Ich habe ein Zehn-Stunden-Set gespielt und dabei gelernt, worauf es beim Auflegen wirklich ankommt

Nach Sets im Berghain & Co hat sich Neu-Bunker-Resident Patrick Russell auf einen DJ-Marathon begeben.

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01 April 2016, 9:00am

Raver bei der The Bunker x Unter Party in New York | Alle Illustrationen wurden vor Ort von Howl gezeichnet

Der in Detroit aufgewachsene und nun in Brooklyn lebende DJ Patrick Russell ist der neuste Resident-Zugang der New Yorker Partyreihe „The Bunker“. Das ist durchaus eine große Sache, bedenkt man, dass diese Veranstaltungsreihe im Laufe ihres 13-jährigen Bestehens zu einer der wichtigsten Institutionen der New Yorker Technoszene geworden ist. Das Kernmitglied des Detroiter Labels und Kollektivs Interdimensional Transmissions hält somit Einzug in den renommierten Zirkel der Bunker-Gründer Bryan Kasenic, Derek Plaslaiko und Mike Servito. Um das gebührend zu feiern, hat er vor Kurzem eine Herausforderung in Angriff genommen, an die sich nur die erfahrensten (und blasenstärksten) DJs überhaupt heranwagen: ein Zehn-Stunden-Set.

Der Marathon-Auftritt—oder je nach Perspektive auch Initiationsritus—bildete den Abschluss einer 36-stündigen Party, die Bunker vor Kurzem mit den Kollegen der Reihe „Unter“ im New Yorker Market Hotel veranstaltete. Der Termin fiel außerdem mit der Veröffentlichung von Russels neuster EP zusammen, auf der er drei Tracks aus dem Bunker-Katalog geremixt hatte. Er war außerdem so freundlich, uns seine Gedanken darüber mitzuteilen, wie man so ein epochales DJ-Set angeht—und zwar vernünftig.

Patrick Russell: Es ist schon ziemlich klischeemäßig zu sagen, dass ein DJ-Set das Publikum auf eine Reise schicken soll. Eine Menge Menschen sagen das, aber ich würde sagen, dass es DJs gibt, die eher einen Malen-nach-Zahlen-Ansatz verfolgen—nur weil man ein paar House- und Techno-Platten auflegt, heißt das nicht, dass man den Dancefloor automatisch auf eine Reise schickt.

Ich erzähle gerne Geschichten, bewege mich im Laufe eines langen Zeitraums von einem Punkt zum anderen, verwende spannende Platten, die vielleicht schwer zu mixen sind, und entwickle diesen komischen Dialog mit der Crowd. Ich fordere mich dabei ziemlich intensiv heraus, und auch wenn das unglaublich anstrengend ist, ist es gleichzeitig zehnmal befriedigender. Natürlich könnte ich auch einfach die Top 10 der Beatport Techno-Charts runterspielen—die sind leicht zu mixen—, aber ich mag diese Herausforderung, wenn man ältere Platten und unterschiedliche Stile spielt. Manchmal klappt das unfassbar gut, manchmal nicht so.

Ich plane meine Sets eigentlich überhaupt nicht im Voraus. Ich stürze mich einfach hinein und spiele nach Gefühl, weil ich fast komplett auf den Vibe der Crowd angewiesen bin. Ich glaube, dass manche DJs zu kopflastig an die Sache herangehen und zu sehr darauf bedacht sind, die richtige BPM zu treffen. Selbst zu den Anfangstagen meiner DJ-Karriere—'93 und '94, als ich noch ziemlich kitschige Platten bei Hauspartys in kleinen Städten aufgelegt habe—war ich ziemlich gut darin, die Energie im Raum zu manipulieren. Aber ich habe unzählige Stunden mit Turntables aufgelegt, die noch nicht mal einen Pitch-Control hatten. Regelmäßiges Üben, vor allem wenn es nicht mit dem besten Equipment geschieht, macht einen nur besser.

„Du musst wissen, was die Crowd will, bevor sie es selber weiß.

Heutzutage übe ich nicht mehr so viel Zuhause. Ich habe einen bestimmten Punkt erreicht, an dem das Auflegen in mein motorisches Gedächtnis übergegangen ist und sehr instinktiv abläuft—man macht es beinahe reflexartig, halb im Schlaf. Ich kann jetzt einfach mit ein paar Tracks auftauchen, mich etwas einfühlen und ein ziemlich gutes Set abliefern. Das Timing ist das Stressigste an der ganzen Sache—du spielst Tracks, die im Schnitt vier Minuten lang sind, und legst sie für ein oder zwei Minuten übereinander. Das lässt dir dann etwa eine Minute, um aus 700 Tracks den nächsten rauszusuchen, das Tempo anzugleichen, ihn an die richtige Stelle zu bringen und abzuspielen.

