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Wie Björk und Beyoncé das Bild der Frau mit gebrochenem Herzen im Pop zerstört haben

Wenn Frauen wütend sind, wird erwartet, dass sie sexy sind. Wenn Frauen verletzt sind, wird erwartet, dass sie würdevoll damit umgehen. Die neuen Alben von Beyoncé und Björk haben das verändert.

von Daisy Jones
09 Juni 2016, 9:26am

In Björks Video zu „Black Lake“ gibt es einen Moment, in dem es so aussieht, als würde sie von der Öffnung einer Höhle verschluckt. Wenn sie ihre Gliedmaßen im dunklen, tiefen Raum umher schleudert, fällt es schwer, ihre Klaustrophobie nicht zu teilen; ein Gefühl, das sowohl dich als auch sie nicht atmen lässt. Letztendlich entkommt sie, doch die totale Finsternis außerhalb erscheint ebenso überwältigend. Sie schlägt sich voller Frust auf die Brust, legt sich auf die Felsen und wartet darauf, dass die Sonne aufgeht, damit sie das Tageslicht erblicken kann.

Als ich im April Beyoncés audiovisuelles Meisterwerk Lemonade sah, überkam mich ein ähnliches Gefühl. Darin ist zu sehen, wie sie mit herabhängenden Gliedmaßen in einem Raum voll klarem Wasser schwimmt, ihre Augen leer, sodass sie fast leblos erscheint; dabei nimmt das Gefühl der Klaustrophobie mit jeder Sekunde, die sie unter Wasser verbringt, zu. Wie Björk entkommt auch sie letztendlich; das Wasser bricht zu ihren Füßen zusammen und ergießt sich draußen auf die Straße. Doch es fällt schwer, sich erleichtert zu fühlen; stattdessen fühlt sich die Szene manisch an, als würde direkt um die Ecke das Chaos auf sie warten.

Beyoncés Lemonade wurde für viele Errungenschaften gepriesen: Für die Art, mit der es die systematische Unterdrückung schwarzer Frauen behandelt, für die innovative Herangehensweise an Pop und für den Mut, die Privatheit zurückzugewinnen, die Beyoncé von den Boulevardmedien genommen wurde. Aber abgesehen von all diesen Qualitäten konnte ich, als ich es im April zum ersten Mal hörte, nicht anders, als es mit Björks Vulnicura in Verbindung zu bringen.

Die beiden Alben sind Bulldozer, die jede Erwartung zerstören, wie eine Musikerin mit gebrochenem Herzen auszusehen, zu klingen und sich zu verhalten hat. Sie haben nichts von der Unsicherheit, die die männliche Betrachtungsweise auferlegt. Sie weisen die Passivität, die von weiblichen Popstars erwartet wird, entschieden zurück und sie zerren den Zuhörer tretend und schreiend in schmerzhafter Detailliertheit durch die wahre Realität eines gebrochenen Herzens, offenbaren die wahre Brutalität von Trauer in all seiner rasenden, unmissverständlichen Pracht. Das ist nicht Bon Ivers For Emma, Forever Ago.

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Screenshot von MusicPlayOn aus dem Video „Lemonade" von Beyoncé

Beim Hören dieser Alben haben die meisten von uns wahrscheinlich die Isolation und das Chaos im Kontext ihres eigenen Lebens und ihren eigenen Beziehungen erkannt. Es ist das Gefühl, stundenlang damit zuzubringen, in einem dunklen Raum in ein durchnässtes Kissen zu weinen, nicht in der Lage, sich ein normales Leben vorzustellen, nachdem man eine besondere Person gedatet hat. Es ist die aufkommende Übelkeit, wenn du alle fünf Minuten auf dein Telefon schaust und es gleichzeitig zerschmettern und aufopfernd auf den Bildschirm starren willst. Es ist das ungebetene Knistern von Paranoia, nicht in der Lage, zwischen Intuition oder Irrationalität zu unterscheiden. „Are you cheating on me?“, fragt Beyoncé nachdem sie im Film zu Lemonade aus dem Wasser kommt, wobei ihre Stimme auf trügerische Weise sanft klingt. Es ist eine Frage, die viele von uns jemandem in unserem Leben gestellt haben.

