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You Need to Hear This

Willkommen in Russlands Hard Bass-Szene

Wir werfen einen Blick in die bizarre Welt der „Pumpdance"-Flashmobs und klären, ob sie wirklich so harmlos sind, wie sie erscheinen.
22.4.13

Was ursprünglich in Russland als Interpretation von Hard House begann, hat sich durch Social Media-Kanäle auf der ganzen Welt in eine Form des viralen Protests entwickelt. Lokale Hard Bass-Crews organisieren Flashmobs, die sich „Mass Attacks“ nennen, wo Horden maskierter Jugendlicher aggressiv in der Öffentlichkeit „pumpdancen“, während verwirrte Passanten ihre Sachen schnappen und alles versuchen, um Augenkontakt zu vermeiden. Das ganze Ritual wird gefilmt und auf YouTube geladen, wo es, statt unter einem Hass-Sperrfeuer von Tastatursoldaten zu versinken, erfolgreich westwärts neue Hard Bass-Crews aus dem Boden sprießen lässt.

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Entstanden in Sankt Petersburg in den frühen 2000ern, ist Hard Bass, wie jede andere Art von generischer Tanzmusik, sehr populär bei jungen Europäern, die sich ausschließlich in preisgünstigen Sportsachen kleiden. 150-160 BPM, four-to-the-floor-Beats und kitschige 90er Synthies. Ab und zu rappt ein russischer MC etwas auf Kyrillisch, es graust mir aber davor, es in den Google Translator einzugeben.

Großgemacht von heimischen Produzenten wie DJ Snat, Sonic Mine und XS Project, wurde das Label Jutonish zum Schlaraffenland für deine Hard Bass-Nöte. Allen Berichten nach hat es Hard Bass innerhalb der darauf folgenden Jahre nicht aus Sankt Petersburg heraus geschafft, und selbst Moskauer schienen lieber dem Sound von rostenden Sowjetischen Maschinerien zuzuhören, statt den Sound aus St. Peter zu feiern, aber irgendwann schaffte es die Profanität von Hard Bass dann doch sich in das internationale Bewusstsein zu schrauben. Seitdem ist die Geschichte ein einziger Siegeszug.

Die Tatsache, dass du Hard Bass bei einer Gabba-Nacht in Holland spielen kannst, bedeutet, dass es reichlich Fremdbestäubung zwischen den Szenen gab, da europäische DJs mittlerweile Hard Bass in Russland spielen und andersrum. So wurde Dr. Poky, DAS Gesicht von Sound Makers Records zum Hard Bass-Messias, und predigte die Pump Bass Gospeln durch eine Facebook Medienkampagne. Geboren in Russlands östlichen Steppen, zog Dr. Poky zuerst nach Madrid, wo er sich einen Namen als DJ in der lokalen „Poky“-Szene machte, bevor er schließlich nach Frankreich siedelte. Auf einem schicksalhaften Trip nach Russland entdeckte er die berüchtigten „Pumpdancer“.

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„Als ich 2009 in Russland aufgelegt habe, sah ich im Internet ein Video von zwei oder drei Typen, die auf der Straße zu Hard Bass als eine Art Witz tanzten“, erzählte mir Dr. Poky über Skype, „sie haben das Video ins Internet gestellt mit einem Programm namens VKontakte“. Wenn ihr euch nicht so mit der russischen Social Media-Landschaft auskennt: VKontakte ist Russlands Antwort auf Facebook, mit 195 Millionen Profilen, hauptsächlich in Russland, Weißrussland, Ukraine, Moldawien und Kasachstan. Hard Bass hatte damit ein Publikum, und wie wir mit Gangnam Style und Harlem Shake gesehen haben, kann jeder mit genug billigen Lachern und einem viralen Video eine schmutzige Marke auf den global verbundenen Lenden der modernen Popkultur hinterlassen.

Um 2010 herum tauchten immer mehr Nachahmer-Videos quer durch Russland, die Ukraine und Weißrussland auf. Die Typen, und es sind auch fast ausschließlich Typen, pumpdancten in Klassenräumen, Shopping-Centern, öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Fußballplätzen und sogar vor dem Gebäude der Nationaloper und des Nationalballetts von Weißrussland in Minsk. Mal war es nur eine kleine Gruppe von drei bis vier Leuten, mal mehrere Dutzend. Das Ziel ist dabei aber immer, so viel Leute wie möglich zum Pumpdancen zu bewegen und das an möglichst innovativen Orten, andenen vorher noch keine Gruppe war—oder einfach da, wo man Passantenam Meisten belästigt. Wenn die Aktion dabei nicht auf Video aufgenommen wurde, ist sie nie geschehen.

