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Interviews

Mit ‚Kannon’ ziehen SUNN O))) den Vorhang zurück

Stephen O’Malley und Greg Anderson reden über die kathartischen Eigenschaften, die Musik in dunklen Zeiten entfalten kann, und die Kraft des allmächtigen Riffs.

von Ben Handelman
29 Dezember 2015, 9:00am

Vor Kurzem haben Sunn O))) Kannon veröffentlicht—ihr erstes Album in sechs Jahren. Die reduzierte Struktur und unmittelbare Energie des neuen Werkes zeigt eine Abkehr vom Vorgänger Monoliths & Dimensions an, der vor allem komplex und herausfordernd war. Mit seinem Titel und der ästhetischen Ausrichtung an der buddhistischen Charakterisierung der Gottheit Kannon bzw. Guanyin handelt das Album thematisch von Gnade und Erlösung vom Leiden. Angesichts der Ereignisse, die sich nur kurze Zeit vor der Veröffentlichung in Paris ereignet haben, wo auch Sunn O)))-Mitglied Stephen O’Malley seit einiger Zeit lebt, erscheint diese Thematik aktueller denn je.

Ich habe Stephen in Paris und Greg Anderson in Los Angeles angerufen, um über die kathartischen Eigenschaften von Musik in dunklen Zeiten, die Stärke spiritueller Bilder und die Kraft des allmächtigen Riffs zu sprechen.

Noisey: Wie ist es gerade in Paris?
Stephen O’Malley: Es gibt eine Menge Sirenen und eine Menge Polizei. Ich schätze, dass es hier momentan recht sicher ist. Gestern waren die Regionalwahlen und der Front National ist auf dem Durchmarsch. Das ist nicht gut. Ich frage mich, was wohl jetzt in den Staaten passiert. Momentan befinden sich dort eine Menge Idioten mitten im Wahlkampf. Es ist ziemlich erschreckend, wie Menschen auf solche Dinge reagieren.

Wir sind offensichtlich ziemlich reaktionär. Zeitlich fühlt sich das alles schon fast beängstigend passend an. Eines der großen Konzepte, das ihr mit Kannon in die Welt transportiert habt, ist die Charakterisierung von Kannon als die Gottheit, die die Schreie der Leidenden wahrnimmt. Soll dieses Album Trost spenden oder ist es eher die Verkörperung des Leidens selbst?
SOM: Der Kontext ist heute ein ganz anderer als damals, als wir uns das Konzept überlegt haben. Es ist bloß Musik. Es ist jetzt das erste Mal, dass etwas von uns so sehr ins aktuelle Weltgeschehen passt. Die Idee hinter dem Album ist, sich gegenüber den Möglichkeiten und der Wahrnehmung von dem, was Musik ist, zu öffnen. Das Spektrum umfasst vor allem intensive und allumfassende ... es umfasst vor allem schwere Musik. Wir sehen dieses Spektrum aber als weitgefächert und offen für eine Menge möglicher Eindrücke: Ekstase, Glück—solche Gefühle gehören auch dazu. Irgendwas passiert mit uns, wenn wir diese Art von Musik spielen. „Geborgenheit“ ist jetzt nicht unbedingt ein Wort, das ich gerne verwende. Es erinnert mich daran, ein Kind zu sein. Der kathartische Ansatz dieses Konzepts und die wirkungsmächtige Immersion unserer Musik ist etwas, das wir durch diese Idee präsentieren wollten.

Das Wochenende nach dem 13. November spielten wir beim Le Guess Who Festival in Holland. Die Veranstalter hatten uns eingeladen, einen Teil des Programms zusammenzustellen. Während des Festivals gab es sechs Konzerte, die wir organisiert hatten. Als ich dort war, sah ich viele Menschen aus Frankreich. Die Ereignisse in Paris hatten mich ziemlich schockiert zurückgelassen und ich dachte mir einfach: „Verdammt, das ist einer der Gründe, warum Musik so großartig ist.“ Es fühlte sich wie Medizin oder Kraftnahrung an. Ich will hier nicht besonders mystisch rüberkommen oder so, aber das ist der Grund, warum wir es lieben.