Doch trotz der Universalität von Liebeskummer, war das Terrain, auf dem sich weibliche Popstars bewegen, historisch gesehen steinig. In Bezug auf Musik fühlte es sich immer an, als wären gebrochene Herzen grundsätzlich geschlechtsspezifisch. Künstlerinnen, die es wagen, ihre Emotionen freizusetzen, werden oft als „bekenntnishafte“ Singer-Songwriter bezeichnet, während ihre männlichen Gegenstücke als „Lyriker“ gesehen werden. „Bekenntnis ist, wenn jemand versucht, etwas von außen aus dir herauszuprügeln“, so Joni Mitchell, die mit Blue selbst ein essentielles Album über gebrochene Herzen veröffentlicht und ihre gesamte Karriere lang gegen das Label des „Bekenntnishaften“ angekämpft hat. „Du bist eingesperrt. Du bist gefangen. Sie versuchen, dich dazu zu bringen, etwas zuzugeben. Dich selbst zu erniedrigen und zu degradieren und dich in ein schlechtes Licht zu rücken.“

Es sind nicht nur Etikette, die Künstlerinnen traditionell anhaften, es sind auch Beschränkungen. Der Schmerz von Lemonade und Vulnicura ist laut, hässlich und schamlos, aber sie sind bahnbrechende Ausnahmen der Pop-Regeln—es ist kein Geheimnis, dass ein großer Teil der Gesellschaft Frauen, die diese Emotionen zeigen, als bedrohlich empfindet. Wenn Frauen wütend sind, dann wird von ihnen erwartet, dass sie gleichzeitig sexy sind, wie Taylor Swift auf Red. Wenn Frauen verletzt sind, dann sollen sie würdevoll damit umgehen, wie Adele auf 21. Und wenn Frauen deprimiert sind, dann sollen sie es mit äußerster Poesie sein, wie Amy Winehouse auf Back to Black.

Wenn Frauen etwas rauslassen, dann herrscht die Erwartung, dass sie es nach innen richten, gegen sich selbst, in einem Akt romantisierter Zerstörung, wie Lana Del Rey auf Ultraviolence. Wenn es nach außen zum Ausdruck gebracht wird, wird es als zu aggressiv angesehen, um als normal zu gelten. Sei dir sicher, wenn eine Frau Eminems The Marshall Mathers LP geschrieben hätte, wäre sie eher als „verstört“ abgetan worden, anstatt Awards verliehen zu bekommen, und wenn eine Frau einen von Drakes Tracks veröffentlicht hätte, dann kannst du dein Haus drauf verwetten, dass sie als „zu notgeil“ gegeißelt worden wäre.

Auch wenn es viele brillante Alben gibt, die davon abweichen—wie zum Beispiel Alanis Morrisettes Jagged Little Pill, auf dem sie die Texte mit absoluter Giftigkeit ausspuckt—werden diese oft mit Distanz betrachtet, weil Frauen beigebracht wird, dem männlichen Blick zu gefallen. Der Booker-Prize-Kritiker und Romanautor John Berger schrieb in Ways of Seeing: „Männer handeln und Frauen erscheinen. Männer schauen auf Frauen. Frauen sehen sich selbst dabei zu, wie auf sie geschaut wird. Das bestimmt nicht nur die meisten Beziehungen zwischen Männern und Frauen sondern auch die Beziehung von Frauen untereinander.“ Ein schneller Blick auf irgendeinen Text von Kanyes The Life of Pablo („I made that bitch famous“) zeigt, dass sich dieses erdrückende patriarchalische Konstrukt selbst 2016 noch allerbester Gesundheit erfreut und die Popkultur noch einen langen Weg vor sich hat, bevor sie diese langweilige Sicht abstreift.

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Screenshot von YouTube aus dem Video „Black Lake“ von Björk

Mit der ersten Zeile von Vulnicura—was sich als „Heilung für Wunden“ (Vulnus + Cura) übersetzen lässt—taucht Björk kopfüber in ihren persönlichen Abgrund ein, was durch ihre Weigerung, es leicht verdaulich zu gestalten, noch verstärkt wird. „Show me emotional respect, I have emotional needs, I wish to synchronize our feelings“, singt sie bei „Stonemilker“, wobei ihre Stimme über abklingende Violinenstreicher zittert, als würde sie ihre Worte unter fließenden Tränen ausspucken, während ihr (Ex-) Liebhaber an die Eingangstür haut. Nicht ein Mal erreicht der Track ein Crescendo, sondern treibt sich selbst voran, als wäre Björk in einem obsessiven Kreislauf gefangen und würde sich immer wieder durch die gleichen Gedanken quälen.