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Falls du Probleme hast, dir das Pumpdancen vor Augen zu führen, dann lass es mir dir kurz erklären. Stell dir einfach eine Gruppe von nach vorne gebeugten Typen vor, die beim örtlichen Weinfest die Weinreben zerstampfen—nur ohne Weinfest und ohne Weinreben. Die Arme beugen sich an den Ellenbogen, die Hände formen Strand-Gesten à la „Hang Loose" und die Unterarme werden gelegentlich wild um sich geschlagen. Das ist Pumpdancen.

Die ganze Sache systematisierte sich relativ schnell. Beim Pumpdancen ging es ab sofort um die stolze Repräsentation der Herkunft, so dass die meisten Filme an den Wahrzeichen und Denkmälern der Länder und Städte, wie sie in den Reiseführern stehen, entstanden: „Es geht darum, die Stadt zu zeigen, aus der du kommst, die Hauptattraktionen, dass alles true ist. Das ist meine Stadt und ich liebe sie—wir tanzen hier zu Hard Bass", erklärt Dr. Poky.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist die übertriebene Darstellung von männlicher Härte und Aggression. Durch die billigen Trainingsanzüge, in
denen sich die Typen kleiden, erinnert das sofort an Kampfszenen aus Hooligan-Filmen, wie The Football Factory. In einem ukrainischen Video treffen sich zwei Gruppen von vermummten Jugendlichen in einem Fußgängertunnel und brüllen so laut mit ihren erhobenen Händen, dass man denken könnte, irgendwo müssten sich doch diese 22 vollkommen überbezahlten „Sportler" finden, die dem Ball hinterher rennen. Nach einer kurzen Pause stürmen die zwei Gruppen wie bei einer Wall of Death auf einem Agnostic Front-Konzert aufeinander zu, um anschließend in ihre Tanzkrämpfe zu verfallen. Es war wie eine musikalische Adaption der Londoner Vorortkrawalle von 2011, komponiert von der Blackout Crew.

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Um bei der Wahrheit zu bleiben, muss man dazu sagen, dass das nicht besonders spezifisch Hard Bass ist. Eine der größten Gabba-Hymnen ist „Rotterdam Hooligan" vom Rotterdam Terror Corps, die die inbrünstigen Fangesänge von Feyenoord-Anhängern sampelten. Über die Popularität des Hard Bass sinnierend, erklärt Dr. Poky folgendes in Bezug auf die Hooligans: „Es ist einfach für sie, einen Haufen Leute zusammenzukriegen und ein Video zu machen. So können sie ganz leicht und ohne viel finanziellen Aufwand zeigen, was für harte Typen sie sind". Ich bin zwar ziemlich sicher, dass das Tanzen seit den Jets und den Sharks aus der West Side Story nicht mehr genutzt wurde, um jemanden einzuschüchtern, aber, okay, das ist ihre Sache.

Irgendwann später im Jahr 2010 schlüpfte Hard Bass unter dem digitalen Eisernen Vorhang durch, es erschienen Videos auf Internetplattformen wie YouTube und das Pumpdancen fand so seinen Weg in das kollektive globale Bewusstsein. Im Verlauf des folgenden Jahres sprossen Hard Bass-Crews in der Slowakei, Serbien, Litauen und Tschechien aus dem Boden. In Belgrad fand ein Happening von ca. 200 vorpubertären Jungs statt, während andere Mass Attacks in Frankreich, Spanien und sogar Chile ihre Nachahmer fanden.

