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Hier sind all die nervigen Personen, die du jemals auf einem Festival getroffen hast

Auch auf Festivals können dir gewisse Typen gehörig auf den Sack gehen.
19 Juni 2017, 9:48am
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Foto: Sam Odumosu

Du hast doch auch schon mal Bekanntschaft mit dem ein oder anderen Kantinen- oder Mensamenü gemacht, oder? Ganz ähnlich ist es, 2015 ein Festival zu besuchen. Anstatt dem trockenen Schweineschnitzel, dem verkochten Tiefkühlgemüse und den labbrigen Pommes ist dein Teller (ergo, der Campingplatz) aber voll mit Festivalbesuchern jeder erdenklichen Art (außerdem kostet dich der Spaß eher 120 Euro, statt 2,80 Euro).

Früher war es noch relativ klar, was für Menschen dir auf welchem Festival über den Weg laufen würden—jede Veranstaltung hatte sich mühevoll seine eigene Zielgruppe erarbeitet und geformt. Heutzutage triffst du aber alle als Teil der gleichen Gruppe auf demselben Festival: egal ob Möchtegernhäuptlinge mit indianischem Federschmuck, Lehramtsstudenten mit entgleisenden Gesichtszügen, weiße Mittelstandskids mit Dreadlocks und naiven Weltanschauungen, oder Vertreter der Ü-30 Fraktion, deren Persönlichkeitsentwicklung irgendwo zwischen 17 und 21 zum Erliegen gekommen ist.

Die Sache ist nur die: Wir alle sind Menschen. Und weil wir alle Menschen sind, haben wir auch alle unsere kleinen Fehler. Es ist dabei egal, ob dein Festival-Outfit von COS, H&M oder dem Wühltisch bei New Yorker stammt, und es ist auch egal, ob auf deinem iPod die komplette Diskografie von Pendulum, Taylor Swifts Greatest Hits oder der musikalische Sumpf zwischen Ben Howard und Alt J zu finden ist: du bist und bleibst ein menschliches Wesen, und als solcher warst du—zumindest an einem gewissen Punkt mal—ein unerträglicher Zeitgenosse. Das gilt für uns alle. Um einen guten Überblick über die ganze schöne Palette nervenraubender menschlicher Eigenschaften zu bekommen, haben wir eine Liste erstellt, in der jegliche Art von furchtbarer Person zu finden ist, die dir je auf einem Festival begegnet ist.

Der Freund, der dein Festivalerlebnis in eine Reihe unzusammenhängender Kurznachrichten verwandelt

Foto via Flickr | Michael Coghlan | CC BY-SA 2.0

„Oh mein Gott!!! Wir müssen auf jeden Fall zusammen abhängen!!!", lässt dich dieser gesellschaftshungrige und eigentlich nur entfernt bekannte Zeitgenosse schon Wochen vor dem Festival wissen. Sobald du dann auf dem Gelände angekommen bist, scheint dieser Mensch nur noch ein Ziel zu haben: dich zu finden. Aus Gründen, die euch eigentlich beiden unklar sind, erscheinen auf deinem Handy von jetzt an regelmäßig Nachrichten wie: „Komm zum Elektro-Zelt! Vorne rechts!", „Gerade vor den Dixis, schreib mir, wenn du hier bist", „Zurück beim Zelt, komm rüber, wir campen bei euch nebenan." Diese Menschen geben nicht auf, bevor sie dein ganzes Wochenende in eine Art versoffene Festival-Schnitzeljagd verwandelt haben. Der einzige Preis, der dich allerdings erwartet, ist dann aber eine unbeholfene Unterhaltung über das, was du gerade gemacht hast und was du gleich vorhast, zu machen—ach ja, „Und? Wie läuft's? Alles gut?!"

Menschen, die eimerweise Glitterpampe mitbringen, von Kopf bis Fuß in Pailletten gehüllt sind und Zeug sagen, wie „Dieses Wochenende sind wir alle Rave-Feen!", während sie dir grellbuntes Zeug ins Gesicht schmieren—und dich, wenn du dich weigerst mitzumachen, anschauen, als wärst du der Grinch

Ist es wirklich so abwegig, dass ich nicht aussehen möchte wie eine verunglückte Meerjungfrau im Zara-Outfit mit einer seltenen Hautkrankheit?

Die Sauberkeitsfanatiker, die nicht mit der Toilettensituation klarkommen und vier Tage damit verbringen, sich mit antibakteriellem Gel die Haut wegzuätzen

Da ihr natürlicher Bewegungsspielraum von den Unmengen an Desinfektionsfläschchen eingeschränkt ist, die sie sich in die Hosentaschen gestopft haben—und der Tatsache, dass sie schon seit zweit Tagen nicht kacken waren, obwohl sie sich hier von nichts anderem als Bier und Kohlenhydraten ernähren—sieht man sie mit dem Anmut und der Dringlichkeit einer Frau in den Wehen, die auf einem Segway zum Krankenhaus fährt, zwischen den verschiedenen Bühnen hin und her schlurfen.

