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Chromatics – künstlerische Identität im Zeitalter der Oberflächlichkeit

Johnny Jewel, der Kopf von Chromatics, über die Farbe seiner Musik und warum er keine PR macht.
13.6.12

Als ich Chromatics live sah, war es nicht leicht zu erkennen, wer der echte Maestro ist. Es wäre schwer gewesen das zu erraten, aber von den vier sichtbaren Leuten ist Johnny Jewel, die stille in Rauch umhüllte Person, die am rechten Bühnenrand allerlei Synthies spielte, derjenige, der das gesamte Chromatics Projekt richtig angetrieben hat. Die Show an sich war unglaublich. Wenn Musik, die ich so sehr liebe (ja, hier spricht ein echter Fan), so kraftvoll aus seinen eher gedämpften und intimen Aufnahmen zum Leben erweckt wird und trotzdem kein Stück ihrer emotionalen Kraft verliert, geschweige denn an ihrer Schönheit, dann ist das ein seltenes Erlebnis.

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Der erfolgreiche Johnny Jewel schreibt und produziert alle Lieder von Chromatics. Er leitet außerdem das Label Italians Do It Better, auf dem neben Chromatics auch noch andere Bands sind, in zwei davon–Glass Candy und Desire–ist Jewel selbst auch beteiligt. In diesen Projekten liegt sein gewolltes isoliertes Umfeld, das nur gelegentlich mal in unseres übergreift und dann langsam das Licht dämmt und die akustische Landschaft durchdringt mit schummrigen hörbaren Bildern von abwechselnd romantischen und verachtenswerten nächtlichen Begegnungen in fernen und filmischen Stadtbildern.

Johnny selbst strahlt auch Isolation aus. Zwar hat er eine gewisse Distanz zur Musikindustrie gesucht und auch beibehalten, um seinen kreativen Prozess nicht zu behindern. Aber dennoch ist da auch eine Schwelle zum Jenseits in ihm, die ihm eine außergewöhnlich faszinierende Persönlichkeit einbringt. Die Musik auf Kill For Love, der letzten Platte von Chromatics, entstand schon als Ganzes in seinem Kopf, wie es ihm mit allen kognitiven Embryos seiner Arbeit geht. Johnny strebt danach, mit einem kontinuierlichen Aufnahmeprozess seine Ideale in Realität zu verwandeln und kommt allmählich, was normal ist und wahrscheinlich in diesem Fall auch ein wenig schmerzhaft, an den einen Punkt, niemals fähig zu sein, seine Ideale zu erreichen.

Ich habe mit Johnny kurz bevor er auf die Bühne in London gegangen ist, geredet, über seine kreativen Prozesse, Chromatics und den Weg, eine kreative Vision am Rande der Musikindustrie intakt zu halten.

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Hast du für jeden Song die gesamte Soundlandschaft schon in deinem Kopf fertig komponiert oder sogar das gesamte Album bevor du überhaupt anfängst zu schreiben oder fängst du an mit einem einzelnen Sound oder einer Melodie zu experimentieren? Weißt du immer, wo du mit jedem einzelnen letztendlich hingehen willst?
Alles ist ein Experiment. Es wird immer jede Menge improvisiert. Ich weiß, wohin ich mit einem ganzen Album hingehen möchte und ich weiß auch, wohin ich mit jedem einzelnen Song will, aber das ist sehr abstrakt. Ich habe vielleicht einige Element schon in meinem Kopf und ich muss sie dann aus den Bestandteilen herausziehen, aber normalerweise sehe ich nur die Farbe eines Lieds. Es ist wirklich sehr abstrakt. Es ist so, wie wenn du ein Traum hast. Du kannst dich daran erinnern, aber es ist in deinem Bewusstsein gespeichert und nicht so, als hättest du es wirklich gesehen. Wenn ich eine Idee habe, ist es so als hätte ich eine Vision von dem Lied und wenn ich dann an ihm arbeite, weiß ich, ob das, was ich tue, zu dieser Vision beiträgt oder ob es davon abweicht; ich sehe es, wenn ich näher ans Ziel komme, ich sehe den Kern der Idee, die Form oder die Farbe, und auch wenn ich mich davon entferne.