Diese Mass Attacks fanden vermehrt vor den Regierungsgebäuden der jeweiligen Staaten statt. Für den ungeübten Beobachter mag das wie eine politische Protestkundgebung per tollpatschigem Line Dance ausgesehen haben. Wollten sie damit den Politikern gegenüber etwas ausdrücken? Dr. Poky klärt auf: „Manche Leute machen die Videos einfach, weil sie Hard Bass lieben und das mit der Welt teilen wollen, während andere eher politische Beweggründe haben. In Chile tanzen sie auf den Straßen, um gegen die Einsparungen der Regierung im Bildungssektor zu protestieren. In Serbien richten sich manche Videos gegen die Missstände im Kosovo.“

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Die erste Crew, die Hard Bass explizit als politische Plattform genutzt hat, war die russischen Crew „Hard Bass School“, die sich selbst als eine Art Ostblock Minor Threat gesehen haben. Wie Dr. Poky es schon ausführlich darlegt: „Es gibt ein Video im Internet, da siehst du einenTypen, der Stoff raucht. Dann kommt ein anderer und sagt zu ihm: ,Warum verschwendest du dein Geld für Zigaretten und Drogen? Du solltest ein Hard Bass School-Shirt tragen und zu Hard Bass tanzen!‘“ Na klar, lasst uns auf T-Shirts high werden.

Die belgische Jeune Nation, der Hitlerjugend-artige Jungflügel der frankophoben Nationalbewegung, missbrauchen Hard Bass für ihren Kampf gegen den Islam. Während die Halal-Vorschriften immer üblicher in Supermärkten und Schulkantinen rund um Charleroi wurden, nahmen sie im letzten April kurzerhand die Straßen ein und trugen Schweinemasken initiierten eine Mass Attack, um ihr Recht auf Schweinefleisch zu verteidigen. In Tschechien sind anti-autoritäre Hard Bass Crews überzeugt, dass die wirtschaftliche Krise den Beginn einer gegenkulturellen Revolution einläutet. Wie Mord erklärt: „Die Gesellschaft ist gerade am Kippen. Die heutige finanzielle Krise ist nicht nur ein ökonomisches Problem; es ist eine Kulturkrise. Wir glauben, dass diese Krise eine sehr bedeutende ist und dass ein großer sozialer Umbruch und eine Revolution bevorsteht. Wir wollen dazu beitragen“.

Okay, aber ist Pumpdancing nicht ein bisschen vage, um ein Statement zu setzen? Warum machst du nicht ein paar Banner und rufst ein paar Parolen, wie jeder andere auch? Crewmitglied Mord sagt „Das ist nur eine vom System genehmigte Form von Verhalten. Wie willst du gegen ein System protestieren, wenn du weiterhin sein Spiel mitspielst? Wie willst du die Regeln ändern, wenn du dich nach den Regeln verhältst? Guck dir die Occupy Wall Street-Bewegung an. Wo sind sie jetzt? Was haben sie wirklich erreicht?“

Aber wie genau ist das rhythmische Simulieren vom Traubenstampfen eine bessere revolutionäre Taktik als ziviler Ungehorsam? „Denk doch mal an die symbolische Kraft! Gruppen von maskierten Menschen machen Lärm und tanzen dort, wo sie nicht sollten. Das ist zehn Mal unverschämter, als wenn Sprüche skandierende Leute mit Bannern, marschieren! Wir provozieren Leute, damit sie ein bisschen mehr darüber nachdenken, was sie um sich herum sehen—die Menschen sind desensibilisiert für protestierende Menschenmengen, aber jeder reagiert auf Hard Bass.“ Nenad aus Serbiens Hard Bass Crew gibt eine besonnenere Antwort: „Für uns ist es eine Form des Sozialisierens und der Unterhaltung und wir können dadurch unsere Meinung ausdrücken. Wir werden nichts ändern, wir werden unsere Stellung beibehalten.“

Und ich schätze darum geht es bei Hard Bass—es sind einfach nur Kids, die ihrem hormonellen Schutzhandschuh der Pubertät soweit wie möglich entfliehen wollen, sodass es ihnen irgendeine Art von Sinn und Zugehörigkeit verschafft. Wenn eine Prager Hard Bass-Crew zusammen Müll aufsammeln geht, dann glaube ich nicht, dass sie sich wirklich um die Umwelt kümmern, sie wollen wahrscheinlich einfach mit ihren Freunden abhängen. Weil, das ist nun mal so, Pubertät nervt und nicht jeder wird Abschlussballkönigin—warum sollte man also nicht mit Hard Bass sündigen?

Folgt Aleks auf Twitter: @slandr