Ein paar freundliche Bären auf der Tanzfläche

Vor der Bunker x Unter Party hatte ich noch nie ein zehn Stunden Set gespielt—acht Stunden waren bis dahin mein längstes Set bei einer Party gewesen. Das war im August 2014 bei einer Bunker Party im Trans Pecos gewesen. Zehn-Stunden-Sets erfordern wesentlich mehr Vorbereitung und Planung. Als ich letzten Monat ein dreistündiges Set im Berghain gespielt habe, habe ich mich natürlich auch sehr gut darauf vorbereitet.

Man legt dort zwischen zwei DJs auf, die jeweils harten Techno spielen—da kann man nicht einfach beliebig in alle Richtungen gehen. Es ist ein großer Raum, der kraftvolle Musik erfordert, und das bedienen die DJs dort auch. Du kannst für zwei oder drei Stunden ordentliches Geballer spielen—es ist eigentlich ziemlich einfach, dieses Level beizubehalten. Aber du kannst dem Publikum so etwas nicht zehn Stunden lang antun; so ein langes Set bietet dir viel mehr die Gelegenheit zu zeigen, was wirklich in dir steckt.

Der erste DJ, von dem ich persönlich ein acht Stunden Set miterlebt habe, war Donato Dozzy. Es hat mir gezeigt, dass man es mit etwas Zurückhaltung wirklich langsam angehen kann. Er ist nicht einfach gradlinig reingeprescht und wusste, wie er das Publikum hypnotisch an sein Set fesselt, ohne die Energie zu sehr zu beeinflussen oder auf irgendwelche Kniffe zurückzugreifen, wie abgedroschene Klassiker rauszuhauen. Das erfordert einiges an Können.

Vor ein paar Monaten habe ich auch ein neun Stunden Set von Theo Parrish in Brooklyn gesehen. Er ist quasi das Gegenteil von Dozzy. Man weiß bei ihm nie, was für eine Platte als nächstes kommt. Er wechselt von einem Chicago Acid-Track zu Jazz Fusion—er spielt alle möglichen Stile und dreht im Handumdrehen das Tempo, hält aber gleichzeitig alles irgendwie zusammen. Es ist einfach phänomenal. Donato Dozzy und Theo Parrish repräsentieren jeweils total gegensätzliche Konzepte, aber beide sind darin geradezu meisterhaft. Sie inspirieren mich gleichermaßen.

Freundinnen in unterschiedlichen Zuständen der Ekstase kümmern sich umeinander

Bei der Bunker x Unter Party wusste ich, mit welchem Track ich starten würde, und habe von da an einfach alles nach Gefühl gespielt. Ich hatte 700 Tracks mitgebracht. Am Ende habe ich fast 200 gespielt. Es war auch das erste Mal, dass ich ein so langes Set komplett Digital auf CDJs gespielt habe. Ich wollte mich selbst dazu zwingen, dass ich etwas organisierter an die Sache herangehe, und vorher anhand verschiedener Ordner einen Plan entwerfe. Wenn ich Musik höre, sagt mir der Track von selbst, an welcher Stelle er im Set gespielt werden soll—zu Beginn, Peak Time und so weiter. In den ein-zwei Wochen vor der Party habe ich jeden Tag ein oder zwei Stunden damit verbracht, durch meine Musik zu gehen. An den letzten beiden Tagen habe ich mich dann dafür entschieden, wo sie wirklich hinmüssen. Ich kann im Vorhinein in einen gewissen Modus kommen, aber wenn ich zu weit im Voraus denke, dann ändere ich am Ende sowieso meine Meinung. Ich bevorzuge es also, darauf zu hören, wie ich mich an dem Tag fühle und von diesem Gefühl ausgehend mein Set zu planen.

Da ich aber natürlich nicht bei null anfing—es war eine bereits energiegeladene Party, die seit 26 Stunden lief und kurz davor stand, so richtig durch die Decke zu gehen—wusste ich, dass ich versuchen musste, die Stimmung noch zu toppen und das dann die Nacht über zu halten.

Mein erster Track war „Riots in Brixton“ von Todd Terry (als English Friday). Mike Servito, mit dem ich seit vielen Jahren befreundet bin, hatte vor mir gespielt und ich wusste, dass er viel treibenden Jacking-House spielt. Dieser Track war also ganz klar der perfekte Start und griff das Tempo von dem Set davor auf.

