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7.665 Days: So war es, Tool nach 21 Jahren Gefängnis wieder live zu sehen

„Ich erinnerte mich sofort an unsere Bandproben, während derer ich dem monotonen Gefängnisalltag entfliehen konnte. Es war wie früher im Proberaum, nur diesmal war ich frei.“

von Seth Ferranti
02 Februar 2016, 12:21pm

Als ich ins Gefängnis musste, waren Tool gerade meine Lieblingsband. Ihr Debütalbum Undertow erschien 1993 und was mich betraf, war das die Creme-de-la-Creme des Metal zu dieser Zeit. Die Band schien die Bedeutung des Wortes Heavy komplett neu zu definieren. Sie waren alternativ im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Rhythmen waren einfach nur hypnotisierend—wie Tribal-Beats, die durch eine ganze Band zu neuem Leben erweckt worden waren. Ihre Melodien waren durchzogen von weichen Texturen, nicht zuletzt auch dank Maynard James Keenans charakteristischer Stimme. Sie waren so etwas wie die neuen Led Zeppelin. Ich war total angefixt.

Das Jahr, in dem ich Tool sah, spielten sie auf der Nebenbühne des Lollapalooza und Undertow lief in meinem CD-Player rauf und runter. Ich hatte gerade erst von ihrer Debüt-EP Opiate erfahren, als ich eingebuchtet wurde.

Es ist jetzt schon ein Jahr vergangen, seit ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, und ich habe seitdem auch schon ein paar Konzerte gesehen. Als ich dann letzte Woche darauf wartete, dass Tool in der Chafietz Arena der Saint Louis University spielten, fühlte sich das aber alles anders an als sonst—als würde ich hier einen Kreis schließen. Dort zu sein, fühlte sich einfach natürlich an: Ich war zwar nicht mehr der aufgedrehte 22-Jährige, aber dafür mehr Fan als eh und je. Meine Beziehung zu der Band hatte sich vertieft und weiterentwickelt. Tools Musik war immer bei mir gewesen, obwohl ich sie zwei Jahrzehnte lang kaum hören konnte.

Die meisten Bundesgefängnisse befinden sich am Arsch der Welt: in den Bergen von West Virginia, in den Hügeln von Pennsylvania, neben den Gipfelketten von Kentucky. Radio? Fehlanzeige. OK, es gab Radio, aber keine Sender, die Metal, Punk oder anderweitig Alternatives spielen würden. Keine coolen Radiosender. Ich kam an Zeitschriften wie Rolling Stone und VICE, aber Tool waren ziemlich öffentlichkeitsscheu und gaben nicht viele Interviews. Wir hatten keine Metal-Zeitschriften im Gefängnis, aber die wenigen, die wir hatten, wurden rumgereicht.

Was es allerdings im Gefängnis gab, waren Instrumente: Gitarren, Schlagzeug, Bass, Verstärker. Die für die Freizeitgestaltung zuständige Abteilung des Gefängnisses hatte so ein Bandprogramm auf die Beine gestellt. Ich fand immer mal wieder ein paar Gleichgesinnte unter meinen Mithäftlingen und wir gründeten Bands. Ich stellte dabei sicher, dass wir immer „Sober“ coverten. Alle kannten und mochten „Sober“. Ich konnte zwar nicht wie Maynard singen, aber ich konnte diesen Song singen. Wir probten ein- oder zwei Mal die Woche—wenn alles gut ging. Die Gitarristen bekamen Notenblätter und wir bauten das Lied dann irgendwie damit zusammen. Den Text hatte ich noch im Kopf. Der war für immer in mein Gehirn eingeschlossen.

Für eine gewisse Zeit war das mein einziger Kontakt mit Tool. Auch wenn ich die Musik nicht oft hören konnte, blieben die Emotionen der Songs ständig bei mir. Ich mag Tool, weil sie kraftvoll, laut und rhythmisch sind—gleichzeitig aber auch verletzlich. Im Gefängnis musste ich 24/7 eine harte Fassade aufrechterhalten. Ich habe damit zwar generell kein Problem, aber es war wirklich schön, sich etwas entspannen zu können und nicht immer den harten Kerl raushängen lassen zu müssen.

