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P. Diddy und der Fluch, der auf Bad Boy Records liegt

Diddy hat mit Bad Boy Records ein wahres Imperium geschaffen und unzählige Legenden unter Vertrag genommen. Davon haben aber nur wenige eine erfolgreiche Karriere gehabt.
28 Mai 2014, 10:30am

Letzte Woche hat die Howard University Puff Daddy den Ehrendoktor verliehen, obwohl er nicht mal die Klausuren geschrieben hat, die man braucht, um an ein solches Diplom heranzukommen. Während der Zeremonie trug Diddy einen Talar und verkündetet mit nostalgischer Miene: „Es ist so schön, zu Hause zu sein“, obwohl er in den 90ern bereits nach zwei Jahren sein Studium geschmissen hatte. Sein triumphierendes Lächeln sah fast schon krankhaft aus, was mich daran erinnerte, wie Puff Daddy und sein bösartiger Zwillingsbruder es immer wieder geschafft hatten, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wenn es mal darauf ankam. Das ist euch bestimmt alles scheißegal, aber diese Maskerade spiegelt die vielen paradoxen Dinge wieder, die Diddy umgeben: Er wird ununterbrochen von allen Seiten gefeiert, auch wenn er die Dinge nicht zu Ende bringt.

Ich gebe zu, dass man ein verbittertes Arschloch sein muss, wenn man Diddy nicht mag, aber darum geht es hier nicht. Es geht darum herauszufinden, ob Diddy tatsächlich dieser Rap-Baron ist, für den er sich hält. Seine extravaganten Harlem-Hustler-Allüren sind ein Zeichen dafür, dass er weiß, wo er herkommt. Das macht seine Existenz höchst politisch und ihn automatisch schon zu einer Legende. Und obwohl Diddy mittlerweile schon so etwas wie der neue große Gatsby ist, schafft auch der ganze Reichtum nicht, die Schattenseiten des Business zu verdecken: die Schöpfung und das darauffolgende Chaos. Klar, Diddy hat wie Gatsby nicht nur ein Imperium, sondern auch eine Hit-Fabrik geschaffen, dennoch nahmen die Karrieren der Leute, die ihn über die Jahre auf seinem Weg begleitet hatten, ein böses Ende. Wäre unsere Galaxie ein Haufen zwielichtiger Geschichten und Stress, dann wäre Diddy zweifelsohne die Sonne.

Jap, Bad Boy Records, Sean Combs größtes Meisterwerk, ist ein verfickter Friedhof, ein ruinierter Palast, eine grausame Höhle unzähliger Platinscheiben, in der man die Schreie der vielen gebrochenen Seelen förmlich hören kann. Death Row und Bad Boy hätten besser zusammenhalten sollen.

Craig Mack

Falls ihr die letzten Jahrzehnte nicht in irgendeiner Höhle verbracht und euch ein bisschen mit Rapmusik auseinandergesetzt haben solltet, dann wird euch der Song „Flava In Your Ear (Remix)“ ein Begriff sein, denn es war einer der ersten Songs, den Bad Boy Records damals veröffentlicht hat. Diddy hatte die geniale Idee, die besten Rapper im Game auf dem Song von Craig Mack zu vereinen: LL Cool J, Busta Rhymes, Rampage und Biggie Smalls. Ein fataler Fehler, denn dieser Song war ein Karriere-Killer für Craig Mack. Am Ende seiner Strophe beschwört dieser sogar das Ende seiner eigenen Karriere herauf: „You won’t be around next year / My rap’s too severe kicking mad flava in ya ear“. Und tatsächlich geriet Craig Mack ziemlich schnell wieder in Vergessenheit. Ich dachte immer, er sei Börsenmakler geworden, doch anscheinend ist es noch viel schlimmer. Vor zwei Jahren soll er einem Kult aus South Carolina beigetreten sein, der von einem Hinterwäldler angeführt werden soll, der bereits wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde.

Dieses Video zeigt Craig Macks Einführung in den Kult. Man erkennt sofort seine tiefe Stimme—das jagt einem wirklich Angst ein.

