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Rap und Journalismus—eine ehemalige Liebesbeziehung steht auf dem Prüfstand

„Fehlende Realness. Hipstertum (Habt ihr eigentlich mal in den Spiegel geguckt?) Geltungsbedürfnis. Schreibende Praktikanten. Belanglosigkeit. Narzissmus. Gähn.“

von Georg Bakunin
06 Juli 2016, 2:02pm

In Zeiten, in denen (ehemalige) Printmagazine so gut wie irrelevant sind und die Reviews immer positiver ausfallen, damit der Künstler auf der nächsten Promo-Tour überhaupt noch ein Interview springen lässt, ist kritischer Rap-Journalismus Mangelware. Plattformen, die sich praktisch nur noch als Promo-Tool verstehen, aber einmal im Jahr dann einen kritischen Text zur allgemeinen Situation veröffentlichen, gibt es wie Sand am Meer. Entschuldigt die Floskel. Ich meinte wie Rapper in den Top 10. Ist aber alles auch zur Genüge bekannt.

Andere Magazine haben da einen weitaus höheren Output. Dazu gehört bekanntermaßen auch dieses Medium. Dass dabei auch weniger weltbewegende Themen behandelt werden, liegt in der Natur der Sache. Heute ein Text über deutsche Waffenlieferungen, gestern einer über Hans Entertainments Salafisten-Ausflug, morgen ein Kommentar zu Massivs neuesten Aussetzern. Ja, und? Wo ist jetzt der Diss, ich peil’s nicht mal.

Die Reaktion vieler Kollegen darauf: Höhnisches Lächeln oder offener Front. Wenn man selber nur noch damit beschäftigt ist, sich gekonnt durch die Haare zu fahren, den Rucksack mit Oldschool-Joghurt vollzupacken, oder etwas Beef unter den Künstlern zu provozieren, um das Ganze dann Interview zu nennen, dann muss man eben gegen die sticheln, die es etwas anders machen. Die lieber einmal zu viel nachfragen oder kommentieren, als einmal zu wenig. Dass Quantität nicht gleich Qualität ist, dürfte dabei jedem klar sein. Die Fresse zu halten, wenn es um diskussionswürdige Themen geht, ist aber auch kein Zeichen von Souveränität.

Im Endeffekt würden die meisten Journalisten gerne mehr schreiben. Aber zum stetigen Output fehlen vielen Plattformen die Mittel. Also wird ab und an gegen die Uncoolen von der Schule geschossen. (Ja, das sind wir). Sonst merkt nachher noch jemand, wie belanglos und siechend das eigene Format ist. Die Vorwürfe sind dabei immer die gleichen, egal ob von Journalisten oder Rappern: Fehlende Realness. Hipstertum (Habt ihr eigentlich mal in den Spiegel geguckt?) Geltungsbedürfnis. Schreibende Praktikanten. Belanglosigkeit. Narzissmus. Gähn.

Ein Schreiberling aus der großen weiten HipHop-Welt, der offenbar schockiert darüber war, dass ein Magazin öfter als einmal die Woche einen Text oder Kommentar veröffentlicht, wusste kürzlich über die VICE zu berichten: „Hauptsächlich handelt es sich um Leute, die meinen, etwas von der Materie zu verstehen, weil sie mal einen Masters of Rap-Pulli im Schrank hatten.“ Der Mann weiß, wovon er redet, er hat Kulturwissenschaften studiert. Als besagter Mensch, nennen wir ihn „Felix“, in der Bibliothek saß, um zu büffeln, hat der Autor dieses Textes Berlin über Jahre mit unzähligen Graffiti verschönert, in all den Clubs und düsteren Ecken rumgehangen, in denen man als „realer“ Rap-Typ so rumhängen sollte, jedes Underground-Tape bis zur Besinnungslosigkeit gepumpt, irgendwann auch mal ein wenig Gras getickt und war sogar im Gefängnis. Wow! Was sagt uns das? Genau. Gar nichts. Bis auf die Anzahl der Rap-Pullover im Schrank (Achtung, Metapher!), ist ein solcher Background völlig irrelevant für die Qualität der Texte.

Aber es geht noch weiter. Dass Autoren konsequente Systemkritik üben, scheint ihm auch nicht zu passen, vor allem nicht, wenn es dann auch noch gegen den BWL-Komiker und Liebling aller oberflächlichen Weltversteher, Jan Böhmermann, geht. Don't kill my Darlings. Der Mann von dem anderen Magazin, der sich von Berufswegen eigentlich über Diskussionen freuen sollte, möchte viel lieber eine Welt, in der nicht so viel geredet oder kommentiert wird. Eine Welt, in der nicht jeder eine Meinung zu irgendwelchen Themen hat. Eine Welt, in der Systemkritik bitte nicht „abgekultet“ wird. Eine Welt, in der am besten alles fast genau so bleibt, wie es ist. Läuft ja eigentlich ganz gut soweit. Eine Welt also, die irgendwie nach einer Mischung aus Nordkorea und Grönland klingt: widerspruchslos und sterbenslangweilig.

Denn dort, wo er sich zum Verteidiger der Rapper aufschwingt, die von den sadistischen Journalisten zertreten werden, wenn sie am Boden liegen, beginnt schon die Unsinnigkeit seiner Aussage. Es geht schließlich immer um gestandene Künstler wie Sido, SadiQ oder auch Fler, die nicht gerade am Hungertuch nagen, eine enorme Lobby haben und sich durch fragwürdige oder eben lobenswerte Aktionen immer wieder selber ins Gespräch bringen. Der Vorwurf also, es handele sich „um die eigene narzisstische Profilierung in einer sadistischen Gesellschaft“ ist leicht absurd. Dann würden wir nämlich über MC Rene, Torch oder Fettes Brot schreiben. Aber egal ob irgendwelche Rapper, Video-Blogger, Backpacker oder der Texter des Magazins, welches sich auf „Backgym“ reimt (welch ein feiner Kunstgriff), eines bleibt bisher gleich: Wirkliche Argumente liegen nicht vor.

Der Vorwurf, man würde zu viel Output produzieren, um seine Miete zahlen zu können, ist dabei noch am verständlichsten. Natürlich hätten wir alle gerne ein Loft in Kreuzberg, bezahlt von unseren Kommentaren in einem jungen Online-Magazin. Vielleicht sucht man sich aber auch einfach einen anderen Beruf, wenn man gerne reich wäre—dann klappt es auch mit der eigenen Shisha-Bar. In diesem Fall würde ich an deiner Stelle aber lieber nicht Kulturwissenschaften studieren. Realtalk!

Liebe Grüße,

dein (Achtung, Insider!) Weltfußballer und Superstar, Christiano Ronaldo.