscheinlich nicht irgendwelchem rechten Gedankengut anhängen und, insofern man den Aussagen irgendwie trauen kann, versucht auch die Band nicht mehr wirklich mit billigen Schockeffekten durch vermeintliches Nazitum schnelles Geld zu machen. Vielleicht sollte man auch selber erst einen Moment inne halten, bevor man die lyrischen Ergüsse von jemandem, der sich selbst Satanic Tyrant Werewolf nennt, ernster nimmt, als sie es verdient haben. Tatsache ist aber, dass bloße Provokation für eine Band, die sich—wenn auch nur indirekt—mit der recht spezifischen Richtung des NSBM einlässt, wie Satanic Warmaster das getan haben, mehr als ein künstlerisches Stilmittel ist: Dann tragen sie zu dieser Neovölkischen Bewegung bei, die Nazi-Ideologien, Überlegenheit der weißen Rasse, Homophobie, Antisemitismus und all die anderen Dinge propagiert. Das ist alles andere als cool—vor allem nicht in Glasgow. Braucht man sich also groß zu wundern, dass die Menschen in einer Stadt, die gerade erst eine Pegida-Demo vereitelt hat, keine große Lust auf irgendwelche Experimente mit Hassreden oder Volksverhetzung haben?

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