Als die Platte „Black Lake“ erreicht, den längsten Song des Albums, versinkt sie in Verzweiflung. „Our love was my womb, but our bond was broken, my shield is gone, my protection taken“—sie drückt auf perfekte Weise den eiskalten Schock aus, wenn jemand seine Sachen packt und dich für immer aus seinem Leben entfernt. Doch als die tiefen Streicher des Tracks anfangen, sich mit zitternden Electro-Klängen zu drängeln, lässt sie ihrer Qual freien Lauf: „You fear my limitless emotions, I am bored of your apocalyptic obsessions. Did I love you too much? Devotion bent me broken.” Da sie sich weigert, sich selbst angenehmer oder „weniger emotional“ zu machen, demonstriert sie gegen das altmodische Vorurteil der „hysterischen Frau“ und nimmt sich diesem an. Genau wie das Bild auf dem Cover des Albums zeigt Vulnicura eine Künstlerin, deren Herz weit geöffnet klafft und die kein Interesse daran hat, ihre Emotionen zu unterdrücken, um akzeptierte Normen zu bedienen.

In vielerlei Hinsicht ist dies ein Gefühl, das auch Lemonade bestimmt. Aber während Björk schon immer Grenzen verschoben hat, inklusive der Vorstellung des Mainstreams von Weiblichkeit, hat Beyoncé in der Vergangenheit hart daran gearbeitet, unantastbar zu erscheinen. Wie Kat George letztes Jahr bei Noisey erklärt hat: „Sie ist sexy, ohne sexuell zu sein. Sie ist eine Mutter, die ihrem Mann blind ergeben ist. Sie ist religiös und ihr öffentliches Bild tadellos.“ Deshalb war es sowohl erstaunlich als auch kraftvoll, zu sehen, wie sie all das oben genannte zurückgewiesen hat, um die überwältigende Hässlichkeit eines gebrochenen Herzens anzunehmen.

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Screenshot von MusicPlayOn aus dem Video „Lemonade" von Beyoncé

Nirgends wird dies deutlicher als bei „Hold Up“—einer Szene, die mittlerweile zu genüge in Memes verarbeitet wurde. Darin schreitet Beyoncé wie eine Göttin in einem sonnig-gelben Kleid daher und schwingt einen Baseballschläger, auf dem „Hot Sauce“ steht (eine Tränen in die Augen treibende Hommage an den vorherigen Track „Formation“, in dem sie uns sagt: „I got hot sauce in my bag“). Während sie vor den Augen schockierter Passanten ihren Schläger in eine Reihe Autofenster knallt, singt sie: „What’s worse, lookin’ jealous or crazy? Jealous or crazy? Or like being walked all over lately, walked all over lately, I’d rather be crazy.“ Ihre Worte zielen direkt auf die Sprache ab, die verwendet wird, um emotionale Frauen zu beschreiben. Das ist nicht die passive, einsame Trauer klassischer Beyoncé-Tracks wie „Listen“ oder „Halo“—das ist unmissverständliche Wut und Zerstörung: die Art, die sich durch die Beschränkungen knüppeln und das Gemetzel darunter loslassen will.

Das ist noch nicht das Ende. In „Don’t Hurt Yourself“ liefert sie ihre Worte mit einem heiseren Schrei ab. „Who the fuck do you think I am?”, rotzt sie, „You ain’t married to no average bitch boy, you can watch my fat ass twist boy, as I bounce to the next dick boy.“ Das ist nicht die Beyoncé, die fast drei Jahre lang kein Wort in der Öffentlichkeit gesagt hat. Sie pfeffert ihre Zeilen mit Schimpfwörtern und weigert sich, ihre Sexualität zu beschwichtigen. „I smell that fragrance on your Louie V boy“, fährt sie über die Drumschläge fort. „Just give my fat ass a big kiss boy, tonight I’m fucking up all your shit boy.“ Ihre Scheißegal-Attitüde scheint direkt mit ihrer Wut verbunden zu sein. Warum sollte sie die „perfekte“ Ehefrau sein, wenn ihr Ehemann weit davon entfernt ist, der „perfekte“ Ehemann zu sein? Warum sollte sie ihre Sexualität einschränken, wenn ihr Ehemann seine ausweitet? Im Prinzip zerstört sie die Vorstellung, dass eine Frau sich gezwungen sehen sollte, wie das „Good Girl“ Ungerechtigkeit leise zu akzeptieren.