Ich experimentiere, konstruiere, dekonstruiere, bearbeite, remixe, setze es wieder zusammen und das immer und immer wieder bis ich das Gefühl habe, dass der Kern des Songs da ist. Aber es ist immer noch sehr produziert. Ich versuche nicht zu viel darüber nachzudenken und einfach meinen Instinkten zu vertrauen. Es fällt mir schwer Anerkennung anzunehmen, denn woher bekommt man denn die Ideen? Ich könnte es mir anerkennen lassen, dass ich viel Zeit im Studio verbringe, weil es viel „Disziplin“ erfordert, aber es scheint, dass das ganze gute Zeug aus dem Nichts entsteht–es scheint, als ob es sich von selbst schreiben würde–und mein Job ist es, dem nur aus dem Weg zu gehen, ihm seinem Lauf zu lassen und dann versuchen es zu organisieren.

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Warst du schon immer so?
Ja, weil ich nicht ausgebildet bin. Ich weiß nicht wirklich wie man aufnimmt, auch nicht wie man schreibt. Ich kann keine Musik dokumentieren außer sie aufzunehmen, weswegen ich in diesen konstanten Aufnahmeprozess gekommen bin. Ich habe '89 mit einem Ghettoblaster angefangen und dann habe ich noch einen Ghettoblaster bekommen und habe damit angefangen, mir selbst Tracks vorzuspielen. Dann habe ich einen Vierspurrekorder bekommen und habe das ein paar Jahre lang gemacht. Dann hatte ich einen Achtspurrekorder und dann einen 16er und jetzt bin ich bei einem 24er. Es war also eine schrittweise Erweiterung meiner Arbeitsweise und ich arbeite nie mit anderen Produzenten zusammen.

Ich bin kein Techniker. Die Musik klingt also sehr primitiv und deswegen ist auch alles per Hand gemacht und von jemanden, der nicht weiß, was er tut. Naja, ich weiß was ich will, aber ich weiß nicht wer ich bin–ich kann nicht erklären, warum ich tue, was ich tue.

Wenn du jetzt das hörst, was du auf dem Vierspurrekorder gemacht hast, würde der Grundgedanke für den Song in deinem Kopf noch unverändert sein? Und ist auch Jahre später das, was du kreierst, noch nah an dem, was du mit dem Song erreichen wolltest?
Es ist immer dasselbe. Tatsächlich gibt es einen Chromatics Song namens „I Want Your Love;“ die Musik dazu wurde geschrieben, als ich 14 war und ich bei meiner Mutter gelebt habe. Immer wenn wir ihn spielen, erinnere ich mich daran, wie ich im Sommer in Houston war und ich gerade zurück vom Pool kam und an dem Song arbeitete. Es fühlt sich immer gleich an. Immer wenn ich ein Stück höre, möchte ich das Gleiche: Ich will das es immer gleich organisiert ist, damit es mir auf eine Art vorgibt, wie es sein sollte.

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Also ist es sehr tief in deinem Bewusstsein verankert?
Ja, es gibt Wissenschaftler und Philosophen, die versuchen das herauszufinden. Ich reagiere nur darauf.

Findest du es sehr schwer aufzuhören danach zu streben diese Farbe eines Tracks zu perfektionieren? Wenn du nach einem Ideal suchst, wie stoppst du dich selber danach zu streben?
Naja, ich will nie damit aufhören. Ich muss meine Grenzen akzeptieren und daran denken, dass es das Beste ist, was ich für eine Idee tun kann. Was dann oft passiert ist, dass die Live-Versionen der Lieder sich über das Album hinaus weiterentwickeln. Heute Abend spielen wir zum Beispiel ein Lied namens „Back From The Grave“ und ich habe mir mit einigen Kernelementen beim Aufnehmen echt schwer getan. Die Version, die wir jetzt spielen ist eine Zusammenführung der aufgenommenen Version und einer Version, die wir 2010 auf Tour gespielt haben. Das ist für mich die perfekte Version und ich wünschte sie wäre auf dem Album, aber wenigstens spielen wir sie live. Generell bin ich mit Kill For Love bis auf Beatbox glücklicher als mit jedem Album zuvor.

Als ein Beobachter sieht man in der Kunst nie das Konzept; als Fan sieht man die Realität, aber niemals die ideale Realisierung des Künstlers. Mit Kill For Love fühle ich mich, als ob ich fast da bin–sehr nah an dem, was es eigentlich sein sollte. Normalerweise kann ich mir eine Platte nicht anhören, wenn ich sie fertig aufgenommen habe; es ist einfach so „Ich will es jetzt besser machen und weitermachen,“ aber die Platten, die ich jetzt mache, mag ich immer mehr. Ich werde besser darin, Ideen musikalisch zu auszudrücken.

