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Interviews

Dieser Typ hat ein Album komplett in einem Musikladen aufgenommen

Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie es ist, fremden Leuten hinterher zu rennen und sie heimlich aufzunehmen.
17.7.15

Unsere Gebete wurden offensichtlich erhört. Endlich ist es da: ein ganzes Album, das ausschließlich aus Field Recordings besteht, die in einem Musikladen aufgenommen wurden! Pardon, ein weiteres Album, das ausschließlich aus Field Recordings besteht, die in einem Musikladen aufgenommen wurden!

Glassine, a.k.a. der 30-jährige Danny Greenwald aus Maryland, USA, nahm 40 Stunden Audiomaterial von Leuten auf, die Instrumente in Filialen der Musikgeschäft-Kette Guitar Center ausprobierten, und mixte die Samples dann zu sieben Songs voller atmosphärischer Soundscapes zusammen. Mit seinem Aufnahmekonzept ist er allerdings nicht allein, auch wenn das Album von Noah Walls eine ganze Ecke anstrengender geworden ist (und mich an eine etwas weniger elaborierte Version von Soloing Over Alanis Morissette meets Creed Shreds erinnert.)

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No Stairway (extra Props für die Wayne’s World-Referenz) gibt es jetzt bei Bandcamp und wird bald als Kassette über Patient Sounds erscheinen. Wir haben mit Glassine darüber gesprochen, wie es ist, ein Album in einem Musikladen aufzunehmen.

Noisey: Erklär uns doch mal kurz, wie du die Aufnahmen gemacht hast. Womit hast du sie gemacht? Hast du heimlich oder offen aufgenommen? Warst du in mehreren Läden?
Danny/Glassine: Es war ein sehr fließender Prozess. Ich bin mit meinem iPhone in eine Guitar Center-Filiale gegangen und habe Leute beim Musikmachen aufgenommen. Überraschung! Ich habe die Sounds nicht direkt auf Tape aufgenommen. Das Aufnahmegerät war nicht zu sehen. Ich bin da nicht rumgelaufen und habe den Leuten mein Handy unter die Nase gehalten. Ich bin quasi Geräuschen nachgegangen, von denen ich dachte, dass sie nützlich sein könnten. Nicht alle von ihnen waren schön oder spannend anzuhören. Das Projekt begann in Brooklyn und dann bin ich nach Baltimore gezogen—es entstand also an zwei Locations. Ich bin immer in die Läden gegangen und habe dort ein bisschen aufgenommen—manchmal sogar mehrere Stunden. Zuhause habe ich dann meine Beute begutachtet. So ein bisschen wie ein Kind nach einem erfolgreichem Halloween-Streifzug: Ich habe die Twix behalten und das ganze Lakritz weggeschmissen. Ich habe die verschiedenen Sounds dann sortiert, habe ein paar von ihnen durch einen Vierspur-Mixer geschickt, ein paar Sachen in Loops verwandelt, ein paar klitzekleine Sounds ausgewählt, die ich als Synth-Patches benutzen konnte, noch mehr Loops erstellt, sie durch ein paar alte Effektpedale gejagt, mehr Kaffee getrunken und weitergemacht. Das Endresultat habe ich dann mit Pro Tools aufgenommen. Ich habe dabei keine Plug-Ins benutzt. Obwohl, nein. Ich habe etwas am EQ rumgedreht, aber nicht viel. Mein Laptop wurde wirklich nur für die tatsächliche „Aufnahme“ verwendet.

Wie hast du das alles zusammengeschnitten?
Ich musste viel dafür planen. Ich habe viel Zeit darauf verwendet, Dinge miteinander zu verbinden, die eigentlich nicht zu verbinden waren. Es kam öfter mal vor, dass ich dachte, ein Track sei fertig, aber dann erinnerte ich mich daran, dass ich noch einen anderen Sound hatte, den ich eigentlich verwenden wollte. Also habe ich nochmal alles durchsucht und irgendwo ein kleines, reizendes Geräusch hinzugefügt. Das Editing und der Aufnahmeprozess waren miteinander verbunden. Das Studio war quasi wie ein Instrument.

