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Heisskalt wissen, wo ihre Fans herkommen

Heisskalt haben ein gutes Auge und erkennen dich sofort wieder, wenn du schon mal auf einer ihrer Konzerte warst. Und jetzt sage bitte niemand, das läge an den wenigen Fans.
20 März 2014, 10:00am

Jeder einigermaßen vernünftige Mensch hatte mal eine Skater-Phase, in der es an der Tagesordnung stand, im Kinderzimmer ununterbrochen Post-Hardcore-Bands wie The Used, Funeral For a Friend oder Finch durch die Logitech-Lautsprecher des PCs schallen zu lassen. Bei vielen ging die Phase allerdings so schnell wieder zu Ende, wie sie angefangen hatte. Man rutschte in die Elektro- oder HipHop-Szene rein oder hörte plötzlich leidenschaftlich Pop-Musik und Indie. Bei vielen war nicht mehr daran zu denken, auch nur einen Song zu spielen, auf dem Geschrei und die harten Riffs einer E-Guitarre zu hören waren. Es gibt da zum Glück aber noch die Menschen, die zwar unregelmäßig Rock-artige Musik hören, sie aber feiern, wenn sie gespielt wird und wahre Fans, die wahrscheinlich sehnsüchtig darauf warten, dass auch hierzulande endlich mal wieder eine Rockband erfolgreich wird.

Heisskalt sind garantiert auf dem richtigen Weg. Sie verbinden Hardcore-, Emo- und Metalsounds mit melodischen Lyrics, machen Musik, die kracht, aber gleichzeitig gefühlvoll rüberkommt. Und das, obwohl sie sogar bei Chimperator unter Vertrag genommen wurden, einem Label, das eigentlich im HipHop-Bereich tätig und vor allem für Cro und die Orsons bekannt ist. Aber die Jungs überzeugen halt. Und jetzt tummeln sich sogar schon Cro-Fans auf ihren Konzerten rum. So schnell kann's gehen.

Noisey: Ihr seht ein bisschen müde aus...
Marius: Wir haben einen ziemlichen Kater. Gestern war Tourauftakt in Hamburg. Das mussten wir dementsprechend bis in die Nacht begießen.
Philipp: Es war ein super geiler Abend. Die Prinzenbar in Hamburg war komplett voll, unfassbare Stimmung und wir waren alle super euphorisch.

Wie sieht so eine Nacht denn für euch aus?
Philipp: So wie man sich das wünscht. Die Show war super, danach sind wir in den Backstage-Bereich, haben da mit den Leuten Party gemacht und sind dann in eine ziemliche Asi-Kneipe gegangen. Da gab's 'ne Jukebox und wir haben Schnaps in Flaschen gekauft.
Mathias: Das sah aus wie ein Dackelzucht-Verein oder so. Voll übel.
Philipp: In so einer Kneipe fühlen wir uns auf jeden Fall alle am wohlsten. Wir sind keine Club-Typen.

Eure Tour geht ja noch ziemlich lange.
Philipp: Guck dir mal den Tour-Pass an—das sieht total absurd aus.
Mathias: Das macht mir Angst.

Angst? Wieso?
Mathias: Weil ich singen muss. Man muss natürlich versuchen, gesund zu bleiben. Das ist nicht immer einfach.

Um eure Auftritte müsst ihr euch doch keine Gedanken machen, für die werdet ihr doch ununterbrochen gelobt. Habt ihr da ein Geheimnis?
Mathias: Wir versuchen halt nicht, irgendwas speziell richtig zu machen, das ist das Ding. Wir haben einfach Bock zu spielen, das ist für uns echt emotional und wir performen auf natürliche Art und Weise. Wenn wir einen Scheißtag haben, spielen wir vielleicht auch eine beschissene Show.

Bald erscheint euer Debütalbum. Mit zwei EP’s habt ihr ja bereits LP-Luft geschnuppert. Wie geht man an seine erste große Platte ran?
Marius: Wir sind da schon sehr zielgerichtet rangegangen. Von Anfang an war klar, dass das Album in sich stimmig sein soll. Wir haben uns gut überlegt, wie es aussehen soll, sich anhören soll, welche großen Themen behandelt werden müssen und wie uns das alles am besten gelingt. Das war schon ein Unterschied zur _Mit Liebe Gebraut_-EP. Da haben wir im Endeffekt einfach fünf Songs von uns genommen die zueinander gepasst haben. Aber hinter der Zusammensetzung steckte keine wirkliche Idee.
Lucas: Vor allem haben wir beim Album gemeinsam geschrieben. Das haben wir bei der EP nicht gemacht.
Mathias: Die Texte hab ich nach wie vor geschrieben. Die Musik haben wir aber gemeinsam im Proberaum entwickelt.

