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Diese Videos haben Millionen gekostet, aber waren sie das auch wirklich wert?

An einem gewissen Punkt verfügte die Musikindustrie über so viel Geld, dass sie kaum wusste, was sie damit machen sollte.

von Daisy Jones
02 Mai 2016, 11:21am

Irgendwann hatte die Musikindustrie so viel Geld, dass sie nicht wusste, was sie damit anstellen sollte. Ein schöner Batzen wanderte direkt in die Nasen und Arschlöcher der Plattenbosse. Ein weiterer Batzen ging für Hotel-Suites, monatelange „Scouting“-Trips und Essen drauf, das so teuer war, dass es ohne eine Spur zu hinterlassen, wieder aus dem Hintern flutschte.

Natürlich ging auch etwas von dem Geld an die Künstler. Was glaubst du, wie sich Led Zeppelin drei Jahre lang ein Privatflugzeug leisten konnten? Zu absoluten Hochzeiten der Musikindustrie-Exzesse verfügten manche Künstler über ein dermaßen gutes Kreditrating, dass sie sich Themenparks zulegten, Safari-Tiere importierten und dubios-überteuerte ganzheitliche Therapien machten. Dazu kam natürlich noch der übliche Scheiß, den megareiche Leute eben so tun, wie acht Häuser und siebzehn Oldtimer zu besitzen. Und eine dreistöckige Luxusyacht. Und ein bisschen Land, um mit dem Boot daran entlang zu schippern.

Aber neben den Privatjets und Privattankstellen (eine der vielen Annehmlichkeiten, mit denen Akon sein Haus ausgestattet hat) lassen sich die unglaublichen Geldmengen, über die Plattenfirmen mal verfügten, am besten an den Musikvideos jener Ära ablesen. Sicher, es gibt auch heute noch Videos mit gigantischen Budgets, bei denen die größten Künstler bekannte Regisseure und Schauspieler für Hollywood-Blockbuster von unter vier Minuten engagieren. Damals aber waren die Budgets für ein Musikvideo geradezu astronomisch. Wenn Oasis wollten, dass in ihren Videos im Hintergrund Hubschrauber herumfliegen, ja, warum zur Hölle eigentlich nicht? Nein, noch besser: Lassen wir gleich eine ganze Armada davon hinter Noel Gallaghers merkwürdig symmetrischem Haarschnitt herumschwirren. Warte, ist sein Pony vielleicht deswegen so akkurat? Weil er ständig so nah an den laufenden Rotorblättern stand? Wer weiß.

Es sollte dich nicht überraschen, dass so gut wie alle der teuersten Musikvideos überhaupt aus derselben Zeit stammen: den 90ern. Zu dieser Zeit wurden mehr CDs verkauft als jemals zuvor und die Produktionskosten lagen bei unter einem Euro pro Stück. Als die Musikindustrie also ihre größten Gewinnspannen einfuhr, ließ sie sich nicht lumpen und haute ordentlich Kohle raus. Aber waren die Resultate ihr Geld auch wirklich wert? Müssen gute Sachen zwangsläufig mehr kosten? Wie sieht ein Musikvideo für sechs Millionen Euro eigentlich aus? Komm mit mir auf eine Reise durch einige der teuersten Musikvideos aller Zeiten.

Backstreet Boys „Larger than Life“ (1999)

Kosten: Etwa 1,8 Millionen Euro (Heute 2,6 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Wenn es ein Musikvideo gibt, das perfekt die unglaubliche Besessenheit der 90er mit allem verkörpert, was nur im entferntesten futuristisch, roboterhaft und schwerelos ist, dann ist das „Larger than Life“ von den Backstreet Boys. Ästhetisch stammt es aus derselben Ecke wie N Syncs „I Want You Back“, in dem ein Justin Timberlake mit Nudelhaaren wie ein fragwürdig gekleideter Astronaut mit Liebeskummer in einem Raumschiff herumschlurft. „Larger Than Life“ kroch aus dem Sumpf der unzähligen anderen 90er-Boyband-Videos hervor, um DAS 90er-Boyband-Video zu werden. Roboteranzüge? Gigantische Raumschiffe? Hoverboards? Breakdancende Droiden? Männer ohne Shirt? Heiße Frauen? Explosionen? Alter, dieses Video hatte einfach alles. One Direction können einpacken. Deren bekanntestes Video sieht aus, als hätten fünf Vlogger die Schule geschwänzt, um ein Advertorial für River Island zu drehen. Aber dieses Zeug? Das ist interplanetarischer Boyband-Fun auf höchstem Niveau. Ich könnte natürlich versuchen, das alles ein bisschen genauer zu erklären, aber vielleicht drückst du einfach auf den Play-Knopf und siehst selbst.