Du hasst diese Personen mit jeder einzelnen Zelle deines Körpers. Genauso wie ihre langen, peniblen Feuchttücher-Rituale, die jedes Mal abgehalten werden müssen, sobald sie etwas berühren, und die dich die ersten fünf Minuten von jedem Konzert kosten, das du dir anschauen willst. Wenn du aber genau darüber nachdenkst, dann sind diese Menschen die weitaus hingebungsvolleren Musikfans. Immerhin haben wir es hier mit Leuten zu tun, die im Flughafen diese Toilettensitzabdeckungen benutzten und sich aus unerfindlichen Gründen damit einverstanden erklärt haben, eine Woche auf einem matschigen Feld zu zelten, das nach Schweiß und Käse stinkt—und das alles nur, um Alabama Shakes zu sehen. Die ganzen Unannehmlichkeiten, die dir diese Menschen bescheren, weil du jeden Morgen darauf warten musst, bis sie sich die Schamhaare mit Trockenshampoo gewaschen haben, sind nichts im Vergleich zu dem kolossalen Stuhlgang, den diese Personen durchmachen werden, sobald sie wieder den sicheren Hafen der heimischen Toilette erreicht haben.

Die Leute, die ständig in der ersten Reihe stehen müssen—egal, ob die Blase platzt oder sie verhungen

„Ach, scheißt drauf, ich muss aufs Klo!"

Der nutzlose Festivalmitarbeiter

Menschen ohne jegliche praktische Lebenserfahrung, die von der nächstgelegenen Universität oder dem Umland angeworben wurden und nicht wissen, wo Eingang C oder ob das hier der schnellste Weg zur Circus-Area ist. Ja verdammt, wenn du Glück hast, wissen sie vielleicht ungefähr den Weg zum Erste-Hilfe-Zelt; und nein, so wirklich haben sie noch nicht rausgefunden, wie das mit ihrem Walkie-Talkie funktioniert. Diese Berufsstatisten existieren tatsächlich nur aus einem einzigen Grund auf dem Festival: um den Anschein von Ordnung in einer Welt ohne Ordnung zu erwecken.

Die Ballon-Fraktion

Du siehst einen Typen mit einem kleinen Umhängetäschchen in deine Richtung nicken. Dann kommt die Frage: „Ballon? Zwei für 'nen Fünfer." Andere Fragen kennt er nicht. Anstatt sich mühevoll irgendwelche Verkaufsstrategien auszudenken, kommt dieser Typus einfach mit einer Wagenladung Lachgaskartuschen auf dem Gelände an und kann sich sicher sein, dass überall, wo er mit einem einzelnen leeren Ballon zwischen den Lippen aufkreuzt, sich die potenzielle Kundschaft um ihn wie um ein Wasserloch in der Wüste scharen wird . Er ist ein echter Geschäftsmann: modern, ausgebufft und sich klar, dass Ballons immer noch die beste Methode sind, um sich den Eintrittspreis wieder zurückzuverdienen.

Das junge Pärchen, das das ganze Wochenende damit verbringt, sich volllaufen zu lassen und sich zu streiten

Foto von Sam Odumosu

Von den 16-jährigen Turteltauben, die die bestandene mittlere Reife mit einer Palette Hansa-Pils und der Abwesenheit jeglicher Aufsichtsperson feiern, bis hin zum dem Paar in seinen Zwanzigern, das zusammen ist, seit sie 16 waren—aber auch nur aus dem Grund, weil keiner von beiden es je geschafft hat, jemand anderen zu finden, der es mit ihm oder ihr aushält—wimmelt es auf Festivals von jungen Pärchen, die drei bis fünf Tage damit verbringen, sich wahlweise zu streiten oder zu fingern.

Die Kombination aus Line-up-Überschneidungen, genereller Erschöpfung und Sangria in Tetra-Packs bringt in diesen Menschen die animalischen Extreme zum Vorschein. „Komm, wir gucken uns AnnenMayKantereit an!", sagt Partner Nummer eins, wobei ein Auge langsam nach links wandert, während sich das andere nach innen dreht. „Kannst du vergessen", antwortet Partner Nummer zwei und zertritt dabei eine Dose mit dem Gummistiefel, um der Aussage etwas Nachdruck zu verleihen, rülpst laut und schluckt ein bisschen Kotze runter: „Die spielen zur gleichen Zeit wie Bilderbuch. Wir gehen dahin." Darauf lallt Partner Nummer eins: „Ich hasse dich. Ich hasse dich. Ich. Hasse. Dich. So. Sehr." Dann gehen beide mit verschiedenen Freundesgruppen getrennte Wege und verbringen den Rest des Tages damit, sich gegenseitig damit zu drohen, fremdzugehen, bevor sie sich dann bei lautem Sex im Zelt, das noch nicht mal ihr eigenes ist, wieder versöhnen. Danach geht alles wieder von vorne los.