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Ich kann mir vorstellen, dass es eine sehr schwierige Aufgabe ist, Videos für diese Platte zu drehen. Ich wollte ehrlich gesagt die Videos fast nicht anschauen, weil in der Musik schon sehr starke Bilder stecken. Als ich also erst einmal in der Platte drinnen war, dachte ich wie schwer es für jemanden sein muss die Musik bildhaft darzustellen ohne meine Assoziationen mit der Musik wegzunehmen.
Das ist einer der Gründe, warum wir so lange keine Videos gemacht haben. Glass Candy macht aus diesem Grund immer noch keine Videos, aber ich sehe wie effektiv Videos wirken, um Leute auf die Musik aufmerksam zu machen. Ich versuche das Visuelle weder als Gegenpol noch als Äquivalent der Musik zu nutzen, aber dafür eine alternative Stimmung zu kreieren, die schräg genug ist, um einem auf das Lied neugierig zu machen. Es muss aber etwas sein, das nichts mit dem Lied zu tun hat. Deswegen gefallen uns die Videos von Alberto Rossini wirklich gut, weil alles wie eine verspulte Fantasie ist und nichts wirklich passiert. Sie sind sehr Lo-Fi, deswegen ist es wie ein Kaleidoskop oder so etwas anzuschauen.

Glaubst du, du wärst an diesen Punkt mit Italians Do It Better und Chromatics gekommen, wenn du erst jetzt mit der Musik angefangen hättest, mit dem ganzen Druck, der auf jungen Künstlern liegt, alles haben zu müssen? Es gibt bestimmt ein paar, die nicht erfahren oder selbstbewusst genug sind, um zu sagen „Wisst ihr was? Ich will kein Video.“
Ja ich glaube schon. Und ich denke auch, dass es junge Künstler gibt, die jetzt anfangen und an diese Grenze geraten, einen kreativen Weg finden werden, um sie zu überwinden.

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Im Besonderen liegt der Unterschied für uns zwischen jetzt und damals darin, dass so viel von dem, was jetzt passiert auf dem basiert, was wir damals gemacht haben. Deswegen ist es wirklich schwer das zu beantworten, was wir schon gemacht haben. Es war echt schwer, aber bezüglich der Industrie ist es für die meisten anderen gar nicht so herausfordernd, weil sie nicht so viel Zeit wie wir damit verbringen ihre Kunst zu beschützen. Ich denke, wenn man sich wirklich darauf konzentriert und man die Musik der Musik wegen macht oder die Kunst der Kunst wegen, dann wird sich gute Qualität schon durchsetzen. Wir fordern niemanden heraus, wir konkurrieren auch nicht, wir haben unsere Nische; wenn es Leuten gefällt, dann gefällt es ihnen, und wenn nicht, versuche ich nicht sie davon zu überzeugen.

War keine PR zu machen ein Teil davon?
Man wirft einfach alles aus dem Fenster bei so einer Kampagne. Wir hatten einfach keine. Ich wollte, dass es um die Musik geht. Alle anderen sagten, „Du bist verrückt,“ aber ich habe eine echt fatalistische Sicht auf das Business-Zeug und wenn man Musik macht, die gut genug ist, kommt man damit durch. Aber es ist kein geeignetes Modell, um es nachzumachen, weil irgendwie ist es schon Selbstmord.

Viele Leute hat es echt aufgeregt, wie wir die Dinge gemacht haben. Sie sind daran gewöhnt alles zuerst zu haben und immer die neusten Insider News zu bekommen, aber ich habe einfach jeden ausgeschlossen und dachte „Du kannst es zur gleichen Zeit haben, wie ein 12-jähriger mit seinem wöchentlichen Taschengeld und nicht mehr und nicht weniger.“ Ein paar Leute drohten uns, uns nicht zu buchen und ich meinte nur „Dann halt nicht.“ Wir haben noch nie eine schlechte Platte veröffentlicht, unsere alten Lieder alleine sind stärker als die einer Band der Woche, wo jeder einfach nur darauf wartet, dass die Single auf der Show gespielt wird, um dann durchzudrehen, weil die Single echt gut ist, während der Rest vom Album–höchstens–blasse Nachahmungen der tollen Single sind. Aber die Mentalität von Bookern und Presseleuten ist, dass jeder speziell sein will und jeder speziell ist und ein Gotteskind, aber ich will, dass es darum geht, was ich tue.