Wenn man sich Lemonade anhört, fällt es schwer, seinen Blick nicht auf Jay-Z zu richten, der die logische Erklärung für Beyoncés perfekt vollzogenen Zorn zu sein scheint. Letztendlich haben wir alle das berüchtigte Fahrstuhl-Video gesehen, haben die Schlagzeilen gelesen und eine Beoyncé ohne Ring bei der Met Gala gesehen. Aber der Schmerz, der auf Lemonade eingefangen wird, erstreckt sich über mehr als die persönliche Sphäre und existiert tiefer als im Zusammenhang mit ihrem Ehemann. Er ist aufs Engste damit verknüpft, was es bedeutet, eine schwarze Frau in Amerika zu sein, sowie das soziale und kulturelle gebrochene Herz, was historisch Hand-in-Hand ging. Aus diesem Grund wird Beyoncés Wut als doppelt so kraftvoll gehuldigt. Ijeoma Oluo schrieb im Guardian: „Eine schwarze Frau, die ihre Wut zeigt, wird schnell verachtet. ‚Schwarze Männer müssen schon mit so viel fertig werden‘, sagen die Leute, ‚es ist euer Job, ihn zu unterstützen und ihm zu helfen, ein besserer Mann zu werden.‘ Diese Milde, die von uns erwartet wird, steht im ironischen Kontrast zur Stärke, die notwendig ist, um sich in dieser Welt als schwarze Frau zu bewegen.“ Diese Passivität zurückzuweisen, die von ihr erwartet wird, und sich ihrer eigenen Wut vollkommen anzunehmen, ist für Beyoncé nicht nur kraftvoll, weil sie eine Frau ist, sondern kraftvoll, weil sie eine schwarze Frau ist.

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Screenshot von MusicPlayOn aus dem Video „Lemonade" von Beyoncé

Björks Vulnicura ist keine Reaktion auf systematische ethnische Unterdrückung, aber es ist wichtig, zu erwähnen, dass sie als 50-jährige Frau mit ihrer Musik ebenfalls politische Kraft hat. Wir leben immer noch in einer Zeit, in der ältere Frauen „würdevoll“ sein oder sich „angemessen“ verhalten sollen. Vergessen wir nicht die öffentlichen Reaktionen auf Madonna, wenn sie sich auf der Bühne alles andere als leise verhält. Auf Vulnicura kümmert sich Björk überhaupt nicht um die altenfeindlichen Bilder und Erwartungen, die die Industrie wie Akne entstellen, und behauptet ihre Stimme dementsprechend. „My throat was stuffed, my mouth was sewn up, banned from making noise, I was not heard”, klagt sie in „Mouth Mantra“, als würde sie ein langes Schweigegelübde brechen. Die ganze Existenz von Vulnicura steht in direktem Kontrast zu der Vorstellung, dass jede Frau, ob jung oder alt, egal welcher Ethnie, sich irgendwie unsichtbar fühlen oder sein sollte.

Diese beiden Alben trennen vielleicht Welten, aber sie teilen auch etwas, was genau den gleichen Punkt trifft. Das Augenrollen verursachende Vorurteil der „hysterischen Frau“ erscheint vielleicht altmodisch, doch diese Ansicht hält sich immer noch wie schlechter Geruch. Alison Stevenson schrieb Anfang des Jahres für VICE: „Frauen wurden Jahrhunderte gezwungen, ihre Gefühle zu unterdrücken, um Männer zu besänftigen… sich der Sache anzunehmen, von der wir konditioniert wurden, sie zu fürchten, ist der erste Schritt. Hysterie zu akzeptieren, ist der einzige Weg, sie und jede neue Form, die sie annehmen mag, auszulöschen.“ Hysterisch zu sein, bedeutet einzigartig zu sein.

Björk und Beyoncé haben „sympathisches Auftreten“ vermieden, um ihre Gefühle zu einem vollkommen verwirklichten Kunstwerk zu machen, das alles niedertrampelt, von dem die Gesellschaft dir sagt, dass ein weiblicher Popstar es sein sollte. Keine der Künstlerinnen hat beschlossen, ihre Trauer zu beschönigen, ihre Sexualität zu verwässern oder ihren Wahnsinn abzuschwächen und für Frauen in der modernen Pop-Landschaft ist dies der radikalste Akt der Trotzhaltung.

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