Shyne

Shynes Geschichte ist bei weitem die schlimmste. Wegen seiner tiefen, brummigen Stimme, die manchmal an Biggie erinnert, erkennt Diddy in Shyne eine Möglichkeit, sich wieder ein bisschen Street-Credibility zu verschaffen. Alles scheint perfekt zu sein und Shyne steht eine vielversprechende Karriere bevor. Doch am 27. Dezember 1999 sollte sich im Manhatten Club in New York alles ändern. Puff und seine damalige Freundin Jennifer Lopez waren zusammen mit Shyne und dessen Freundin in einem Club, in dem es zu einer Schießerei kam, die angeblich gegen Diddy gerichtet war. Shyne hatte daraufhin drei Luftschüsse abgegeben. Fazit: drei Verletzte und ein Toter. Um gegenüber Diddy seine Loyalität zu beweisen, entschloss Shyne sich, alles auf seine Kappe zu nehmen, Diddy zu beschützen, in der falschen Hoffnung, dass der Dämon namens Diddy das Gleiche tun würde. Aber nein, Diddy hat das komplette Gegenteil gemacht. Er distanzierte sich komplett von Shyne: Er untersützte ihn weder bei den Anwaltskosten, noch in sonst irgendeiner finanziellen Art und Weise, von seelischer Unterstützung brauchen wir erst gar nicht zu sprechen. Es wird sogar behauptet, Diddy habe Zeugen unter Druck gesetzt, damit diese ihre Aussagen verändern. Keiner weiß, was sich in diesem Club wirklich abgespielt hat, sicher ist aber, dass jemand es auf Diddy abgesehen hatte und Shyne versucht hat, ihn zu beschützen. Ergebins: neun Jahre Knast für den Rapper. Shyne, der arme, naive Kerl meinte es nur gut. Dabei hörte man kurz vor dem Millenium aus jeder vorbeifahrenden Karre seinen Song „Bad Boyz“, der bei Diddys Label veröffentlicht wurde. Shyne, geopfert auf dem grausamen Altar des Rap-Games.

Während er seine Haftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis absaß, fand Shyne spirituellen Frieden und konvertierte zum Judentum. Bei seiner Entlassung 2012 versöhnt er sich mit Diddy in Paris. Als ich von der Nachricht hörte, dachte ich ganz ehrlich, das sei ein riesiger Scherz. Vor allem nachdem ich gesehen habe, wie Cassie neben Shyne und seiner komischen Frisur posiert.

Letztes Jahr ist Shyne aber endlich zur Besinnung gekommen und hat ein paar Tweets rausgehauen, um uns daran zu erinnern, dass Diddy die Reinkarnation des absoluten Bösen ist.

Ma$e

Als ich noch jünger war, dachte ich ernsthaft, Ma$e sei der beste Rapper auf dem ganzen Planeten. Viele Leute empfanden eine Hassliebe für Ma$e, weil er völlig ungeniert mit Rap und Pop flirtete und das zu einer Zeit, wo Rap noch etwas für Typen mit Eiern war, den man damals keine Beachtung schenkte. Doch bevor Ma$e zum Hahn mit den goldenen Eiern von Bad Boy Records wurde und in Seidenanzüge herumtanzte, machte er zusammen mit Cam’Ron, Big L und vielen anderen in der Gruppe Children Of The Corn unter dem Namen Murda Mase genau diese Art Rap für Typen mit Eiern, dem man damals keine Beachtung schenkte. Im Jahre 1999 beschloss Ma$e aber, sich aus mysteriösen Gründen plötzlich aus dem Rapgeschäft zurückzuziehen, obwohl seine Songs jeden Sommer auf Platz eins der Billboard-Rap-Charts und den Hot 100 waren. Er verzog sich nach Atlanta um Theologie zu studieren und wurde Pastor Mason Betha.

