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Was dein Lieblingsalbum 2014 über dich aussagt

Du darfst dir selbst aussuchen, welches Album du dieses Jahr am besten fandest. Und wir dürfen dir erzählen, was das über dich aussagt.

von Viola Funk
19 Dezember 2014, 8:50am

Am Ende des Jahres versuchen alle Musikmagazine und Freunde dir zu erklären, was das beste Album des Jahres war und warum. Da wir in einer Demokratie leben, kannst du selbst entscheiden, welches Album du dieses Jahr am liebsten gehört hast. Und da in einer Demokratie Meinungsfreiheit herrscht, können wir dir sagen, was es über dich aussagt, welches Album du auf den Thron 2014 gesetzt hast.

Aphex Twin—Syro

Mitte 30, männlich, wahrscheinlich DJ, Indie-Vergangenheit, große Vinylsammlung, bezeichnest dich selbst als Musiknerd und stehst kurz vor einer Midlifecrisis, weswegen du ganz dringend einen Strohhalm brauchtest, der dir nicht nur die Romantik und Brillanz von Musik vor Augen führt, sondern dir zudem das perfekte Bild deines musikalischen Helden von früher bewahrt, damit dein Lebenssinn in diesen schweren Jahren nicht völlig in sich zusammenfällt. Zu deinem Glück hat Aphex Twin ein solides Album abgeliefert, das die Position 1 zwar rechtfertigen kann, aber nicht wirklich verdient. Tief im Inneren weißt auch du, dass es etwas übertrieben ist, der jüngeren Generation etwas von ,Meisterwerk’, ,Innovation’ oder ,Brillanz’ vorzugaukeln, aber würdest du das zugeben, wäre das Tor zur Midlifecrisis endgültig geöffnet und wer weiß, wann es wieder zugeht. Und wehe jemand bezeichnet Aphex Twin als Hype, diesen schönen Begriff, den du so gern abwertend gegenüber jungen Künstlern benutzt.

Azealia Banks—Broke with Expensive Taste

Du grenzt dich gern von anderen Leuten ab und hast schon vor drei Jahren am allerlautesten „Team Azealia“ gerufen, als es darum ging, sich für ein Lager zu entscheiden. Da du gehässig gelacht hast, als Angel Haze und Iggy Azalea ihre Alben veröffentlichten und diese in der allgemeinen Auffassung nicht als besonders herausragend empfunden wurden, musst du jetzt schon allein aus reiner Not dieses Album nehmen. Dein Glück ist, dass es tatsächlich gut ist und es gerade erst als Überraschungsalbum erschienen ist, so dass sich noch keiner traut es als langweilig abzustempeln. Zudem bist du wahrscheinlich einer der wenigen mit diesem Lieblingsalbum, da alle anderen sich schon Ende Oktober für ihr Album 2014 entschieden haben.

Arca—Xen

Du bist der Meinung, dass du einen unglaublich elaborierten Musikgeschmack hast und da es eines der wenigen Dinge ist, die du kannst—Musikgeschmack—reitest du darauf auch gerne rum. Durch den Mangel an Freunden und sonstigen Talenten hast du zudem unglaublich viel Zeit, weswegen du dich mit so einem komplexen Konstrukt an Visuals und Beats auch lange Zeit auseinandersetzen kannst, bis zu dem Punkt, an dem du anfängst, es zu lieben und ins Herz zu schließen. Deswegen reagierst du auch geradezu beleidigt, wenn jemand Xen nicht gut findet und wirfst „dem Unwissenden“ eine Schar herablassender Blicke zu, damit er sich auch in Grund und Boden schämen kann, weil er Sonntagnachmittag mit seinen Freunden abhängt, anstatt alleine in seinem Musiksessel Arca zu würdigen. Get a life!