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Jeder macht eine große Sache daraus, wie diese Platte veröffentlicht wurde. Dabei ist es genauso, wie ich jede andere Platte auch veröffentlicht habe. Keine Pressemitteilung, kein Statement, kein Release-Datum, sie erscheint einfach. Das Problem ist nur, dass jetzt viel mehr Leute warten. Es ist mir eigentlich egal, es funktioniert für uns und hat schon immer funktioniert. Ich habe nur einen Fehler gemacht. Als ich mit Pitchfork geredet habe, haben sie mich gefragt, wann die Platte rauskommt und ich ich meinte „Ich hoffe am Valentinstag, wegen Kill For Love und Valentinstag,“ und als Valentinstag war, fragte jeder „Wo ist das Album? Das war eine Falschmeldung.“ Ich muss also wirklich vorsichtig sein. Das lerne ich gerade, seit immer mehr Leute auf uns achten.

Ich denke, dass die Leute in der Industrie immer mehr Angst haben. Sie wollen nicht mehr so viele Risiken eingehen, weswegen Gerüchte einfach mehr für sie bedeuten und sich schneller verbreiten. Vorher konnte man es sich leisten entspannter zu sein.
Ja und Informationen verbreiten sich heutzutage so schnell. Vorher konnte man auf Shows experimentieren ohne das es gleich auf Youtube zu sehen war. Wenn du ein Tupac Hologram haben wolltest, konnte man in jeder Stadt und bei jeder Show das Publikum überraschen; jetzt macht man das einmal und die ganze Welt weiß davon und jeder wartet bei der nächsten Show darauf.

Das Gleiche passiert bei Filmen auch: sie packen immer mehr Information in die Trailer. Ich versuche sie immer zu ignorieren und auch bei Reviews für Alben bin ich sehr vorsichtig, damit ich absolut offen bin für das, was ich dann erlebe.
Ja, und das wollte ich den Leuten auch geben, weil das meine Erfahrung mit Platten ist, als ich aufgewachsen bin. Ich wollte immer jeden vor der Presse schützen. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob die Presse positiv oder negativ sein wird. Es gibt einen Song–„Identity“ von X-Ray Spex–und er geht „When you look in the mirror, do you smash it quick? Do you take the glass and slash your wrists? Did you do it in pain? Do you do it in a fit? Did you do it before you read about it?” Und diese Zeile ist mir immer sehr im Gedächtnis geblieben: nur die Idee, wie wir von Identität und Bildern in der Kunst beeinflusst werden.

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Selbst wenn wir unsere eigene Meinung haben wollen und wir sehr stur sind, verändert es was, wenn man etwas liest oder mit einer Idee konfrontiert wird bevor man eine Chance hat sich mit der Kunst zu beschäftigen. Ich möchte nicht sagen, dass es dann schon beschmutzt ist oder so etwas in der Art, aber es beeinflusst einen und entweder man will dann zustimmen oder widersprechen. Und dann, während man sich damit beschäftigt, fragt man sich, warum diese Person so etwas gesagt hat.

Die Meinung ist auch davon abhängig, wo die Person, die es geschrieben hat, gerade mit ihrem Kopf ist und und wo der eigene Kopf gerade ist, wenn du es liest. Deswegen kann selbst ein oberflächlicher Kommentar von jemandem sehr ins Gewicht fallen.
Und wir befinden uns im Zeitalter der oberflächlichen Kommentaren.

Debbie Harry wurde von der Presse zerfleicht und als sie hierher kam, um ein paar Shows zu spielen, las sie nie die Reviews. Es war eine Regel in der Band, dass niemand die Reviews liest bis sie wieder zuhause waren. Wenn sie die Reviews gelesen haben, fühlten sie sich als ob sie jede Nacht auf der Bühne darauf reagieren müssten. Was auch immer in den Städten gesagt wurde, sie mussten reagieren und dazu sagen, “Das stimmt so gar nicht.” Ich bin genauso. Einige Bands müssen, wenn sie auf einem Festival spielen, alle anderen Bands auch sehen und checken, was sie machen. Mein Job ist es, so sehr wie möglich ich zu sein, also je ignoranter und isolierter ich bin, desto besser. Ich liebe es auf die Bühne zu gehen ohne zu wissen, was zur Hölle den ganzen Tag passiert ist und einfach nur zu spielen, was ich spiele und zwar auf die Art wie ich es spiele.

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Johnny Jewel's Soundcloud

Chromatics' Facebook

@suzeolbrich