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Thump

Ist das Synthesizer-Comeback ein musikalischer Rückschritt?

Roland 808, Korg MS-20 und Moog System 55 sind zurück in den Läden, aber brauchen wir sie wirklich?
10.2.15

Die neue Roland AIRA TR-8 und die alte Roland TR-808 nebeneinander.

Die neue Roland AIRA TR-8 und die alte Roland TR-808 nebeneinander.

Für alle Analogbesessenen da draußen, die seit Jahren auf diesen Moment warten, stellt die Nachricht allerdings eine herbe Enttäuschung dar. Fast alle der eben aufgezählten Produkte reproduzieren lediglich digital den Sound der Originale. Mit anderen Worten: Es sind komplett andere Geräte. Da viele Komponenten durch Chips ersetzt wurden, fürchten Puristen, dass die neuen Modelle den einzigartigen Charme der alten Geräte nicht reproduzieren können.

Aber das Comeback hat auch seine guten Seiten: Mit den neuen Geräten hat eine komplett neue Generation von Producern die Chance, Instrumente in die Hand zu bekommen, zu denen, bis auf einige wenige Privilegierte, niemand Zugang hatte. So beeindruckend es auch ist, Großmeister wie Jeff Mills einen 909er bedienen zu sehen, man kann sich schon fragen, was wohl eine jüngere Generation an Producern ohne die Last der Dance-Geschichte mit dieser Technologie erreichen kann. Vielleicht werden diese Geräte ja doch noch zu einer treibenden Kraft in der Welt der elektronischen Musik, sobald sie das Imitat-Stigma überwunden haben.

Manche fragen sich vielleicht, ob Roland oder Korg ihre Ressourcen stattdessen nicht lieber dafür hätten verwenden sollen, neue Instrumente zu entwickeln. Jason Amm, Produzent der Synthesizer-Dokumentation I Dream of Wires, erzählt mir: "Die großen Firmen haben lange Zeit die langweiligsten und uninspiriertesten Instrumente herausgebracht“. Zu dieser Stagnation hat auch der Aufstieg von Production-Software beigetragen, die den Producern dutzende virtueller Synthesizer in einem einzigen Paket bietet. Außerdem wurde der Fokus auch auf verschiedene Hardware wie MPCs (Music Production Controls) gerichtet, die für die Studioausstattung essentiell geworden sind. Es bleibt abzuwarten, ob ein wenig frische Farbe auf einem bekannten Namen den Mangel an wirklicher Innovation bei Synthesizern überdecken kann.

Um die Magie der Vergangenheit zurückzuerlangen, müssen wir vielleicht noch weiter zurückschauen als bis zu den 909ern und MS-20ern: auf die ersten Synthesizer. Letzte Woche hat Moog bekanntgegeben, dass sie eine limitierte Auflage von drei ihrer bekanntesten Modular-Synthesizer veröffentlichen: dem System 55, dem System 35 und dem Model 15. Anders als die Roland- und Korg-Reissues werden hier echte Repliken gebaut, die entsprechen teuer sein werden. In den 70ern haben Giorgio Moroder, Brian Eno und Tangerine Dream diese Synthesizer-Türme genutzt, um ihre Meisterwerke zu komponieren. Moog hat bereits Mitte der 80er aufgehört, Modular-Synthesizer zu bauen, da der kleinere und günstigere Minimoog sie in Sachen Popularität überholt hatte. Und bis in die 90er hinein waren sie fast alle verschwunden.

Moroder mit einem Moog in seinem Studio.

Aus Sicht eines Laien erscheinen diese exzentrischen Kisten wie Artefakte aus einer Zukunft, wie man sie sich in den 70ern vorgestelt hatte—gleichzeitig anachronistisch und modern. Beeindruckende hölzerne Kisten sind übersät mit Eingängen, unglaublich kompliziert aussehenden Schaltungen und Unmengen von Kabeln: Diese Maschinen sahen aus, als könnten sie alles. Sie haben elektronische Musik zu einer Wissenschaft gemacht und ihre Besitzer wie Techniker und Musiker gleichermaßen aussehen lassen. Sie haben die Rolle des Produzenten als verrücktes Genie romantisiert, das einer letztlich unbekannten Frankenstein-artigen Schöpfung Leben einhaucht.

Was bieten Modular-Synthesizer jedoch in einer Zeit, in der Software die Produktion von Musik komplett digitalisiert hat? "Ich denke, Produzenten sind mittlerweile ziemlich gelangweilt davon, mit Computern zu arbeiten. Sie verbringen eine Menge Zeit damit Computersoftware zu bedienen macht und haben einfach das Gefühl, dass etwas fehlt“, sagt Amm, der unter dem Namen Solvent auch Musik produziert. Modular-Synthesizer sind vielleicht nicht nur eine Reaktion auf die digitale Langeweile oder eine nostalgische Modeerscheinung, sondern tatsächlich die Zukunft der Hardware. Im Gegensatz zu Software-Synths ist es mit Modular-Synthesizern möglich, Klänge aus dem Nichts zu erschaffen und sie auf jede erdenkliche Weise zu manipulieren. Mit anderen Worten: ihr Potential ist praktisch unendlich.

Zahlreiche Produzenten haben den Modular-Synthesizer wiederentdeckt. "Du wirst nie einen Synthesizer kaufen, der genauso klingt wie der andere, weil du bei diesen Geräten endlos variieren kannst“, erzählt Blawan unseren Kollegen von Resident Advisor. Er ist die eine Hälfte von Karenn und zusammen mit dem Hessle Audio-Produzenten Pariah als andere Hälfte spielt er komplett improvisierte Hardware-Sets aus wütendem Techno—mit einem Setup, das Modular-Synthesizer wie den 909 beinhaltet. Und sie sind nicht die Einzigen: Legowelt, Patricia, der Hemlock-Boss Untold, Simian Mobile Disco und Luke Abbott haben alle zuletzt mit Modular-Synthesizern experimentiert.

Teil des Problems ist allerdings, dass sie zu einer Obsession werden können, da die Verlockung, die einzelnen Module zu erweitern und anzupassen, die Musik in den Hintergrund drängen kann. "Es kann süchtig machen… das ist schlimmer als Crack“, warnt der Gründer von Border Community Records James Holden im Attack Magazine. Sind Synthies also nur was für Nerds? "Jeder, der sich für Modularsynthesizer interessiert, ist ein obsessiver Typ“, sagt Amm, "aber es sitzen nicht nur irgendwelche Bastler dahinter, es gibt gerade definitiv einen Platz dafür in der Welt der populären Musik, was du in den 80ern nicht behaupten konntest.“

Karenns Live-Setup

Nachdem Software die Musikproduktion in den 90ern demokratisiert hat, erscheint die Rückkehr der klassischen Hardware wie ein Rückschritt. Teure Kopien von Synthesizern wie dem Moog und dem ARP Odyssey sind nur für sehr gut verdienende Produzenten erschwinglich. Außerdem sind die Neuauflagen von zeitlosen Geräten wie dem 909 unbefriedigend für Fetischisten und scheinen enttäuschend rückwärtsgewandt bei ihren Updates. Für Leute, die nicht mehrere Tausender für neues altes Equipment ausgeben können, scheinen Modular-Synthesizer ein Kompromiss zwischen Vergangenheit und Zukunft zu sein. Statt die Welle der Nostalgie nach Vintage-Klängen zu reiten, eröffnen die modularen Synthesizer neue, sonderbare Welten für die Klangforschung. Vielleicht ist es möglich, einer alten Maschine neue Tricks beizubringen.

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