Was es das wert? Für ein Musikvideo, das mehr kostet als drei Häuser annehmbarer Größe, ist es schon recht erschreckend, dass sie es noch nicht mal hinbekommen haben, eine Digitaluhr zu bauen, die korrekt „January“ buchstabieren kann. Aber ja, die Antwort lautet natürlich: Das war es definitiv wert! Dieses Video schafft es noch immer, auf meiner Stirn feine Schweißperlen entstehen zu lassen, während ich mir nur für eine Sekunde vorstelle, wie es wohl wäre, in einer Schlafkammer auf einem Raumschiff aufzuwachen, nur um dort mein neues Leben als Weltraumsoldatin an der Seite der Backstreet Boys zu beginnen.

Celine Dion – „It’s All Coming Back To Me Now“ (1996)

Kosten: Etwa 2 Millionen Euro (Heute 3 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Dieses Video ist schon ziemlich dramatisch, nicht wahr? Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, welche Szenen so nicht möglich gewesen wären, hätte man nur ein paar Aufnahmen von Disneylands Haunted Mansion verwendet, ein Himmelbett von Ikea hingestellt und 15 kleine Kinder engagiert, die gleichzeitig den Blitzknopf von 15 Einwegkameras drücken.

War es das wert? Das kommt wirklich ganz darauf an, worauf du es abgesehen hast. Wenn dir danach ist, dich in der Fötusstellung zusammenzurollen und sentimentale Musikvideos anzugucken, während du in die Luft boxt und dann mit geschlossenen Augen in allen Einzelheiten die ereignisreiche Geschichte deiner verflossenen Liebschaften Revue passieren lässt, dann hast du hier deinen Kandidaten für die Goldene Palme gefunden. Wenn dem allerdings nicht so ist, dann ist das hier nicht mehr als ein stinkender Haufen alter Katzenkotze, der seit zwei Jahrzehnten eins mit dem sich darunter befindlichen Teppich geworden ist. Dieses Video ist sogar noch schlimmer, wenn du realisierst, dass es sich dabei um nicht viel mehr als einen schamlosen Rip-Off von Bonnie Tylers „Total Eclipse oft he Heart“ handelt—mit dem feinen Unterschied, dass Letzteres bereits 1983 entstanden war, als es gemeinhin noch akzeptiert war, durch die Gegend zu rennen und sich in die Haare zu packen, als hätte man sie sich gerade versehentlich beim Bedienen des Toasters angekokelt.

Britney Spears – „Toxic“ (2003)

Kosten: Etwa 870.000 Euro (Heute 1,09 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Offensichtlich die ganzen Diamanten, diese verdammten Diamanten, die überall auf Britneys halbnacktem Körper verstreut sind, bis sie aussieht wie die Auslage eines Swarovski-Geschäfts, die sich in einem sündhaft teuer aussehende Spiegelzimmer windet. Und dann ist da natürlich noch die rothaarige Badass-Britney, die von einem Typen mit nacktem Oberkörper auf dem Rücksitz eines Motorrads die Gegend gefahren wird, nur damit sie ihren untreuen Freund vergiften kann. In einer Szene klettert sie einen Wolkenkratzer hoch, nur um danach einen Mann mit einem Schlag auf den Boden zu befördern.

War es das wert? Ein Musikvideo kostet Geld, aber ein derartig legendäres? Unbezahlbar!