Banks—Godess

Erzähl mir doch nichts, du hast das Album nicht mal gehört. Die Pressefotos, Musikvideos und dieser eine Auftritt, an den du und dein Geschlechtsorgan sich nur noch schleierhaft erinnern können, haben gereicht und sind der Grund dafür, dass du dein Gehirn (und somit deinen Geschmacksinn) immer ausschaltest, sobald du die ersten Töne ihrer Stimme hörst. Sei froh!

Bushido—Sonny Black

Du hast dich schon vor der letzten Woche auf dein Lieblingsalbum des Jahres verständigt und ärgerst dich jetzt, dass du allen deinen Freunden davon erzählt hast. Klar hast du früher bei Sarah & Marc in Love öfter mal darüber nachgedacht, die ganze Familie wegzuklatschen, aber keinen Gedanken davon hast du natürlich ernst gemeint. Und überhaupt bist du auch der Meinung, dass dieses ganze Mafiading und die Gangsta-Attitüde nur zum Rapgame gehört. Ernst meinen tut das ja niemand. Vielleicht solltest du, solange es noch geht, zum Babo wechseln, dann bist du immerhin im Common Sense.

Caribou—Our Love

Du hast dich erst kürzlich verliebt, eine Gehaltserhöhung bekommen oder endlich einen Schlüsselanhänger für deinen Lieblingsclub bekommen und schwebst auf Wolke 7. Das ist wirklich schön. Das ist aber auch die Ursache dafür, dass du dir das neue Album von Hit-Genie Caribou auch nur ein bis zweimal anhören konntest und deswegen gar nicht merken konntest, dass es zwar gut ist, aber irgendwie auch nicht ganz den (viel zu) hohen Erwartungen gerecht werden konnte und außerdem darauf ein schreckliches Flöten-Solo passiert. Aber im Endeffekt ist das auch egal, denn offensichtlich war Caribou bei der Albumaufnahme genause blind verliebt wie du, weswegen ihm die Erwartungshaltung so egal, wie ihm der Flötenmann aus der Fußgängerzone ans Herz gewachsen ist. Ihr habt euch gefunden und Our Love ist dein Album des Jahres.

Chet Faker—Built On Glass

Wenn Chet Fakers Debütalbum dein Lieblingsalbum ist, dann wurdest du wahrscheinlich besonders durch Folgendes in Mitleidenschaft gezogen: den Mitläufer-Effekt. Denn zum Einen wurde dir monate- und jahrelang dieser Vollbart von allen möglichen Männern in deinem Umfeld vor die Nase gehalten, bis du endlich an den Punkt gekommen bist, an dem du diese Gesichtsbehaarung auch attraktiv fandest. Zum anderen haben sich im Laufe des letzten Jahres reihenweise erst alle Frauen und dann alle Typen aus deinem Freundeskreis in den bärtigen Australier verliebt und dich mit ihrer Euphorie irgendwie angesteckt. Und da es dich genauso wenig wie deine vollbärtigen Freunde, die plötzlich reihenweise Frauen abschleppen, interessiert, ob du ein Mitläufer bist oder nicht, ist Built On Glass jetzt dein Lieblingsalbum 2014.

Dean Blunt—Black Metal

Du hast letztes Jahr aus Versehen Dean Blunts Vorgängeralbum Redeemer verpasst, das nun mal ein Meisterwerk war und jetzt möchtest du diesen Faux-Pas wieder gutmachen, indem du Black Metal zu deinem Lieblingsalbum kürst. Leider ist der Nachfolger von Redeemer nicht ganz so gut wie das vorige, das wohl in irgendeiner obskuren Weise ein Statement sein soll, was nicht heißt, dass das Album nicht besser ist als die meisten anderen aus diesem Jahr. Trotzdem macht es deinen Fehler aus dem letzten Jahr nicht wett, sorry.

Dr. Dre—Detox

Nein, es ist immer noch nicht passiert. Leg dich wieder schlafen und träum weiter.