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Kaufst du auch bei Guitar Center ein?
Ich kaufe nicht bei Guitar Center ein. Das liegt aber vor allem auch daran, dass ich seit der 10. Klasse das gleiche Equipment benutze. Jedes Mal also, wenn ich dort reinlief, lauerten mir die Verkäufer auf. Ich habe zwar noch nie einen Gebrauchtwagen gekauft, aber ziemlich genau so stelle ich mir das vor.

Hast du die Aufnahmen an die Guitar Center-Leitung geschickt?
Nein, habe ich nicht, auch wenn meine Mutter, neben anderen Leuten, meinte, dass ich das doch machen solle. Eins meiner musikalischen Vorbilder sagte mir mal, dass die vielleicht etwas Geld für eine Plakatwand mit dem Cover drauf oder so springen lassen würden.

Wie unterscheidet sich dein Album von dem von Noah Wall? Und gibt es noch andere „Guitar Center-Alben“ und wenn ja, was denkst du über sie?
Ich finde, dass Guitar Center-Filialen ziemlich unangenehme Orte sind—klanglich, ästhetisch und geschäftlich gesehen. Ich wollte etwas Unattraktives nehmen und irgendwie die Schönheit daraus extrahieren. Ich wollte diese Umgebung in Watte packen. Ich wollte kleine Details aufspüren, sie einfangen und mit ihnen malen. Ich weiß nicht, was für Intentionen Noah hatte. Ich wusste zu der Zeit, als No Stairway entstand, nicht, dass es noch andere „Guitar Center-Alben“ gibt. Patient Sounds, das Label über das das Album erscheint, und ich haben von Noahs Album erst erfahren, als wir schon die Veröffentlichungsdetails meines Albums besprachen. Es war so ein Zufall! Ich war schon ziemlich niedergeschlagen, dass ein Album mit einem ähnlichen Konzept zur gleichen Zeit veröffentlicht werden sollte. Fast wollte ich es nicht mehr rausbringen. Wir haben uns mit Noah in Verbindung gesetzt, um ihm zu sagen, dass es mein Projekt gibt und es komplett unabhängig von seinem entstanden war. Noah war total begeistert und unterstützte mich. Seine Reaktion und die Reaktion von anderen, haben mich dann auch in gewisser Weise dazu ermuntert, mit meinem Plan weiterzumachen.

Abgesehen von der Guitar Center-Geschichte, gibt es andere Aufnahmen, die du magst, die ähnlich gemacht wurden?
Ich benutze Field Recordings, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Es gibt andere Künstler, deren Fähigkeit Klanglandschaften zu erzeugen, die ich wirklich respektiere—Künstler wie Jason Urick, Grouper, William Basinski, Boards of Canada, etc. Ich weiß nicht wirklich, wie sie ihre Kunst jetzt genau erschaffen, aber das sind ein paar Beispiele für meine Einflüsse. Und Joni Mitchell natürlich.

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VICE: Ich habe 20 Stunden in einem Walmart verbracht.

Hast du noch andere Musikprojekte?
Ja. Ich bin Frontmann des Warm-Core, Post-Flannel Projekts The Hens. Also, das bin die meiste Zeit eigentlich nur ich, aber manchmal auch andere. Meistens, wenn ich mit anderen zusammen spiele, covern wir nur Dire Straits Songs in einem Wohnzimmer.

Wird das Album nur online veröffentlicht oder auch noch auf einem anderen Medium?
Das Album wird offiziell am 6. August auf Patient Sounds erscheinen. Es wird wunderschöne Kassetten geben. Du kannst es dir aber auch schon jetzt auf Bandcamp runterladen.

Hast du irgendwelche Ambitionen oder Hoffnungen, was dieses Album angeht?
Ja, ich hoffe, dass es sich eines Tages Phil Elvrum oder Jason Urick oder Grouper oder Björk oder MF DOOM anhören werden. Und ich hoffe, dass sie sich dann denken, „Verdammt, mit dem würde ich gerne mal zusammenarbeiten.“ Und dann schreiben sie eine E-Mail an meine Agentin—also meine Mutter.

Und ich hoffe natürlich, auf dem Wanyestock 2016 zu spielen.

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