Guns N’ Roses – „Estranged“ (1993)

Kosten: Etwa 3,5 Millionen Euro (Heute 5,7 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Wenn du die Möglichkeit hättest, zurück ins Jahr 1993 zu reisen und einen Blick durch die Augen eines extrem zugekoksten Axl Rose und in seine Gedanken zu erhaschen, dann würdest du genau das hier sehen: Ein neuneinhalb Minuten langes Musikvideo, mit Doubleneck-Gitarren, Limousinen, Villen, Schiffen, Helikoptern und einem ausuferndem Gitarrensolo auf dem Sunset Strip vor der Rainbow Bar and Grill. In einer Szene fliegt ein Delfin aus einem Flugzeug, weil warum zur Hölle eigentlich nicht?

War es das wert? Das hier ist ein klassisches Beispiel dafür, wie man so viel Geld für etwas ausgibt, dass es einfach nur noch absurd wird. Warum besteht die erste Hälfte nur aus Live-Aufnahmen? Welchen Zweck erfüllt dieses riesige Anwesen in der Mitte des Videos? Was sollen die ganzen Delfine überall? Warum hat man Slash ein Solo auf dem Wasser spielen lassen, wenn das Endergebnis aussieht, als hätte der Praktikant ein bisschen mit seiner gecrackten Version von iMovie rumprobiert? Was ist mit dieser Szene, in der Axl einen Öltanker entlangspaziert, wie ein kleiner verlorener Mann auf hoher See? Und überhaupt: Warum muss das hirnzermarternde zehn Minuten lang sein?

Missy Elliott – „She’s A Bitch“ (1999)

Kosten: Etwa 1,65 Millionen Euro (Heute 3,9 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Es gibt wahrscheinlich kein Bild, das beeindruckender und großartiger ist als Missy Elliotts kahler Schädel, der langsam, glitzernd und mit Stacheln besetzt aus einem pechschwarzen Ozean auftaucht—als hätte das Monster von Loch Ness plötzlich beschlossen, cool zu sein, und sich den Hells Angels angeschlossen.

War es das wert? Das hier ist Missy Elliott verdammt noch mal! Die kann tun und lassen, was sie will. Alles, was ich damit sagen möchte: Falls es da draußen eine spendable Person geben sollte, die über gleich mehrere entbehrliche Bankkonten verfügt und einen Missy-Elliott-Kanal starten möchte, auf dem ihre Videos in Dauerschleife laufen, sie dann auch für etwaige Aliens, die mit uns Kontakt aufnehmen, ins Weltall projiziert, dann würden zukünftige Generationen zu besseren Menschen heranwachsen.

Mariah Carey – „Heartbreaker (ft. Jay Z)“ (1999)

Kosten: Etwa 2,17 Millionen Euro (Heute 3 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Wenn man bedenkt, dass das hier Mariah Carey ist—also dieselbe Frau, die eine Privatlimo bezahlt, um ihre Hunde zu Veranstaltungen fahren zu lassen—bin ich doch etwas überrascht, dass es in diesem Video mehr zu sehen gibt als sie, wie sie sich fünf Minuten lang auf einem Berg aus Pelzmänteln wälzt. Stattdessen tanzt sie einfach ein Weilchen in leicht abgeschnittenen Jeans und einem mediokren Bralette bekleidet in einem Kino rum, bevor sie sich mit sich selbst prügelt.

War es das wert? Ich verstehe den Stellenwert des Videos schon irgendwie—es ist in jeglicher Hinsicht nostalgisch und der Song ist auch alles andere als schlecht. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es den Preis einer kleinen Insel vor Hawaii wirklich wert ist—vor allem, wenn Jay Z noch nicht mal versucht, beim Anblick seiner eigenen Reflektion im Spiegel ein Lachen zu unterdrücken.

The Rolling Stones – „Love Is Strong“ (1994)

Kosten: Etwa 870.000 Euro (Heute 1,4 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Die Rolling Stones stolzieren durch ein Miniatur-New York. Es ist ein bisschen wie King Kong, aber mit mehr gealterten Rocklegenden und weniger monströsen und schlecht gelaunten Gorillas, die zierliche Damen auf ihren Riesenhänden durch die Gegend tragen wollen. Welche Version ist gruseliger? Bitte stimmt in der Kommentarspalte ab.