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Greg Anderson: Ich liebe es, eine kathartische Reaktion aus dem Publikum zu bekommen. Es war insgesamt etwas Besonderes, Musik an diesem Wochenende zu spielen. Es war einer dieser Momente, in denen du intuitiv weißt, dass alle von genau dem gleichen erdrückenden Gedanken geplagt werden—es liegt in der Luft. Alle Auftritte, die ich in dieser Woche gesehen habe, hatten eine Intensität an sich, die förmlich greifbar war.

Ich kam am frühen Morgen in Holland an, habe ein langes Nickerchen gehalten und bin dann direkt los, um mir Om und Bölzer anzugucken. Ich steh da also mit Jetlag und gerade erst aufgewacht und die erste Unterhaltung, die ich führe, ist mit diesem Typen aus Paris, der zwar selber nicht bei der Eagles of Death Metal Show gewesen war, aber dafür viele seiner Freunde. Die Unterhaltung hatte es wirklich in sich. Es war sehr wichtig für ihn gewesen, zu dieser Show zu kommen, obwohl er gerade elf Freunde verloren hatte; es war wichtig für ihn, zu diesem Festival zu kommen, Konzerte zu sehen und etwas Spaß zu haben. Ich weiß nicht, wie ich persönlich in so einer Situation reagieren würde. Kurz nach der Geschichte gab es ein paar Shows in L.A. zu denen ich eigentlich gehen wollte, aber dann letztendlich nicht gegangen bin. Ich fühlte mich einfach nicht danach, an so einen Ort zu gehen. Es war also wirklich beeindruckend zu sehen, dass andere Menschen anders damit umgehen.

Unser neues Album war gerade draußen—oder kurz davor rauszukommen. Wir hatten einen Teil des Festivals kuratiert und dazu noch direkt vor unserem Auftritt zusammen mit Magma auf der gleichen Bühne gespielt. Außerdem war Attila nicht dabei. Er war bei den allermeisten Auftritten in den letzten sechs Jahren als Sänger dabei gewesen und hier spielten wir quasi eine Record-Release-Show. Bei der Entstehung von Kannon hatte er eine große Rolle gespielt. Dazu traten wir mit zwei Leuten auf, mit denen wir noch nie zuvor aufgetreten waren. Es gab also eine ganze Reihe von Dingen, die das Konzert ziemlich einzigartig für uns machten—und wir waren entsprechend nervös. Die Reaktionen von und die Verbindung mit dem Publikum war allerdings unglaublich stark und machte diesen Auftritt sehr besonders.

Der Titel von Kannon zielt auch auf eine spirituelle Ebene ab. Ihr habt bislang noch nicht so viel religiösen Kontext in den Diskurs früherer Sunn O))) Veröffentlichungen gebracht. Ist das etwas, das sich langsam in euer Leben schleicht?
GA: Nein, überhaupt nicht. Es gibt keine bestimmte religiöse Philosophie hinter der wir stehen. Es soll mehr eine Analogie sein oder ein starkes ikonographisches Bild, das die Musik ergänzt. Wir wollen damit jetzt nichts predigen oder irgendein Statement abliefern. Ich bin kein besonders religiöser Mensch. Ich bin so nicht erzogen worden und ich fühle mich Religionen gegenüber auch nicht verbunden, andererseits habe ich aber auch kein großes Problem mit ihnen. Die Ästhetik hat aber schon immer einen gewissen Reiz auf mich ausgeübt. Der ganze Aspekt mit der absoluten Hingabe und der Verpflichtung zu etwas ist ebenfalls sehr interessant. Egal, ob es sich jetzt um einen Kult oder eine Bewegung handelt, finde ich die Intensität, mit der Menschen an so etwas herangehen, sehr spannend. Wir sind selber ziemlich intensive Individuen und haben sehr starke Gefühle zu bestimmten Sachen—vor allem Musik. Es beinhaltet dieses Element, dass Menschen sich absolut einer Sache hingeben und dieser dann folgen. Ich habe mich auch lange sehr für unterschiedliche Kulte und Sekten interessiert. Für Sunn O))), und bis zu einem gewissen Grad auch für das Label, ist es gerade diese absolute Hingabe, die so intensiv ist und einige Prallelen zu solchen Religionen und Ideologien aufweist.

