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Wie es ist, in einer Coverband zu spielen

Es ist eine unglamouröse, aber halbwegs profitable Welt.

von Jonathan Diener
27 Mai 2014, 9:30am


Foto: Katrin Ingwersen.

„Spielt ihr auch eigene Songs?“ Würde ich jedes Mal, wenn ich diesen Satz höre, zehn Cent bekommen, dann wäre ich jetzt schon Millionär.

Früher haben mir andauernd Fremde von ihren Verwandten, die in Coverbands spielen, erzählt und es schien, als hätten diese Leute den Eindruck gewonnen, dass es unmöglich ist, eigene Musik zu schreiben. Da ich die letzten zehn Jahre in einer tourenden Band verbracht habe, konnte ich diese Auffassung nie verstehen. Es war dieselbe Erkenntnis, die ich hatte, als ich—nachdem ich lange dachte, dass es niemanden gibt, der ernsthaft Radio-Rock und Nu-Metal hört—realisieren musste, dass diese Leute außerhalb meiner Szene die Mehrheit darstellen. Warum ist diese Realität der Musikwelt so weit von meiner eigenen entfernt? Wenn ich es richtig einschätze, verdienen Coverbands in der Regel mehr Geld als Bands mit eigenen Songs; und das dafür, dass sie jedes Wochenende in der gleichen Stadt spielen und nicht den Stress haben, auf Tour zu gehen oder eigene Sachen zu schreiben, die anderen Leuten gefallen. Hatten diese Leute ursprünglich mal größere Ambitionen oder machen sie das nur fürs schnelle Geld? Lasst uns in das Leben einer Coverband blicken.

Warum verdienen Coverbands mehr Geld als die durchschnittliche lokale Band? Ein Wort: Alkohol. Du wirst wahrscheinlich keine Coverband finden, die irgendwo spielt, wo es keine Bar gibt. Die durchschnittliche Kneipenwoche hat ein paar Tage, an denen es gut läuft oder an denen es Getränkespecials gibt, aber an den restlichen Tagen sind sie meistens ziemlich tot. Eine sichere Bank, um ein paar mehr Leute in die Bar zu locken, ohne sich schlimmen Karaoke-Gesang anhören zu müssen, ist, eine Coverband zu engagieren. Egal, ob ein örtlicher Barbesitzer oder eine große Firmenkette, diese Leute sind gewillt, gutes Geld für Musik auszugeben, die die Leute unterhält, ihnen Laune macht und sie dazu bewegt (möglichst viel) zu trinken. Dabei kannst du alles von Led Zeppelin bis Pop-Country erwarten. Wenn die Band eine Fanbase entwickelt, dann ist fast garantiert, dass die Kneipe an den Abenden, an denen sie dort spielt, ordentlich Umsatz macht. Laut den Berichten meiner Freunde, die das in den letzten Jahren gemacht haben, kann eine gute Coverband bis zu 500 Euro an einem Abend erwarten. Wenn du dich gut machst und das richtig große Geld verdienen willst, dann schaffst du es vielleicht in den Kreis der Hochzeitsbands. Bei solchen Veranstaltungen werden große Summen für Bands ausgegeben und wenn du professionell genug bist, dann schaffst du es, wöchentlich aufzutreten. Der Ertrag ist, dass du gut dafür bezahlt wirst und du Musik spielen kannst, ohne welche davon geschrieben zu haben.

AC/Dshe

Ich konnte die merkwürdige Coverband-Atmosphäre letztendlich selbst erleben, als meine Freunde und ich eine 90er-Coverband mit dem Namen Salute Your Shorts gegründet haben. Wir alle mochten die Radiosongs dieser Zeit und sind alle dazu aufgewachsen, also haben wir uns gedacht, es wäre einfach, das zu spielen, was wir schon kennen. Wir haben uns ein 45-minütiges Set draufgeschafft und waren so in der Lage, ein paar wirklich bizarre Konzerte zu spielen, die von einer Privatparty einer Steuerberaterfirma bis zu einem Slot um 11 Uhr mittags am St. Patricks Day vor 20 Leuten reichten. Wenn wir in unserem gewohnten Umfeld gespielt haben, einem Punkrock-Laden, haben wir unsere Sache gut gemacht. Wenn wir in einem dieser typischen Kneipenumfelder gespielt haben, hat uns das ein bisschen überfordert. Die Hälfte der Mitglieder unserer Coverband war in einer Band, die internationale Touren spielten und die andere Hälfte in Bands, die zumindest regional bekannt waren. Als wir unser Equipment in einem italienischen Restaurant für die Party der Steuerberaterfirma der Frau meines Bruders aufgebaut haben und ich einmal auf die Snaredrum schlug, hat sich der Raum voll alter Leute sofort geleert. Wir haben zwei oder drei Sets für eine Handvoll Leute gespielt und haben trotzdem 400 Euro eingesackt. Als wir am St. Patricks Day um 11 Uhr mittags in der Bar gespielt haben, haben wir vor ein paar Freunden, die nicht arbeiten mussten, gespielt, sowie ungefähr 15 anderen Leuten, die an der Bar saßen und uns nicht anschauten. Die einzige Methode, das durchzustehen, war, uns zu sagen, dass wir am Ende gut bezahlt werden würden. Natürlich ist das einfach verdientes Geld, aber wenn du von der „eigene Songs spielen“-Seite der Dinge kommst, dann spielt Moral eine große Rolle.