War es das wert? Manchmal geben Eltern ihren Kindern Geld, damit sie ihnen etwas aus dem Laden um die Ecke mitbringen. Wenn das Kind zurückkehrt, tut es natürlich so, als hätte der Kassierer ihm keinen Bon gegeben und behält das Wechselgeld für sich, um es für HubbaBubba oder Mickey-Mouse-Hefte auszugeben. Das hier ist auch so ein Fall. Die Stones behaupten, eine Millionen Dollar für dieses Video ausgegeben zu haben, die Qualität suggeriert aber, dass das eindeutig nicht der Fall gewesen sein kann. Warum wäre es sonst bitte so schlecht? Warum sieht es aus, als wäre es mithilfe einer einzigen VHS-Klappkamera gefilmt worden und die Kulisse aus dürftigen Pappbauten bestehen? Warum lässt der Anblick von Mick Jagger, der sich immer wieder seine Brust reibt, während er „you make me hard“ singt, in mir das dringende Bedürfnis aufkommen, mich mit einem explosiven Kotzstrahl über meinen Computerbildschirm zu übergeben, nur um diesem Anblick ein Ende zu bereiten?

The Sisters of Mercy – „Dominion“ (1988)

Kosten: Etwa 870.000 Euro (Heute 1,74 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Das sind ganz schön viele Kamele, nicht wahr?

War es das wert? Scheißt Mariah Carey in den Wald?

Michael und Janet Jackson – „Scream“ (1995)

Kosten: Etwa 6,1 Millionen Euro (Heute 9,47 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Ich weiß, wir haben weiter oben bereits über die Backstreet Boys gesprochen, aber ernsthaft? Die fünf Jungs und ihre fühlenden Roboterfreunde können sich verpissen. Das war vorhin und Michael Jackson ist jetzt! Es ist ziemlich offensichtlich, dass dieser 90er Jahre Sci-Fi-Musikvideo-Trend ins Rollen kam, nachdem Michael und Janet Jackson in der Schwerelosigkeit ihre Gliedmaßen haben zappeln lassen. In dem Video werden auch absichtlich ein paar Vasen zerstört—das ultimative Zeichen von Dekadenz. Arme Menschen machen nicht absichtlich Vasen kaputt.

War es das wert? Schau dir die aufeinander abgestimmten Silber-Outfits an, fühl den festen Schlag des Beats, sieh zu, wie Janet Jackson so tut, als würde sie im Stehen pinkeln, und dann frag dich bitte ernsthaft: Wenn das keine erstklassige Unterhaltung ist, was dann? Dieses Video beinhaltet außerdem die eleganteste und beeindruckendste Tanzchoreographie diesseits von „Thriller“ und obendrein findet sie in einem blendendweißen Raumschiff statt, das mit Lichtgeschwindigkeit durchs Weltall düst.

Kanye West – „Stronger“ (2007)

Kosten: Etwa 1,04 Millionen Euro (Heute 1,2 Millionen Euro)

Das Dekadenteste, was passiert: Ich habe keine Ahnung, was in diesem Video mit Kanye West passiert. Lässt er sich von Daft Punk über eine gigantische CGI-Maschine Japans komplette Geschichte in sein Hirn laden? Wird er geklont? Hat irgendjemand herausgefunden, was es mit diesen Shutter-Shades auf sich hat?

War es das wert? Meine Mama hat mir erzählt, dass ihr mit Abstand befriedigendstes Erlebnis, dessen Zeuge sie jemals werden durfte, die Montage eines Autos in einer FIAT-Fabrik war. Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass sie damals durch eine recht psychotische Phase gegangen sein muss, aber nachdem ich mir jetzt angeschaut habe, wie diese matten Roboterarme in dem „Stronger“ –Video langsam um Kanye West herum hantieren, weiß ich genau, was sie damals gemeint hat. Es fühlt sich sogar befriedigender an, als das eine Mal, als ich herausgefunden habe, dass Tennisbälle perfekt in Pringles-Dosen passen.

Folgt Daisey auf Twitter—@daisythejones

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