Southern Lord ist quasi zu einer eigenständigen Marke geworden und euer Album feierte seine Premiere auf der Webseite des Rolling Stone—ohne dieses Ausmaß an Hingabe wäre es wahrscheinlich nie so weit gekommen, oder?
GA: Das ist es, was uns meiner Meinung nach als Band und Label von anderen unterscheidet. Ich will damit nicht sagen, dass wir besser sind, aber momentan gibt es eine Menge Musik und Bands und Labels da draußen, nur leider kann wenig davon mit irgendwelcher Tiefe aufwarten. Es gibt wirklich eine Menge toller Sachen da draußen. Ich entdecke und lerne Neues über mehr Musik als in den Neunzigern. Viele Bands gibt es ja immer noch. Es gibt heutzutage einfach viel mehr davon, also brauch man eine Menge Geduld, um diese zu finden. Viele Menschen haben die nicht, was ich auch verstehe. Was Southern Lord oder Sunn O))) angeht, würde ich sagen, dass wir versuchen ehrlich zu sein, oder dass das, was wir veröffentlichen, ehrlich und wahrhaftig ist. Ich glaube, dass das auch einer der Gründe ist, warum die Menschen so viel mit dem anfangen können, was wir tun.

Manchmal ist es leichter, wenn nur eine neue Sache die eigene Peripherie durchdringt, aber wenn es dann Klick macht, dann kann es noch immer diese Magie entfalten. Du hast darüber gesprochen, dass Pioniere des extremen Metals wie Darkthrone und Bathory bei diesem Album eine bestimmte Rolle spielen—sowohl, was die Abwechslung angeht, als auch diese Rückkehr zur alten Form.
Das war ursprünglich etwas, mit der Stephen angekommen ist. Die Sache mit Darkthrone und Bathory ist die, dass man sich auf jedes neue Album gefreut hat, weil es immer ein wenig anders war als das davor. Mit Sunn O))) haben wir auch immer versucht, die Alben irgendwie anders zu machen als die vorherigen.

Diese Rückkehr zu einer direkteren und komprimierteren Form nach Monoliths & Dimensions scheint einige Parallelen zu einem früheren Kontrast in eurem Backkatalog aufzuweisen, nämlich zwischen ØØ Void und White One.
GA: White One war ein sehr wichtiges Album für uns. Wir hatten davor ØØ Void und The Grimmrobe Demos gemacht, die beide in vielerlei Hinsicht sehr ähnliche Alben waren. Für uns war es wichtig, nicht redundant zu werden und uns zu wiederholen. Mit White One sind wir dann ziemlich stark vom ursprünglichen Kurs abgewichen. Wir entschieden uns dafür, in die Vollen zu gehen und das Ganze etwas bizarrer anzugehen. Ich bin wirklich froh, dass wir das gemacht haben, weil es uns neue Türen öffnete und letztendlich ermöglicht hat dahinzukommen, wo wir jetzt sind. Das klingt vielleicht etwas übertrieben, aber im Endeffekt verschafften wir uns durch das Album die Erlaubnis, so etwas zu tun. Damals befanden wir uns noch mit der Band in einem frühen Stadium und wussten nicht genau, wohin wir damit gehen wollten. Die Überlegung dahinter war in etwa: „Können wir etwas tun, was fernab des Metalgenres liegt, und wird es trotzdem heavy sein?“ Wir waren wirklich darum besorgt, dass es noch heavy ist—aber man kann auf verschiedene Arten heavy sein. In gewisser Weise hat es uns ermöglicht, dahin zu kommen, wo wir jetzt sind—zu experimentieren und davor keine Angst zu haben. Das ist in etwa auch der Fall mit diesem Album und mit denen davor: „Lasst uns versuchen, auf eine andere Art heavy zu sein.“ Eine Menge davon ist dem Einsatz von Dynamiken geschuldet und einer anderen Instrumentation als auf Monoliths & Dimensions. Ruhige Passagen zu spielen, finden wir aber auch unglaublich spannend. Abwechselnd mit ruhigen und lauten Passagen zu arbeiten, kann schon viel dazu beitragen, heavy zu klingen.