Anmerkung: Jim Jones und Cam’Ron erzählten ihre Version von „Ma$es Flucht“ in einer Sendung der Radio-Moderatorin Angie Martinez auf Hot97. Ihnen zufolge habe Ma$e sich nach Atlanta verzogen, um sich vor einem gefährlichen Typen zu verstecken, dessen Frau er sich geangelt hatte. Und Ma$e habe Dipset auch ziemlich viel Geld geschuldet. Nach fünf Jahren Abwesenheit taucht Ma$e wieder auf und veröffentlichte 2004 Welcome Back, ein Album das krampfhaft versucht, die zwei Facetten von Ma$e zu vereinen, obwohl er bereits zum Mann Gottes geworden war. Ma$e, der, wie ihr wisst, eigentlich immer sehr durchdacht agierte, beschloss einen Vertrag bei G-Unit Records zu unterschreiben und wieder unter seinem Namen Murda Mase Musik zu machen, nachdem er 2006 mit der G-Unit-Crew auf Tour gegangen war. Das einzige Problem war, dass Diddy Ma$e damals auf zwei Millionen Dollar schätzte und 50 Cent sich weigerte, für Ma$e einen solchen Betrag zu zahlen. Am Ende ließ Diddy Ma$e aber nach 16 Jahren treuer Arbeit aus seinem Vertrag. Hier sollte man vielleicht auch noch erwähnen, dass Ma$e Diddys gesamtes Debütalbum No Way Out geschrieben hat.

Loon

Erinnert ihr euch an die legendären Songs „I Need A Girl“ Pt. 1 und Pt. 2? Da hat Loon noch Verse rausgehauen, die so krass waren, wie die von Ja Rule auf „Thug Lovin“. Tja, nachdem Loon 2009 zum Islam konvertierte, wurde er drei Jahre später wegen irgendeiner düsteren Drogengeschichte in Belgien verhaftet und zu 14 Jahren Knast verurteilt.

The Lox

The Lox wurden 1995 von Bad Boy Records unter Vertrag genommen. Nachdem sie hier und da auf ein paar Hits gefeaturet wurden, unter anderem auf „Honey“ von Mariah Carey und „It’s All About The Benjamins“, erschien endlich die lang ersehnte Hymne „Money, Power, Respect“, auf der auch Lil’ Kim und DMX zu hören waren. Nur leider schien Diddy nicht wirklich in die Gruppe investieren zu wollen. Also beschlossen The Lox, der Ruff Ryders-Crew beizutreten, doch Puffy wollte sie einfach nicht aus ihrem teuren Vertrag befreien. Dann taten Jadakiss und seine Gang genau das, was sie am besten können: Sie holten sich Hilfe von der Straße. Sie starteten eine Kampagne, überfluteten die New Yorker Straßen mit T-Shirts, auf denen „Free The Lox“ steht, und veröffentlichten sogar den Anti-Puff Daddy-Song „Blood Pressure“. Letztendlich schafften The Lox es, Diddy davon zu überzeugen, ihnen ihre kreative Freiheit wiederzugeben. Doch Puff, der Fuchs, schaffte es, sich auf dem Weg die gesamten Tantiemen von „Money, Power, Respect“ unter den Nagel zu reißen.

Auf die Frage, ob auf Bad Boy Records ein Fluch liegt, werde ich nicht antworten. Es ist unbestreitbar, dass Diddy ein Geschick dafür hat, zu erkennen, was ein Hit ist und was nicht. Aber wie sieht es mit Langfristigkeit aus? Egal ob es sich um Alben (French Montana) oder Karrieren (MGK, Red Café) handelt, Diddy scheint Schwierigkeiten zu haben, seine Künstler vernünftig zu promoten. Ich höre immer wieder Sätze wie „Es ist die Verantwortung des Künstlers, aus seiner Karriere etwas zu machen“, schon klar, Internet, schon klar, Selbstpromotion und so. In Ordnung, ein Künstler sollte ein Visionär sein, er sollte seine Kunst ausüben und sein Image pflegen, er sollte sich aber nicht um praktische Dinge kümmern müssen, das ist die Aufgabe des Labels. Wo wäre denn sonst der Sinn, bei einem Label einen Vertrag zu unterschreiben? Wenn die Künstler, die Diddy seit ein paar Jahren entdeckt, es nicht hinbekommen, erfolgreich zu bleiben, liegt es wahrscheinlich auch daran, dass ihnen an Talent fehlt. Und genau aus diesem Grund bedeutet es überhaupt nichts mehr, bei Bad Boy unter Vertrag zu sein. Diddy, der nur wegen seiner egoistischen Wünsche agiert (nennt mir ein Video seiner „Schützlinge“ , in dem er nicht auftaucht!) sieht in seinen Künstlern die Möglichkeit, seine Produkte zu plazieren, wie Ciroc (der Spirituose des Bösen) oder sein neues Mineralwasser AQUAhydrate. You want some water? Aaaaah. Und trotzdem lebt meine Liebe für Sean Combs weiter. Go figure.

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