Marius, du sagtest eben, ihr hattet gewisse Vorstellungen was das Album und die Themen angeht, die darauf vertreten sind. Seid ihr diesen Vorstellungen gerecht geworden?
Marius: Ja, auf jeden Fall.

Wie habt ihr das geschafft?
Philipp: Wir haben uns eine riesige Rolle gekauft, uns hingesetzt und die Rolle immer wieder runtergerollt, um uns Ideen aufzuschreiben. Hauptsächlich Adjektive und Wörter. Das ist total geil, wenn man so seinen Themenbereich eingrenzt. Man kann so viel konkreter arbeiten.
Lucas: Das haben wir auch allgemein gemacht, zum Beispiel Adjektive aufgeschrieben die unsere Band beschreiben.

Was sind denn das für Adjektive?
Mathias: Das sollte man nicht sagen. Das macht alles kaputt.

Was für Themen behandelt das Album denn?
Mathias: Das ist ganz schwer zu sagen. Wir haben eine Menge an Adjektiven und Gefühlen gesammelt, die das Album für uns ausdrücken sollte.

Zum Beispiel?
Mathias: Wut, Traurigkeit, alles eher melancholische Gefühle.
Marius: Ein konkretes Thema ist zum Beispiel, unterwegs oder auf Tour zu sein. Das wird in dem einen oder anderen Song angesprochen.

Aber auf Tour zu sein und vor so vielen Fans zu spielen ist doch eigentlich was Schönes.
Mathias: Klar, aber es hat halt auch viel mit Abschied zu tun, das vergessen die Leute immer. Man trifft zwar immer ganz schnell viele Menschen, die man sehr mag, muss sich aber immer genauso schnell wieder verabschieden und weiß nicht, wann man sie wiedersieht. Aber grundsätzlich mögen wir das Touren alle sehr, sehr gerne und fühlen uns wohl.

Der Albumtitel Vom Stehen und Fallen klingt auch irgendwie melancholisch.
Mathias: Der Titel muss man jetzt nicht unbedingt mit unserer Band verbinden, da geht es viel mehr um persönliche, emotionale Entscheidungen, die man als Mensch im Leben trifft. Darum geht es eigentlich auch in den ganzen Songs. In den Texten werden immer wieder Fragen aufgeworfen, wo ich auch nicht genau weiß, was die Antwort darauf ist. Es wird eher über die Frage referiert. So ist auch der Titel zu verstehen: Bei ganz viele Dingen, die man macht, weiß man nicht, ob es klappt. Man kann sich vorher zwar immer viele Gedanken darüber machen, aber am Ende kommt es sowieso alles anders. Es geht darum, den Mut zu haben, es einfach auszuprobieren und den Mut zu haben, seinem Instinkt zu folgen. Nimm den Song „Gipfelkreuz“. Ein sehr konkretes Beispiel ist, dass ich das Gefühl habe, das ganz viele Leute nicht mehr aufeinander aufpassen. Man läuft durch die Straßen und jeder eiert auf seiner kleinen Wolke vor sich hin. Da könnte neben dir jemand vom Auto überfahren werden, im Zweifelsfall würde dich das aber nicht richtig interessieren. Das finde ich tragisch, doof, und das muss sich ändern.