Ich habe diesen intensiv-pumpenden Stil dann für mindestens sechs Stunden gespielt—so richtig aufmunterndes, treibendes Material eben. Dann habe ich angefangen, in etwas minimalistischere, Jack/Drum-orientiertere Gefilde überzugehen—ältere, Bleep-lastige Tracks aus der frühen Warp Records Ära.

Für anderthalb Stunden habe ich anschließend alte Chicago-Platten und percussionlastige Tracks gespielt, die die Leute aus der Reserve geholt haben. Ich bin schließlich graduell immer härter geworden, bis ich in einer amtlichen Acid-Zone angekommen war.

Während der härtesten Phase des Abends habe ich eine Menge deutscher Acid-Platten aus den 90ern aufgelegt. Ich habe dabei bestimmt sechs Tracks allein von Wolfgang Voigt gespielt, der unter mehr als 30 Künstlernamen veröffentlicht hat—darunter auch den Track hier von seinem Projekt Love Inc.:

Von diesem Punkt an versuchte ich, die Musikauswahl etwas abstrakter und abgedrehter zu gestalten. Das führte mich in eine Phase, in der ich gleichzeitig Electro und Acid gespielt habe—ständig von einem Genre zum anderen wechselnd.

Gegen 6-7 Uhr morgens habe ich das Tempo noch einmal mit schnellerem Electro angezogen und endlich diesen einen Track von Like-A-Tim gespielt, der 1995 auf dem Djax-Up-Beats rauskam. Der Song heißt „Scale“ und hat einen Tempowechsel. Ich spielte sowieso auf 136 BPM und dachte, es wäre ganz witzig, das Tempogefühl von allen durcheinander zu bringen. So, wie der Track am Ende abbricht, bot er mir auch eine gute Gelegenheit, um alle ein wenig runterzuholen und nach sechs oder sieben Stunden etwas Zeit zum Verschnaufen zu geben.

Ich habe dann auf 119/120 BPM abgebremst und für die nächsten zwei Stunden, von 7-9 Uhr morgens, episch-ausladende Tracks gebracht. Wenn ich ihn langsam spiele, klingt der hier irgendwie immer unheimlich:

Gegen 9 Uhr hatte ich dann das Gefühl, dass die Party wieder etwas Leben gebrauchen kann. Es war wieder mehr Energie gefragt, also spielte ich ein paar Italo-Disco-Tracks und frühes Aphex-Twin-Material. Diese positivere, leichte Musik gegen Ende zu spielen, funktionierte richtig gut.

Zum Schluss machte ich dann noch eine lustige Sache: Ich nahm ein altes Sample, in dem ein Typ sagt: „This is a bonus track“—ich hatte es am gleichen Tag erst aufgenommen—und spielte es vor „Cosmic Dancer“ von T.Rex.

Ich hatte mir gar nicht so viel Gedanken darüber gemacht, aber bei den Lyrics von „Cosmic Dancer“ dreht sich alles ums Tanzen. Die Leute hier hatten 20 Stunden durchgetanzt und konnten sich darin wirklich wiederfinden—egal, wer und in welchem Alter. Ich finde, dass es das Publikum mit einem besseren Gefühl nach Hause schickt, wenn man sich genügend Zeit nimmt, die Menschen wieder runterzubringen und ihnen am Ende etwas Schönes oder Rührendes mit auf den Weg gibt.

Natürlich ist ein Zehn-Stunden-Set allein schon körperlich extrem fordernd—es ist wirklich schwer, für zehn Stunden an einer Stelle zu stehen, man wird einfach unglaublich steif. Ich habe mich ständig vornüber gebeugt und gestreckt, vor allem gegen Ende. Letztendlich ist es aber vor allem eine Kopfsache—du musst pausenlos konzentriert und fokussiert sein und so viele Dinge in deinem Kopf jonglieren, während du gleichzeitig auf dein Bauchgefühl zu achten versuchst und alles nicht zu sehr verkopfen willst.

Um daraus etwas Besonderes zu machen, brauchst du etwas in dir. Am Ende dreht sich alles um die Menschen. Du musst wissen, was die Menge will, bevor sie es selber weiß.

Aufgezeichnet von Michelle Lhooq mit zusätzlicher Hilfe von Alexander Iadarola. Folgt Michelle und Alex auf Twitter.

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Dieser Artikel ist zuerst auf THUMP erschienen.

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