Gibt es Geschichten von Leuten, die mit Coverbands größere Karriere gemacht haben? Oh ja, die gibt es. Bei Rick K and the Allnighters ist der berüchtigte „Drummer At The Wrong Gig“ dabei. Diese Leute spielen 150 bis 200 Shows im Jahr und werden gut bezahlt. Sind das Rockstars, die in großen Arenen spielen? Nein, aber sie haben ein gutes und regelmäßiges Einkommen, nur durchs Musikspielen. Manchmal können seltsame Zufälle passieren, wie zum Beispiel, dass Journey ihren neuen Sänger aus einer Coverband rekrutieren, ähnlich wie im Film Rock Star. Wenn du gut genug darin bist, den Sound oder Style von jemand anderem nachzuahmen, dann besteht immer die Chance, dass du in deiner Lieblingsband landest. Und wo wir schon bei Steel Dragon sind: eine Band, die in L.A. mit Coversongs angefangen hat, ist Steel Panther. Sie sind regelmäßig und fest im Key Club aufgetreten und haben 80er-Jahre Hairmetal-Hits gespielt und als sie bekannter wurden, sind sie für den Club zu einer großen Attraktion geworden. Berühmte Leute sind dort aufgekreuzt und wurden auf die Bühne gebeten, um mitzumachen, und die ganze Sache wurde zu etwas Besonderem. Mittlerweile schreiben sie eigene Songs und touren auf der ganzen Welt.


The Molly Ringwalds

Man muss das Ganze aber etwas realistischer sehen. Wie jede andere Band, die versucht erfolgreich zu sein, haben es Coverbands nicht leicht. Wenn man es genau betrachtet, dann spielen sie jeden Samstag in einer Kneipe, von der sie nicht einmal wissen, dass sie existiert, und hoffen, dass sie ein paar Freigetränke bekommen, jeder aus der Band am Ende mit 100 Euro nach Hause gehen kann und ihnen die zwei Portionen Fingerfood nicht von der Gage abgezogen werden. Manchmal gibt es wirklich coole Bands, die herausstechen und coole Gimmicks haben, die einen kompletten Raum zum Explodieren bringen können. Andere Male findet man eine schlecht beleuchtete Kneipe, in der sich fünf Leute unterhalten, während eine Band bei „Stairway To Heaven“ alles gibt, in der Hoffnung, dass sie wahrgenommen werden. Durch das Spielen von Coversongs ist dir aber eigentlich sofortige Befriedigung gewiss, denn technisch gesehen sind all deine Songs Hits. Das ist der Grund, warum du nie Punk- oder Hardcoreband siehst, die wöchentlich in Sportsbars spielen. Die Leute wollen nur das, was sich bewährt hat und läuft, und es ist um einiges billiger, wenn man andere Leute dazu bringt, es für sie zu spielen.

Mein Mitbewohner Eric, der seine Coverband letztendlich verlassen hat, hat es so ausgedrückt: „Ein Gig ist, wenn du für Geld spielst und eine Show ist, wenn du spielst, weil du es willst.“ Das ergibt wirklich Sinn. Ich habe mich letztendlich auch wieder davon verabschiedet, weil ich wusste, dass ich nicht regelmäßig die Musik anderer Leute spielen kann und obwohl ich mir ein ironisches „Gig Life“-Tattoo habe machen lassen, bin ich nicht dafür gemacht, dauerhaft solche Gigs zu spielen. Wenn du Musik spielst, die du selbst geschrieben hast, dann sind die Tiefen tief, aber die Höhen sind auch verdammt hoch. Ich hatte die Möglichkeit, durch die Welt zu reisen und Musik zu spielen und obwohl dabei finanziell nicht viel herausgesprungen ist, habe ich ein paar tolle Geschichten. So bin ich halt. Auf dem Papier ist es viel sicherer und schlauer, sich einer Coverband anzuschließen. Du musst die Musik nicht selbst schreiben, du kannst mit verschiedenen Stilen herumexperimentieren und dich selbst als Musiker verbessern und am Ende wirst du noch für das bezahlt, was du gerne machst. Wenn mir also zwangsläufig wieder die Frage gestellt wird, werde ich einfach nur antworten: „Ja, Fremder. Ich spiele eigene Songs.“

Jonathan Diener ist nicht nur Schlagzeuger bei Salute Your Shorts, sondern auch bei seiner „echten Band“ The Swellers. Folgt ihm bei Twitter: @jonodiener

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