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Wer braucht Vinyl, wenn du Musik auf alte Röntgenbilder pressen kannst?

Sowjetische Teenager in den 1950ern hörten Musik auf Platten aus weggeworfenen Röntgenbildern.
26.8.14

Diese Tage ist es leichter denn je, neue Musik zu entdecken. Alles, was du dafür brauchst, ist Google. Bevor allerdings jede Diskographie dieser Welt binnen weniger Minuten kabellos an so gut wie jedem Ort auf dieser Erde runtergeladen werden konnte, reisten Vinyljäger stundenlang durch den Schnee, um Lootpack Vinyls abzugreifen, kampierten Rocker außerhalb von Plattenläden und nahmen Technoheads Notizblöcke mit in die Clubs, Shazam gab es nämlich noch nicht.

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Die oben genannten Beispiele—umständliche und harte Arbeit, um an etwas Musik zu kommen—erscheinen einem heutzutage vielleicht etwas irrsinnig, aber damals, als in der Sowjetunion noch alles Westliche—inklusive Popmusik—verboten war, griffen Teenager auf ausgemusterte Röntgenbilder zurück, um die Musik hören zu können, die sie hören wollten. Sie durchsuchten die Mülltonnen von Krankenhäusern nach weggeworfenen Scans, schnitten sie mit Nagelscheren zu einem kreisähnlichen Gebilde und brannten mithilfe von Zigaretten ein Loch in die Mitte.

Um mehr darüber zu erfahren, unterhielt ich mich mit Ted Riederer, einem professionellem Record-Cutter, der eine moderne Version der Röntgenbildplatte für Forest Swords Ground Rhythms verwendet hatte.

Noisey: Wann hast du zum ersten Mal von dieser Technik gehört?
Ted: Ich hörte davon in Bezug auf die Beatles und darüber, wie sich ihre Musik in der sowjetischen Underground Rock’n’Roll Szene verbreiten konnte.

Wie kann eine Röntgenaufnahme überhaupt abspielbar sein?
Mithilfe eines Wachszylinders kannst du Rillen in ein Röntgenbild schneiden. Mit einem Mikroskop betrachtet siehst du in den Rillen einer Schalplatte die physische Abbildung von Klang. Die Sowjets verwendeten wahrscheinlich eine Referenzmaschine für Dubplates, mit der man Testpressungen einer Platte erstellt. Dazu kommt natürlich die romantische Vorstellung von etwas, das ein vergängliches Bild des menschlichen Körpers darstellt. Das Konzept ist so schön, dass es nur Sinn macht, daraus eine Schallplatte zu machen.

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Was ist mit dem Verfall der Röntgenaufnahmen selber. Nutzen sie sich nicht sehr schnell ab?
Platten, die von einem Dubplate-Cutter produziert worden sind, sind nicht für den längeren Gebrauch gedacht. Sie werden von den Schallplattenfabriken als Templates verwendet. Eine Röntgenaufnahme ist ebenfalls etwas, das du nur für ein paar Arztbesuche verwendest und dann wegwirfst.

Ich denke, das ist dann auch die Idee hinter der Musik selber: Sie ist nicht für die Ewigkeit gedacht.
Ja, ich schätze, dass dies genau das ist, was sie wollten.

War die Qualität ziemlich Lo-Fi?
Ja, sie hatten nicht das beste Equipment zur Verfügung. Wahrscheinlich spielten diese Teenager sie hunderte Male ab und fanden es super, wie beschissen sie klangen, da es sowieso nichts ausmachte. Die Tatsache, dass sie auf Röntgenbildern waren, machte die Sache umso spannender.

Was war dein Anreiz?
Andrew Ellis a.k.a. Samizdat kam wegen der Forest Swords-Platte auf mich zu. Ich dachte, es wäre eine einfache Sache, weil du sogar Sachen in die Rückseite einer CD oder allem anderen schneiden kannst, was weich genug ist, um von einer Nadel bearbeitet zu werden. Die Röntgenbilder, mit denen er ankam, waren aber extrem dünn. Ich glaube, sie haben sich seit den 50er und 60er Jahren sehr geändert und sind nicht mehr auf Langlebigkeit ausgelegt. Zu meinem Ärger machte ich bei meinem ersten Versuch eine 200 Dollar Nadel kaputt. Ich konnte weder Öl noch Wärme verwenden, da dies die Erscheinung des Röntgenbildes beeinflusst hätte, also musste ich mich trocken ans Werk machen. Ohne Schmiermittel, wie man so schön sagt.

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War es letztendlich ein Erfolg?
Es hörte sich komisch an und für die Standards eines Platten-Cutter-Meisters war es einfach grauenvoll, aber für Forest Swords beleuchtete es einen transzendentalen Schaffensprozess und als solcher klingt die Sache beeindruckend. Ich und ein paar Freunde wollen diese Technik noch einmal für unser eigenes Stoner Rock Drone-Projekt verwenden.

Was steht als Nächstes an?
Ich kann in eine Platte eine geschlossene Rille schneiden, wodurch dann eine bestimmte Stelle in einem niemals endenden Loop hängt. In der Regel wird das dafür verwendet, damit der Tonarm nicht in die Mitte kommt, aber ich hatte mir überlegt, etwas anderes damit anzustellen. Ich habe Bing Crosby in diesem einen Song dazu gebracht, für immer „Only Forever“ zu singen.

Das kling toll, Danke Ted!

Folgt Dan bei Twitter—@KeenDang

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