Die Erscheinung, der auf jedem Open-Air Festival was Ekliges auf den Dixis passiert, die aber noch nie jemand persönlich getroffen hat

Diese tragischen Geschichten finden in der Regel so fernab von dir und deinem Bekanntenkreis statt, dass sie einem wie urbane Legenden erscheinen—aber wie das alte Sprichwort schon sagt: Pferche hunderttausende Menschen in einem abgesteckten Außenbereich zusammen und zwinge sie alle dazu, ihre Ausscheidungen in einem gemeinschaftlichen Klärbehälter zu verrichten und irgendjemand wird auch irgendwann da hineinfallen.

Egal, ob es der Typ war, der Trainspotting zu wörtlich genommen und in einer Kloschüssel nach Drogen gesucht hat; das arme Schwein, das aus Angst in der Scheiße von anderen Leuten zu ertrinken eine posttraumatische Belastungsstörung davongetragen hat, weil ein Dixi umgeschubst wurde während er sich darin befunden hatte, oder die schon jetzt legendäre Charlotte Taylor, die auf dem Leeds 2009 mit dem Kopf im Klo feststeckte und nun auf immer und ewig als „Poo Girl" bekannt sein wird: von all diesen Geschichten gibt es so viele verschiedene Versionen wie von den Erzählungen über Jesus und mit ihrer faktischen Nachweisbarkeit verhält es sich ganz ähnlich. Die einzige Möglichkeit, um Poo Girl mal tatsächlich kennenzulernen, ist die, sie in deinem wirren Runterkommtraum nach dem Festival erscheinen zu lassen—und selbst da hat sie das Gesicht deiner Mutter.

Der Planungsfreak mit sorgfältig notierten Set-Überschneidungen, der seine Zelt Innenwand wie Carrie von Homeland ausdekoriert hat

Leute, ich war auf setlist.fm und—angenommen, dass sich alle an ihre normale Festival-Setlist halten, können wir Maximo Park nach „Apply Some Pressure" verlassen und kommen dann immer noch pünktlich bei George Ezra an, um noch „Budapest" zu sehen. Leute? Leute? Leute, habt ihr mein Zelt vielleicht von außen abgeschlossen?"

Das Elternteil, das den Kürzesten gezogen hat und jetzt sein Teenagerblag und dessen neun verzogenen Teenagerfreunde begleiten muss

Foto Carys Lavin

OK Kinder, ihr geht mal nach vorne und habt euren Spaß bei den Foo Fighters, ich werde hier hinten bleiben und mal schauen, ob ich mir bei den Leuten von The Beautiful South etwas Gras klarmachen kann. Wir treffen uns spätestens um 23:30 Uhr am Burger Van und wenn ihr pünktlich seid, kaufe ich euch ein Bier, das ihr euch dann teilen könnt. Moment, was macht ihr da mit dem kleinen Tütchen braunem Zucker?

Der „das ist so viel mehr als Musik"-Typ

Verbringt das ganze Wochenende mit dem nichtmusikalischen Rahmenprogramm—wahlweise bestritten von drittklassigen Comedians—, während du bei Blur stehst und neben dir ein ganzes Feld voller Trucker zu flennen anfängt. Er kommt dann nachts zurück zum Zelt und versucht, die ganzen Witze nachzuerzählen, kann sich aber an keine einzige Pointe erinnern.

Der Immodium-Typ

„Ich habe mir gerade 25 davon eingeworfen, damit wäre das Wochenende geregelt." Stirbt am Sonntag.

Der Typ, der ohne Zelt oder Schlafsack ankommt und auf deine Frage, wie er durch das Wochenende kommt, nur zwinkert und sagt: „Ich find' da schon was."

Allein der Wagemut dieses Typen ist etwas, vor dem man nur einen Schritt zurücktreten und langsam applaudieren kann. Ich mein, dieser tapfere Held wird sogar zum Gesprächsthema in seinem Freundeskreis: „Arne hat noch nicht mal ein Zelt dabei!", „Arne, du bist ja total krass drauf!" Die demonstrativ zur Schau gestellte Selbstsicherheit entpuppt sich aber schon bald als trottelige Naivität, wenn du entsprechende Person dann um 9 Uhr morgens alleine, zusammengekauert und zitternd auf den Stühlen vor den Zelten findest—mit einem Müllsack als Decke und Morgentau im Gesicht. Aber selbst nach dieser bitteren Erfahrung wird dieses beachtliche Exemplar resolut bleiben und nächstes Jahr genau das Gleiche wieder machen. So ist der Arne eben.

Die Person, die es geschafft hat, sich selber leckeres Essen zu kochen, sauber auszusehen, um Mitternacht ins Bett zu gehen, gut zu riechen und sich Belle & Sebastian zwei Mal anzusehen, obwohl sie fünf Tag auf einem Feld, umgeben von Scheiße, Pisse, Alkohol und Drogendealern war.

Jetzt mal ernsthaft: Fick dich!

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