Ich hörte hier und da mal neue Tool-Songs. Mit ausgeklügelten Antennenkonstruktionen in unseren Zellen konnten wir manchmal mitten in der Nacht Radiowellen einfangen und zu den Rock-Sendern der Großstädte abgehen. Einmal war ich übergangsweise im MDC Brooklyn, wo ich auf meine Verlegung in einen anderen Knast wartete. Ich lieh mir dort das Radio eines anderen Insassen aus und lauschte dann nachts einer zweistündigen Sendung, in der es ausschließlich um Tool ging. Was für ein Festmahl! Es war ein wahres auditives Fressgelage! Endlich konnte ich die ganzen Songs hören, die ich noch gar nicht oder kaum kannte. Tool waren natürlich nicht die einzige Band, die ich mochte—ich war auch Fan der Nine Inch Nails und der Pixies—, aber solche Gelegenheiten hielten mich der Gruppe sehr verbunden.

Schließlich wurde ich in ein Gefängnis in West Virginia verlegt. FCI Gilmer verfügte über eine anständige CD-Auswahl. Es war ein brandneues Gefängnis und ich war einer der ersten 500 Insassen, die dorthin verlegt worden waren. Ich überredete den zuständigen Beamten dazu, Undertow zu bestellen. Jetzt konnte ich nicht nur in einer Band spielen und „Sober“ singen, ich konnte mir den Song endlich wieder richtig anhören—zusammen mit dem Rest der CD.

Während meiner Haftzeit hatten Tool die Alben Ænima und Lateralus veröffentlicht und 10.000 Days sollte ebenfalls bald erscheinen. Ich hatte in der ein oder anderen Musikzeitschrift gelesen, dass sie eine Menge guter Kritiken bekommen hatten. Ich wollte natürlich auch die neuen Alben hören, mich in der Musik verlieren, aber nachdem ich den zuständigen Beamten dazu bekommen hatte, mir die eine Tool-CD zu bestellen, schaffte ich es nie wieder, eine weitere zu bekommen.

Ein paar Jahre vor meiner Freilassung fing man damit an, mp3-Player in den Bundesgefängnissen zu verteilen. Ich kaufte einen und lud mir einen Haufen Songs runter. Tool war eine der ersten Bands, nach denen ich suchte, als mir Zugang zum TRULINCS System gewährt worden war, über das sich Insassen der Bundesgefängnisse Lieder kaufen und auf ihre Player laden konnten. Wegen Tools Lizenzpolitik, bzw. dem Mangel daran, war ihre Musik nicht verfügbar. Tools Musik blieb mir also weiter verwehrt.

In dem Gefängnis in Arkansas, in das ich danach verlegt wurde, wartete eine große Überraschung auf mich. Es war meine letzte Station: das letzte Gefängnis, in dem ich den Rest meiner Strafe absitzen musste. Ich war jetzt zwei Jahrzehnte hinter Gittern gewesen und das raue Klima hatte durchaus seine Spuren bei mir hinterlassen. Ich versuchte einfach nur, meine Zeit abzusitzen und nach Hause zu kommen. FCC Forrest City hatte eine großartige Musikabteilung und wie der Zufall es wollte, war der Insasse, der sie leitete, ein riesiger Tool-Fan. Er hatte alle CDs von ihnen, aber gerade Tool gab er nur ungern raus. Nur sehr wenigen Insassen war es erlaubt, sie zu hören. Der Typ wusste, dass die CDs früher oder später darunter leiden würden, wenn zu viele Typen sie hören. Es gab also nur ein Handvoll Auserwählter, die sie sich ausleihen durften, und irgendwie schaffte ich es, mich in diesen illustren Kreis zu arbeiten.

Ich verbrachte viele Nachmittage im Freizeitbereich damit, die CDs rauf und runter zu hören. Endlich konnte ich die kompletten Alben mit allen Songs von Anfang bis Ende durchhören—genau so, wie es gedacht war. Endlich hörte ich „The Pot“, „Forty Six & 2“, „Stinkfist“ und viele mehr. Ich hatte die ganzen Songs zwar hier und da mal flüchtig hören können, aber jetzt konnte ich zum ersten Mal wirklich darin eintauchen. Das war 2010. Wenn man bedenkt, dass ich so viele Jahre darauf gewartet hatte, ein Album zu hören ... Aber das war es wert gewesen. Die Songs durchdrangen alle Aspekte meiner Psyche. Sie waren kraftvoll und bestimmt. Ich konnte gar nicht anders, als sie zu mögen.