Bei Sunn O))) hat es immer schon einen gewissen Sinn für Weiterentwicklung gegeben—egal, ob in einem bestimmten Song oder der Richtung der Band als Ganzes. Spannung und Bewegung sind immer vorhanden.
SOM: Man muss sich um diese Dinge kümmern und sie am Laufen halten. Ich habe tatsächlich diese Paranoia, dass das irgendwann einfach alles verschwinden wird. Bislang ist aber alles gut gegangen. Tatsächlich bewegt es sich sogar in genau die entgegengesetzte Richtung, was mich auch immer wieder umhaut. Bei Sunn O))) gehört das auch zum Konzept, weil es immer schon dieses DIY-Projekt von Greg und mir ist. Wir spielen Gitarre und wir nehmen die Alben zusammen auf, dann kümmern wir uns noch um das Layout, die Verpackung und die Distribution. Gregs Label produziert die physischen Kopien und kümmert sich um das Drumherum. Ich manage ein paar andere Dinge für die Band. Ich glaube, jeder kommt mal an den Punkt, wo man sich denkt: „Gebe ich der finanziell lukrativeren Seite mehr nach?“ Es gibt diesen schmalen Grad der Verlockungen, auf dem sich jeder Musiker widerfindet, sobald er etwas bekannter wird. Es ist wie in jedem anderen Job. Man will es gut machen und dafür auch entlohnt werden, schlechter wird die Arbeit dadurch aber nicht. Man muss verdammt viele E-Mails schreiben, so viel steht fest.

GA: Es gab jetzt keinen analytischen Prozess in der Art von: „Wie wird das jetzt werden?“ Monoliths & Dimensions war ein Konzeptalbum, für das wir viel Zeit gebraucht haben. Da haben wir viel analysiert und nachgedacht—etwas, was wir zuvor noch nie wirklich gemacht hatten. Mit Kannon sind wir dann wieder mehr dazu übergegangen, das ganze nicht zu verkopft anzugehen. Das Material von Kannon bedeutet uns wirklich viel. Von der Länge der Tracks ausgehend und der Art, wie das Album beginnt und endet, mag es vielleicht für Menschen, die mit dem, was wir machen, nicht so vertraut sind, etwas leichter zu verdauen sein. Es ist jetzt aber nicht so, als hätten wir versucht, ein Album zu machen, das den Hörer weniger herausfordert. Ich denke aber schon, dass Monoliths & Dimensions ein extrem reichhaltiges Album ist. Für manche Menschen kann das durchaus es etwas erschlagend sein. Mit Kannon kann man sie, weil es verhältnismäßig direkt ist, an die Hand nehmen und leichter an die Sache heranführen. Für die Uneingeweihten mag es dann mehr Sinn ergeben. Für die Die-Hard-Fans passiert aber immer noch eine ganze Menge. Es geht viel schneller ans Eingemachte. Es gibt keinen langen Aufbau. Das Riff ist sofort da. Für mich ist das auch eine Reflektion über die Liveshows, die wir in den letzten sechs Jahren zusammen mit Attila gemacht haben.

Das ist auch so ein traditionelles Punk- oder Metalding zu sagen: „Hier ist es. Es ist, was es ist“, auch wenn dahinter eine Menge Feinheiten versteckt sein mögen.
GA: Stimmt. Die Nuancen sind definitiv vorhanden, aber sie sind wirklich ein Teil des Mixes und unserer Entscheidung darüber, woran wir arbeiten wollten. Namentlich waren das „das Eingemachte“, das Riff und die konzentrierte Kraft von Attila, Stephen und mir. Auf Monoliths & Dimensions gibt es dagegen Songs wie „Alice“, die diesen ausladenden Aufbau haben, der etwas Zeit braucht, um sich wirklich zu entfalten. Auf Kannon gibt es keinen Vorhang, der erst langsam zurückgezogen werden muss. Der Vorhang ist schon weg und dir bleibt nichts anderes, als dich damit auseinanderzusetzen.

Ben mag es grim und hopfig. Folgt ihm bei Twitter–@blackemtalbrews

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