Ihr seid jetzt schon eine Weile bei Chimperator unter Vertrag. Beeinflusst es eine Rockband in irgendeiner Weise, bei einem Label unter Vertrag zu sein, das hauptsächlich im HipHop-Bereich aktiv ist?
Mathias: Das hat bestimmt was an unserem Sound beeinflusst. Alles beeinflusst ja irgendwie immer alles. Im Vergleich zu einem Major gibt es hier einfach richtige Chimperator-Fans. Leute, die dieses Label, diese Familie einfach feiern und unterstützen. Das ist natürlich cool für uns, weil wir so einer ganz neuen Ansammlung an potentiellen Fans gegenüberstehen.
Philipp: Soundbeeinflussung vielleicht in dem Sinne, dass wir mittlerweile mehr HipHop hören, als vorher. Die Frage ist jetzt nur, ob das an Chimperator liegt oder an der allgemeinen HipHop-Popularität. Jeder hört ja mittlerweile irgendwie HipHop.
Mathias: Das Schöne bei Chimperator war, dass sie nicht versucht haben, uns zu beeinflussen und wir komplett freie Hand hatten. Uns wurde gesagt, wir sollen ein Album schreiben, wir haben gesagt okay, und das war’s.
Marius: Jan von Chimperator hat uns da einen schönen Satz mitgegeben. Er sagte: „Von mir aus könnt ihr auch eine Metal-Platte machen, ich bring sie trotzdem raus“.
Philipp: Weil er wusste, dass die Platte geil wird.

Könnt ihr erkennen, dass sich eure Fangemeinde durch den Chimperator-Deal verändert hat?
Mathias: Auf jeden Fall. Da sind auch mal ein paar Cro-Mädchen dabei.
Lucas: Nicht nur das: Wir waren mal mit Jennifer Rostock auf Tour und erkennen sogar ein paar ihrer Fans, die jetzt auch auf unsere Konzerte kommen.
Marius: Auch Leute vom letzten Festival Sommer—wir erkennen sofort, wer beim Hurricane mit dabei war und wieder bei uns im Publikum steht.
Mathias: Das macht uns Spaß, wenn Leute mit uns reden und wir versuchen zu erraten, bei welcher Show die Person möglicherweise dabei gewesen sein könnte. So nach dem Motto, „Du siehst aus, als hättest du uns da und da gesehen“. Ich liege mit meiner Vermutung meistens richtig.

Und wie erkennt ihr das?
Marius: Einfach an der Art (lacht). An der Zielgruppe. Jennifer Rostock hat eine ganz andere Zielgruppe als Cro, oder als Leute, die auf das Hurricane gehen.
Mathias: Es gibt halt noch so was wie Szene-Klamotten, an denen man das erkennen kann.
Philipp: Oder am Alter, am Geschlecht, an der Haarfarbe, am Verhalten. Von 200 Leuten kann man einen Querschnitt an witzigen Sparten machen, anhand welcher man Konzert-Besucher kategorisieren kann. Das ist schon sehr witzig.
Lucas: Und das Beste da dran ist: Es funktioniert trotz des gemischten Publikums alles wunderbar. Es wird alles zu einer Fanbase und keiner kriegt sich in die Haare. Alle sind gerne zusammen. Das ist für uns das geilste Gefühl.

War das schon immer so?
Mathias: Ja. In Böblingen und Sindelfingen, wo wir herkommen, haben wir einen recht großen Freundeskreis, auch da war das damals schon so, dass Leute ganz unterschiedliche Musik gehört haben und aus ganz unterschiedlichen Szenen kamen. Der eine hat geskatet, der andere war ein Auto-Freak und der nächste war BWL-Student. Aber es haben sich alle immer voll gut verstanden. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Auch wenn eure Musik überhaupt nicht ins HipHop-Genre fällt, hätte man ein, zwei Chimperator-Feature auf dem Album erwartet. Warum habt ihr das nicht gemacht?
Mathias: Wir hatten sehr konkrete Pläne, das zu tun.
Marius: Das hat aus Zeitgründen leider nicht mehr geklappt.
Lucas: Das hat zwar nichts mit HipHop zu tun, aber wir wollten ein Feature mit Michael von Marathonmann machen. Für einen zweiten Song hatten wir überlegt, ein HipHop-Feature zu haben. Da stand auf jeden Fall Gerard im Raum.

Stellt ihr euch das schwer vor, Rock und Rap-Sounds zu vereinen?
Mathias: Ich denke nicht. Im Nu Metal wurde die Kombination von Rap und Rock ja schon vorgemacht. Aber auch wenn wir nicht diesen Sound fahren, ist das sicherlich gut möglich. Da kommt es hauptsächlich auf die Geschwindigkeit der Songs an. Und sehr viele HipHop-Künstler führen ja auch gerade vor, dass sich Rap mit allen möglichen Musikstilen verbinden lässt. Ich wollte außerdem noch mal sagen, dass ich es cool finde, keine Features auf dem Album zu haben. Das ist unser erstes Album und es ist fett, dass nur wir darauf zu hören sind.