In Forest City wurde ich Sänger einer Tool-Cover-Band. Wir fingen mit „Sober“ und anderem Material von Undertow an, aber gingen schon bald zu ausgefeilteren Songs wie „Jambi“, „Vicarious“ und „Schism“ über. Die Musik war herausfordernd, aber meine Bandkollegen durchaus fähig. Ich konnte Maynard natürlich nicht das Wasser reichen, aber irgendwie bekamen wir es hin und probten zwei Mal pro Woche. Meine Zeit in dieser Tool-Cover-Band war einer der wirklich großen Höhepunkte meiner Haft für mich gewesen. Wir meisterten Songs und spielten sogar ein Konzert, bevor ich ins Loch gesteckt wurde. Für die Tool-Fans im Gefängnishof kanalisierte ich Maynards Energie und schrie mir die Lungen raus. Tool zu covern war richtig anstrengend.

Als ich zwei Monate später wieder aus der Einzelhaft entlassen wurde, hatte mich die Band schon mit einem anderen Sänger ersetzt. Ich beließ es aber dabei, weil der neue Typ wirklich viel besser war als ich. Es hinterließ allerdings schon einen bitteren Nachgeschmack, einen anderen Sänger mit meinen Jungs spielen zu hören, nachdem wir über ein Jahr miteinander gejamt und eine Setlist voller Tool-Songs auf die Beine gestellt hatten. Trotzdem schaute ich mir sie zwischendurch an, um meine Dosis Musik zu bekommen.

Während ich darauf wartete, dass Tool die Bühne in St. Louis betraten, dachte ich viel über die Vergangenheit nach. Die Band live zu sehen, würde eine komplett andere Erfahrung sein, als sich selber im Gefängnishof vor seinen Tool begeisterten Mithäftlingen an Coverversionen zu versuchen. Beim Lollapalooza hatte Maynard eine Art Kleid mit offenen Rücken getragen und sich wie eine Schlange über die Bühne gewunden. Er war wie ein Dämon. Zugegeben, ich war auf LSD, aber ich schwöre, dass man sehen konnte, wie sich die einzelnen Rückenwirbel bewegten, während er sich über die Bühne schlängelte. In den letzten Jahren hatte ich allerdings viel darüber gelesen, wie er sich jetzt beim Singen quasi hinter den Lautsprechern verstecken würde und solche Sachen. Er scheint heutzutage unglaublich bühnenscheu zu sein. Ich weiß nicht, warum er sich so verändert hat. Ist ihm der Druck mit der wachsenden Popularität zu viel geworden? Ich schätze, die Jahre haben einfach ihre Spuren bei Maynard hinterlassen.

Als die Band dann endlich auf die Bühne kam und „No Quarter“ spielte, war Maynard nirgends zu sehen. Der Drummer, Gitarrist und Bassist standen alle im Scheinwerferlicht, aber kein Maynard weit und breit. Endlich entdeckte ich ihn auf einem erweiterten Schlagzeugpodest, wo er in der Dunkelheit, umgeben von Schatten sang. Ich konnte ihn wirklich kaum erkennen. Er sah aus, als würde eine Art Kampfausrüstung tragen—so eine SWAT-Uniform oder Soldatenausrüstung. Wie auch immer, Maynard war definitiv im Angriffsmodus und gestikulierte wild im Schutze der Dunkelheit.


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Es war schon ein bisschen enttäuschend, aber so ist Maynard halt—ständig umgeben von diesem Hauch der Exklusivität. Er hält sich stets im Abseits—über den anderen. Auch wenn er das vielleicht tut, um ein Anti-Rockstar zu sein, füllt er damit die Rockstarrolle bis ins letzte Detail aus. Das strahlt auch auf den Rest der Band ab und ist einer der Hauptgründe für ihre leidenschaftliche Fanbase. Ich hatte mir ja schon gewünscht, dass Maynard etwas mehr Show bieten würde. Die Band spielte weder „Sober“, „Prison Sex“, noch irgendetwas anderes von Undertow, dafür aber viele andere tolle Songs: „Parabola“, „Schism“ und „Jambi“. Ich erinnerte mich sofort an unsere Bandproben, während derer ich dem monotonen Gefängnisalltag entfliehen konnte. Es war toll, hier bei dem Konzert zu sein. Es war wie früher in dem Proberaum, nur diesmal war ich frei.

Für mich und Tool war es eine lange und beschwerliche Reise gewesen, aber jetzt kann ich sie hören, wann immer ich will: die klangliche Wucht ihrer Musik und die beständigen Rhythmen in meinem Kopf; die Melodien der Songs, die die leeren Räume füllen. Ihre Musik ist schonungslos, ehrlich und brutal—ein erfrischendes Crescendo, das auf meine Trommelfelle einprügelt.

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