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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
You Need to Hear This

Es gibt kein Emo-Revival, ihr habt nur nicht aufgepasst!

Hört auf, es Comeback zu nennen!

von Dan Ozzi
08 Oktober 2013, 3:20pm

Wisst ihr, wie Kinder mit Spielzeugen umgehen? Zuerst werden sie das Teil ohne Ende lieben, bis zu dem Moment, in dem ihnen das Spielzeug plötzlich egal wird und sie gelangweilt davon sind, es herumzuschleudern oder auf deinen Flachbildfernseher zu werfen. Dann werden sie es einfach auf dem Boden liegen lassen und für immer vergessen. Für immer… oder bis jemand anderes anfängt, damit zu spielen. An diesem Punkt ist es plötzlich wieder DAS TOLLSTE SPIELZEUG DER WELT und sie wollen es zurück, JETZT SOFORT. Musikjournalisten sind Kindern sehr ähnlich und im Moment ist ihr Spielzeug Emo.

Irgendwer muss kürzlich das Emo-Spielzeug aufgehoben haben, woraufhin überall Musikredakteure beschlossen haben, auch damit spielen zu wollen. Plötzlich erschienen aus dem Nichts hunderte Artikel über das Emo-Revival auf den wichtigsten Musikseiten: „20 Bands, die du während des Emo-Revivals kennen musst“, „Das Emo-Revival ist echt und dein Schmerz ist es auch“, „Holt die Rasierklingen raus und fangt wieder an zu ritzen, ihr verdammten Nerds, Emo ist zurück“. All das ist selbstverständlich Bullshit, denn Emo war nie wirklich weg. Es war wie das Spielzeg, das auf dem Boden lag. Es musste nur wieder aufgehoben werden.

Natürlich gab es eine goldene Ära von Emo Mitte bis Ende der 90er Jahre, als Bands wie Sunny Day Real Estate, Mineral und Texas Is The Reason abgefeiert wurden. Naja, wie sehr man eben „feiern“ kann, wenn über Mädchen gesungen wird, die mit einem Schluss gemacht haben. Aber nur weil der größte Teil der Musikpresse dazu übergegangen ist, andere Dinge zu feiern, wie zum Beispiel ein Jahrzehnt lang öffentlich Jack White die Eier zu kraulen, oder so zu tun, als wäre Folkrock nicht die peinlichste Musik auf dem Planeten, bedeutet nicht, dass Emo gestorben ist. Neue Bands sind gekommen und gegangen, alte Bands haben wieder zusammengefunden und sich erneut getrennt und einige sind so geblieben, wie sie waren.

Guckt euch Leute wie Tim Kasher von Cursive/The Good Life oder Mike Kinsella von Owen oder Jonah Matranga von onelinedrawing an. Alle haben es überstanden. Alle machen mehr oder weniger seit einem Jahrzehnt die gleiche Musik. Das Gleiche gilt für The Appleseed Cast und Jimmy Eat World. Verdammt, sogar Emo-Millionäre wie der Hugh-Jackman-Doppelgänger in Miniformat Chris Carrabba kuschelt immer noch in weichen Decken und Laken mit Dashboard Confessional.

Oder schaut euch Evan Weiss an. Ernsthaft, schaut ihn euch an, er ist ein wunderschöner Mann. Evan genießt die Gunst der „Emo-Revival“-Berichterstattung. Sein Into It. Over It.-Projekt wurde positiv im Rahmen diverse Emo-Revival-Zusammenfassungen in The Village Voice, Stereogum oder Pitchfork genannt. Eine toller Schub für so einen aufstrebenden neuen Künstler. Aber wartet mal… Evan hat schon die letzten VERDAMMTEN 14 JAHRE rumgeheult. Nur hat bis jetzt niemand darüber geschrieben.