FKA Twigs—LP1

Du hast deinen 32. Geburtstag bereits mehrere Male gefeiert, aber dank deines Jobs interessiert das nur wenige: Du bist Berufsjugendlicher und somit irgendwie dazu verpflichtet, dich mit neumodischen Trends auseinanderzusetzen und neue Künstler zu hören. FKA Twigs ist so arty, anders und neu, dass die LP1 schon dein Album des Jahres war, bevor es überhaupt veröffentlicht wurde. Du hast keine Ahnung von R'n'B, weil du in den 90ern defintiv nicht TLC gehört hast, aber du weißt aus dem Guardian-Artikel, dass FKA die Zukunft des R'n'B ist. Dabei fällt nicht mehr groß ins Gewicht, dass die Erwartungen letztlich sehr viel höher waren als das Ergebnis.

Flying Lotus—You're Dead

Nicht nur beeindruckt dich Flying Lotus Bio- und Diskografie, du hast außerdem noch nie Sun Ra gehört und lässt dich deswegen sehr von den instrumentalen Jazz-Freakouts und Instrumental-Tracks auf You’re Dead beeindrucken. Auf die Weise hast du HipHop noch nie gehört und dass Kendrick Lamar, den du lieber als Künstler deines Lieblingsalbum 2014 angegeben hättest, auch mit einem Vers vorkommt, bekräftigt deine Wahl nur weiter.

Haftbefehl—Russisch Roulette

Du bist ein Musikmedium oder das deutsche Feuilleton.

Jungle—Jungle

Normalerweise bist du nicht so der Tänzer, lieber stehst du an der Bar oder in der Ecke und trinkst ein Bier. Aber Mensch, Jungle hat dir so richtig den Groove in die Hüften gekickt und du konntest dein Bein einfach nicht mehr still halten. Das liegt auch daran, dass die Jungs von Jungle „echte Musiker“ sind, die mit einer „echten Band“ aus mindestens sieben Köpfen auf die Bühne kommen. Das ist dir tausendmal lieber als ständig diese DJs, die ganz alleine da oben stehen und mit ihrem Macbook rumhantieren, das kann schließlich jeder.

Kanye West—Yeezus

Leider bist du letztes Jahr in einem deiner Wutmonologe auf dieser einen Party hängengeblieben, auf der ein Typ zu dir meinte, dass Kanye gar nichts könne, außer sich die weltbesten Produzenten einzuladen, die dann für ihn die Arbeit machen und eben ein gutes Album fabrizieren. Das war natürlich ziemlich dumm von diesem Kerl, den du seitdem nicht mehr gesehen hast, die Sache ist nur, dass seither mehr als ein Jahr vergangen ist und du musst jetzt langsam wieder runterkommen.

Kindness—Otherness / How To Dress Well—What Is This Heart?

Du ziehst das Kuscheln nach dem Sex dem eigentlichen Sex vor, hältst in der Öffentlichkeit gern Händchen und küsst auf Konzerten deine große Liebe, wenn „euer Song“ läuft. Außerdem schießt du manchmal stundenlang genauso theatralische Selfies von dir wie Adam Bainbridge/Tom Krell auf ihrem Albumcover und stehst auf große blaue Hüte, aber möchtest nicht darauf angesprochen werden.

Kraftklub—In Schwarz

Du bist entweder 13 Jahre alt oder hast Angst vor Kraftklubs Manager.

Metronomy—Love Letters

Inzwischen ist es dir etwas peinlich, aber deine Jugend hast du ausnahmslos in der Indiedisco verbracht und warst sogar etwas beleidigt, als Kraftklub mit ihrer Parole „Scheiß in die Disco“ bekannt wurden. Jetzt hörst du offiziell eher Elektro und den Schmierepop nur noch heimlich. Über die Jahre hinweg wurde dir das Konfetti und die Seifenblasen irgendwie immer unangenehmer und wenn jetzt jemand auf Facebook ein Foto von dir verlinkt, auf dem man dich in eindeutiger Pose sieht, löschst du es immer gleich. Bei Metronomy ist das aber anders, wenn sie ein Album herausbringen, stehst du sogar zu deiner Indiedisco-Zeit, erzählst immer davon, wenn das Gespräch auf die ersten Alben gelenkt wird, und fühlst dich plötzlich wieder wohl in deiner Haut. So wohl wie die letzten fünf Jahre nicht mehr, seit du angefangen hast, IDM zu hören.