Was für HipHop-Acts feiert ihr denn gerade?
Philipp: Auf jeden Fall Rockstah. Den finden wir sehr cool. Wir durften schon in sein neues Album reinlauschen, das im April erscheint—das ist echt geil.
Mathias: Ich hab Käptn Peng in letzter Zeit krass gefeiert. Das ist ein geiler Typ. Unser Mischer ist auch ein großer Fan von dem.
Lucas: Ich hab mich wegen der aktuellen Maeckes-Platte mal mit Edgar Wasser beschäftigt. Der hat mich ganz schön begeistert. Ich hör gerade ziemlich viel von dem.
Marius: Und ich hör viel Kanye West. Was HipHop angeht würden wir uns untereinander niemals einig werden.

Zurück zu eurem Genre: Wie seht ihr eigentlich die Entwicklung der deutschen Rock-Szene?
Marius: In den letzten Jahren ist auf dem Gebiet nicht wirklich viel passiert.
Lucas: Na ja, es ist schon viel passiert, nur nicht im Mainstream sondern im Untergrund.
Philipp: Was Marius oft sagt und was ich unterschreiben kann, ist, dass es total schade ist, dass es für die Rock-Szene keine größere Plattform gibt. Man hat nicht die Möglichkeit, richtig krass präsent zu sein. Sobald irgendein HipHop-Act ein neues Video rausbringt, dann steht das auf rap.de, hiphop.de, 16bars, es gibt ein Juice-Feature und was weiß ich noch alles. Wenn wir ein Video rausbringen, teilen wir es auf Facebook und maximal ein paar Blogs schreiben darüber. Mehr gibt es da auch nicht. Es gibt da halt nicht so die krasse Community wie beim HipHop.
Lucas: Beim HipHop kommen die Leute einfach viel schneller zusammen. In der Rockszene splittet sich das einfach alles viel schneller in verschiedene Sub-Genres.
Mathias: Vor allem gibt es einfach keine richtige deutsche Rockszene. Ob Rockmusik Pop-tauglich ist, ist eher eine Pop-Kulturelle Frage. Ob es irgendwann mal möglich ist, dass Medien sich trauen, Leute damit mal mit anderen Dingen zu konfrontieren, anstatt immer nur die Musik zu nehmen, die flüssig und leicht verdaulich ist, weiß keiner. Solange das im Radio und Fernsehen aber nicht passiert, sind wir langfristig alle verloren.

Heisskalts Debütalbum Vom Stehen und Fallen erscheint am 21. März bei Chimperator. Bestellt es bei Amazon oder iTunes.

Heisskalt auf Tour:
04.04.2014 - Augsburg, Kantine
05.04.2014 - Fulda, Kreuz
06.04.2014 - Köln, Underground
07.04.2014 - Hannover, Béi Chéz Heinz
09.04.2014 - Saarbrücken, Kleiner Klub
10.04.2014 - Münster, Skater's Palace
11.04.2014 - Essen, Weststadthalle
12.04.2014 - Rostock, MAU
13.04.2014 - Koblenz, Circus Maximus
16.04.2014 - Marburg, KFZ
17.04.2014 - Potsdam, Lindenpark
18.04.2014 - Lübeck, Rider's Café
19.04.2014 - Hamburg, Prinzenbar (Zusatzkonzert)
20.04.2014 - Karlsruhe, Substage
23.04.2014 - Aschaffenburg, Colos-Saal
24.04.2014 - Nürnberg, Rockfabrik
25.04.2014 - Leipzig, Werk 2
29.04.2014 - Würzburg, Cairo
30.04.2014 - Dresden, Groove Station
01.05.2014 - Cottbus, Bebel
02.05.2014 - Linz, Posthof (AT)
03.05.2014 - Podersdorf, Surf Weltcup (AT)
08.05.2014 - Freiburg, Jazzhaus
09.05.2014 - Thun, Café Mocca (Schweiz)
16.05.2014 - Stuttgart, Universum (Zusatzshow)
17.05.2014 - Stuttgart, Universum

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