Für Evan ist der Trend zum Emo-Revival zuckersüß. „Ich finde es großartig, dass Medien oder coole Indierock-Medien über diese Bands schreiben“, erzählte er mir, „aber ich finde, das ein Emo-Revival zu nennen, ist ein bisschen peinlich. Alle sagen sie: 'Yo, hört diese coolen Bands an… bei denen du Schuldgefühle beim Hören kriegen solltest.' Wollt ihr mich verarschen? Es ist so ein seltsames, unterdrücktes Kompliment.“ (Ich möchte dazu erwähnen, dass als ich mich mit Evan getroffen habe, er einen LL Cool J-Hoodie von dem „Mama Said Knock You Out“-Video trug und ich musste es aussitzen, während er durchgehend schrie: „Nenn es nicht Comeback! Ich bin schon seit Jahren hier.“)


Evan Weiss sitzt auf einem Stuhl und spielt sein Intrument wie ein wahrer Emo-Musiker

Evan geht mit all dem ganz locker um, denn er ist schon so lange dabei, dass er weiß, wohin der Revival-Zug fahren wird. „Die seltsamen Typen werden noch seltsamer und das poppige Mainstream-Zeug wird es komplett kaputt machen und alles wird in sich zusammenfallen. Es ist ein Kreislauf… Jedes Genre hat einen Weg sich zweckzuentfremden.“

Genau diesen Punkt hat Evan mit seiner unendlichen Emo-Weisheit als die Quelle des Problems entlarvt: Zweckentfremdung. Die aktuelle Situation von Emos kann komplett auf die frühen 2000er Jahre zurückgeführt werden, als irgendein dummer und fauler Musikjournalist angefangen hat, MTV-kompatible Bands wie My Chemical Romance, The Used oder Fall Out Boy „Emo“ zu nennen. Um das klarzustellen: Sie sind nicht Emo. Nein, lasst mich das noch mal betonen. SIE SIND NICHT EMO. Mann, hat das gut getan. Ehrlich, irgendwer hätte schon vor Jahren ein neues Genre für diese Bands erfinden müssen. (Ist es zu spät, jetzt „Die Lieblingsband deiner Schwester-Core“ oder „Hot Topic Rock“ vorzuschlagen?) Denn indem ihr fälschlicherweise diese Bands als Emo bezeichnet, pisst ihr in den Emo-Fluss und verseucht damit das ganze Genre, wenn ihr Emo den schrecklichen Stempel aufdrückt, dass es nicht mehr als ein Haufen Eyeliner tragender Goth-Teenies ist, mit dummen, ins Gesicht fallenden Frisuren und schwarzem Nagellack. (In Wirklichkeit sind echte Emo-Kids preppy Nerds, die schwarzumrandete Brillen tragen und SEHR ERNSTHAFTE Meinungen über Jets to Brazil haben.)


Nicht Emo. Nicht jetzt. Nicht irgendwann.

Die Ironie an der Sache ist, dass ein entscheidender Grund dafür, dass Emo überhaupt „sterben" musste—neben der Tatsache, dass die meisten Involvierten, endlich ihre Jungfräulichkeit verloren und jetzt ein Leben haben—der ist, dass Emo dazu gezwungen wurde, in den Untergrund zu wandern, als jedes Musikblatt stumpf versuchte, Emo mit My Chemical Romance und Paramore zu assoziieren. Und jetzt im Jahr 2013 versuchen die gleichen Musikblätter, uns zu erzählen, welche Emo-Bands wir anhören sollen. Das klingt mir sehr danach, als ob Dick Cheney zu Fox News geht, um Obama zu beraten, wie er mit dem Irakkrieg umgehen soll. Danke, Leute, aber wir würden alle lieber mit Hitler zu Abend essen als eure beschissenen, scheinheiligen Ratschläge anzunehmen.

Vielleicht wird sich dieses Problem auch von selbst lösen. Die „Emo-Revival“-Artikel werden bald eine kritische Masse erreichen. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen wird, wird die New York Times sein, die statt dem fünfhundertsten „Ist euch schon mal aufgefallen, dass in Brooklyn Hipster leben???“-Artikel ein Trend-Bericht über Emos bringt. Wenn die Times das mit ihrer Anti-Midas-Berührung in die Hand nimmt, wird der Trend auf der Stelle tot sein und jeder wird das Interesse an Emo verlieren und zu irgendeinem dummen Subgenre weiterziehen, das in der Woche gerade angesagt ist, wie Indie-Drone-Celtic-Trip-Hop oder so. Aber in diesem Moment sind wir alle noch in der Fake-Emo-Revival-Hölle gefangen und um die Emo-Legende The Promise Ring zu zitieren: Nothing feels good.

Dan Ozzi kann stolz von sich behaupten, dass er noch nie auf einem Konzert geweint hat. Folgt ihm bei Twitter—@danozzi

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