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Shindy—FVCKB!TCHE$GETMONE¥

Du hast mitbekommen, dass dieses Trap gerade voll im Trend ist und vorher noch nie YG, Drake oder Lil Wayne angehört, weswegen dich der Flow und die Beats auch irgendwie beeindrucken und zum Kopfnicken bringen. Außerdem hast du früher Bushido gepumpt und findest, dass Deutschrap langsam langweilig wird, weigerst dich aber, dich mit amerikanischem Rap auseinanderzusetzen, hauptsächlich weil du die Lyrics nicht verstehst. Das ist auch in Ordnung. Schließlich hast du jetzt Shindy und die FBGM-Cap, die du mit der Fan-Box für 70 Euro gekauft hast.

Sun Kil Moon—Benji

Du hast in deinem Leben schon so viel deprimierende Scheiße erlebt und gesehen, dass du inzwischen dieser sarkastische, leicht verbitterte Typ geworden ist, der sein nicht ganz ernstzunehmendes Leid durch Ironie und schwarzen Humor kompensiert, um doch nicht eines dieser weinerlichen Arschlöcher mit First-World-Problems zu werden. Aus diesem Grund sagt dir dieses Album auch so zu. Es verwirrt deinen Humor und den Drang zu lachen so stark mit deinem latenten Bedürfnis zu sterben, dass du zum ersten Mal seit Langem nicht mehr weißt, ob du nun lachen oder doch weinen sollst. Das holt Emotionen in dir hoch, obwohl du doch dachtest, dass du diese Lapalie namens Gefühl schon längst überwunden hast.

Swans—To Be Kind

Ich möchte dir nicht zu nahe treten, aber du bist wahrscheinlich schon alt und hast vermutlich einen Hörschaden. Früher warst du mal wütend, was der Grund dafür ist, dass du inzwischen einen Hörschaden hast, nachdem du deine ganze Jugend auf Noise- und Hardcore-Konzerten verbracht hast. Dass du jetzt wiederum nicht mehr so wütend wie damals bist, liegt unter anderem daran, dass du nicht mehr so gut hören kannst und deswegen die ganze Scheiße, die dich früher wütend gemacht hat, nicht mitbekommst. All das sind auch die Gründe, warum du To Be Kind zum besten Album des Jahre gekürt hast: Erstens brauchst du die Musik der ehemals härtesten Band der Welt nicht mehr als Ventil für deine Wut, zweitens nimmst du aus Altersmilde gern die offensichtlich Wahl, damit du dich nicht mit diesem anstrengenden neuen Zeug beschäftigen musst, und drittens ist dir durch dein Hörschaden entgangen, dass dein Lieblingsalbum eigentlich ein dreistündiges Funkalbum ist.

Taylor Swift—1989

Zwei Möglichkeiten: Entweder du hörst nur Radio, und zwar den RTL- oder Energy-Sender, in dem Fall weiß ich nicht, warum du gerade auf Noisey abhängst. Oder—und viel wahrscheinlicher—du bist ein prätentiöser Großkotz, der gern aneckt und diskutiert, weil er seine durchaus elaborierte Zungenfertigkeit oft und gern zur Schau stellt und seine Gesprächspartner dabei meist in Grund und Boden redet, natürlich immer ein paar Dezibel zu laut. Das liegt aber nicht etwa am Thema oder daran, dass dieses Album ein Meisterwerk ist, sondern in erster Linie daran, dass du das bei jedem Thema machen könntest, selbst wenn es sich um die Harmlosigkeit von Fukushima handelt. Du solltest weniger Musik hören und in die japanische Politik gehen oder wahlweise der Pegida-Bewegung unter die Arme greifen, die können Typen wie dich gebrauchen.

Viola auf Twitter—@ville_vallo

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